Vorheriges Überblick Nächstes

4. März 2018

Liebe Deinen Feind!

Das Freund/Feind Schema verschwindet bei negativem Zins, es ist ein kapitalistisches Relikt. Als ich meine derzeitige Arbeit Anfang 2015 begann, hatte ich von den verwendeten Begriffen in der Ökonomie, der Wirtschaft der Soziologie und dem Rechtswesen weitestgehend keine Ahnung. Es war für mich ein Rätsel, dass und warum es Menschen gibt, die in der volkswirtschaftlichen und ökonomischen Situation, in der wir damals steckten, in Hinblick auf die Geschichte des Abendlandes ernsthaft am Prinzip positiver Zinsen festhalten wollen.

Denkschulen und Denkfabriken (Thinktanks)

Ich entdeckte mit der Zeit ganze Institute, wie das Ludwig von Mises gewidmete Mises Institut, das auch einen amerikanischen Zweig hat, die sich voll und ganz der kommunikativen Pflege der kapitalistischen Ideologie widmen.

In der Terminologie der Sozialwissenschaften werden derlei Institute als reale Verkörperungen von ökonomischen und philosophischen Denkschulen in Abgrenzung zu den spezielleren sog. Denkfabriken (engl. Thinktank) bezeichnet. Hinter einer Denkfabrik steckt nicht immer eine einheitliche Ideologie, wie im Falle der ökonomischen Denkschulen. Eine der großen Schulen des Kapitalismus ist die Österreichische Schule in/an der auch Joseph Schumpeter ausgebildet wurde, eine andere ist die Chicagoer Schule.

Das Produkt gut bezahlter Trolle: eingehegte Meinung, Verblendung und geistige Verwirrung rund um den Maschinenraum der Ökonomie!

In den postfaktischen Zeiten ist das Phänomen der Trolle bekannt, die in den sozialen Medien (facebook, twitter, instagram, youtube, etc.) Stimmung und Meinung gegen bestimmte politische Haltungen und Einstellungen machen. Sind diese Gruppen bezahlt, spricht man von Troll-Armeen, hinter denen handfeste, zumeist wirtschaftliche oder politische Interessen stehen.

Ein Teil vernünftigen Verhaltens ist die Abwehr von Strafen, Verletzungen und körperlicher und seelischer Schmerzen. Die Emotion, die für das Individuum möglicherweise gefährliche und gar schmerzhafte Folgen ausweist, ist die Angst. Angst vor Abstieg, vor Strafen, vor Anarchie, vor Gewaltausbrüchen, Revolution, Zusammenbruch oder vor dem Verlust von Moral oder ethischer Normen, vor kulturellem oder sozialem Chaos, Anomie und Anarchie. Das Ziel dieser Troll-Gruppen ist die Formung des Volkswillens und die Einhegung des Zeitgeistes in Gehege aus Angst und anderen Emotionen (vgl. Tagebuch vom 16. Februar 2018).

Von den Trollen zu unterscheiden sind diejenigen, die in Folge ihrer Ausbildung unbewusst einer Ideologie anhängen, deren Folgen die Betreffenden nicht überblicken können und die so gebaut ist, dass der Betroffene das Gefühl hat, den Boden unter den Füßen zu verlieren, wenn er den „Denkrahmen“ der Ideologie verlässt. Solche Menschen und Gruppen, die offen und ehrlich eine bestimmte Ideologie vertreten und verbreiten, sollte man also nicht als „Trolle“ bezeichnen, auch wenn die soziale und psychologische Wirkung vergleichbar ist, denn sie wissen nicht was sie tun. Für mich sind ökonomische Ideologen solange Trolle, bis sie sich in ihrem Denken von der Vorzeichenfestlegung beim Zins intellektuell gelöst haben und auch die Wirkung des anderen Vorzeichens kennen.

Aus einer E-Mail

Einer der Begriffe, denen ich mich am Anfang stellen musste, war der des Urzinses (der Zins aus den Zeiten Urs), den sowohl linke („Negativzinsler“) als auch rechte Ökonomen („Positivzinsler“) für sich unterschiedlich definieren. In der Auseinandersetzung mit der Bedeutung dieses Begriffs stieß ich auf Ludwig von Mises und das Mises Institut. Vor etwa zwei Jahren hatte ich ein paar E-Mail-Wechsel mit Philipp Bagus und dann ein Telefonat mit Andreas Marquart. Die folgende E-Mail schließt an die frühere Konversation an, denn Miserianer werden trotz verkehrter Welt, trotz des Vorzeichenunterschieds des Geldmarktzinses und des Urzinses der Österreichischen Schule, als Träger tugendhaften Verhaltens in einem zur Sünde verführenden System gebraucht.

  1. Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.
  2. Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht.
  3. Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich.
Die Sündhaftigkeit der Negativzins-Ökonomie (Schulden machen und dafür Zins bekommen) entspringt natürlich einer kapitalistischen Sicht.

Am Haus nagen: E-Mail an Philipp Bagus, CC Andreas Marquart

Moin Philipp,

es ist jetzt etwa zwei Jahre 2 Jahre her, dass wir miteinander per E-Mail zu tun hatten. Das, was damals noch als unmöglich und unwahrscheinlich erschien, ist heute nicht nur möglich und wahrscheinlich geworden sondern, in Hinblick auf die Ergebnisse von z.b. Marx und Schumpeter, die notwendige Folge des Kapitalismus, denn wir wollen nicht in einem neuen Sozialismus leben, und dauerhaft niedrige Zinsen bedeuten Sozialismus oder „Flaute auf dem Meer der Wirtschaft“.

„Der Urzins muss stets positiv sein“ war ein Satz, den mir Andreas Marquart nahe gebracht hat.

@Andreas Marquart: Herzlichen Dank dafür, dass Sie sich damals für mich Zeit genommen haben !!!

Ich habe die Definition des Urzinses in Ludwig von Mises' Nationalökonomie nachgelesen und ihn als das (logarithmierte) Verhältnis des Wertes der Genussmittel und der zu ihrer Erreichung eingesetzten komplementären Güter identifiziert[1, 6. KAPITEL: DER ZINS I. Die Zinserscheinung, S. 474 ff.], als das logarithmierte Verhältnis des Wertes des Zwecks und des Wertes des zur Erreichung des Zwecks eingesetzten Mittels. Der positive Urzins ist das Kernprinzip des Utilitarismus. „Der Nutzen muss positiv sein“ könnte man es in anderen Worten formulieren.

Vernünftige Mittel sind solche deren Wert kleiner ist, als der Wert des damit erreichbaren Zwecks. Darstellungen von Mitteln sind Hingabe von Arbeit, Geld, Materiellem oder irgendeine andere Art „Opfer“.

Der Urzins ist aber nicht der Geldmarktzins, und bei der Frage nach dem Nutzen [des Zinsvorzeichens] ist stets danach zu fragen, wem es nutzt und wem nicht. Für Euch Österreicher ist der Urzins in einer für mich nicht nachvollziehbaren Weise mit der Zeitpräferenz gleichgesetzt.



Prof. Philipp Bagus zum Urzins.

Für mich ist der Urzins so etwas wie ein Vernunftmaß, und Zeitpräferenz verstehe ich so:

Wenn ich in der Mittel/Zweck Sprache über vernünftiges Handeln nachdenke und in Abhängigkeit vom Geldmarktzins den gegenwärtigen Nutzen eines für mich erreichbaren Konsumguts mit dem zukünftigen Nutzen von in der Zukunft erreichbaren Konsumgütern, deren realer Wert meiner gegenwärtige Geldmenge zuzüglich des Geldmarktzinses und abzüglich der Inflationsrate (Fisher-Gleichung) ist, gegeneinander abwäge, dann stelle ich fest, dass ich bei positivem Zins vielleicht in der Zukunft mehr kaufen kann, die Zukunft aber sicher unsicherer ist als die Gegenwart und ich bei negativem Zins eventuell in Zukunft weniger von dem Geld kaufen kann, dafür aber in einem sozial viel sicheren Umfeld leben werde.

Umgekehrt, im Fall des gegenwärtigen Konsums und wenn der Geldmarktzins positiv ist, werde ich wohl in Zukunft sehr viel härter für das gleiche Reale arbeiten müssen als in der Gegenwart, und aber im anderen Fall, wenn der Geldmarktzins negativ ist, werde ich in Zukunft einen höheren Reallohn haben und kann meine gegenwärtigen Bedürfnisse stillen.

Die Zinsen werden jetzt negativ, und das ist nicht der Untergang der Welt, sondern die Erreichung des Zwecks des Kapitalismus.

Der Wert des Mittels ist die eingesetzte Geldmenge, also das Maß dessen, was man dem Lebendigen und der Natur an Würde nehmen kann, ohne dass das Leben ganz stirbt.

Ich bin ganz bei Schumpeter, wenn ich zumindest vom Kapitalismus sage, dass er nicht nur Schatten sondern auch Licht gebracht hat, und ich bin ganz bei mir, wenn ich sage, dass auch der Kommunismus, also die Negativzins-Ökonomie, sowohl Licht als auch Schatten bringen wird.

Negativzins bedeutet nicht die Umkehrung des Verhältnisses von Herren und Knechten, Ausbeutern und Ausgebeuteten, sondern nur die Umkehrung von Freiheit und Zwang im Verhältnis von Kapital und Arbeit.

Arbeit beutet bei negativem Zins das Kapital aus, bei positivem Zins ist es umgekehrt.

Nur Menschen, die sich allein und vollständig als Kapital betrachten, für die das Eigentum und das Kapital eine wesentliche Stütze, wenn nicht sogar die tragende Säule ihrer Identität ist, werden das Gefühl haben, dass sie ausgebeutet werden, doch dieses Gefühl ist gleichbedeutend damit, dass diese Menschen ihrer Arbeit und ihrem Selbst gar keinen Wert beimessen.

Für so einen halte ich Dich nicht, Du gehörst nicht in ein Museum, sondern Du bist lebendig!

Wer weiß, vielleicht begehen wir ja in ein paar Jahrhunderten den Sündenfall erneut.

Bis dahin muss es weitergehen.

Philipp, ich erneuere mein Gesprächsangebot und mein Angebot der Zusammenarbeit. Für mich hat Geldpolitik eben zwei Hälften: eine Hälfte mit positivem Geldmarktzins und eine Hälfte mit negativem Geldmarktzins.

Der Raum zins-politischer Möglichkeiten.

Bei negativem Zins bekommen die Leihnehmer den Zins und ihnen obliegt es, die Wertaufbewahrungsfunktion zu ersetzen und zu gestalten. Wenn Du das gesamte Wissen, das Du hast, „Zins-logisch umkehrst“, dann erhältst Du das vernünftige Verhalten in einer Negativzins-Ökonomie.

Sich aus der Analyse kapitalistischer Kausalketten durch Urprungsspiegelung ergebende Kausalketten in einer Negativ-Zins-Ökonomie.

Ist es nicht viel spannender, dass der Götze etwas Lebendiges ist und nicht mehr etwas Totes?

Es ist viel zu tun, packen wir es an!

Mit besten Grüßen,

Referenzen / Einzelnachweise

Vorheriges Überblick Nächstes