12. März 2020

Beschreibung der spätkapitalistischen Verwertungskrise des Kapitals nach Alfred Sohn-Rethel

Alfred Sohn-Rethel (* 4. Januar 1899 in Neuilly-sur-Seine bei Paris; † 6. April 1990 in Bremen) war ein deutscher Nationalökonom und Sozialphilosoph.

Ich nehme hier Bezug auf die Tagebucheinträge vom 14.10.2019, 21.09.2019, 23.08.2019, 19.08.2019, 01.08.2019, 04.06.2019, 27.05.2019 und vom 25.02.2019 und kommentiere das 3. Kapitel des Buches Ökonomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus von Alfred Sohn-Rethel "Das Dilemma der Rationalisierung".

Aus dem Vorwort von "Ökonomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus" ISBN: 9783518106303.

Kommentierung von Kapitel 3: Das Dilemma der Rationalisierung

Das Kapitel beginnt mit einigen von Alfred Sohn-Rethel gesammelten Zitaten von Eugen Schmalenbach:

E. Schmalenbach sieht die ökonomischen Verhältnisse der zwanziger Jahre im Übergang oder auf der Schwelle von der freien Wirtschaft zur gebundenen Wirtschaft, und diese »neue Wirtschaftsverfassung« ist für ihn gekennzeichnet »durch Kartelle und Trusts und andere Monopolgebilde« sowie durch eine wachsende Vielfalt staatlicher Wirtschaftsfunktionen. Er bemerkt, dass bei diesem Übergang »von einem bewussten Willen nicht die Rede sein kann. [...] Keiner unserer Wirtschaftsführer geht mit freiem Willen in die neue Wirtschaftsform hinein. Nicht Menschen, sondern starke wirtschaftliche Kräfte sind es, die uns in die neue wirtschaftliche Epoche hineintreiben. [...] Was ist es denn im Grunde genommen anderes als die Erfüllung der Vorausssagen des großen Sozialisten Marx, die wir erleben? [...] Wenn wir unseren Wirtschaftsführern von heute sagen würden, dass sie gewollt oder ungewollt sozusagen Vollstrecker des Marxistischen Testaments seien, so würden sie, ich nehme es an, mit allem Nachdruck protestieren. [...] Sie sind Werkzeuge, nichts als Werkzeuge. Und wenn wir nach den inneren Gründen des Systemwechsels fragen, den wir erleben, so müssen wir diese Gründe nicht in den Menschen, sondern in den Dingen suchen.«

Die dem Kapitalismus inhärente, aus dem Zinsmechanismus logisch folgende Tendenz zur Monopolbildung kann man sich anhand einer kleinen Simulation bewusst machen, die ich geschrieben habe. Der Geldmarktzins ist zunächst die Wachstumsrate des Geldes, doch das Geld ist nur ein Teil des gesamten Kapitals, inclusive des Produktionskapitals, um das es in Sohn-Rethels Ausführungen vorrangig geht. Da das Geld in der Realwirtschaft vorrangig dazu verwendet wird, Kapazitäten an Produktionskapital zu errichten, ist der Wert des damit errichteten Produktionskapitals ein Spiegelbild der mit Zins und Zinseszins entstandenen Geldmenge. Das Geld ist so gewissermaßen der immaterielle Schatten des materiellen Kapitals.

Die Gravitation wird in einigen Kreisen als Sinnbild für die Kraftwirkung des Zinses verwendet. So wie sich aus Staub zunächst Akkretionsscheiben und dann Planeten bilden, hat das Kapital aufgrund des positiven Zinses eine Tendenz zur Zusammenballung.

Im Gegensatz zum immateriellen, sich aufgrund des Zinses übernatürlich verhaltenden Geld hat alles Materielle jedoch nutzungsbedingten Verschleiß und Abschreibungen, also einen Negativzins (2. Hs.T.D., Entropie), so dass das Geld zwar an der Erzeugung physischen Kapitals wächst, doch damit ein immer größer werdendes materielles Gebilde erschafft, das einen immer größer werdenden Aufwand, dargestellt in immer größeren verschleißbedingten Abschreibungen zu seinem Erhalt (Subsistenz) und seiner Fortpflanzung (Reproduktion) fordert (Reproduktionskopplung des Lebendigen und des geltenden Toten). So hat die reine Subsistenz, und nachrangig erst die Reproduktion des Produktionskapitals, einen immer größer werdenen Einfluss auf die Handlungsfreiheit der Eigentümer. Sohn-Rethel zitiert dazu wieder den Betriebswirt Schmalenbach:

Und hier ist es »fast ausschließlich eine einzige Erscheinung«, die theoretisch exakt untersucht und in ihren Konsequenzen richtig beurteilt zu haben, ein unzweifelhaftes Verdienst der Betriebswirtschaftslehre ist. Diese Erscheinung, die in ihrer Auswirkung so stark ist, dass sie das ganze große Gebäude der Wirtschaft umzubauen zwingt, ist die Verschiebung der Produktionskosten innerhalb des Betriebes. Und zwar handelt es sich darum, [...] dass der Anteil der proportionalen Kosten kleiner und der Anteil der fixen Kosten immer größer geworden ist, und zwar so sehr, dass schließlich der Anteil der fixen Kosten für die Produktionsgestaltung bestimmend wurde. [...] Das erste, was sich dem Beobachter aufdrängt, »ist die fortgesetzte Steigerung der Betriebsgröße« und damit die »Quelle von Kosten, die ohne Rücksicht auf die Produktionsmenge entstehen und die selbst dann nicht wesentlich herabgemindert werden können, wenn der Betrieb nur mit dem halben oder dem vierten Teil seiner Kapazität arbeitet. Dazu kommt als weitere Eigentümlichkeit der modernen Betriebe, dass in ihnen die Zwangsläufigkeit immer größer wird. Gerade unsere Zeit hat es erlebt, dass man das Prinzip der Fließarbeit stärker zur Geltung gebracht hat [....], das sich durch äußerste Zwangsläufigkeit auszeichnet. Mit diesem Prinzip der Zwangsläufigkeit sind so große einschneidende Verbesserungen verbunden, dass man auf sie nicht verzichten mag. Aber der Anteil der fixen Kosten schnellt dadurch wiederum mächtig empor.«

Ursache für die Zwangsläufigkeit ist ohne Zweifel der Zins auf das dem Betrieb oder dem Unternehmen geliehene Fremdkapital. Die Zinsschulden stellen sich betriebswirtschaftlich als Knappheiten dar, die zwangsläufig zu Rationalisierungen führen müssen, um das Sterben des Betriebes zu verhindern (siehe Zins und Gleichgewicht der Bestimmung, Zinsschulden und Zwänge), denn ist der Kostenanteil zu hoch, ist das Erzeugnis am Markt nicht wettbewerbsfähig. Das Ziel der Einsparungen sind auch immer wieder die proportionalen Kosten, von denen die Arbeitskosten einen großen Anteil bilden. Rationalisierungen führen dazu, dass einfache, repetitive menschliche Arbeit durch Maschinenarbeit und Automaten ersetzt wird und sich so proportionale in fixe Kosten (Maschinenwartung und -betrieb) wandeln.

Ein Unternehmen oder Betrieb ist an die Märkte für Rohstoffe, Arbeit, Abfallbeseitigung, Konsum und Kapital angeschlossen. Börsennotierte deutsche Unternehmen sind zu fast 80% fremdkapitalfinanziert.

Die Worte Schmalenbachs drücken hier den vom Zins erzeugten Fortschrittszwang aus, die die kapitalistische Wirtschaft, im Gegensatz zu einer Wirtschaft unter einer Negativzinsökonomie, zur Evolution durch Variation und Selektion der Methoden und zum Aussterben der betriebswirtschaftlich unrentablem „Zombies” zwingt. Genau dieses Argument wird von Befürwortern des Zinses gegen die Niedrig- und Negativzinspolitik der Gegenwart angeführt, dass sich nämlich „unfitte” Unternehmen und Betriebe halten können würden, die zu Hochzinszeiten schon längst ausgestorben wären (vgl. Eintrag vom 25.08.2018). Welche Rolle der Zins spielt, ist den folgenden Worten Schmalenbachs und Sohn-Rethels zu entnehmen:

»Unzertrennlich von dieser Entwicklung ist die fortgesetzt wachsende Steigerung der Kapitalintensität.« Die Beispiele, die Schmalenbach dazu anführt, illustrieren den Tatbestand als »wenig Löhne, aber hohe Zinsen und hohe Abschreibungen«. Von einer großen automatischen Räderfräsmaschine heißt es »was dieser Automat an Arbeitslöhnen erfordert, das ist nichts. Aber was er an Zinsen und Abschreibungen frisst, das ist eine ganze Menge. [...] Ob der Automat arbeitet oder nicht arbeitet, das ist ganz gleichgültig. Dieses umso mehr, als er schließlich nicht durch Verschleiß zugrunde gehen wird, sondern dadurch, dass ein tüchtiger Ingenieur einen neuen Automaten erfindet, der noch leistungsfähiger sein wird als der, den wir vor uns haben«

Erweiterung des reproduktiven Lebensraums des Kapitals: Globalisierung

Die Abschreibungen sind Teil der Kapitalkosten und fixer Teil in den Preisen der hergestellten Güter. Eine „ökonomische” Produktion erfordert im Sinne einer Wirtschaftlichkeit bzw. Profitabilität mit wachsendem Fixkostenanteil einen immer größeren Absatz, doch in einer freien Marktwirtschaft, in der es Vertragsabschlussfreiheit gibt und also kein Konsument zum Erwerb von Gütern gezwungen werden kann, kann die Verwertung des Produktionskapitals nicht juristisch erzwungen werden (Begriff des Kontrahierungszwangs), so dass zwingend neue Märkte erschlossen werden müssen. So ist ein von der Privatwirtschaft an die Politik gerichtetes Begehren der Abschluss von neuen Freihandelsabkommen oder eben, in anderen Worten, eine Expansion des Absatzgebietes und also die Erschließung neuen Lebensraums für das Großkapital.

Im Folgenden erläutert Schmalenbach den Zusammenhang der Wirtschaftlichkeit mit dem proportionalen und dem fixen Kostenanteil an den Preisen und leitet daraus die Notwendigkeit der Erschließung neuer Absatzmärkte ab. Das Fazit lautet:

»Und so ist die moderne Wirtschaft mit ihren hohen fixen Kosten des Heilsmittles beraubt, das selbsttätig Produktion und Konsumtion in Einklang bringt und so das wirtschaftliche Gleichgewicht herstellt. Weil die proportionalen Kosten in so großem Umfange fix geworden sind, fehlt der Wirtschaft die Fähigkeit der Anpassung der Produktion an die Konsumtion, und es tritt die merkwürdige Tatsache ein, dass zwar die Maschinen selbst immer mehr mit automatischen Steuerungen versehen werden und so der menschlichen Hilfe entraten können; dass aber die Wirtschaftsmaschinerie im Ganzen, die große Volkswirtschaft, ihr selbstständiges Steuer verloren hat [also nach planmäßiger Steuer verlangt - S.R.].« »Die fixen Kosten begnügen sich nicht damit, den Betrieb dahin zu drängen, seine Kapazität trotz mangelnder Nachfrage voll auszunutzen. Sie drängen ihn zugleich, sich trotz mangelnder Nachfrage zu vergrößeren.«
Ich denke, dass es möglich ist, den von Schmalenbach beschriebenen betriebswirtschaftlichen Mechanismus so allgemein zu formulieren, dass in ihm der wesentliche Treiber von Kolonialisierung, Imperalismus, Lebensraumerweiterung und Globalisierung erkennbar ist. Sind nicht die Freihandelsabkommen TPP, TTIP, CETA und andere Abkommen dieser Art ein Versuch (gewesen), die sinkenden Profitraten und Zinsen durch „freien” Handel zu kompensieren? Diente der „freie“ Handel nicht in Wahrheit immer nur der Verwertung und dem Wachstum der inländischen Kapitale?

Interessant sind an den Beschreibungen auch die verwendeten Begriffe, die den Maschinen einen autonomen Charakter zuschreiben. Auch später werden von Sohn-Rethel Begriffe verwendet, die zur Beschreibung des natürlichen Verhaltens von Lebewesen verwendet werden. Ich bin also nicht der Erste, der sagt, dass wir im Kapital durch den positiven Zins das Abbild des Lebendigen erschaffen haben und somit gegen das Bilderverbot verstoßen. Heute erleben wir mit der Digitalisierung, der Entwicklung künstlicher Intelligenz und der Erschaffung des Internets der Dinge die Fortsetzung dieser „Lebendigmachung des geltenden Toten”. Solange der Zins positiv ist, solange wir also Kapitalismus betreiben, werden wir dem geltenden Toten immer mehr Intelligenz und künstliches Leben samt der Fähigkeit zum Selbsterhalt und zur Fortpflanzung einverleiben, bis wir dieses Experiment stoppen und das Kapital schließlich als das verwenden, was es aufgrund der Naturgesetze eigentlich ist: nur ein Werkzeug zum Erhalt, zum Schutz und zur Pflege des Lebendigen!

Das Prinzip der gleichmäßigen Beschäftigung führt in Ansehung unterbeschäftigter Anlageteile die Betriebsleiter dazu, »den Betrieb [...] zu vergrößern, um diese nicht ausgenutzten Anlagen besser zu beschäftigen [...], ohne dass ihnen ein Steigen der Nachfrage dazu Veranlassung gibt. [...] In unzähligen Generalversammlungen hört man die Verwaltung vortragen, der Betrieb arbeite heute noch nicht vollbefriedigend; aber wenn noch einige Maschinen angeschafft und sonstige Erweiterungen vorgenommen würden, dann werde der Betrieb rentabel. Aber da andere Betriebe der gleichen Branche das gleiche tun, rationalisieren sich diese Industriezweige automatisch in eine übergroße Kapazität hinein. [...] Ist ein Geschäftszweig soweit gekommen, ist es zur Gründung eines Kartells oder bis zur Vertrustung nicht mehr weit.«
Man sieht hier, dass die Tendenz in Richtung der Vergrößerung der Kapitalmasse geht. Eine größere Kapitalmasse bringt jedoch wiederum größere Abschreibungen und einen höheren Fixkostenanteil mit sich, die eine Erweiterung des Absatzmarktes, also die Vergrößerung der „Nahrungszufuhr” des Produktionsapparats zur Steigerung der Einnahmen erfordert.

In seinen weiteren Teilen ist Schmalenbachs Vortrag der Missachtung der Grundsätze der Wirtschaftlichkeit in den von ihm aufgezeigten Entwicklungstendenzen gewidmet. Diese Unwirtschaftlichkeit gründet vor allem in dem Auseinanderklaffen der Produktionsökonomie der fixen Kosten und der Marktökonomie der Nachfrage- und Preisbewegungen, ein Auseinanderklaffen, das umso deutlicher wird, je konsequenter sich die Betriebsleiter von den produktionsökonomischen Gesichtspunkten leiten lassen.
Er macht zwei konkurrierende und in ihrer Natur sehr unterschiedliche Handlungsweisen bzw. Mechanismen aus, deren Maximen er 'Produktionsökonomie' und 'Marktökonomie' nennt. Wirtschaftlichkeit im Hinblick auf Produktionsökonomie, die sich in den Rationalisierungszwängen und der Verbesserung betrieblicher Profitabilität darstellt, stehe, laut Sohn-Rethel, zunehmend im Widerspruch zur Wirtschaftlichkeit im außerbetrieblichen, im Makroökonomischen verorteten Prinzip der Marktökonomie, nach der sich das Angebot nach der Nachfrage zu richten habe, und es über den Preis zu einer Regulierung des Angebots kommt. Der anbietende Produzent würde am Markt gewissermaßen von seinen hohen Fixkosten getrieben in die Nachfragerstruktur des Marktes eingreifen und diese zu seinen Gunsten verändern. Er führt im Folgenden weiter aus, was genau die hohen Fixkosten und also den Expansionsdrang erzeugt.

Zusammensetzung der Fixkosten

Aber Schmalenbach sieht die Unwirtschaftlichkeit in nahezu allen Auswirkungen des resultierenden Monopolismus. Er beklagt den Nepotismus (Vetternwirtschaft) in den Direktionen, die von Arrivierten [Angekommenen, Etablierten] oder von bestimmten Familien oder Interessengruppen monopolisiert werden. In den Verwaltungen herrschen »übermäßiger Bürokratismus, übermäßige Schwerfälligkeit, übermäßige Kostspieligkeit der Verwaltung und übergroße Gehälter und Tantiemen leitender Personen«. Er weist auf die Unwirtschaftlichkeit hin, die daraus folgt, dass die Leiter in ihrem Tun nicht mehr ihr eigenes, sondern fremdes Kapital riskieren, da die Betriebsgröße alle Grenzen von Eigenkapital überschreitet. Aber er sieht sie vor allen Dingen schon in den Verfassungen der Monopolgebilde (Kartelle und Syndikate). Bei deren Gründung geht der ganze Kampf der bisherigen Konkurrenten um ihre Beteiligungsquote am monopolisierten Geschäftsvolumen. Diese Organisationsformen bieten kein Remedium für die Widersprüche, die zu ihrer Bildung führten, sie verewigen dieselben bloß. Lassen die Quoten bei der periodischen Erneuerung des Vertragsabschlusses eine Veränderung zu, so sorgt jeder, »der eine höhere Kapazität aufweisen kann«, dafür, dass er »dafür, gleichviel ob eine Kapazitätsvermehrung am Platze ist oder nicht, eine höhere Beteiligungsquote bekommt. [...] Infolgedessen zielt in derartigen Syndikaten alles darauf hin, dass die Kapazität nicht etwa in Einklang mit den Verhältnissen des Marktes bleibt, sondern dass sie fortgesetzt weit über diese hinausragt.« die Folge ist Schleuderabsatz in den bestrittenen Gebieten, oft noch unter den proportionalen Selbstkosten.
Auch hier herrscht das Prinzip vor, dass derjenige, der schon hat, noch nimmt.

Er illustriert das am Beispiel des Kohlensyndikats. [...]

»Die Gedankenlosigkeit auf diesem Gebiete [ des Schleuderabsatzes S.R. ] geht soweit, dass nicht einmal eine genaue Kalkulation darüber angestellt wird, wie hoch sich die proportionalen Kosten belaufen. Ein noch größerer Nonsens besteht darin, dass man nicht alles daransetzt, die übergroße Kapazität für die Zukunft zu vermeiden. Man macht auf diese Weise die vorübergehende Krankheit zu einer Dauerkrankheit.

Man fragt sich mit Recht, wie diese gebundene Wirtschaft bei so vielen Mängeln gegenüber der alten bestehen kann. Aber da muss man sagen, dass diese Wirtschaft trotz aller ihrer Torheiten der alten freien Wirtschaft zu einem großen Teil überlegen ist. Sie ist es hauptsächlich deshalb, weil die Existenz der fixen Kosten für die alte Wirtschaft so wenig mehr taugte und so unhaltbare Zustände erzeugte, dass selbst eine schlechte, selbst eine geradezu stümperhaft organisierte gebundene Wirtschaft das Übergewicht bekommt.«

Den Schluss seiner Ausführungen bildet ein Plädoyer für die Rolle der Betriebswirtschaftslehre, die dazu berufen sei, in die Ökonomie des Monopolkapitalismus das unentbehrliche Maß an Rationalität zu bringen.
Ich denke, dass einem heute in diesem Zusammenhang die sogenannten „1€ Läden” und der Begriff der Wegwerf- und Überflussgesellschaft einfallen könnten. Man muss sich insbesondere bei vielen Plastikprodukten fragen, warum man sie zu so niedrigem Preis oder gar umsonst erhält. Wer Kinder hat, dem fallen hier vielleicht die vielen kleinen Plastikteilchen ein, von denen man sich nicht erinnert, sie gekauft zu haben. Sie alle sind Schleuderabsatz.

Das Bild ist klar. In der Rationalisierungskonjunktur 20er Jahre wirkt sich eine neue Produktionsökonomie der fixen Kosten aus, die ihre Regulative nicht mehr in der Nachfrage und im Markte hat, sondern in einer inneren Zeitökonomie des modernen Arbeitsprozesses. Aus den Folgen dieser neuen Produktionsökonomie und ihrer Diskrepanz zur Marktökonomie ergibt sich der Zwang zum Monopol. Oder, besser gesagt, da die Produktion aus Gründen ihrer Kostenstruktur sich nicht mehr den Marktregulativen unterwerfen kann, muss versucht werden, die Marktentwicklungen den Notwendigkeiten der Produktionsökonomie zu unterwerfen.
Hier sieht man nun in klaren Worten ausgedrückt, dass und warum die Eigentümer von Produktionskapital ihren Einfluss auf die Poltik geltend machen und die Globalisierung vorantreiben.

»Monopolismus« ist nur der zusammenfassende Name für diese Versuche. Und was die »fixen Kosten« anlangt, die hier als in Demiurg unseres Verhängnisses figurieren, so ist das nichts als der verdinglichte Ausdruck der hochgradigen Vergesellschaftung der Arbeit im modernen Produktionsprozess. Was also hier vorliegt, ist in der Tat die Erfüllung einer Prophezeiung von Marx und Engels, nämlich dass die unaufhaltsam steigende Vergesellschaftung der Arbeit - oder wiederum verdinglicht ausgedrückt: die steigende »organische Zusammensetzung des Kapitals« - an einem gewissen Punkt der Entwicklung im unvereinbaren Widerspruch mit der Warenökonomie der privaten Appropriation geraten würde. Die Waren- und Marktökonomie entstammt in ihrem Ursprung der Vereinzelung der Arbeit in Gestalt »voneinander unabhängig betriebener Privatarbeiten« (Marx), also dem entgegengesetzten Prinzip zum kontinuierlichen Prozess und zur Fließarbeit, worin im 20. Jahrhundert die Vergesellschaftung der Arbeit eine spezifische Struktur von normativer ökonomischer Bedeutung ein »von den Arbeitern selbst unabhängiges objektives Skelett«, wie Marx es ausdrückt - gewonnen hat.

Heute [1973], in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg, hat die Unvereinbarkeit der beiden heterogenen Ökonomien die großen Privatkonzerne zur Planung und genauen Programmierung ihrer Vorgehensweise gezwungen, womit sie die Widersprüche zu überbrücken versuchen, um sich der nötigen Verklammerung von Produktions- und Marktökonomie im Vorhinein zu versichern. Aber damals, nach dem Ersten Weltkrieg, befand sich die neue Ökonomie des Arbeitsprozesses noch in ihrer Gründerzeit und steuerte blindlings und ahnungslos in das ökonomische und gesellschaftliche Chaos hinein, das aus dem unvermittelten Zusammenstoß der beiden Ordnungen resultierte. Umso bemerkenswerter ist das Maß an Einsicht, dass Schmalenbach in seiner Analyse bezeugt, wenn sie sich auch gänzlich in den verdinglichten Begriffen der bürgerlichen Betriebswirtschaftslehre bewegt. Das schmalenbachsche Zeugnis ist wichtig, weil es uns den Maßstab an die Hand gibt, nach welchem die ökonomischen Einzelverhältnisse der verschiedenen führenden Großkonzerne der Interessengruppierungen während der Weltkrise in Deutschland bewertet werden können.
Das Unterstrichene sah Sohn-Rethel vor dem Hintergrund der Gründung der EG und des Abschlusses von Freihandelsabkommen in den 1970er Jahren.

Im Folgenden erläutert Sohn-Rethel, wie sich der Konflikt zwischen Produktions- und Marktökonomie am Beispiel des Stahlvereins konkret darstellte.

Die Trustbildung im Stahlverein im Jahr 1926 bewahrheitete das von Schmalenbach gezeichnete Bild in eklatanter Weise. Die Rationalisierung und die von ihr bewirkte Senkung der Arbeitskosten des Produkts waren hier durch Anwendung der verbundwirtschaftlichen Methoden erzielt worden, welche, von Amerika kommend, damals in fast allen Zweigen industrieller Großanlagen zum Zuge gelangten. In der Eisen- und Stahlindustrie nahmen sie freilich eine besonders starre Form an. Nicht nur wurden die verschiedenen Betriebsabteilungen wie Roheisenerzeugung, Stahlguss, Walzstraßen, Drahtzieherei, Röhrenwerke, Gießereien etc. soweit wie möglich nach Prinzipien der Fließarbeit organisiert; die verschiedenen Werksteile wurden auch ihrerseits wiederum miteinander zu einem Gesamtverbund verkettet durch die Ökonomie der Gichtgase. Diese im Oberteil der Hochöfen sich ansammelnden, sehr heißen Gase waren früher sehr unvollkommen genutzt worden, aber schon 1905 oder 1906 hatte mal in Amerika damit begonnen, sie in Rohrleitungen aufzufangen und als Heiz- und Energiequelle für andere Abteilungen zu verwenden. Während des Weltkrieges war diese Verwendung zum allgemeinen Rationalisierungsprinzip ausgebaut worden. Das Ergebnis war eine sehr erhebliche Einsparung von Feuerungsanlagen und -stoffen, aber auch eine Verkettung aller Werksabteilungen derart, dass sie nur noch als geschlossene Gesamtheit wie ein einziges riesenhaftes Uhrwerk produzieren konnten. Die Synchronometrie aller Teile war zu solcher Perfektion gebracht, dass die ungeheure Anlage von einem zentralen Schaltwerk durch zwei oder drei ober Ingenieure überwacht und gesteuert werden konnte. Technik und Ökonomie waren in eins verschmolzen.
Einsparungen wurden erreicht, indem die Abwärme der technischen Prozesse zum Heizen verwendet wurde. Insgesamt wurde der technische Betrieb soweit automatisiert, dass es nur noch zwei bis drei Ingenieuren bedurfte, die Gesamtmaschine zu betreiben. Man sieht hier sehr eindrucksvoll, wie schon damals der logische Pfad in Richtung Autonomisierung der Maschine verlief. Heutzutage steuert künstliche Intelligenz die technischen Prozesse, bestellt selbst Nachschub von Rohstoffen, Betriebsmitteln und Wartungsdienstleistungen. Von gänzlich autonomen Maschinen, die sich autonom selbst erhalten und erschaffen können, sind wir nur noch sehr wenig entfernt. So wird Adam Gott, als er künstliches Leben erschafft, und Maschine wird Adam, vgl. Eintrag vom 21.03.2018.

Aber auch die fixen Kosten waren auf einen neuen Gipfelpunkt gestiegen - und hatten damit ein Hochmaß an Krisenanfälligkeit des Gesamtunternehmens erzeugt. Denn die Gesichtspunkte der ganzen Konstruktion waren allein solche der Produktionsökonomie, also der Produktivkräfte, mit den marktökonomischen Produktionsverhältnissen verknüpft waren lediglich in Gestalt der Normierung der Produktionsanlagen auf eine bestimmte Kapazität für ihr Erzeugungsprogramm von Hunderten von Kartellennummern von Halbzeug. Diese Normierung hatte keine solidere Stütze als die eines blind gesetzten Postulats. Die Produktionsökonomie der Rationalisierung machte ihre Vorteile geltend unter der Voraussetzung einer befriedigenden Kapazitätsauslastung. In der Weltkrise, die nicht lange auf sich warten ließ, verwandelte sich der Segen dieser Rationalisierung bald in den Fluch der Irrationalität. Die bloße Erwähnung des Wortes Wissenschaft löste in einem Gespräch im Herbst 1931 bei dem stellvertretenden Generaldirektor des Stahlvereins, Ernst Poensgen, eine spontane Reaktion aus: »Lass mich mit der Wissenschaft in Ruhe! Wir sind mit der Wissenschaft gefüttert und überfüttert worden, wissenschaftliche Technik, wissenschaftliche Betriebsführung, wissenschaftliche Materialkunde, wissenschaftliche Marktforschung, wissenschaftliche Bilanzierung, und so weiter, und so fort. Und wohin hat all die Wissenschaft uns gebracht?«
Damit endet das längere Zitat der Arbeit Schmalenbachs, und Sohn-Rethel beginnt seine Analyse.

Die wissenschaftliche Bilanzierung war eine Anspielung auf Schmalenbachs beratende Rolle bei der Installierung des Stahlvereins. Gerade damals kursierte eine Denkschrift des Betriebswirtschaftlers, in der die Widersprüche der bestehenden Ökonomie unverhohlen ausgesprochen wurden. Die Produktionsanlagen moderner Großunternehmungen seien durchrationalisierte Plangebilde, die ihre Rationalität nur entfalten könnten, sich zum Segen der Gesellschaft nur auszuwirken vermöchten, wenn sie in einer geplanten Gesamtwirtschaft existierten. Sie seien mit der Anarchie der Privat- und Marktwirtschaft so unvereinbar, dass in diesem Rahmen die Rationalität der Werke sich in gesellschaftliche Irrationalität verkehren müsse. Diese offen antikapitalistische Schlussfolgerung löste in den industriellen Kreisen Empörung, ja angesichts der drohenden Klassenspannungen geradezu Schrecken aus. Reichswirtschaftsminister Dietrich im Brüning-Kabinett wurde veranlasst, das schmalenbachsche Memorandum zu unterdrücken und einstampfen zulassen.
Offensichtlich gab es auch damals Politiker bürgerlicher Kreise, die der Mechanik der Zahlen, trotz der Validität mathematisch-physikalischen Wissens nicht vertrauten und sich ins Irrationale flüchteten. Worin genau der antikapitalistische Charakter der Aussage Schmalenbachs gesehen wurde, ob es vielleicht die Verwendung des Begriffs 'Anarchie' in Verbindung mit der Privat- und Marktwirtschaft war, ist hier nicht genau nachvollziehbar. Marktwirtschaft ist jedenfalls nicht etwas per se Kapitalistisches, sondern kann auch in einem anti-kapitalistischen System existieren, nicht jedoch in einer sozialistischen Zentralverwaltungswirtschaft, vgl. Marktwirtschaft und Planwirtschaft.

Heinrich Aloysius Maria Elisabeth Brüning (* 26. November 1885 in Münster; † 30. März 1970 in Norwich, Vermont, USA).

Die Irrationalität der geplanten Werke war handgreifliche Tatsache geworden. Wenn die Nachfrage groß und die Preise hoch waren, erzeugten die Anlagen die Produkte zu billigeren Kosten als je zuvor, denn dann liefen sie auf vollen Touren. Fiel die Nachfrage, so dass die Preise sanken, dann stiegen die Kosten je Produkteinheit in geometrischer Progression jenseits aller Kontrolle, wenn das Produktionsvolumen entsprechend der Nachfrage abnahm. Preise und Kosten bewegten sich umgekehrt proportional statt parallel zueinander. Als Spielraum für die Ab- und Zunahme des Produktionsvolumens war überhaupt nur noch die Variierung des Produktionstempos geblieben. Aber diese stieß an harte Schranken nicht nur ökonomischer, sondern auch technologischer Natur. Beim Stahlverein belief sich das Mindestmaß des technisch möglichen Ausstoßes auf 66% oder 68% als Norm gesetzten Kapazitätsauslastung, bei weiterer Verlangsamung kam die Maschinerie ins Stocken. Und nach der ökonomischen Seite hatte die tendenzielle Einengung der Volumenvariation auf Tempoveränderungen die Folge, dass auch das Lohnkonto zu einem nahezu fixen Teil der Produktionskosten wurde.
Hier ist wieder das Argument Sohn-Rethels erkennbar, dass das Kapital unter der Last seines durch sich selbst bedingten fixen Kostenabdrucks in den Preisen zu seiner Reproduktion die Erhöhung der Nachfrage benötigte.

Bereits in den Jahren der Hochkonjunktur hatte der Stahlverein kaum je die volle Norm seiner Kapazität erreicht, schon 80% wurde als sehr befriedigend erachtet; im Herbst 1931 entsprach der Auftragsbestand jedoch kaum mehr 40% der Kapazität, Anfang 1932 fiel er auf 20%, und diese 20% waren natürlich höchst unregelmäßig über das Fabrikationsprogramm verteilt. Bis dahin hatte man, entsprechend der schmalenbachschen Darstellung, immer noch auf Lager gearbeitet, dadurch die Marktkonjunktur für diese Erzeugnisse weiter verschlechtert. Da aber die wirtschaftliche Gesamtlage immer noch keine Verbesserung, sondern nur weiteren Verfall zu versprechen schien, entschloss man sich zu der Verzweiflunglösung, die Werke alle 14 Tage umschichtig stillzulegen und wieder in Gang zu setzen, obwohl die relativ geringen Kosteneinsparungen während der 14 stillen Tage zum Teil aufgehoben wurden durch die Friktionsverluste beim Wiederanlaufen.
Die Worte 'Verfall' und 'Friktionsverluste' liefern hier wieder die Verknüpfung mit dem allgegenwärtigen Negativzins, der Folge des positiven Entropieflusses im Universum und der Irreversibilität des Zeitflusses, gegen die die Eigentümer von immer größer werdendem materiellen Kapital anzukämpfen haben. Das wachsende Materielle selbst ist der Stein, der die Geldmarktzinsen am Ende des Kapitalismus unter die 0% Zinsgrenze zieht, denn sonst würden neben den physikalisch untervermeidbaren Abschreibungen noch die Zinsen als Kosten auf den Preisen lasten. In den Fokus rückt daher auch die Frage nach dem Zinsniveau nach der WWK 1929 und seines Einflusses auf die Entwicklungen, denn die positiven Zinsen verteuerten das Kapital zusätzlich!

Es bedarf nicht vieler Worte, um einsichtig zu machen, dass bei einem solchen Stand der Dinge Produktionsstätten dieser Art nicht nur keinen Profit machen, nicht nur nicht ihre Selbstkosten verdienen, sondern dass sie ihr eigenes Kapital verschlingen, wenn der Zustand anhält. Und die Feststellung muss gemacht werden, dass Werke des neuen produktionsökonomischen Typs, d.h. der strukturellen Vollvergesellschaftung der Arbeit, wenn sie nach privatkapitalistischen Maßstäben betrieben werden, unter Produktionszwang stehen. Solange sie nicht vollständig geschlossen und sozusagen verschrottet, ihre Kapitalien gänzlich abgeschrieben werden, müssen diese Werke produzieren, unabhängig davon, ob eine Marktnachfrage nach ihren Erzeugnissen verlangt oder nicht. Wenn keine Nachfrage echter Art, d.h. nach reproduktiven Werten, vorhanden ist, so muss eine andere Nachfrage, also eine nach nicht-reproduktiven Werten, geschaffen werden, um die Werke in Bewegung zu setzen. Nicht-reproduktive Werte sind Produkte, die weder direkt noch indirekt in die Erhaltung und Erneuerung menschlicher Arbeitskraft oder materieller Produktionsmittel eingehen; dazu gehören in erster Linie Rüstungsgüter, in zweiter Linie Luxusgüter, in dritter Linie Verschwendung wie überwiegend in der modernen Raumfahrt. Um Nachfrage dieser Art effektiv zu machen, bedarf es einer Staatsmacht, die Bezahlung für solche Produktion der Bevölkerung aufzwingt.
In diesen Worten (oben) nun fasst Sohn-Rethel die vitale Situation des bestehenden, hochgezüchteten Produktionskapitals zusammen. Findet es keine neue Nahrung, dann wird es sterben müssen. Es kann also in einer geldpolitischen Phase, die vom Erreichen der Grenze des Wachstums, der Marktsättigung (wie in der WWK) oder des Zusammenbrechens der Nachfrage geprägt ist, nur einen sinnvollen Weg geben, den Bestand der Anlagen zu sichern: die fixen Kosten müssen gesenkt werden!

Wir haben es hier mit einer eindeutigen Alternative zum konkurrenzwirtschaftlichen Kapitalismus zu tun, d.h. zu einer Produktionsweise, deren privates Profitstreben den Marktregulativen unterworfen ist. Die Subsumtion unter diese Regulative ist Bedingung dafür, dass die Ökonomie der privaten Appropriation vereinbar ist mit der allgemeinen Reproduktion des gesellschaftlichen Lebens. Die Produktionsökonomie der fixen Kosten dagegen, um in den magischen Kategorien der Betriebswirtschaftslehre zu reden, ist resistent gegenüber den Marktregulativen und folgt Gesetzen, die überhaupt nicht in der Sphäre der Kapitalverwertung, sondern vielmehr im Arbeitsprozess, genauer: im vollvergesellschafteten Arbeitsprozess der kontinuierlichen Produktion und der Fließarbeit ihren Ursprung haben. Ich habe an anderer Stelle auseinandergesetzt, dass im Wesen der Fließarbeit eine neuartige Kommensuration der Arbeit [Mess- und Vergleichbarkeit menschlicher Arbeit mit Maschinenarbeit, s.u.], und zwar der lebendigen Arbeit, ins Dasein gekommen ist, welche ökonomiebegründend ist und in dieser Eigenschaft in privativ-kontradiktorischem Gegensatz steht zu der Kommensuration der toten Arbeit [Maschinenarbeit], die Marx als das ökonomiebegründende Prinzip der Tauschäquivalenz oder des Tauschwerts nachgewiesen hat. Die neuartige Kommensuration der lebendigen Arbeit ist das spezifische Gesetz der Vollvergesellschaftung der Arbeit und bildet das eigentliche Geheimnis der »fixen Kosten«. Ohne dass ich diese Auffassungsweise hier im Einzelnen begründen kann, mache ich von ihr Gebrauch, weil ich glaube, dass sie das Verständnis der hier in Rede stehenden Vorgänge in Deutschland in den 30er Jahren zu fördern vermag.
Charlie Chaplins berühmte Rede an die Menschheit.

Die kapitalistische Ökonomie kann in der Krise Unternehmungen liquidieren, deren Werke hinter den gesellschaftlich notwendigen Durchschnittsanforderungen zurückbleiben. Sie kann nicht in der gleichen Weise mit Werken verfahren, die den selben Anforderungen nicht genügen, weil sie über sie hinaus gewachsen sind und, weit über bloßen Profitmangel, das Privatkapital, das sich ihrer zu seinen Profitzwecken bedienen will, selbst mit Aufsaugung bedrohen, Werke also, die gemeinsam mit anderen in analoger Lage das gesamte Finanzkapital durch ihren Stillstand der Schrumpfung aussetzen. Da sich der Kapitalismus solcher Werke, die ihm in der Krise zu Verlustquellen werden, nicht mehr entledigen kann, darf er es zu keinen Krisen mehr kommen lassen. Der Kapitalismus muss im Gegenteil dem Produktionszwang stattgeben, mit dem er die Ökonomie dieser Werke begabt hat. Die kapitalistische Ökonomie ist also gezwungen, Werken, die ihm durch ihre Produktionsökonomie entwachsen sind, zu weiterer Entfaltung zu verhelfen, und dies in um so höherem Maße, je mehr Werke dieser Art zu den maßgebenden Elementen der gesellschaftlichen Gesamtproduktion werden und dem allgemeinen Konkurrenzkampf den Standard setzen. Tatsächlich haben Funktionsstörungen der marktwirtschaftlichen Art wie z.B. Währungs- und Krediteinbrüche nicht mehr die krisenerzeugende Wirkung, die sie früher hatten, als der Verwertungsmechanismus des Kapitals noch die Produktion regulierte, sie also im Fall ernstlicher Funktionsstörungen zur Einschränkung, wenn nicht zum zeitweisen Stillstand zwang. Unter den jetzigen Bedingungen haben solche Störungen eher die Wirkung, den Produktionszwang der ihnen entwachsenen Werke zu erhöhen. Es fragt sich bloß, zu welchen Resultaten diese Dialektik den Spätkapitalismus treiben wird. Unterm Gesichtspunkt dieser Frage haben Studien über die Ereignisse und inneren Geschehnisse zur Zeit der letzten Weltkrise aktuelle Bedeutung für uns. Die dem Kapitalismus entwachsende Produktionsökonomie war in den 20er Jahren zu einem substanziellen Faktor der Gesamtwirtschaft entwickelt worden und machte ihre unerprobten Wirkungen zum ersten Male fühlbar. Schmalenbach hatte mit den Schlussfolgerungen, die er in seinem Memorandum zog, vollkommen recht. Die Ökonomie der neuen durchgeplanten Produktionsriesen verlangt nach anderen Produktionsverhältnissen als denen des Privatkapitalismus. Hätte der Kapitalismus damals überwunden und beseitigt werden können, so wären diese Produktionsverhältnisse sozialistische geworden. Stattdessen blieben seine metakapitalistischen oder, sagen wir, sozialistoiden Elemente in die Bedingungen des Kapitalismus eingeschlossen. Die Entwicklungen, die sich daraus in Deutschland ergaben, lassen sich bis ins Einzelne verfolgen. Die hier zur Veröffentlichung gelangenden Aufzeichnungen tragen in den Grenzen ihres Gesichtskreises zu diesem Studium bei. Sie sollten also als zusätzliche Urteilsquelle der Klärung der Hypothese dienstbar gemacht werden können, in welchem Maße und in welcher Weise die im Kapitalismus verbleibende, ihn transzendierende Ökonomie der modernen kontinuierlichen Produktionsmethoden Ursache des Umschlags in den Faschismus werden kann. Marx und Engels haben vorausgesagt, dass sich die tragenden materiellen Elemente einer sozialistischen Produktionsweise im Schoße des Kapitalismus heranbilden würden. Daraus kann sich die Geburt des Sozialismus oder aber auch die Missgeburt des Faschismus ergeben.
Ich muss hier erneut klar stellen, dass ich jede Form des Sozialismus oder einer Zentralverwaltungswirtschaft ablehne. Ich sehe die Lösung der Situation in einer anti-kapitalistischen Marktwirtschaft unter einer Negativzins-Ökonomie.

Folge einer Negativzins-Ökonomie: Absenken der Fixkosten durch Vergemeinschaftung des Produktionskapitals

Wie können also Fixkosten gesenkt werden, und was ist die Folge von negativen Kredit- und Darlehenszinsen? Liegt nicht genau im Zerfall, in der Liquidierung der zu fett gewordenen Großunternehmen und Konzerne, im Tod des sie besitzenden Teils des Mammongeistes, die Lösung? Warum nicht jedem Arbeiter mit einem Negativzinskredit seine Maschine und Selbstverwaltung („voneinander [un]abhängig betriebene Privatarbeit“) geben? Negative Zinsen bewirken, dass Kapitalkosten und also auch die Preise der hergestellten Güter sinken, doch kann man die Fachkräfte nicht davon abhalten, ihre eigenen Unternehmen zu gründen, ohne ihre Löhne zu erhöhen.

Die logische Folge negativer Zinsen ist außerdem, dass sich das Expansionsstreben umkehrt. Aus der Globalisierung wird eine Lokalisierung, aus Zentralisierung wird Dezentralisierung, aus Kapitalakkumulation wird Kapitaldispersion. Mit der Dispersion des Kapitals gibt es auch eine Dispersion der Fixkosten. Der Großbetrieb zerfällt in Einzelabteilungen und Einzelmaschinen, die jeweils von Subunternehmen betrieben und verwaltet werden, wie ein Leichnam zerfällt (siehe Zerfall der Ananas am 05.11.2019). Der Verwaltungsaufwand des zerfallenden Großbetriebs transformiert sich in Geschäfts- und Güterverkehrsbeziehungen der Einzelarbeiter (Subunternehmer, Restrukturierung von Führung).

Querverweise auf 'Beschreibung der spätkapitalistischen Verwertungskrise des Kapitals nach Alfred Sohn-Rethel'