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19. Oktober 2017

Wie das Über-Ich entstanden ist - Was machen eigentlich Freimaurer?

Zivilisation ist ein Zähmungs- und Erziehungsprojekt ähnlich der Domestizierung von Wildtieren. Das systematische Zähmungs- und Erziehungswerkzeug ist der positive Zins also der sog. Kapitalismus. Es geht um die Köpfe, um unsere Seelen, die Psyche (Psychologie heißt Seelensprache).

„Dem System fehlt die Vernunft“ sagen Viele, wenn sie allein auf die Geldvermehrung schauen. Da haben sie Recht, doch ist das eben nur die eine Seite der Betrachtung. Die andere Seite der Bilanz bei der für den Sparer leistungslosen Geldvermehrung ist die Zinsschuld auf der Seite des den Leihnehmer enthaltenden Netzwerks. Norbert Elias (* 22. Juni 1897 in Breslau; † 1. August 1990 in Amsterdam) sagt in Über den Prozess der Zivilisation[2, S. 327]:

Die Zivilisation ist nichts »Vernünftiges«; sie ist nichts »Rationales«, so wenig sie etwas »Irrationales« ist. Sie wird blind in Gang gesetzt und in Gang gehalten durch die Eigendynamik eines Beziehungsgeflechts, durch spezifische Veränderungen der Art, in der die Menschen miteinander zu leben gehalten sind.
Der Prozess der Zivilisation hat also eine rationale und eine irrationale Seite, und die Menschen, die in Wechselwirkungen dieser Pole sind, stricken das Beziehungsgeflecht, dessen Teil sie sind, geführt von einer für sie unsichtbaren Hand.
Ein großer Stein wird in Form gebracht und gespalten. Damit der Stein in seine zukünftige Form passt und damit das Haus stabil ist, müssen die Ecken perfekt rechtwinklig und die Flächen eben und glatt sein, dann funktioniert alles reibungslos. Aus Sicht des Baumeisters ist es einfacher, wenn viele Steine gleichartig sind, denn dann sind sie austauschbar und die Planung einfacher.

Eine Schuld ist grundsätzlich ein Zwang zu tilgen (pacta sunt servanda). Getilgt wird durch Arbeit (Absorption) bzw. eine Anpassung des Sozialverhaltens oder durch Übertragung auf Marktpartner (Streuung). Eine Zinsschuld ist ein systematischer zusätzlicher, übermäßiger Zwang zu tilgen. Getilgt wird durch Arbeit, aber Tilgung kann auch über eine Anpassung des Sozialverhaltens geschehen (sog. „Werterziehung“). Die Entscheidung mehr zu arbeiten, leistungsbereit zu sein und die aufgetragenen Pflichten und Aufgaben zu erfüllen, ist ein kapitalistischer Wert.

Eine Zinsschuld ist demzufolge ein Zwangsmaß und im Spezielleren (auto-selektiv, selbstgewählt) ein systematisches Erziehungsmaß, solange die Menschen den positiven Zins wollen. Erziehung geschieht durch Belohnung und Bestrafung (Konditionierung, Bedinglichung, positive Zinsen sind Sachzwänge), das System bietet dazu genügend Möglichkeiten, man muss sich ja nur anschauen, welche Anreize und Strafen es gibt.

Koordinatensystem für belohntes und bestraftes Sozialverhalten im Umgang mit Geld bei positivem und negativem Zins. Mehr dazu hier.

Ökonomie (Hausbestimmung, Hausgesetzgebung) ist ein Mittel zur Erschaffung, Finanzierung und Steuerung von Unternehmungen, also Verkörperungen des Handelns, ein Mittel zur Bestellung eines Gartens und zum Bau eines Hauses. Der Herr bestellt seinen Garten, setzt neue Pflanzen, rupft Unkraut (Schädlinge) heraus und lässt gutes nützliches Kraut stehen, und all dies geschieht „wie im Himmel“ (in der Seele) „so auf Erden“ (im Körper, der Bestimmung über die Menschen der arbeitsteiligen Wirtschaft). In der Seele ist das Unkraut-Jäten der sozial-psychologische Prozess der Bestrafung systemisch unangemessener Verhaltensweisen, die Ausrottung des „Schlechten“, die Zurückdrängung der Natur, unseres Es, des Tieres in uns und um uns herum.

Wie das Schuldgeldsystem der Geldwirtschaft das Über-Ich formte

Die Kurve der Entwicklung der Bildung von Über-Ich-Strukturen, wie es Norbert Elias sagen würde, und die ganz bestimmte Richtung, in die sie verläuft, ist durch das Vorzeichen des Zinses festgelegt. Unter Zwang steht der Leihnehmer, den Zins bekommt der Leihgeber. Die Richtung kann grob durch folgende Kausalkette skizziert werden:

Die Kausalkette der kapitalistischen Erziehung hat also als Ursache den zins-induzierten Integrationszwang, da die Kapitalakkumulation Kapitalanhäufungen erzeugt, die wiederum bei positivem Zins Arbeit und alle handelbaren Güter anziehen und dann erzwingen (vgl. zum sog. Kontrahierungszwang, lat. contrahere von lat. con = dt. mit und lat. trahere dt. schleppen, ziehen, fortreißen, schleifen, der Zins ist ein negativer Preis für Arbeit). Die Menschen werden von den Stätten angehäuften Kapitals, den Städten, „wie Bienen“ angezogen und begeben sich dort in das lokale Geflecht von interdependenten (lat. inter = zwischen, lat. dependere = abhängen) Handels- und Arbeitsmärkten.

Die Verknappung des Geldes in den wirtschaftlichen Kreisläufen (der Wirt schafft mit seiner Arbeit den Wohlstand seiner Menschen) über die ökonomischen Verträge, die Preise darin heißen Zinsen, Mieten, Pachten, usw., führt zu einem „Zusammenzurren“ der Marktgefüge, einer Zunahme der Vernetzung und Verflechtung, der Zunahme einer Kooperation zwischen den Zweigen/Organen der Wirtschaft bei gleichzeitiger Zunahme der Konkurrenz/Kompetition innerhalb der Zweige/Organe der Wirtschaft.

Die Arbeitszeit wird durch den Zins künstlich verknappt und macht Spezialisierungen der Arbeitsteilung notwendig, da Spezialisten für ein beschränkteres Arbeitsfeld kürzere Bearbeitungszeiten haben (funktionale Differenzierung). Dies gilt auch für die Verwaltungsaufgaben, bei denen auch gespart werden muss[2, S. 327]:

Von den frühesten Zeiten der abendländischen Geschichte bis zur Gegenwart differenzieren sich die gesellschaftlichen Funktionen unter einem starken Konkurrenzdruck mehr und mehr. Je mehr sie sich differenzieren, desto größer wird die Zahl der Funktionen und damit der Menschen, von denen der Einzelne bei allen seinen Verrichtungen, bei den simpelsten und alltäglichsten, wie bei den komplizierteren und selteneren, beständig abhängt.

[...]

Der Einzelne wird gezwungen, sein Verhalten immer differenzierter, immer gleichmäßiger und stabiler zu regulieren.

Den permanent wachsenden Anforderungen und der Nähe begegnet der Mensch seelisch durch die Ausbildung von Verhaltensanpassungen, die darauf abzielen, bestimmte Ängste nicht mehr haben zu müssen. Es bilden sich in Folge der seelischen Abwehr von befürchteten Bestrafungen Gehege aus Angst, innerhalb derer sich ein Mensch angstfrei bewegen kann. Zu den Rändern hin nimmt die Angst zu[2, S. 328]:

Gerade dies ist charakteristisch für die Veränderung des psychischen Apparats im Zuge der Zivilisation, dass die differenziertere und stabilere Regelung des Verhaltens dem einzelnen Menschen von klein auf mehr und mehr als ein Automatismus angezüchtet wird, als Selbstzwang, dessen er sich nicht erwehren kann, selbst wenn er es in seinem Bewusstsein will. Das Gewebe der Aktionen wird so kompliziert und weitreichend, die Anspannung, die es erfordert, sich innerhalb seiner »richtig« zu verhalten, wird so groß, dass sich in dem Einzelnen neben der bewussten Selbstkontrolle zugleich eine automatisch und blind arbeitende Selbstkontrollapparatur verfestigt, die durch einen Zaun von schweren Ängsten Verstöße gegen das gesellschaftsübliche Verhalten zu verhindern sucht, die aber, gerade weil Sie gewohnheitsmäßig und blind funktioniert, auf Umwegen oft genug solche Verstöße gegen die gesellschaftliche Realität herbeiführt.

Die Nähe und die Komplexität der zunehmenden Verflechtung in den entstehenden sozialen Räumen der arbeitsteiligen Gesellschaft werden also durch Sachzwänge (die Sache, das Kapital und seine Vermehrung zwingt im Kapitalismus den Menschen, in der Natur ist es umgekehrt) erzeugt und verschärft, das Über-Ich in der Seele der Menschen, der Propfen oder „Matrix-Stöpsel“ heißt bei Elias Selbstzwang- oder Selbstkontrollapparatur[2, S. 330]:

Das Schema der Selbstzwänge, die Schablone der Triebmodellierung ist sicherlich recht verschieden je nach der Funktion, nach dem Standort des Einzelnen innerhalb dieses Gewebes, und es gibt auch heute in verschiedenen Sektoren der abendländischen Welt Abstufungen in der Stärke und Stabilität der Selbstzwangapparatur, die bei einer bloßen Nahsicht als sehr beträchtlich erscheinen.

[...]

Mit der Differenzierung des gesellschaftlichen Gewebes wird auch die soziogene, psychische Selbstkontrollapparatur differenzierter, einseitiger und stabiler.
Das Strukturmodell der Psyche (Psyche heißt Seele) nach S. Freud.

Die Ausbildung von Zentralinstitutionen im Prozess verläuft parallel zur Ausbildung von Über-Ich Strukturen. Die Menschen haben mit ihren Vorgesetzten, den Vasallen, Lehensherren, Fürsten und Königen Vorbilder für die Triebmodellierung[2, S. 331]:

Die eigentümliche Stabilität der psychischen Selbstzwang- Apparatur, die als ein entscheidender Zug im Habitus jedes »zivilisierten« Menschen hervortritt, steht mit der Ausbildung von Monopolinstituten der körperlichen Gewalttat und mit der wachsenden Stabilität der gesellschaftlichen Zentralorgane in engstem Zusammenhang.

[...]

Wenn sich ein Gewaltmonopol bildet, entstehen befriedete Räume, gesellschaftliche Felder, die von Gewalttaten normalerweise frei sind. Die Zwänge, die innerhalb ihrer auf den einzelnen Menschen wirken, sind von anderer Art, als zuvor. Gewaltformen, die schon immer vorhanden waren, die aber bisher nur mit körperlicher Gewalt untermischt oder verschmolzen bestand hatten, sondern sich von dieser; sie bleiben für sich und in entsprechend veränderter Form in den befriedeten Räumen zurück; am sichtbarsten sind sie für das Standardbewusstsein der Gegenwart durch die wirtschaftliche Gewalt, durch die ökonomischen Zwänge verkörpert; in Wirklichkeit ist es noch ein ganzes Gemisch verschiedener Arten von Gewalt oder Zwang, das in den Menschenräumen zurückbleibt, wenn die körperliche Gewalttat langsam von der offenen Bühne des gesellschaftlichen Alltags zurücktritt und nur noch in vermittelter Form an der Züchtung der Gewohnheiten mit arbeitet.

Die Stärke des Gewaltmonopols ist dabei ein Maß für den Grad der Funktionsteilung. Die Verwaltungsapparate zum Eintreiben der (Kriegs-) Steuern spiegeln dabei die wachsende Komplexität der Arbeitsteilung. Die gesamte Wirkung ist eine Dämpfung der Affektivität[2, S. 332]:

Je dichter das Interdependenzgeflecht wird, in das der Einzelne mit der fortschreitenden Funktionsteilung versponnen ist, je größer die Menschenräume sind, über die sich dieses Geflecht erstreckt, und die sich mit dieser Verflechtung, sei es funktionell, sei es institutionell, zu einer Einheit zusammenschließen, desto mehr ist der Einzelne in seiner sozialen Existenz bedroht, der spontanen Wallungen und Leidenschaften nachgibt; desto mehr ist derjenige gesellschaftlich im Vorteil, der seine Affekte zu dämpfen vermag, und desto stärker wird jeder Einzelne auch von klein auf dazu gedrängt, die Wirkung seiner Handlungen oder die Wirkung der Handlungen von Anderen über eine ganze Reihe von Kettengliedern hinweg zu bedenken. Dämpfung der spontanen Wallungen, Zurückhaltung der Affekte, Weitung des Gedankenraums über den Augenblick hinaus in die vergangenen Ursach-, die zukünftigen Folgeketten, es sind verschiedene Aspekte der gleichen Verhaltensänderung, eben jener Verhaltensänderung, die sich mit der Monopolisierung der körperlichen Gewalt, mit der Ausweitung der Handlungsketten und Interdependenzen im gesellschaftlichen Raume notwendigerweise zugleich vollzieht. Es ist eine Veränderung des Verhaltens im Sinne der »Zivilisation«.

Eine Zivilisation unter dem Kapitalismus hat also Ähnlichkeit mit der Domestizierung von Menschentieren, der Zins ist ein Werkzeug zur Menschenviehhaltung. Die durch den Zins belohnten Erzieher sind die, die haben und leihen und die Erzogenen sind die, die haben wollen weil sie sind, leihen müssen und den Zins bezahlen. Zur Kontrolle der Menschen werden Gehege aus Angst erschaffen, deren Zäune in Strafandrohungen und der Ausweisung von Abstiegsfolgen bei Nicht-Anpassung des Verhaltens und deren Gatter in systemischen Angeboten zur Auslebung von unterdrückten Trieben und Tätigkeitsschemata (Berufsbildern) mit bestimmten Notwendig- und Möglichkeitenprofilen bestehen.

Das System bietet den Menschen systemisch definierte Auswege („Triebventile“) aus den Gehegen, doch formt es eben immer den äußeren Rahmen, die Neurosenstruktur des Systems[2, S. 336]:
Die Bedrohung, die der Mensch für den Menschen darstellt, ist durch die Bildung von Gewaltmonopolen einer strengeren Regelung unterworfen und wird berechenbarer. Der Alltag wird freier von Wendungen, die schockartig hereinbrechen. Die Gewalttat ist kaserniert; und aus ihren Speichern, aus den Kasernen, bricht sie nur noch im äußersten Falle, in Kriegszeiten und in Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs, unmittelbar in das Leben des Einzelnen ein. Gewöhnlich ist sie als Monopol bestimmter Spezialistengruppen aus dem Leben der anderen ausgeschaltet; und diese Spezialisten, die ganze Monopolorganisation der Gewalttat, steht jetzt nur noch am Rande des gesellschaftlichen Alltags Wache als eine Kontrollorganisation für das Verhalten des Einzelnen.

Auch in dieser Form, auch als Kontrollorganisation, hat die körperliche Gewalt und die Bedrohung, die von ihr ausgeht, einen bestimmenden Einfluss auf den Einzelnen in der Gesellschaft.
Er mag es wissen oder nicht.
Aber es ist nicht mehr eine beständige Unsicherheit, die sie in das Leben des Einzelnen hineinträgt, sondern eine eigentümliche Form von Sicherheit. Sie wirft ihn nicht mehr als Schlagenden oder Geschlagenen, als körperlich Siegenden oder als körperlich Besiegten zwischen mächtigen Lustausbrüchen und schweren Ängsten hin und her, sondern von dieser gespeicherten Gewalt in der Kulisse des Alltags geht ein beständiger, gleichmäßiger Druck auf das Leben des Einzelnen aus, den er oft kaum noch spürt, weil er sich völlig an ihn gewöhnt hat, weil sein Verhalten und seine Triebgestaltung von der frühesten Jugend an auf diesen Aufbau der Gesellschaft abgestimmt worden sind. Es ist in der Tat die ganze Prägeapparatur des Verhaltens, die sich ändert; und ihr entsprechend ändern sich, wie gesagt, nicht nur einzelne Verhaltensweisen, sondern das ganze Gepräge des Verhaltens, der ganze Aufbau der psychischen Selbststeuerung.
Die Monopolorganisation der körperlichen Gewalt zwingt den Einzelnen gewöhnlich nicht durch eine unmittelbare Bedrohung. Es ist ein auf mannigfache Weise vermittelter und ein weitgehend voraussehbare Zwang oder Druck, den sie beständig auf den Einzelnen ausübt. Sie wirkt zum guten Teil durch das Medium seiner eigenen Überlegung hindurch. Sie selbst ist gewöhnlich nur als Potenz, als Kontrollinstanz in der Gesellschaft gegenwärtig; und der aktuelle Zwang ist ein Zwang, den der Einzelne nun aufgrund seines Wissens um die Folgen seiner Handlungen über eine ganze Reihe von Handlungsverflechtungen hinweg oder aufgrund der entsprechenden Erwachsenengesten, diese einen psychischen Apparat als Kind modelliert haben, auf sich selbst ausübt. Die Monopolisierung der körperlichen Gewalt, die Konzentrierung der Waffen und der bewaffneten in einer Hand macht die Gewaltausübung mehr oder weniger berechenbar und zwingt die waffenlosen Menschen in den befriedeten Räumen zu einer Zurückhaltung durch die eigene Voraussicht oder Überlegung; sie zwingt diese Menschen mit einem Wort in geringerem oder höherem Maße zur Selbstbeherrschung.

Der volkswirtschaftliche Terminus für die Einschränkung der eigenen Gestaltungsfreiheit, die durch die Höhe des Zins-Niveaus fremdbestimmte Umzäunung des Geheges heißt Budgetrestriktion, der soziologisch-ethische Rahmen in den die Menschen eingebettet sind heißt Morallehre, moralisches Gewissen, soziale Normen und Regeln, und der psychologische Terminus heißt Angst.

Fritz Riemann (* 15. September 1902 in Chemnitz; † 24. August 1979 in München) hat in seinen Sitzungen als Paartherapeut vier Grundformen der Angst ausgemacht, die sich heutzutage in Beziehungen darstellen und darin und in Bezug auf das Handeln bestimmend sind:

Bezeichnung
Gegenstand der Angst
chr./jüd. Symbol
Rollenbezeichnung
Sozial-Verhalten / Werte
Hysterie
(Wechselausrichtung)
von altgriechisch hystéra Gebärmutter (Kreativität)

Angst vor Notwendigkeit
Festlegung


Recht-Bewusste
Leidenschaften, Reize, Rausch und Phantasie. Sie suchen den Genuss, Charme, Kreativität, Temperament, Suggestion, Spontaneität, Risiko, Ideenreichtum, Dramatik und Begehren. Diese Menschen sind neugierig, wünschen, suchen, lernen und leben gerne. Sie sind kreativ, einfallsreich, spontan und unterhaltsam. Sie können aber auch unzuverlässig, chaotisch, theatralisch, egozentrisch, geschwätzig und unsystematisch sein.
Zwanghaftigkeit
(Dauerausrichtung)


Angst vor Vergänglichkeit / Wandel

Pflicht-Bewusste
Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Sparsamkeit, Wille, Verantwortung, Planung, Vorsicht, Kontrolle, Ziele, Gesetze, Kontinuität, Notwendigkeit, Verbindlichkeit, Treue, Grundsätze, Regeln, Analysieren, Stabilität, Pflicht, Dauerhaftigkeit, Konsequenzen.
„Dauermenschen“ sind sehr verlässlich, systematisch, gründlich, ordentlich, sie haben Organisationstalent und sind prinzipientreu. Sie neigen aber auch dazu, manchmal langweilig, unflexibel, pedantisch und stur zu sein.
Schizoidie
(Distanzausrichtung)
griechisch schizein „abspalten“

Angst vor (Selbst-)Hingabe

Zins-Nehmer, Leih-Geber / Sparer / Vermieter / Investor
Abgrenzung, Unverwechselbarkeit, Freiheit, Individualität, Eigenständigkeit, rationales Denken und Handeln („bloß kein Gefühl“). Sie wollen nicht beeinflusst werden. Sie suchen den Abstand und scheinen erst einmal niemanden zu brauchen. Sie wirken oft kühl und unnahbar. Die Vernunft ist ihnen sehr wichtig.
Erst wenn ihnen in einer Beziehung zu anderen ein hohes Maß an Freiheit und Rückzugsmöglichkeiten garantiert wird, lassen sie sich auf Gefühle und Nähe ein. Sie wollen nicht auf fremde Hilfe angewiesen sein und wirken oft bindungsängstlich und/oder unbeholfen im emotionalen Bereich.
Depression
(Näheausrichtung)
von lateinisch deprimere „niederdrücken“

Angst vor Selbstwerdung,
freie Entfaltung der Persönlichkeit


Zins-Geber, Leih-Nehmer / Kredit-Nehmer / Arbeiter / Mieter
Nähe zu anderen Menschen, Bindung, Zuneigung, Vertrauen, Sympathie, Mitmenschlichkeit, Geborgenheit, Zärtlichkeit und Harmonie. Sie brauchen Wärme, Bestätigung, sind selbstlos bis zur Selbstaufgabe, haben soziale Interessen, können sich leicht mit anderen identifizieren und sich selbst vergessen. „Nähemenschen“ sind kontaktfähig, teambereit, ausgleichend, akzeptierend und verständnisvoll.
Sie neigen aber auch zu Abhängigkeit, da sie ungern alleine sind. Sie haben eine Opfermentalität und sind aggressionsgehemmt.
Quelle: Wikipedia Artikel zum Riemann-Thomann-Modell. Das RT Modell basiert auf Riemanns Hauptwerk Grundformen der Angst (1961).

Da der Zins der fundamentalste ökonomische Parameter ist, ist es logisch, das RT-Modell hinsichtlich des Gleichgewichts der Bestimmung einzuordnen und es damit in Beziehung zu setzen:

Das Koordinatensystem des Riemann-Thomann-Modells. Die vertikale (Zeit-)Achse heißt Transformationsachse, darin geht es um Veränderung, also Zeit, die horizontale (Raum-) Achse ist die sog. Integrationsachse, darin geht es um Macht und Bestimmung zwischen Menschen. Die vertikale Achse kann grob dem Strukturmodell der Psyche zugeordnet werden, die horizontale Achse dem Geben und Nehmen in Beziehungen. Das Modell wird grob hier diskutiert und hier in Bezug auf den Zins vervollständigt bzw. eingeordnet und zu der oben stehenden Form erweitert.

Der Ort in der Seele des Menschen, in dem die mehr oder weniger sinnvollen Zäune installiert sind heißt Über-Ich. Das Wort Domestizierung (lat. domus heißt Haus) sagt es ja eigentlich schon, Kapitalismus ist ein Haus- und Pyramiden-Bauprojekt. Was machen also Freimaurer? Sie hauen den Menschen die Ecken und Kanten ab und gestalten sie so, dass sie gut in die große Pyramide passen. Der Herr rupft Unkraut und vernichtet „Schädlinge“.

Der Meißel wird auf der unteren/linken Seite des Seelensteins angesetzt und die dort befindlichen Werte und das dazugehörige Sozialverhalten eliminiert, ausgemerzt und abgehauen. Die oberen/rechten Werte werden belohnt.
Dass die Seelen von Menschen keine Steine sind, die man nach Belieben formen kann, ist sogar schon vor der Übertragung der Analogie der Arbeit von Steinmetzen ins Metaphysische ersichtlich. Fritz Riemann zitiert dazu in den ergänzenden Betrachtungen zum Zwanghaften Menschentypus seines Buches Grundformen der Angst die Geologen:
Die Geologen haben einen paradoxen Satz geprägt, der das Gemeinte verdeutlichen kann: da man beim Befreien von Versteinerungen leicht zu viel des Guten tut und beim Abschlagen des umgebenden Gesteins das Fossil verletzen kann, geben sie den Rat, man solle nie »den letzten Schlag« tun. Das gerade fällt dem zwanghaften Menschen schwer; sein Perfektionismus drängt ihn immer wieder zu äußerster Präzision. So richtig und notwendig das auf Gebieten ist, wo Präzision die Grundbedingung ist, etwa für das Funktionieren einer Maschine, für die Stabilität und Solidität eines Baus usf., so einengend kann es sich auswirken im Bereich des Lebendigen, auch des lebendigen, lebensnahen Denkens. Nur zwanghaften Geistern konnte der Gedanke kommen, ernsthaft darüber nachzugrübeln, wie viele Engel auf der Spitze einer Nadel Platz haben;
Was sind die Folgen dieser Drecksarbeit?

Skizze der seelischen Kollateralschäden der Vernunft-Bildung - Psychische Zivilisationskrankheiten

Seite 338:

Es mag etwa in einer solchen Gesellschaft eine relativ extreme Selbstbeherrschung im Ertragen von Schmerzen gezüchtet werden; aber sie wird ihr Komplement finden in etwas, das, gemessen an jenem anderen Standard, als extremer Freilauf der Affekte im Quälen von Anderen erscheint. Ganz entsprechend findet man etwa auch in bestimmten Sektoren der mittelalterlichen Gesellschaft relativ extreme Formen der Askese, des Selbstzwanges und der Selbstentsagung, denen nicht weniger extreme Lustentladungen in anderen Teilen der Gesellschaft gegenüber stehen, und häufig genug stößt man auf plötzliche Umschwünge von einer Haltung zur anderen im Leben eines einzelnen Menschen.

Seite 339:

Wozu der Einzelne nun gedrängt wird, ist eine Umformung des ganzen Seelenhaushalts im Sinne einer kontinuierlichen, gleichmäßigen Regelung seines Lebens und seines Verhaltens nach allen Seiten hin.

Und ganz in der gleichen Richtung wirken die waffenlosen Zwänge und Gewalten, denen der Einzelne unmittelbar in den befriedeten Räumen selbst ausgesetzt ist, also etwa die wirtschaftlichen Zwänge. Auch sie sind weniger affektgesättigt, auch sie sind gemäßigter, stabiler und weniger sprunghaft als die Zwänge, die in einer monopolfreien Krieger-Gesellschaft der Mensch auf den Menschen ausübt. Und auch Sie, verkörpert in den gesamten Funktionen, die sich dem Einzelnen in der Gesellschaft eröffnen, zwingend zu einer unaufhörlichen Rück- und Voraussicht über den Augenblick hinaus, entsprechend den längeren und differenzierteren Ketten, in die jede Handlung sich nun automatisch verflicht; sie fordern von dem Einzelnen eine beständige Bewältigung seiner augenblicklichen Affekt- und Triebregungen unter dem Gesichtspunkt der ferneren Wirkung seines Verhaltens; sie züchten in dem Einzelnen eine - relativ zu dem anderen Standard - gleichmäßige Selbstbeherrschung, die, wie ein fester Ring, sein ganzes Verhalten umfasst, und eine beständige Regelung seiner Triebe im Sinne der gesellschaftlichen Standarde. Dabei sind es, wie stets, nicht nur unmittelbar die Erwachsenenfunktionen selbst, die diese Zurückhaltung, diese beständige Regelung der Triebe und Affekte in den Menschen ausbilden; sondern die Erwachsenen erzeugen teils automatisch, teils ganz bewusst durch ihre Verhaltensweisen und Gewohnheiten entsprechende Verhaltensweisen und Gewohnheiten bei den Kindern; der Einzelne wird bereits von der frühesten Jugend an auf jene beständige Zurückhaltung und Langsicht abgestimmt, die er für die Erwachsenenfunktionen braucht; diese Zurückhaltung, diese Regelung seines Verhaltens und seines Triebhaushalts wird ihm von klein auf so zur Gewohnheit gemacht, dass sich in ihm, gleichsam als eine Relaisstation der gesellschaftlichen Standarde, eine automatische Selbstüberwachung der Triebe im Sinne der jeweiligen gesellschaftsüblichen Schemata und Modelle, eine »Vernunft«, ein differenzierteres und stabileres »Über-Ich« herausbildet, und dass ein Teil der zurückgehaltenen Triebregungen und Neigungen ihm überhaupt nicht mehr unmittelbar zum Bewusstsein kommt.

Seite 340:

Später, wenn die Fließbänder, die durch das Dasein des Einzelnen laufen, länger und differenzierter werden, lernt das Individuum, sich gleichmäßiger zu beherrschen; der einzelne Mensch ist nun weniger der Gefangene seiner Leidenschaften als zuvor. Aber wie er nun stärker als früher durch seine funktionelle Abhängigkeit von der Tätigkeit einer immer größeren Anzahl Menschen gebunden ist, so ist er auch in seinem Verhalten, in der Chance zur unmittelbaren Befriedigung seiner Neigungen und Triebe unvergleichlich viel beschränkter als früher. Das Leben wird in gewissem Sinne gefahrloser, aber auch affekt- oder lustloser, mindestens, was die unmittelbare Äußerung des Lustverlangens angeht; und man schafft sich für das, was im Alltag fehlt, im Traum, in Büchern und Bildern einen Ersatz: so beginnt der Adel auf dem Wege der Verhöflichung Ritterromane zu lesen, so sieht der Bürger Gewalttat und Liebesleidenschaft im Film. Die körperlichen Auseinandersetzungen, die Kriege und Fehden verringern sich, und was nun irgend an sie erinnert, selbst das Zerlegen toter Tiere und der Gebrauch des Messers bei Tisch, wird zurückgedrängt oder mindestens einer immer genaueren, gesellschaftlichen Regelung unterworfen.

Spaltung: Innere Spannung zwischen Es und Über-Ich, Was will es, was soll es?

Aber der Kriegsschauplatz wird zugleich in gewissem Sinne nach Innen verlegt. Ein Teil der Spannungen und Leidenschaften, die ehemals unmittelbar im Kampf zwischen Mensch und Mensch zum Austrag kamen, muss nun der Mensch in sich selbst bewältigen. Die friedlichen [naja...!] Zwänge, die seine Beziehungen zu anderen auf ihn ausüben, bilden sich in ihm ab; es verfestigt sich eine eigentümliche Gewohnheitsapparatur in ihm, ein spezifisches »Über-Ich«, das beständig seine Affekte im Sinne des gesellschaftlichen Aufbaus zu regeln, umzuformen oder zu unterdrücken trachtet.

Aber die Triebe, die leidenschaftlichen Affekte, die jetzt nicht mehr unmittelbar in den Beziehungen zwischen den Menschen zum Vorschein kommen dürfen, kämpfen nun oft genug nicht weniger heftig in dem Einzelnen gegen diesen überwachenden Teil des Selbst. Und nicht immer findet dieses halbautomatische Ringen des Menschen mit sich selbst eine glückliche Lösung; nicht immer führt die Selbstumformung, die das Leben in dieser Gesellschaft erfordert, zu einem neuen Gleichgewicht des Triebhaushalts. Oft genug kommt es in ihrem Verlauf zu großen und kleinen Störungen, zu Revolten des einen Teils des Menschen gegen den anderen oder zu dauernden Verkümmerung, die eine Bewältigung der gesellschaftlichen Funktionen nun erst recht erschweren oder verhindern. Die vertikalen Schwankungen, wenn man es einmal so nennen darf, die Umsprünge von Furcht zur Lust, vom Genuss zur Buße werden geringer, der horizontale Sprung, der quer durch den ganzen Menschen hingeht, die Spannung zwischen »Über-Ich« und »Unbewusstem« oder »Unterbewusstsein« wird größer.

Auch hier wieder erweist sich der allgemeine Grundriss dieser Verflechtungserscheinungen, wenn man nicht nur statischen Strukturen, sondern ihrer Soziogenese nachgeht, als ziemlich einfach: durch die Interdependenz größerer Menschengruppen voneinander und durch die Aussonderung der physischen Gewalttat innerhalb ihrer stellt sich eine Gesellschaftsapparatur her, in der sich dauernd die Zwänge der Menschen aufeinander in Selbstzwänge umsetzen; diese Selbstzwänge, Funktionen der beständigen Rück - und Voraussicht, die in dem Einzelnen entsprechend seiner Verflechtung in weitreichende Handlungsketten von klein auf heran gebildet werden, haben teils in die Gestalt einer bewussten Selbstbeherrschung, teils die Form automatisch funktionierender Gewohnheiten; sie wirken auf eine gleichmäßigere Dämpfung, eine kontinuierliche Zurückhaltung, eine genauere Regelung der Trieb- und Affektäußerungen nach einem differenzierten, der gesellschaftlichen Lage entsprechenden Schema hin; aber je nach dem inneren Druck, je nach der Lage der Gesellschaft und des Einzelnen in ihr erzeugen sie auch eigentümliche Spannungen und Störungen im Verhalten und Triebleben des Individuums; sie führen unter Umständen zu einer beständigen Unruhe und Unbefriedigtheit des Menschen, eben weil ein Teil seiner Neigungen und Triebe nur noch in verwandelter Form, etwa in der Phantasie, im Zusehen oder Zuhören, im Tag - oder Nachttraum Befriedigung finden kann; und manchmal geht die Gewöhnung an eine Affektdämpfung soweit - beständige Gefühle der Langeweile oder Einsamkeitsempfindungen sind Beispiele dafür - dass dem Einzelnen eine furchtlose Äußerung der verwandelten Affekte, eine geradlinige Befriedigung der zurückgedrängten Triebe in keiner Form mehr möglich ist. Einzelne Triebzweige werden in solchen Fällen durch einen spezifischen Aufbau des Beziehungsgeflechts, in dem der Mensch als Kind heranwächst, gewissermaßen anästhesiert; sie umgeben sich unter dem Druck der Gefahren, die ihre Äußerung im kindlichen Gesellschaftsraum mit sich bringen, dermaßen mit automatisch auftretenden Ängsten, dass sie unter Umständen für ein ganzes Leben taub und unansprechbar bleiben. In anderen Fällen mögen einzelne Triebzweige die schweren Konflikte, in die seine unbehauene, seine affektive und leidenschaftliche Natur das kleine Menschenwesen auf dem Wege der Modellierung zu einem »zivilisierten« Wesen unausweichlich bringt, so umgebogen werden, dass ihre Energien nur noch auf Seitenwegen, in Zwangshandlungen und anderen Störungserscheinungen einen unerwünschten Ausweg finden können. Wieder in anderen Fällen strömen diese Energien, derart verwandelt, in unkontrollierbare und einseitige Zu- und Abneigungen, in die Vorliebe für irgendwelche kuriosen Steckenpferde ein. Und hier, wie dort mag eine dauernde, scheinbar unbegründete, innere Unruhe anzeigen, wie viele Triebenergien auf diese Weise in eine Gestalt gebannt sind, die keine wirkliche Befriedigung zulässt.

Der individuelle Zivilisationsprozess vollzieht sich, wie der gesellschaftliche, bis heute zum größeren Teil blind. Unter der Decke dessen, was die Erwachsenen denken und planen, hat die Art der Beziehung, die sich zwischen ihnen und dem Heranwachsenden herstellt, Funktionen und Wirkungen in dessen Seelenhaushalt, die sie nicht beabsichtigt haben und von denen sie kaum etwas wissen. Ungeplant in diesem Sinne produzieren sich die extrem ungünstigen und gesellschaftlich abnormen Modellierungserscheinungen, wie sie diese Beispiele zeigen; die psychischen Abnormalitäten, die nicht eigentlich Modellierungserscheinungen sind, die auf unveränderliche, hereditäre Qualitäten zurückgehen, können hier außer Betracht bleiben. Aber der Habitus, der sich im Rahmen der jeweiligen gesellschaftlichen Norm hält und zugleich subjektiv befriedigender ist, produziert sich weniger ungeplant. Aus der gleichen, gesellschaftlichen Prägeapparatur gehen in einer breiten Streuungskurve günstiger und ungünstiger gelagerte, menschliche Prägungen hervor. Die automatisch reproduzierten Ängste, die sich im Zuge der Zivilisierungskonflikte an bestimmte Triebäußerungen heften, mögen unter Umständen nicht zu einer dauernden und totalen Betäubung einzelner Triebzweige führen, sondern nur zu deren Dämpfung und Regelung im Rahmen dessen, was als normal gilt. Die Umleitung und Verwandlung einzelner Triebenergien mag, statt in gesellschaftlich nutzlosen Zwangshandlungen, statt in Vorlieben und Gewohnheiten, die als absonderlich gelten, in einer individuell höchst befriedigenden und gesellschaftlich höchst fruchtbaren Tätigkeit oder Begabung ihren Ausdruck finden. Hier, wie dort bildet sich das Beziehungsgeflecht der prägsamsten Phase, der Kinder - und Jugendzeit, in dem psychischen Apparat des einzelnen Menschen, in der Beziehung zwischen seinem Über-Ich und seinem Triebzentrum als sein individuelles Gepräge ab. Hier wie dort befestigt es sich zu einer Gewohnheitsapparatur, die in allen Verhaltensweisen, in allen weiteren Beziehungen zu anderen Menschen zum Ausdruck kommt und fortgesponnen wird. In günstigeren Fällen mögen - bildlich gesprochen - die Wunden langsam vernarben, die die Zivilisierungskonflikte der Psyche des Einzelnen schlagen; in ungünstigeren Fällen schließen sie sich nie oder öffnen sich leicht wieder bei neuen Konflikten. Hier dringen die im psychischen Apparat verfestigten, zwischenmenschlichen Konflikte der Frühzeit immer wieder störend in die weiteren, zwischenmenschlichen Beziehungen ein, sei es in der Form von Widersprüchen zwischen den einzelnen Selbstzwanggewohnheiten, die von den verschiedenen Beziehungen, den mannigfachen Abhängigkeiten und Angewiesenheiten des Kindes ihren Ausgang nehmen, sei es in der Form von ständig wiederkehrenden Auseinandersetzungen zwischen dieser Selbstzwangapparatur und dem Triebzentrum. Dort, in besonders günstigen Fällen, gleichen sich diese Widersprüche zwischen verschiedenen Stücken der Über-Ich-Apparatur langsam aus; die störendsten Konflikte zwischen ihr und den Triebzentrum verkapseln sich langsam; sie verschwinden nicht nur aus dem hellen Bewusstsein, sondern sie sind so bewältigt und verarbeitet, dass sie ohne allzu große Unkosten an subjektiver Befriedigung auch unbeabsichtigt nicht mehr in die weiteren, zwischenmenschlichen Beziehungen einbrechen. In dem einen Falle bleibt die bewusste und unbewusste Selbstkontrolle immer noch an einzelnen Stellen diffus und offen für Durchlässe von gesellschaftlich unzweckmäßig gestalteten Triebenergien, im anderen wird diese Selbstkontrolle, die auch heute in den Jugendphasen oft mehr ein Getriebe von über-, unter- und gegeneinander geschobenen Eisschollen als einer glatten und festen Eisdecke gleicht, langsam einheitlich und stabil in guter Korrespondenz zu dem Aufbau der Gesellschaft. Aber da dieser Aufbau gerade in unseren Tagen höchst veränderlich ist, so verlangt er zugleich eine Elastizität der Verhaltensgewohnheiten, die in den meisten Fällen mit einem Verlust an Stabilität bezahlt werden muss.

Theoretisch ist es also nicht schwer zu sagen, worin der Unterschied zwischen einem individuellen Zivilisationsprozess besteht, der als gelungen, und einem anderen, der nicht als gelungen gilt: in dem einen Fall bilden sich nach allen Mühen und Konflikten dieses Prozesses schließlich im Rahmen einer gesellschaftlichen Erwachsenenfunktion gut angepasste Verhaltensweisen, eine adäquat funktionierende Gewohnheitsapparatur heraus und zugleich - was nicht notwendig damit Hand in Hand geht - eine positive Lustbilanz; im anderen Fall wird entweder die gesellschaftlich notwendige Selbstregulierung immer wieder von neuem mit einer schweren Anspannung zur Bewältigung von entgegengerichteten Triebenergien, mit hohen Unkosten an persönlicher Befriedigung erkauft oder die Bewältigung dieser Energien, der Verzicht auf ihre Befriedigung, gelingt überhaupt nicht und oft genug ist schließlich überhaupt keine positive Lustbilanz mehr möglich, weil die gesellschaftlichen Gebote und Verbote nicht nur durch andere Menschen, sondern auch durch den derart Geplagten selbst repräsentiert werden, weil eine Instanz in ihm selbst verbietet und bestraft, was die andere möchte.

In Wirklichkeit ist das Resultat des individuellen Zivilisationsprozesses nur in relativ wenig Fällen, nur an den Rändern der Streuungskurve ganz eindeutig ungünstig oder günstig. Die Mehrzahl der Zivilisierten lebt zwischen diesen Extremen auf einer mittleren Linie. Gesellschaftlich günstige und ungünstige Züge mischen sich in ihnen in verschiedenen Proportionen.

Der gesellschaftliche Modellierungsprozess im Sinne der abendländischen Zivilisation ist besonders schwierig. Er muss, um auch nur einigermaßen zu gelingen, entsprechend dem Aufbau der abendländischen Gesellschaft, eine besonders reiche Differenzierung, eine besonders intensive und stabile Regulierung des psychischen Apparats produzieren. Er nimmt daher im Allgemeinen, und vor allem in den mittleren und oberen Schichten, mehr Zeit in Anspruch als der Modellierungsprozess in weniger differenzierten Gesellschaften. Der Widerstand gegen die Einpassung in den vorgegebenen Zivilisationsstandard, die Anspannung, die diese Anpassung, diese tiefgreifende Transformation des Ganzen, psychischen Apparat, den Einzelnen kostet, ist immer sehr beträchtlich. Und später als in weniger differenzierten Gesellschaften erlangt daher auch der Einzelne in der abendländischen Welt mit einer Erwachsenenfunktion zugleich den psychischen Habitus eines Erwachsenen, dessen Hervortreten im Großen und Ganzen den Abschluss des individuellen Zivilisationsprozesses bezeichnet. Aber wenn auch hier diese Bearbeitung des psychischen Apparats besonders weitgehend und intensiv ist, Prozesse in der gleichen Richtung, gesellschaftliche und individuelle Zivilisationsprozesse, spielen sich ganz gewiss nicht nur im Abendland ab. Sie finden sich überall, wo unter einem Konkurrenzdruck die Funktionsteilung größere Menschen Räume voneinander abhängig, wo eine Monopolisierung der körperlichen Gewalt eine leidenschaftsfreiere Kooperation möglich und notwendig macht, überall, wo sich Funktionen herstellen, die eine beständige Rück- und Voraussicht auf die Aktionen und Absichten Anderer über viele Glieder hinweg erfordern. Bestimmend für Art und Grad solcher Zivilisationsschübe ist dabei immer die Weite der Interdependenzen, der Grad der Funktionsteilung und der Aufbau der Funktionen innerhalb ihrer.

Der nächste Schritt ist die Integration des Smartphones direkt ins Gehirn. Dann ist der ferngesteuerte Borg perfekt.

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