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25. Juli 2018

Zwei Ergebnisse kapitalistischer Erziehung: Wissen und Verhaltenanpassungen

Ich bin auf einige interessante Zusammenhänge gestoßen, die Simmel erkannt hat. Sie sind so fundamental, dass ich sie hier kurz ausbreite. Es geht darum, was neben Erkenntnis und Wissen eigentlich noch im „Kulturmenschen“ entsteht. Simmel hat dazu einige (für mich) äußerst plausible Formulierungen gemacht, die ich bisher unter der doch sehr dürftigen Formulierung der Genesis, dass der Apfel klug mache (Genesis 3:6), geführt habe.

Kontingentes in unterschiedlichen Darstellungen

Bei dem, worum es hier geht, brauche hier noch einen zweiten Begriff, der für die Brückenbildung zwischen den Darstellungen dieses Dings dient. Dieser brückenbildende Begriff ist Kontingenz (vgl. auch Kontingenzbegriff bei Luhmann):

Kontingent ist alles, was möglich und nicht notwendig ist, aber auch anders sein kann.

In Bezug auf die vielen subjektiven und um Objektivität bemühten Beschreibungen der Wirklichkeit(en) und der Fülle an Worten und Begriffen verstehe ich unter der kontingenten Bedeutung mehrerer Darstellungen der Wirklichkeit das, was in allen Darstellungen als „Unterlapp“, Schnittmenge, enthalten, jedoch jeweils nur „in andere Worte“ gekleidet ist. Dieses Kontingente in den Darstellungen hat notwendigerweise, denn das Kontingente liegt in der Schnittmenge, Identifikationen, Entsprechungen von Begriffen und Zusammenhängen zwischen den unterschiedlichen Darstellungen. Salopp könnte man diese Identifikationen auch als Übersetzungen in die Begrifflichkeiten der anderen Darstellungen bezeichnen. Siehe auch Wortherkunft Theorie.

Ich suche hier das Kontingente in dem zuvor von Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831), Sigmund Freud (1856-1939), Georg Simmel (1858–1918), Fritz Riemann (1902–1979) und Norbert Elias (1897-1990) Geschriebenen, das ich im Folgenden ausbreite.

Simmel zu Objektivität, objektiver Geist, Wahrheit, Erkenntnis und Notwendigkeiten

Das Wissen besteht in Formulierungen von Gesetzen. (Natur-) Gesetze sind Notwendigkeiten. Wissen hat den Anspruch der Objektivität, also absoluter Wahrheit, erfüllt Forderungen der Objektivität so wie der Zins eine Forderung des Geldes an die Arbeitenden ist. Das Wissen sei kommunistisch, sagt Simmel.

Simmel suggeriert in Philosophie des Geldes, Der Stil des Lebens, dass in dem durch die Geldwirtschaft (durch den Kapitalismus, das Zinsnehmen) erzeugten sozialen Zusammenhang, der primär über die Märkte geschaffen wird und dann über die Nicht-Geld-Beziehungen zu den anderen sozialen Konstrukten wie Gesellschaft, Kultur, Nation, usw. und über deren Zusammenschluss zu einem gespaltenen Ganzen vervollständigt wird, eine (erhofft!) kohärente, konsistente, und konsensuale Verständigung über das Geltende entsteht.

Die dazugehörige Wahrheit, die sich im Wert der gehandelten Güter (Arbeit: Löhne und Gewinne, Besitz/Nutzung: Mieten, Pachten und übrige Zinsen und Eigentum: Kaufpreise) spiegelt, ist eine soziale Konstruktion, die aus der von der Geldwirtschaft, also dem Zinsnehmen, dem Kapitalismus, verursachten Kontraktion (Zusammenzurrung, engl. contract heißt Vertrag, der Zins verusacht Kontrahierungszwänge) und dem daraus folgenden an-den-Märkten-einander-ausgesetzt-Sein folgt. Die Kontraktion hat etwas Zwanghaftes (vgl. Begriff der Notwendigkeit), die Partner an den Märkten sind gehalten, sich über die Werte zu verständigen, weil sie vom Geld abhängen (und als Mittel zu seiner Reproduktion dienen).

Soweit ich Simmel verstehe, wird auf diese Weise Objektivität sozial konstruiert. Simmels Aussagen verleiten mich zu einer sehr kompakten Reduktion der Beschreibung der Entstehung von Wissen:

Der Zins verursacht eine künstliche Not, nämlich die Knappheit, eines der grundsätzlichen Axiome der BWL und der VWL. In dieser künstlichen Not ist Erkenntnis notwendig. Das Erkennen ist also so etwas wie ein seelischer Abwehrvorgang, der die Not abwendet.

Erkenntnis (vgl. zu surrogierenden Abwehrmechanismen: Intellektualisierung) ist eine Form der Rationalisierung, Verhaltensanpassungen (speziell der Abwehrmechanismus: Introjektion) eine andere, vgl. in der Ökonomie das Sparen und in der Psychologie die Affektkontrolle (Über den Prozess der Zivilisation, Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation, Die Dämpfung der Triebe, Psychologisierung und Rationalisierung). Das so entstehende Wissen und die seelische Form des Kulturmenschen (vgl. Wissen und Sichtweise), primär das Know-How wird an den Forschungseinrichtungen systematisch weiter prozessiert und verallgemeinert.

In Kapitel 6.1 von Philosophie des Geldes beschäftigt sich Georg Simmel mit einem Begriff, den Hegel geprägt hat, nämlich dem objektiven Geist, zu dem Simmel auch den Intellekt zählt. Das Wort Intellekt kommt von Entelechie und hängt eng mit dem Selbstzweck, der Grundeigenschaft alles Lebendigen, die Reproduktion des Seins, der Bedeutung von JHWH, Exodus 3:14 zusammen, die wir auf das Geltende, das Objektive, das Geld übertragen haben. Das Geld, das Geltende, das Objektive stellt zu seiner Reproduktion Forderungen an das Subjekt (an das Unterworfene).

Zur Vervollständigung des Ganzen gehört der subjektive Geist, zu dem Simmel auch die sinnliche Wahrnehmung und die Affekte zählt. Soweit ich es verstanden habe, gibt es bei Hegel noch den absoluten Geist, von dem der objektive Geist im Individuum eine Art reduzierte Darstellung ist. Der absolute Geist ist für mich etwas rein Göttliches, so etwas wie der Laplace'sche Dämon. Aufgrund der Endlichkeit ihres Seins können Menschen nur versuchen, Teile dieses absoluten Geistes in sich einzufangen und abzuschöpfen. Die aus dem absoluten Geist abgeschöpften Teile sind dann die jeweiligen objektiven Geister, die Intellekte, die in einem Währungsraum (Währung kommt von Wahrheit) Gültigkeit haben.

Über-Ich und Es, Intellekt und Affekt, Seele und Leib, objektiver und subjektiver Geist

Jetzt gibt es aber noch mehr. Diese Rationalisierungen, die letztlich aus der Annahme der Zinsschuld („Schuldgeldsystem“) resultieren, kommen nicht nur als Wissen, sondern auch als Verhaltensanpassungen daher, und das schlägt eine Brücke in die Psychologie(n) von Sigmund Freud und Fritz Riemann. Sprachlich findet man die Entsprechung von (Natur-) Gesetzen und Verhaltensanpassungen (und den dazugehörigen Ängsten, das Wort Angst kommt von Enge!) in dem Wort Notwendigkeit.

Das Strukturmodell der Psyche, oben ist das Über-Ich, das Objektive, der Intellekt, unten ist das Es, das Subjektive, die Affekte.
Das Über-Ich, das u.a. aus Gesetzen, Regeln, Werten, Normen, dem ethischen und moralischen Soll, usw. besteht, steht dem Es gegenüber. Das Über-Ich ist (eher) Teil des Objektiven, das Es ist (eher) Teil des Subjektiven. Der gegenseitigen Differenzierung der objektiven gegen die subjektiven Kultur entspricht also die innere Aufspaltung, die Differenzierung, das „Aufblähen“ des Über-Ichs gegen das Es. Norbert Elias beschreibt das in allen Details in seinem Buch Über den Prozess der Zivilisation.

Elias spricht von Gehegen aus Angst, wenn er die affektiven Darstellungen der Formen der Seelen, die zivilisatorischen, zinsbedingten Neurosenstrukturen (siehe auch Begriff der Neurosendisposition) beschreibt.

Simmel (1858–1918) schreibt in P.d.G 6.1f interessanterweise vor Fritz Riemann von der Schwerkraft, Fritz Riemann (1902–1979) benutzt etwa 60 Jahre später eben gerade diese Metaphern, Sinnbilder, zu Gravitation und Rotation, Planeten und Zentralgestirnen, um sein Modell zu der Beschreibung der Grundformen der Angst transportabler und intuitiv eingängiger zu gestalten. Auch Elias (1897-1990) benutzt diese Terminologie, wenn er von Zentrifugalkräften spricht, die die Herrschaftshäuser „stressen“ (das Licht soll den Stresser blenden) und den zentralen Bestimmungen und Direktiven entgegenwirken.

Zusammenstellung der vier Grundformen der Angst. Das ganze Modell habe ich hier beschrieben.
Eine moderne Darstellung der sog. Cherubim, die das Paradies bewachen (Genesis 3, Beschreibung im Buch Ezechiel) und verhindern, dass wir dorthin zurückkehren, unsere 4 Grundängste: Angst vor Veränderung und Wandel (Falke), Angst vor Hingabe (Löwe), Angst vor Selbstwerdung (Kuh, Rind, Stier) und Angst vor Notwendigkeit und Festlegung (das Menschengesicht).

In der Genesis 3:[24,25] steht:

  1. Da wies ihn Gott der HERR aus dem Garten Eden, daß er das Feld baute, davon er genommen ist,
  2. und trieb Adam aus und lagerte vor den Garten Eden die Cherubim mit dem bloßen, hauenden Schwert, zu bewahren den Weg zu dem Baum des Lebens.

Zusammenfassung

Im Kapitalismus entstehen durch die Knappheit des Geldes Nöte und Ängste, die wir (u.a.) dadurch abwehren, dass wir unser Verhalten anpassen und Erkenntnisse erzeugen. Das Geld steht für das Objektive, das Subjekt ist ihm unterworfen. Der Mensch dient dem Gelde und wird „klug“, er wehrt die Not, in der er Ängste (die Enge, die Knappheit) erlebt durch Erkenntnis und Verhaltensanpassungen ab. Der Geist des Geldes bringt also das Wissen hervor und erzieht uns. Die Erkenntnis dient also auch zur Angstabwehr (z.b Abwehr der Strafe, wenn der Kredit nicht getilgt wird). Doch die Angst ist immer noch da. Sie steckt seelisch in den Gehegegrenzen der Affektivität, also in unserer Neurosenstruktur, in den Grenzen zwischen Begriffenem und nicht Begriffenem im Geist (siehe auch bivalente Logik und Quantenmechanik) und körperlich in der Eigentümerstruktur des Kapitals, den körperlichen Gehegegrenzen (für die Schafe). Das Wissen und die beobachtbaren Verhaltensanpassungen sind „Teilspiegel“ der entstandenen Geldmenge. Der ganze Spiegel ist jedoch weitaus größer, doch dazu ein anderes Mal mehr.

Burgen und Schafe.

Im Kapitalismus gibt es zwei disjunkte, gegensätzliche Wirs, das Wir der Herren und Damen und das Wir der Knechte und Mägde, die Bourgeosie und das Proletariat, das Bürgertum und die Arbeiterschaft. Der Gegensatz wird durch das positive Zinsvorzeichen aufrecht erhalten. Die künstliche Not, die Knappheit im Wir der Knechte und Mägde führt zu zweierlei Erziehung durch den Kapitalismus (den Vater, den Herren): Wissen und Verhaltensanpassungen, Intellekt und Über-Ich.

Der positive Zins (der Kapitalismus) ermöglicht den Herren und Damen vier Ängste nicht haben zu müssen:

Marx und Engels sprechen im kommunistischen Manifest in diesem Zusammenhang von öffentlicher Prostitution: die Knechte und Mägde sind dafür da (lat. prostituere heißt dafür da sein), dass die Herren und Damen die o.a. Ängste nicht haben müssen. Die Knechte und Mägde müssen klug werden und ihr Verhalten anpassen, damit sie die vom dem objektiv Geltenden, dem Kapital, der Herren und Damen abgeleiteten Zinsforderungen erfüllen können.

Marx meinte, wie vor ihm die „Umkehrer“ der frz. Revolution (lat. revolvere heißt umkehren, ein zentraler Begriff in den Eschatologien der abrahamitischen Religionen), man müsse mit Gewalt durch die Tore des Himmelreichs drängen. Das ist jedoch falsch, logisches Nachdenken und konsequentes Handeln genügt völlig, radikal friedlich und menschenrechtsradikal!

Der Sturm auf die Bastille.

Bei der Umkehr des Zinsvorzeichens (von positiven zu negativen Geldmarktzinsen) zerfällt das an der Nullgrenze des NETTO-Zinsflusses in zwei Teile gespaltene Wir und wird zu einem ganzen Wir. So wird dann also das Leib-Seele-Problem-gelöst und Intellekt und Affekt nicht weiter gegeneinander differenziert, Über-Ich nicht weiter über das Es erhoben, das Geld nicht mehr über die Schöpfung, die Damen und Herren nicht mehr über die Knechte und Mägde, und das Erste nicht mehr über das Letzte!

Wie eine vertikal orientierte schiefe Ziehharmonika wird der durch den positiven Zins inflationierte Turm zu Babel durch die Negativ-Zins-Ökonomie zusammensacken. Die Spitzen werden nicht gekappt, sondern fallen langsam auf das Sättigungsvermögen ab. Eine einfache Simulation des Vorgangs findet sich hier.

Es gibt dann nur noch ein Wir. Wir sind uns dann einig und wir sind dann auch alle gleich frei, der Mensch dient dann nicht mehr der Reproduktion des Kapitals, sondern das Kapital dient dem Selbsterhalt und der Hege und Pflege der Schöpfung, so wie es war, bevor dieser Wahnsinn begann.

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