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9. Oktober 2018

Das logische Gegenstück zum Schweigen der Lämmer: Niklas Luhmann zur Unterdrückung der Aufklärung über die Wirkung des Zinses, ihrer Funktion, den Kapitalismus vor seiner Abschaffung zu schützen und zum Umgang mit Alternativen zu hierarchischer Ordnung

Das Textzitat, das ich hier behandle, ist in den 1970er Jahren entstanden und enthält am Ende Bezüge zum damaligen Zeitgeschehen, den Nachwirkungen der 68er Bewegung. Luhmann wurde 1968 Professor in Bielefeld. In diesem Text, so interpretiere ich, geht es um den „blinden Fleck“, den „heißen Brei“, den „Nebel um das Geldsystem“ (Bernd Senf) und das Zinsvorzeichen, das kollektive Unbewusste, unsere Latenz (adj. latent, von lateinisch latere verborgen sein bezeichnet, also in etwa Bewusstseinsverzögerung, Unbewusstheit, Unkenntnis, unsere Sprachlosigkeit, Unmündigkeit) und unseren Umgang damit.

Neu ist das alles nicht, wie der folgende Überblick zeigt.

Dirk Müller zum kollektiven Unbewussten.

Das Schweigen der Lämmer

Die Beschreibung dieses Phänomens hat wenigstens bei den Soziologen und nicht erst seit Schumpeters Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie (siehe Eintrag vom 16. Februar 2016) eine gewisse Tradition. Es wird heutzutage auch von (Sozial-) Psychologen thematisiert.

Rainer Mausfeld zum sozial-psychologischen Phänomen des „Schweigens der Lämmer”.

Gauck zu Henry Fords: „Würden die Menschen das Geldsystem verstehen, hätten wir eine Revolution noch vor morgen früh.“

Mittlerweile sprechen auch Politiker den blinden Flick an. Die Frage im Titelbereich des folgenden YouTube-Videos ist irreführend, möchte man meinen.

Ob unser ehemaliger Herr Bundespräsident Gauck versteht, wie das Geldsystem funktioniert (hat), ist angesichts der allgemeinen Lage eine ziemlich heikle Frage. Wüsste er es nämlich, müsste man ihn fragen, warum er seine Mitbürger nicht über die Funktionsweise unterrichtet hat und sich nicht dafür eingesetzt hat, dass dieses uralte System endlich auf dem Müllhaufen der Geschichte landet.

Angesichts seiner Rolle im Staat muss man jedoch annehmen, dass er es nicht gewusst hat, denn nur so hat er sich durch sein Nichthandeln nicht schuldig gemacht. Der Titel des Videos lässt die Frage der Verantwortung von Gauck also offen. Es ist eine Frage, keine Aussage.

Einige bedenkliche Sätze unseres ehemaligen Herrn Bundespräsidenten Gauck zum Geldsystem.

Selbst im alten Testament findet man das Gebot, nicht über die Wirkung des Zinses zu sprechen (1. Buch Könige, Kapitel 8):

  1. Da aber die Priester aus dem Heiligtum gingen, erfüllte die Wolke das Haus des Herrn,
  2. daß die Priester nicht konnten stehen und des Amts pflegen vor der Wolke; denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus des Herrn. (2. Mose 40.34-35)
  3. Da sprach Salomo: Der Herr hat geredet, er wolle im Dunkel wohnen. (2. Mose 20.21) (5. Mose 4.11) (2. Chronik 6.1)
  4. So habe ich nun ein Haus gebaut dir zur Wohnung, einen Sitz, daß du ewiglich da wohnest.

Standpunkt der orthodoxen Volkswirtschaftslehre



Oben und Mitte: Ausschnitte aus Oliver Holtemöllers Buch Geldtheorie und Geldpolitik, Mohr Siebeck Verlag. Oliver Holtemöller ist Wirtschaftswissenschaftler und berät die Bundesregierung. Unten: Vorstellung des Frühjahrsgutachtens der Wirtschaftsforschungsinstitute 2017 am 12.04.2017.

Luhmanns Aussagen zur Funktion der Bewusstseins- und Kommunikationslatenz

Wie ich hier mit diesem Zitat zeigen möchte, ist Luhmann der Ansicht, dass das „Schweigen der Lämmer“ ein absichtlich erzeugtes Phänomen ist, das der Stabilisierung des Systems dient. Im Abschnitt XVI des Kapitels Struktur und Zeit in Soziale Systeme schreibt Luhmann:

Das seiner Natur nach Geheime wird in Kommunikationsprobleme und Kommunikationssperren übersetzt. So sieht Pascal die Situation: das Volk lebt in der Illusion. Wer das durchschaut, darf dies nicht äußern. Nicht der Sachverhalt, sondern die Einsicht hat verborgen zu bleiben. Pascal spricht an vielen Stellen noch von mystère; aber er betont auch, dass das Akzeptieren der vorhandenen Ordnung auf Illusionen über die Gerechtigkeit des überkommenden Rechts, über die Qualitäten des Adels [ein Teil dieses Adels ist in der AfD!], über die Legitimität der Herrschaft beruhe; dass diese Einsicht aber nicht geäußert werden dürfe, sondern dass sie pensée, cachée, pensée de derrière bleiben müsse; dass gerade diese Zurückhaltung der Kommunikation der Ordnungsbeitrag des Christen sei, der damit den Sündenfall akzeptiere; und dass auch der einsichtige Adel [nicht die AfD!] darauf verzichten müsse, darzustellen, wie es um seine Qualität und seine Menschlichkeit in Wahrheit stehe. Auch die Theorie der Salonkonversation findet sich bald darauf durchsetzt mit Kommunikationsverboten und Schweigepflichten, die benötigt werden, um Geselligkeit in Gang zu halten. Und auch die Moraltheorie nimmt die Einsicht auf, dass das Interesse an moralischer Achtung nicht in die Kommunikation einfließen dürfe, sondern dass man moralisches Handeln um der Moral selbst willen zu verlangen habe (was immer die wahren Motive sein, die auszuleuchten man besser zu vermeiden habe).

Das Problem beschreibt er im Abschnitt XV genauer. Luhmann ist Generalist, deswegen sind viele der verwendeten Begriffe mehrdeutig. Ich bemühe mich darum, Bedeutungen (vgl. zum Begriff der Semantik, der gerne synonym zu Bedeutung verwendet wird) für die Generalisierungen Luhmanns zu geben, wo er sie nicht selbst gibt. Einige Übersetzungen vorweg.

Mit Strukturen sind mutmaßlich die Eigentümerstrukturen, also die Vermögens- und Einkommensverteilung und die kognitiven Strukturen, die Denkstrukturen der orthodoxen Volkswirtschaftslehre gemeint. Dies ergibt sich aus den vorherigen Abschnitten im Kapitel Struktur und Zeit.


Der Raum monetärer Möglichkeiten.

Im Zusammenhang mit Ordnung kann man „Funktionsorientierung“ mit Heterarchie identifizieren, also das Gegenteil von Hierarchie. Eine heterarchische Ordnung findet man beispielsweise im Zusammenspiel unserer Organe im Körper. Da gibt es nämlich keinen permanenten „Faschisten“ oder „Führer“, sondern die Direktion, die Bestimmung wechselt zwischen den Organen hin und her. Ab und zu geht der „Faschist“ in uns schlafen: wenn man müde ist, schaltet das Gehirn ab und unterwirft sich dem Regenerationsbegehren des Körpers.

In der Natur finden sich sowohl hierarchische Systeme, z.B. die Rang- und Hackordnungen in Tiergemeinschaften, als auch heterarchische Systeme, z.B. das Zusammenspiel der Arten der Nahrungskette oder das Zusammenspiel unserer Organe im menschlichen Körper, jede Art und jedes Organ hat seine Funktion. In der kapitalistischen Wirtschaft findet man die Hierarchie üblicherweise als Organisationsstruktur bei der Führung, die Hetarchie in der Arbeitsteilung: jeder Wirtschaftszweig hat in der Arbeitsteilung seine Funktion.

Eine These, die an anderer Stelle bewiesen wird lautet: Hierachien sind bei positivem Zins (Kapitalismus) systemisch begünstigt, Heterarchien bei negativem Zins.

Kontingent (vgl. Kontingenz in der Soziologie und Kontingenz in der Philosophie) ist alles, was weder unmöglich noch notwendig ist.

Aus Soziale Systeme, Kapitel Struktur und Zeit, Abschnitt XV:

Als letztes Struktursicherungsmittel gilt gemeinhin Latenz der Funktion von Strukturen oder gar Latenz der Struktur selbst. Was genau darunter zu verstehen ist, bedarf näherer Analyse.

In der Regel begnügen sich Soziologen, soweit sie sich nicht einfach auf die Eingeführtheit und Selbstverständlichkeit des Begriffs verlassen, mit der Definition von Latenz als fehlende Bewusstheit. Oft spitzt man stärker zu mit der These, dass es sich um Uneinsehbarkeit handele.

Die Unmöglichkeit des Herstellen von Bewusstheit hat dann ihren Grund in der Funktion der Latenz selbst; oder es handelt sich um eine glückliche Symbiose von Unfähigkeit, alles zu sehen und alles zu wissen, mit ordnungspolitischen Verdunkelungen. Latenz hat danach als fehlende Bewusstheit Bedeutung für die psychischen und für die sozialen Systeme. Der Zusammenhalt psychischer und sozialer Systeme wird so ins Unbewusste verlagert. Soziologen, die nicht mehr an Natur und nicht mehr an Vernunft zu glauben wagen, glauben dann wenigstens noch an Latenz. Im Nichtwissen ist man unschuldig, ist man sich einig, und zugleich findet der Soziologe sich aus diesem unbewussten Konsens des Unbewussten ausgeschlossen:

Er findet sich an den Toren, durch die er das destruktive Wissen hineinlassen könnte.

[Ja, wer weiß wie das Geldsystem funktioniert, der weiß auch, wie die andere Seite aussieht. Man muss ja nur die Wirkungen des Zinses logisch umkehren. Ist das Wissen über die antikapitalistische Ökonomie ersteinmal in den Köpfen, in den psychischen Systemen, und im Gespräch, also in den sozialen Systemen, dann entfaltet das Wissen schnell seine zerstörerische Wirkung auf den Kapitalismus.]

Er findet sich in der Position des Beobachters, der Wissen und Nichtwissen, manifeste und latente »Inhalte« zugleich wahrnehmen kann, was für den beobachteten Gegenstand nicht möglich ist. Als Beobachter benutzt er die Vorstellung, Latenz habe eine Funktion für das System, um manifeste und latente Strukturen in einen Ordnungszusammenhang zu bringen und auch damit die Selbstbeobachtungsmöglichkeiten seines Gegenstandes zu überschreiten.

[Damit identifiziert sich Luhmann als einen Wissenden, einen „Illuminaten”.]

Im Rahmen einer Theorie selbstreferentieller Sozialsysteme muss dieses Konzept in mehrfacher Hinsicht modifiziert werden. Vor allem zwingt die schärfere Trennung von psychischen und sozialen Systemen dazu, das Latenzproblem je nach Systemreferenz aufzubrechen.

[Die schärfere Trennung könnte geschehen, indem man schärfer zwischen dem trennt, was von anderen geredet wird und im Gespräch ist und dem, was man selbst denkt. Insbesondere müsste man Herr seiner Affekte werden und das Projizieren abstellen!]

Man muss unterscheiden zwischen psychisch leistbarem Bewusstsein und Kommunikation.

[Wenn man selbst nicht alles denken kann oder will, dann fragt man einen anderen. Doch woher weiß man, dass man es nicht mit einem „Verdunkler” und „Angstmacher” zu tun hat?]

Entsprechend ist zwischen Bewusstseinslatenz und Kommunikationslatenz zu unterscheiden.

[Bewusstseinslatenz: fehlendes, verborgenes Wissen über die Wirkung des Zinsvorzeiches, die zwei Reiche, zwei möglichen Hälften unserer Realität, das „ökonomische Diesseits” und das „Jenseits”, Kommunikationslatenz: das „Schweigen der Lämmer”.]

Bewusstsein gehört zur ( interpenetrierenden ) Umwelt sozialer Systeme [das Gedachte ist jenseits des Gesprochenen], Bewusstseinslatenz ( Unbewusstheit, Unkenntnis ) ist daher zunächst nur eine Umweltvoraussetzung für die Bildung sozialer Systeme.

[Nur wer nicht weiß, wie der Kapitalismus funktioniert, macht da mit.]

Allwissende psychische Systeme stünden im Verhältnis zueinander in voller Transparenz und könnten daher keine sozialen Systeme bilden.

Davon zu unterscheiden ist Kommunikationslatenz im Sinne des Fehlens bestimmter Themen zur Ermöglichung und Steuerung von Kommunikation. Gewiss gibt es Zusammenhänge, da Kommunikation ein hinreichendes Maß von Bewusstheit erfordert und umgekehrt Bewusstsein zur Kommunikation drängt. Dennoch gibt es spezifische soziale Regulative, die Kommunikationsschwellen halten und bewusst mögliche Kommunikation verhindern; und es gibt umgekehrt eine riesige therapeutische Industrie, die sich bemüht, Bewusstsein herzustellen, auch und gerade dort, wo es an eigenen notwendigen Latenzen scheitert.

[Hier meint er es wahrscheinlich umgekehrt: wir haben eine Ablenkungsindustrie.].

Gerade als Bewusstsein kann ein psychisches System die Unmöglichkeit der Kommunikation erfahren. Nur Menschen ( und z.b. nicht Tiere ) sind in diesem Sinne reprimierbar, nur ihr Kommunikationsverhalten kann über Bewusstsein geregelt und unterdrückt werden. Und umgekehrt kann Kommunikation eingesetzt werden, um Bewusstsein zu erweitern und Themen als formulierbar ins Bewusstsein einzubringen.

Die gesamte Theorie der Latenz muss mithin doppelseitig ausgearbeitet werden.

Das Grundkonzept der Differenz von Umwelt und System zwingt dazu, Bewusstseinslatenzen und Kommunikationslatenzen zu unterscheiden, und dies gerade dann, wenn die Theorie darauf angelegt ist, die Interdependenzen herauszuarbeiten.

Außerdem müssen für beide Arten von Latenz mindestens drei Stufen der Situierung des Problems unterschieden werden:

Es gibt (1) rein faktische Latenz im Sinne von Unkenntnis oder Nichtberücksichtigung bei der Themenwahl des Kommunikationsprozesses;

ferner (2) faktische Latenz, die auf der Unmöglichkeit des Wissens bzw. Kommunizierens beruht (so wie die Griechen über Orgeln nicht wissen und darüber auch nicht kommunizieren konnten);

und es gibt (3) die strukturfunktionale Latenz, nämlich Latenz mit der Funktion des Strukturschutzes.

Nur der zuletzt genannte Teil ist der eigentlich brisante Fall, und dies auch nur, soweit er nicht durch faktische Unmöglichkeit abgedeckt ist. Wenn Strukturen Latenzschutz benötigen, heißt dies dann nicht, dass Bewusstheit bzw. Kommunikation unmöglich wäre; sondern es heißt nur, dass Bewusstheit bzw. Kommunikation Strukturen zerstören bzw. erhebliche Umstrukturierungen auslösen würde, und dass diese Aussicht Latenz erhält, also Bewusstheit bzw. Kommunikation blockiert.

Besonders für die Analyse dieses 3. Falls der strukturfunktionalen Latenz ist es unumgänglich, sich an der Differenz von Bewusstseinslatenz und Kommunikationslatenz zu orientieren, denn es ist diese Differenz, die der strukturfunktionalen Latenz sowohl für psychische als auch für soziale Systeme ihren prekären Charakter verleiht.

Bewusstsein kann die sozialen Latenzen unterminieren, indem es zur Kommunikation drängt; und umgekehrt kann Kommunikation die psychischen Latenzen sabotieren, besonders in der Form der Kommunikation über die Kommunikation dessen, der definiert wird als jemand, der seine Latenzen zu schützen und zu verbergen sucht. Die psychischen bzw. sozialen Systeme „gefährden“ sich also wechselseitig allein schon dadurch, dass ihre Latenzbedürfnisse nicht übereinstimmen und ihre operativen Prozesse nicht identisch sind.

[Aus eigener Erfahrung weiß ich: Wer einmal wach ist, der kann nicht mehr schlafen gehen. Das Leben nach dem Erwachen ist eine Qual angesichts der Blödheit der Lämmer.]

Angesichts der problematischen Natur der Latenzerhaltung ist es umso wichtiger, das Problem, um das es geht, scharf genug zu fassen.

Dies gilt besonders, wenn man das Problem nicht einfach als faktische Unmöglichkeit wegdefiniert, also nicht nur auf Kapazitätsschranken [Begriffs- und Auffassungsvermögen des Einzelnen], auf Grenzen der Aufmerksamkeit oder auf beschränkte Themenkapazität sozialer Systeme zurückführt. Kapazitätsschranken zwingen, wie wir ganz allgemein gesehen haben, Systeme jeder Art zur Reduktion von Komplexität, zur Selbstsimplifikation, zur nur selektiven Realisierung ihrer Möglichkeiten. Alles, was dadurch ausgeblendet wird, bleibt rein faktisch latent und ist insofern nur eine Restgröße ohne Funktion.

[Dies ist ein gewaltiges Problem im Hinblick der allumfassenden Wirkung des Zinsvorzeichens, die wirklich alle Bereiche des Lebens berührt. Einzelne Kausalstränge der Wirkung, logische Ketten, lassen sich in zeitlich beschränkten Gesprächen ausleuchten, doch nicht die ganze kognitive Struktur. Dies wäre aber auch ohnehin nicht allein durch Kommunikation leistbar, sondern vor allem und am Ende nur durch eigenes Denken. Deswegen: Sapere aude!]

Viele der ausgeblendeten Möglichkeiten könnten aufgegriffen werden, wenn Kapazität frei wäre und Zeit und Gelegenheit günstig sind.

[Hätten die Leute Zeit, das Geldsystem zu verstehen, und dazu braucht man auch Ruhe, dann würde die Latenz schnell kleiner werden. Der zins-induzierte Stress lenkt die Leute davon ab.]

Man könnte hier von »harmloser Latenz« sprechen [harmlos, weil sie vom Einzelnen unverschuldet ist.].

Andere Möglichkeiten widersprechen jedoch den Prämissen oder den Resultaten der strukturellen Selektion - so etwa alles, was deutlich macht, dass man nicht aus Liebe heiratet. In diesen, und nur in diesen Fällen wird die Struktur - hier der kulturelle Imperativ Liebe - durch »funktionale Latenz« geschützt, was zumeist auch bedeutet, dass die Funktion der Struktur selbst latent bleiben muss.

[Ich halte das für eine sarkastische Äußerung, denn Kapitalismus ist eine Herrschaft des Hasses, der Spaltung und des Haben Wollens.]

Es gehört also mit zur Selektivität, dass sie auch das Nichtberücksichtigte noch differenziert. Ihr Eliminierungsbereich ist nicht einfach nur graue Masse, sondern spiegelt die Anforderungen der Strukturselektion.

[Im nun Folgenden zeigt Luhmann, wie in Hierachien die Latenz gewahrt wird.]

Im Abschnitt VII hatten wir als Formen dieser Selektion ( und damit: als Form der »Manifestierung« von Strukturen ) Hierarchie und Funktionsorientierung [Heterarchie] unterschieden.

Jede dieser Strukturen erzeugt, so unsere Hypothese, ihr zugeordnete Latenzen. Je stärker ein soziales System hierarchisiert ist, desto deutlicher werden auch Formen hervortreten, deren latente Funktion die Latenzbewahrung für Hierarchie ist.

Dies gilt z.b. für die teils negative, teils individualistische, jedenfalls auf »Verzicht« abstellende Tönung der Semantik für Lebensformen, die sich außerhalb der indischen Kastenordnung abspielen.

Für mittelalterliche Formen der ironischen ( aber dann nicht ernsthaften ), umkehrenden Behandlung offizieller religiöser und politischer Geltungsansprüche ist Ähnliches zu unterstellen. Der Narr lebt am Hofe.

[Heute könnte man sagen: Die Wahrheit hören Sie nur in der Anstalt (im ZDF) und von Komikern!]

Auch die berühmten »Liebeshöfe«, die Liebesfragen wie Rechtsfragen entscheiden, Maximen und Kasuistiken produzieren und auf diese Weise »ihr Reich« ordnen, auch diese Liebeshöfe scheinen eine spielerische Inversion der herrschenden (und von Männern beherrschten) Ordnung darzustellen. Dafür spricht unter anderem die Genauigkeit der Kopie bei Umkehrung der Geschlechterrollen.

Man kann ferner an die Gewitztheit der Diener und Dienerinnen im Theater des 18. Jahrhunderts denken, ohne die nichts zustandekommen würde, ferner an slang, argot oder Situationswitz der Unterschichten.

Typisch scheint mithin eine Hierarchie (und besonders: eine stratifizierte Gesellschaftsordnung) ihre eigene Formauswahl dadurch zu bestätigen, dass sie semantische Varianten zulässt, die andere Möglichkeiten auf sich ziehen, an sich binden, aber nicht als Alternative zur Hierarchie auftreten.

[Eine sehr wichtige Bemerkung: wenn überhaupt eine Diskussion über die Systemfrage zugelassen wird, Denkverbote und -tabus aufgehoben werden, wird genau darauf geachtet, dass die Alternative wieder systemkonform ist. So ist die Alternative für Deutschland in Wahrheit die „Altpartei für Deutschland” und die Aufstehen-Bewegung wird von der Karrenmagd geführt, die durch ihre Promotion systemisch kompromittiert ist und insgesamt bewirkt, dass sich die Leute wi(e)der( )setzen. Es ist nicht zu erwarten, dass die Linkspartei oder die AfD irgendetwas so am Geldsystem verändern würde, dass es nicht mehr kapitalistisch ist und das selbst dann nicht, wenn man es dann einen (nationalen) Sozialismus nennt.]

Die Hierarchie wird als funktional unersetzbar behandelt, und eben diese Vorentscheidung macht es möglich, den Sinngehalten, die das Hierarchische frei umspielen, ihrerseits eine prägnante Form zu geben: als Umkehrung, als Parodie, als Angriff, der nicht abgewehrt zu werden braucht, weil er eben so treffend wie unernst geführt wird.

[Siehe oben: die Wahrheit wird nur in der Anstalt von Komikern durch den Kakao gezogen.]

Auch in hierarchisierten Organisationssystemen kann man funktional äquivalente, wenngleich ganz andersartige Formen beobachten. Für diesen Bereich liegt unter dem Kennwort »informale Organisation« reiche Forschung vor. Auch hier zeichnen sich die Lösungen dadurch aus, dass Kommunikation über die hierarchisch strukturierte Organisation und eine entsprechend kritische Bewusstseinsbildung im formalen Bereich kaum behindert wird, dass aber zugleich dafür gesorgt ist, dass informale Kommunikation nicht mit dem Organisationsvollzug selbst verwechselt werden kann und auch nicht für eine Änderung der formalen Organisation und ihrer Praktiken gehalten wird. Man mag ausgiebig darüber beratschlagen, wie man den Vorgesetzten ausschaltet, einschaltet, beschäftigt, umgeht; aber das ändert selbstverständlich nichts daran, dass er Vorgesetzter ist und bestätigt es geradezu, denn nur unter dieser Voraussetzung hat solche informale Kommunikation überhaupt Sinn [informal ist alles, was nicht den formalen Strukturen folgt.].

Hierarchie überträgt, so können wir zusammenfassen, ihre eigene Prägnanz auf ihren Latenzbereich.

[Den Vorgesetzten findet man sowohl im eigenen Denken, da heißt es Über-Ich oder kognitive Norm, als auch in der Kommunikation und der Interaktion, da heißt es soziale Norm.].

Sie ermöglicht es auch den Sinnbezügen, die sich ihr nicht fügen, weil sie zu scharf selegiert, Formen zu finden, die genau dies zum Ausdruck bringen und dabei zugleich die Selektion der Hierarchie bestätigen. Dies wird unmöglich in dem Maße, als der Bezug auf die Einheit des Systems nur noch über Problemorientierung und Funktionsbezug hergestellt werden kann.

Die Frage ist: was schützt dann noch den notwendigen Latenzbereich der Struktur, die Spezifität ihrer Selektion, die Selbstsimplifikation des Systems?

Man kann dies Problem auch von den Risiken her sehen, auf die ein System sich einlässt, wenn es seine Einheit als Strukturselektion fixiert. Eine Hierarchie kann umgekehrt, kann kurzgeschlossen, kann detransitiviert werden. Sie ist in spezifischen Hinsichten verwundbar, und gerade das kann in der Gegensemantik ausgenutzt werden, um Formen für das Spiel zu finden, in das man die Kontingenz der Hierarchie überführt. Der Funktionsorientierung fehlt nicht nur die dafür erforderliche Prägnanz, ihr fehlt auch die entsprechende Spezifikation der Risiken und Umkehrmöglichkeiten. Sie ist selbst schon formulierte Kontingenz, nämlich formulierte Äquivalenz von Problemlösungen, Austauschmöglichkeiten, Ersatzmöglichkeiten. Wenn etwas nicht mehr geht, geht etwas anderes. Der Konformitätsdruck ist geringer, zugleich aber auch unausweichlicher, denn der Zugang zu Alternativen ist durch die funktionsausgerichtete Struktur mitkanalisiert. Die Formen wirken dann pazifizierend allein schon dadurch, dass sie sichtbar machen, was an ihre Stelle treten könnte und was das kosten würde [Man kennt das: „Rentenreform wird teuer.”].

[Luhmanns Lösungsvorschläge]

Wenn es gelingt, die Repräsentation der Einheit des Systems im System zu enthierarchisieren und stattdessen auf Funktionen zu beziehen, werden Hierarchien nicht abgeschafft, aber sie werden an ihrer Funktion gemessen und dadurch entsubstanzialisiert.

[Welchen Sinn haben Hierarchien? Welchen Sinn hat Führung, wenn sich die Menschen auch selbst führen können?].

Sie werden kritisierbar, wo keine ausreichende Funktion erkennbar ist - z.b. als Ungleichverteilung nach Maßgabe sozialer Klassen; sie werden bestätigt, wo ihre Funktion evident ist und funktionale Äquivalente nicht in Sicht sind - so vor allem in formal organisierten Sozialsystemen.

Der funktionale Ersatz für Hierarchie ist aber nur die Funktionsorientierung selber, und die Frage ist dann, wie es um deren Latenzbedürfnisse steht.

Man wird nicht erwarten können, dass es in Bezug auf Funktionen ebenso prägnante Gegenkulturen gibt wie in Bezug auf Hierarchien. Dass das jeweils eingerichtete Formengerüst der Funktionsbedienung nicht voll befriedigt, liegt auf der Hand. Es ermuntert ja auch zur Kritik, denn es hat seine Einheit im Prinzip der konditionierten Ersetzbarkeit aller Figuren.

[Der folgende Textabschnitt Luhmanns aus den 1970er Jahren hat etwas Prophetisches.]

»Alternative« wird so als Formel der Kritik zur Legitimationsformel schlechthin. Was als Alternative auftreten kann, hat Recht auf Gehör und Recht auf Bewährungschancen. Ein solches Arrangement könnte selbstgenügsam sein. Wir werden diese Frage im nächsten Abschnitt unter dem Gesichtspunkt der Grenzen soziologischer Aufklärung diskutieren. Derzeit hat man jedoch, ohne über gesicherte empirische und theoretische Urteilsgrundlagen zu verfügen, eher den Eindruck, dass die ausformulierte Kontingenz des Funktionalismus sich ihrerseits nicht als notwendig etablieren kann. Ablehnende Lebenshaltungen sind unübersehbar vorhanden.

Ihre Sprache ist, wo immer von »Kritik« und von »Alternativen« die Rede ist, genau die dominante Ordnung. So kann man jedoch im Latenzbereich einer funktionsorientierten Ordnung nicht formulieren, denn genau das ist ja schon längst Prinzip der Systeme, die man ablehnt.

Es müsste also eine Konsolidierung jenseits aller Austauschbarkeiten möglich sein, und selbst der Austausch dieser Gesellschaft gegen eine verteilungstechnisch besser geregelte, selbst der Traum Marcuses würde nicht genügen. Erst recht verfehlt jeder Versuch, das alte Modell zu kopieren, nämlich die Ordnung als »Herrschaft« anzugreifen, parodierende Formen zu wählen und offizielle Plätze wie Universitäten oder Gerichte in Karnevalsszenen umzufunktionieren, das Problem. Schon ein leichtes Anziehen und Ernsterwerden der Probleme hat denn auch genügt, um Albernheiten dieser Art aufzulösen.

[Die Aktionen der 68er.]

Die gesamte über Latenz laufende Struktur einer Formensprache, deren latente Funktion es war, die Selbstsimplifikation der Systemordnung in ihrem Latenzbedarf zu stützen, scheint obsolet geworden zu sein. Der Grund dafür dürfte sein, dass eine an Funktionen orientierte Systemordnung das, was für sie latent bleiben muss, nicht funktionalisieren kann, weil sie es eben dadurch in die Ordnung selbst einbeziehen würde. Was möglich bleibt, ist dann nur noch eine Art blinder, sprachloser, funktionsloser Terrorismus: eine auf Existenz reduzierte Gegenkontingenz

[Das sinnfreie politische Gebaren der AfD.].

Folgerung: Eine unbequeme Wahrheit

Wenn uns der Staat dient, dann ist Gauck unser erster Diener gewesen. Unser oberster Staatsdiener soll uns an unsere Verantwortung erinnern. Wir haben alle gespart, also haben wir auch alle die Verantwortung für das, was daraus entstanden ist, also der Zustand unserer Welt. Blicken wir auf die Welt, sehen wir, dass es kein Land gibt, in dem nicht gespart wird. Wir sind also nicht einzigen Sünder, doch wohl die Wohlhabendsten. Ich vermute, dass Pastor Gauck unmittelbar vor der Entstehung des Videos begriffen hat, wie das Geldsystem funktioniert.

Wir leben in einer Demokratie, und darin ist jeder dazu aufgerufen, den Mund aufzumachen über wesentliche und zentrale Wirkzusammenhänge des gesamten Systems. Wir neigen dazu, die Verantwortung für unser System, das Nachdenken darüber und die Steuerung an andere zu delegieren, denen wir dann vertrauen, dass es in unserem Sinne geschieht, weil wir denkfaul und bequemlichkeitsverblödet sind wie Schafe. Wir meckern in diesen Tagen (auch ich) nicht nur über die Politiker, sondern auch über die Ökonomen, wie auf die gesamte Elite und die Etablierten. Wir regen uns darüber auf, dass sie nicht in unserem Sinne handeln, doch ist das wirklich wahr?

Man möchte gerne diese „Experten” verurteilen für ihre verkehrte Sichtweise, doch muss man viele von ihnen in Schutz nehmen, denn auch wenn es falsch ist, was sie sagen und was sie tun, sagen und tun diese Leute genau das, was wir von ihnen verlangen, denn wir haben eine gesellschaftliche Konvention dazu, dass wir die positiven Zinsen befürworten, wir wollen den Kapitalismus, wir wollen sparen, wir wollen Zinsen nehmen. Und weil der Zins das Kind des Geldes ist, geht es auch hier immer nur darum, dass das Geld wächst. Doch der Zins wird immer von der Arbeit des Lebendigen genommen, und so geht es also, aufgrund unserer sozialen Konvention nicht um unsere Würde, sondern um die Würde des Geldes. Diese Leute sind die Berater der Würde des Geldes und sie handeln in unserem Auftrag, denn wir wollen weiter, dass die Zinsen positiv sind. Auch wenn das, was diese Leute sagen falsch ist, haben wir in aller erster Linie selbst Schuld, denn wir wollen es ja so.

Zusammenfassung: Anleitung zur Aufklärung

Wie geht Aufklärung und Wandel nach Luhmann? Aus Soziale Systeme, Kapitel Struktur und Zeit, Abschnitt XVI:

Man kann vermuten, dass die Flut der Aufklärung und die Ebbe der Latenz auf einen gemeinsamen Faktor zurückgeht: auf eine allmähliche Ersetzung der hierarchischen durch die funktionale Orientierung [Heterarchie] im Gesellschaftssystem (und entsprechend dann auch: in vielen einzelnen sozialen Systemen) Europas.

Wenn diese Theorie zutrifft, müsste man im Übergang von einer hierarchischen zu einer funktionsbezogenen [heterarchischen] Gesellschaftsordnung ein Problematischwerden der Latenz feststellen können, und das ist in der Tat der Fall.

[Oh ja, die Latenzen der nichtaufgeklärten, unterbelichteten Politiker, vor allem des linken Spektrums, behindern und beschädigen die Funktionsweise des legislativen Systems, weil legislative Maßnahmen im Hinblick auf das ökonomische Jenseits als neo-liberal erscheinen. Doch auch Politiker der sogenannten Mitte wehren sich dagegen, die Märkte endlich frei zu lassen.]

[...]

Im Bezugsnetz von Funktionsorientierung, Ausdifferenzierung, Kritik, Kontingenzbewältigung [siehe Tagebucheintrag vom 18. August 2017] und Aufklärung lässt sich die Semantik, mit der das 18. Jahrhundert zuerst reagierte, heute nicht weiter verwenden. Die Funktionsorientierung kann nicht einfach als Nutzen begriffen werden, und in der Aufklärung geht es nicht einfach um die Durchführung der Selbstgesetzgebung (Autonomie) der Vernunft und auch nicht um Verwirklichung des Menschen als Menschen. Letztlich macht sich, konfrontiert mit den Kontingenzen der Moderne, die Aufklärung auch noch unabhängig von Festlegungen auf das, was eine vermeintliche Vernunft ihr vorschreibt, und unabhängig auch von dem, was (nach irgendjemandes Ansicht) der Mensch als Mensch sein soll. Die Suche nach einer Art Gegeninstanz, die dem modernen Kontingenzbewusstsein Halt gibt. Baudelaire und viele andere denken an Kunst [vgl. Schlusskapitel von Georg Simmels Philosophie des Geldes]. Stattdessen kann eine soziologische Aufklärung an die Probleme anschließen, die in ihrem Gegenstandsbereich vorliegen. Sie wird versuchen, durch größere Tiefenschärfe ihrer Wirklichkeiterfassung und durch eine auf Grundprobleme vorstoßende Analyse Bewusstheit und Kommunikation der Kontingenzen [Möglichkeiten!] des Systems zu erhöhen.

[...]

Aufklärung heißt einerseits: Manifestmachen von latenten Strukturen und Funktionen, und andererseits: funktionaler Vergleich [Vergleich der Wirkungen positiver und negativer Zinsen, siehe z.B. Tagebucheinträge vom 26. Januar 2018 und vom 27. Dezember 2017]. Beide Schemata arbeiten Hand in Hand.

[...]

Für den Themenbereich gesellschaftliche Reflexion mag dies dazu führen, dass Zeitprobleme andere Sorgen verdrängen. Das heißt unter anderem, dass Kommunikation als Einheit der Differenz von Handlung und Beobachtung zum Zentralproblem wird. Es mag zutreffen, dass jede Reflexion Punkte erreichen kann, an denen sie sich selbst widerspricht und an denen sie sich als Kommunikation weder fortsetzen noch aufgeben kann. Aber wenn sie dann faktisch irgendetwas tut oder unterlässt, so geschieht eben dies. Die Autopoiesis auch der Reflexion läuft aller Reflexion davon und verändert die Bedingungen, unter denen dann wieder gilt, das ist für alle Reflexion Punkte gibt, an denen sie sich als Kommunikation wieder fortsetzen noch aufgeben kann. Statt auf einer Lösung dieses Widerspruchs zu beharren (und vorher nichts zu tun), könnte es daher wichtiger sein, den Weg fortzusetzen, der im 18. Jahrhundert noch als außerhalb aller Vernunft, als irrational angesehen wurde: die Kriterien der Beobachtung auf die Notwendigkeit der Beschleunigung des Beobachtens und damit auf Reduktion von Komplexität einzustellen. Und dann braucht wohl auch nicht latent zu bleiben, dass eben dies zu geschehen hat.
Uns steht die Möglichkeit offen, negative Zinsen als eine Alternative zum Kapitalismus einzuführen. Wenn wir das wollen, müssen wir es sagen, wir müssen darüber nachdenken, wie das geht und darüber reden. Ich sage das jetzt schon seit vier Jahren, doch kaum jemand hört richtig zu. Das Thema ist gleichzeitig abstrakt und auf eine tiefgreifende Art und Weise konkret und fundamental unsere Lebenswirklichkeit bestimmend. Die Affekte, unsere Emotionen, die im Spiel sind, wenn wir über unseren „Generator“ reden und denken, machen die Auseinandersetzung damit so schwierig, denn wenn wir davon reden, reden wir von dem Mechanismus, der alles hat entstehen lassen.

Ich bitte die dazu Fähigen, den Kopf zu benutzen.

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