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7. Januar 2018

Schumpeter und die Negativzins-Ökonomie

Seit etwa 2 Wochen studiere ich Joseph Alois Schumpeters „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“. Es mehren sich die Anzeichen, dass 1942 auch Schumpeter (1883-1950), der ja in der Zeit Silvio Gesells (1862-1930) lebte, von der Bedeutung der Negativzins-Ökonomie, ihrer Mechanismen und Wirkung auf die Realwirtschaft wusste.

Mehr noch: anscheinend war sich Schumpeter auch des Zusammenhangs mit dem Christentum und mit den Geboten des „Ökonomen Jesus“ voll bewusst.

Ich habe dazu eine Textpassage gefunden, die das Wissen Schumpeters zu den Mechanismen einer Negativzins-Ökonomie andeutet. Das Zitat entstammt dem Kapitel über die „schöpferische Zerstörung“ und geht dem Kapitel über „monopolistische Praktiken“ vorweg. Ich ordne der Textstelle eine in das nächste Kapitel überleitende Funktion zu.

In der 4. Auflage des Buches heißt es auf Seite 140 am Ende des Kapitels:

In der kapitalistischen Wirklichkeit jedoch, im Unterschied zu ihrem Bild in den Lehrbüchern, zählt nicht diese Art von Konkurrenz, sondern die Konkurrenz der neuen Ware, der neuen Technik, der neuen Versorgungsquelle, des neuen Organisationstyps ( z.b. der größtdimensionierten Unternehmungseinheit ) - jene Konkurrenz, die über einen entscheidenden Kosten- oder Qualitätvorteil gebietet und die bestehenden Firmen nicht an den Profit- und Produktionsgrenzen, sondern in ihren Grundlagen, ihrem eigentlichen Lebensmark trifft. Diese Art der Konkurrenz ist um so viel wirkungsvoller als die andere, wie es ein Bombardement ist im Vergleich zum Aufbrechen einer Tür, und sie ist so viel wichtiger, dass es verhältnismäßig gleichgültig wird, ob die Konkurrenz im gewöhnlichen Sinne mehr oder weniger rasch funktioniert; der mächtige Sauerteig, der auf lange Sicht die Produktion ausdehnt und die Preise herunter drückt, ist auf jeden Fall aus anderem Stoff gemacht.

In Matthäus 13 (Bergpredigt) heißt es im Abschnitt „Von Senfkorn und Sauerteig“:

  1. Ein anderes Gleichnis legte er ihnen vor und sprach: Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und auf seinen Acker säte;
  2. das ist das kleinste unter allen Samenkörnern; wenn es aber gewachsen ist, so ist es größer als alle Kräuter und wird ein Baum, dass die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen in seinen Zweigen.
  3. Ein anderes Gleichnis sagte er ihnen: Das Himmelreich gleicht einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Scheffel Mehl mengte, bis es ganz durchsäuert war.
Das Himmelreich ist die Gesellschaftsform, die Jesus mit Sicherheit meinte, wenn er von den Folgen seines Gebots in Lukas Kapitel 6 Vers 35 ( samt Verse im Kontext! ) sprach, „Tue Gutes und leihe aus ohne etwas zurück zu erwarten.“ - Zins von bis zu - (Minus) 100 %!

Die Folgen dieser Ökonomie sind klar von den Folgen einer kapitalistischen Ökonomie zu unterscheiden: Im Kapitalismus wird die Knappheit und der Konkurrenz- und Innovationsdruck durch das akkumulierte Kapital in der Nähe des Monopols künstlich mitverursacht. Die Form der Konkurrenz des Kapitalismus ist also eine monopolistische, die Evolution verläuft beschleunigt. Nicht selten stellt sich die Praxis der Gestaltung dieser monopolistische Konkurrenz in der Gewährung oder Nichtgewährung von Marktzugängen für Unternehmen dar. Das Kapital bestimmt, welches Unternehmen leben darf und welches nicht. Das Kapital bestimmt auch die Umweltbedingungen der Unternehmen über die Verknappung der Liquidität im ganzen System, über Marktzugänge und über den Einfluss auf die Politik.

Werden die Zinsen negativ, dann liegt das Monopol außerhalb des Geldsystems (es gibt dann nur das Eine, den einen Pol). Der Innovationsdruck wird dann durch die Umwelt erzeugt in die der Währungsraums eingebettet ist. Die Unternehmen werden durch das Kapital finanziert, die Liquidität fließt als negativer Kreditzins in die Wirtschaft hinein, jedoch müssen alle Unternehmen weiterhin gegeneinander konkurrieren. Die Konkurrenz ist nicht mehr monopolistisch im kapitalistischen Sinne, sondern total, vollkommen.

Unmittelbar anschließend an das vorherige Zitat schreibt Schumpeter deswegen weiter:

„Es ist kaum nötig zu erwähnen, dass die Konkurrenz von der Art, wie wir sie nun im Sinn haben, nicht nur wirkt, wenn sie tatsächlich vorhanden, sondern auch wenn sie nur eine allgegenwärtige Drohung ist. Sie nimmt in Zucht, bevor sie angreift. Der Geschäftsmann hat das Gefühl, sich in einer Konkurrenzsituation zu befinden, selbst wenn er allein auf seinem Gebiet ist oder selbst wenn er, obzwar nicht allein, doch solch eine Stellung einnimmt, dass kein Regierungsexperte bei seiner Enquête eine wirksame Konkurrenz zwischen ihm und irgendwelchen anderen Firmen auf dem gleichen oder einem benachbarten Gebiet entdeckt, woraus der Schluss gezogen wird, dass sein Gerede über Konkurrenzsorgen sich bei näherer Prüfung als Spiegelfechterei entpuppt. In vielen Fällen, wenn auch nicht in allen, wird dies auf die Dauer ein Verhalten erzwingen, das sehr ähnlich dem der vollkommenen Konkurrenz ist.“
Ökonomische Kooperation und Konkurrenz als Funktion des Zins-Vorzeichens.
Kein Unternehmer kann sich bei negativem Zins mehr auf den akkumulierten Gewinnen ausruhen und mit der Erzeugung von Knappheit mit Hilfe des Zinses die „Konkurrenz flach“ halten. Ist ein Unternehmer erfolgreich und trägt sein Unternehmen Früchte, so profitiert davon die Konkurrenz. Diese scheinbare Paradoxie löst sich in dem Moment auf, in dem man die Begriffe Konkurrenz und Kooperation nicht mehr nur als Gegensätze betrachtet, sondern als gleichzeitig möglich, ähnlich wie Ort und Geschwindigkeit eines Teilchens für sehr kleine Teilchen in der Natur nicht mehr klar voneinander zu trennen sind (Quantenmechanik, Unschärferelation, man „misst“ die Begriffe Konkurrenz und Kooperation mit dem Verstand, die Bedeutung „verschwimmt“).
Prozessmusterwechsel, Change Management.

Fazit

Dass ein Schüler der Österreichischen Schule der Nationalökonomie das Lebenswerk Silvio Gesells kennt, ist mit Sicherheit anzunehmen. 1933 bis 1945 ist „das Kind in den Brunnen gefallen“, doch schon während des Krieges begannen die Ökonomen und Soziologen an der Zukunft zu arbeiten, vor der wir jetzt unmittelbar stehen.

Es wird wahrscheinlich eine ganze Weile dauern, bis die Soziologen die gesamte Literatur nach Silvio Gesell auf das Vorhandensein von Hinweisen über das Wissen der Mechanismen einer Negativzins-Ökonomie neu überprüft haben. Jedenfalls kann nicht mehr gesagt werden, sie „hätten es nicht gewusst“, „es hätte keine Alternative gegeben“ oder „es gäbe keine Theorie“, „die Gesellschaftsordnung wäre nicht ausgearbeitet“, man „wüsste nicht auf welchen Weg man sich begibt“.

Von Luhmann kann wenigstens ich mit Sicherheit sagen, dass er mit seinen Sozialen Systemen den Sozialismus meinte, den Schumpeter bei der Verwendung des Begriffs des Sauerteigs im Sinn hatte, und den Jesus als das „Himmelreich“ bezeichnete.

Die Grundbedingung des „Himmelreichs“ nannte Luhmann doppelte Kontingenz, was frei übersetzt vielleicht mit

„was alles kann und nicht muss“

umschrieben werden kann.

Die obere Grafik zeigt eine Skizze, die die Konkurrenz und die Kooperation in der Ökonomie bezeichnet. Schumpeter redet jedoch von Kooperation und Konkurrenz in der Wirtschaft. Ich unterscheide Ökonomie und Wirtschaft.

In der Negativzins-Ökonomie kooperiert die Realwirtschaft in ihrer Funktion, die Wertaufbewahrungsfunktion des Geldes zu ersetzen, die vorher bei den Banken lag. Das Geld wird in einem Prozess, in der Realwirtschaft, gespeichert, und die Aufgabe der Realwirtschaft und der Zweck ihrer Kooperation besteht darin, zirkuläre und somit lokalisierte, resonante Geld- und Warenkreisläufe zu erzeugen, damit das System nicht „ausblutet“.

Der zukünftige Wohlstand hängt also von der Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft mit den benachbarten Währungsräumen, der Umwelt, ab, und genau das erzeugt den Konkurrenzdruck auf alle Unternehmen im Währungsraum unter negativem Zins.

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