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8. März 2018

Die Rückgabe der Liebesmüh'

In den letzten Wochen geistert in meinem Kopf die Frage herum, wie man das, was die Zinsnahme verursacht, sprachlich am besten einfängt, damit es begriffen werden kann. Es ist ein soziologisches Phänomen, das psychische Folgen hat.

Das Zinsnehmen erzeugt sogenannte Kontrahierungen, also Zusammenzurrungen, von Menschenmassen (vgl. zum Begriff des Kontrahierungszwangs). Die Menschen werden in Unternehmungen gebündelt, und aus ihrer Synergie, ihrer Liebesfähigkeit, ihrer Schaffens- und Schöpfungskraft wird infolge des zu tilgenden Zinses Nutzen gezogen, der ihnen in Form ihres Produkt, ihres Kindes der Arbeit, dem Ergebnis ihrer Liebe entzogen wird, wenn die Unternehmung fremd-kapitalisiert ist.

Der Kapitalismus beutet also unsere Liebesfähigkeit aus, unsere Fähigkeit, durch das Eingehen von Beziehungen Früchte zu erzeugen.

Wir sind in Beziehungen kreativ und diese Kreativität ist der Quell des Zinses. Das Geld wächst durch die Hingabe des Lebendigen. Der Zins ist der Zuwachs des Geldes.

Der Zuwachs, den Menschen von ihren Beziehungen erwarten, ist jedoch nichts Totes, sondern etwas Lebendiges, deswegen sind die Menschen verwirrt. Ihnen werden die ganze Zeit unterhalb ihrer Bewusstseinsschwelle die Früchte ihrer Kreativität geraubt, und so kann man, wie in Zeitlupe, beobachten, dass sich die Trauerphasen nach dem Zerbrechen einer Liebesbeziehung in der Wirtschaft wiederholen: die Menschen sind verwirrt, können es nicht glauben, sind wütend und traurig.

Im schlimmsten Fall tritt diese Wut offen zu Tage als Revolution oder Bürgerkrieg. Was die Menschen darin fordern, ist nichts weniger als die Rückgabe ihrer Liebesmüh. Sie fordern vom Kapital die gestohlene Liebe zurück.

Geld ist tote Liebe.

Georg Simmel: Geld, Wert, Spaltung, Begehren und Hunger

In diesen Tagen vervollständige und korrigiere ich außerdem meinen Artikel über den Zusammenhang von Ängsten der klassischen Neurosenlehre, die sich heute zwar anderer Begriffe bedient, doch immer noch gültig ist, und dem Geldsystem.

Ich habe angefangen „Die Philosophie des Geldes“ von Georg Simmel zu lesen. Simmel ist einer der Väter der modernen Soziologie. Das Buch ist hochinteressant, es beginnt damit, wie Wert entsteht, wie das Geld die Werte misst und was Wahrheit mit Preisen zu tun hat. Preise und Preisbildung sind ein soziales Phänomen.

Alle namhaften Soziologen haben sich mit dem Geld beschäftigt, weil Geld wirklich das A und das O von allem ist. Die Wirtschaftswissenschaften sind ein Teil der Soziologie und Wirklichkeit entsteht in sozialen Beziehungen. Man kann kein guter Seelenarzt sein, wenn man nicht zugleich fundiertes Wissen über Soziologie hat. Da würde sonst eine Hälfte fehlen.

Für Simmel entsteht Wert aus einer Diskrepanz von Wollen und Haben. Dinge, die ein Mensch nicht hat aber haben will haben für ihn Wert[1, S. 32 ff.]:

Dieser Prozess nun, der schließlich unser intellektuelles Weltbild zustande bringt, vollzieht sich auch innerhalb der willensmäßigen Praxis. Auch hier umfasst die Scheidung in das begehrende, genießende, wertende Subjekt und das als Wert beurteilte Objekt weder die ganzen seelischen Zustände noch die gesamte sachliche Systematik des praktischen Gebietes. Insoweit der Mensch irgendeinen Gegenstand nur genießt, liegt ein in sich völlig einheitlicher Aktus vor. Wir haben in solchem Augenblick eine Empfindung, die weder ein Bewusstsein eines uns gegenüberstehenden Objektes als solchen, noch ein Bewusstsein eines Ich enthält, das von seinem momentanen Zustande gesondert wäre. Hier begegnen sich Erscheinungen der tiefsten und der höchsten Art. Der rohe Trieb, insbesondere der von unpersönlich-genereller Natur, will sich an einem Gegenstande nur selbst los werden, es kommt ihm nur auf seine Befriedigung an, gleichviel, wodurch sie gewonnen sei; das Bewusstsein wird ausschließlich von dem Genuss erfüllt, ohne sich seinem Träger auf der einen Seite, seinem Gegenstand auf der anderen mit getrennten Akzentuierungen zuzuwenden. Andrerseits zeigt der ganz gesteigerte ästhetische Genuss dieselbe Form. Auch hier »vergessen wir uns selbst«, aber wir empfinden auch das Kunstwerk nicht mehr als etwas uns Gegenüberstehendes, weil die Seele völlig mit ihm verschmolzen ist, es ebenso in sich eingezogen, wie sie sich ihm hingegeben hat. Hier wie dort wird der psychologische Zustand von dem Gegensatz zwischen Subjekt und Objekt noch nicht oder nicht mehr berührt, aus seiner unbefangenen Einheit löst erst ein neu einsetzender Bewusstseinsprozess jene Kategorien aus und betrachtet nun erst den reinen Inhaltsgenuss einerseits als den Zustand eines dem Objekt gegenüberstehenden Subjekts, andrerseits als die Wirkung eines von dem Subjekt unabhängigen Objekts. Diese Spannung, die die naiv-praktische Einheit von Subjekt und Objekt auseinander treibt und beides - eines am anderen - erst für das Bewusstsein erzeugt, wird zunächst durch die bloße Tatsache des Begehrens hergestellt. Indem wir begehren, was wir noch nicht haben und genießen, tritt dessen Inhalt uns gegenüber. In dem ausgebildeten empirischen Leben steht zwar der fertige Gegenstand vor uns und wird daraufhin erst begehrt schon, weil außer den Ereignissen des Wollens viele andere, theoretische und gefühlsmäßige, zu der Objektwerdung der seelischen Inhalte wirken; allein innerhalb der praktischen Welt für sich allein, auf ihre innere Ordnung und ihre Begreiflichkeit hin angesehen, sind die Entstehung des Objekts als solchen und sein Begehrtwerden durch das Subjekt Korrelatbegriffe, sind die beiden Seiten des Differenzierungsprozesses, der die unmittelbare Einheit des Genussprozesses spaltet. Man hat behauptet, dass unsere Vorstellung von objektiver Realität aus dem Widerstand entspränge, den wir, insbesondere vermittelst des Tastsinnes, seitens der Dinge erfahren. Dies ist ohne weiteres auf das praktische Problem zu übertragen. Wir begehren die Dinge erst jenseits ihrer unbedingten Hingabe an unseren Gebrauch und Genuss, d. h. indem sie eben diesem irgendeinen Widerstand entgegensetzen; der Inhalt wird Gegenstand, sobald er uns entgegensteht, und zwar nicht nur in seiner empfundenen Undurchdringlichkeit, sondern in der Distanz des Nochnichtgenießens, deren subjektive Seite das Begehren ist. Wie Kant einmal sagt: die Möglichkeit der Erfahrung ist die Möglichkeit der Gegenstände der Erfahrung - weil Erfahrungen machen heißt: dass unser Bewusstsein die Sinnesempfindungen zu Gegenständen bildet - so ist die Möglichkeit des Begehrens die Möglichkeit der Gegenstände des Begehrens. Das so zustande gekommene Objekt, charakterisiert durch den Abstand vom Subjekt, den dessen Begehrung ebenso feststellt wie zu überwinden sucht - heißt uns ein Wert. Der Augenblick des Genusses selbst, in dem Subjekt und Objekt ihre Gegensätze verlöschen, konsumiert gleichsam den Wett; er entsteht erst wieder in der Trennung vom Subjekt, als Gegenüber, als Objekt. Die trivialen Erfahrungen: dass wir viele Besitztümer erst dann recht als Werte schätzen, wenn wir sie verloren haben; dass die bloße Versagtheit eines begehrten Dinges es oft mit einem Werte ausstattet, dem sein erlangter Genuss nur in sehr geringem Maße entspricht; dass die Entferntheit von den Gegenständen unserer Genüsse - in jedem unmittelbaren und übertragenen Sinne der Entfernung - sie in verklärtem Lichte und gesteigerten Reizen zeigt - alles dies sind Abkömmlinge, Modifikationen, Mischungsformen der grundlegenden Tatsache, dass der Wert nicht in der ungebrochenen Einheit des Genussmomentes entspringt, sondern indem dessen Inhalt sich als Objekt von dem Subjekt löst und ihm als jetzt erst Begehrtes gegenübertritt, das zu gewinnen es der Überwindung von Abständen, Hemmnissen, Schwierigkeiten bedarf. Um die obige Analogie wieder aufzunehmen: im letzten Grunde vielleicht drängten sich nicht die Realitäten durch die Widerstände, die sie uns leisten, in unser Bewusstsein, sondern diejenigen Vorstellungen, an welche Widerstandsempfindungen und Hemmungsgefühle geknüpft wären, hießen uns die objektiv realen, von uns unabhängig außerhalb unser befindlichen. So ist es nicht deshalb schwierig, die Dinge zu erlangen, weil sie wertvoll sind, sondern wir nennen diejenigen wertvoll, die unserer Begehrung, sie zu erlangen, Hemmnisse entgegensetzen. Indem dies Begehren sich gleichsam an ihnen bricht oder zur Stauung kommt, erwächst ihnen eine Bedeutsamkeit, zu deren Anerkennung der ungehemmte Wille sich niemals veranlasst gesehen hätte.

Das Gefühl für diese Spaltung ist eine Art Hunger, der wie ein Antrieb ist. In anderen Kontexten nennt man es auch Begehren oder Gier, der Hunger nach Neuem ist Neugier.

Geld ist gegen alles ein tauschbar, was konsumierbar ist. Der Konsum ist die Vernichtung des Werts einer Sache, denn im Moment des Konsums hat man sich das, was man will einverleibt.

Insofern symbolisiert Geld Spaltung, denn Geld kann man nicht essen.

Referenzen / Einzelnachweise

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