Anmerkung:

Der folgende Text ist eine komprimierte Zusammenfassung eines Kapitels von Fritz Riemanns Hauptwerk Grundformen der Angst. Ich habe mich darum bemüht, Riemanns reiche Worte zur Beschreibung der vier Grundängste möglichst vollständig zu erhalten. Dennoch ist in dieser Reduktion mit Sicherheit Einiges verloren gegangen. Mein Anteil an diesem Aufschrieb, den ich eher als „Notizen“ betrachte, ist in dieser untersten Verarbeitungsebene von Riemanns Werk nur sehr spärlich und gering. Er beschränkt sich auf eine Reduktionsleistung, das Meiste ist Riemanns. Dennoch finden sich an einigen Stellen Worte und Formulierungen, die meine sind. Zitate Riemanns sind grau gekennzeichnet.

Das Anfertigen dieses Textes dient mir dazu, dem Leser, der Riemanns Werk noch nicht kennt, die Brückenteile und Schlüsse nachvollziehbar zu machen, die ich zu meiner Theorie hinschlage. Das Lesen dieses Textes hier kann das sorgfältige Lesen Riemanns Werk nicht ersetzen. Jeder wird Riemann anders auffassen und ihn anders auf die jeweils eigene Sichtweise reduzieren. Kaufen Sie sich daher das Buch (ISBN 978-3-497-02422-3) und lesen Sie es selbst.

Die hysterische Persönlichkeit: Die Angst vor Notwendigkeit, Festlegung und Endgültigkeit

Die hysterische Persönlichkeit, der H-Typ, ist fasziniert von Reizen, dem Kennenlernen von Unbekanntem, der Freude am Wagnis, an Abenteuern, Erlebnissen und Erfahrungen, die den gewohnten Rahmen sprengen, um alle Möglichkeiten seines Wesens in seinen Beziehungen kennenzulernen.

Er hat Angst vor dem Endgültigen, dem Unausweichlichen, der Notwendigkeit und der Begrenztheit seines Freiheitsdrangs. Er scheut hingegen nicht die Wandlung und das Risiko, strebt nach Veränderung und Freiheit, bejaht alles Neue, ist risikofreudig. Die Möglichkeiten der Zukunft erscheinen ihm als große Chance.

Er fürchtet hingegen Einschränkungen der Möglichkeiten, Zwänge, festlegende Gesetzmäßigkeiten, Traditionen. Sie bleiben gerne unverbindlich, scheuen Verpflichtungen, lehnen Ansprüche auf ewige Gültigkeit ab. Alles soll für sie relativ, lebendig und farbig bleiben. Sie hängen nicht an der Vergangenheit, zelebrieren den Augenblick, sind opportunistisch, nutzen alle sich ihnen bietenden gegenwärtigen Möglichkeiten für einen Lustgewinn, halten sich für die Zukunft das weite Feld der Möglichkeiten offen, ohne sie konkret zu planen (vgl. zum Begriff der Ergodizität und der adiabatischen (reversiblen) Zustandsänderungen), lösen sich von der Vergangenheit, wenden sich der Zukunft zu und opfern dafür Gegebenes, Herkömmliches, Bestehendes.

Er lebt von Augenblick zu Augenblick, ohne feste Pläne und klare Ziele (vgl. teleologisches Handeln), immer in Erwartung von etwas Neuem, neue Reize und Eindrücke suchend, leicht ablenkbar durch ein gegenwärtiges, sich ihm bietendes Reizangebot. Er braucht das Gefühl der Freiheit als Abwehr gegen das Gefühl der Einengung durch Ordnungen und Gesetzmäßigkeiten, hat Angst vor dem Sich-Festlegen, dem Nicht-ausweichen-Können. Die so erstrebte Freiheit ist mehr eine Freiheit von etwas als für etwas.

Er sträubt sich gegen Gesetze des Lebens und der Natur, weist sogar das (physikalische) Prinzip der Kausalität (Zusammenhang von Ursache und Wirkung) zurück, lebt in Folge dieser Haltung „wie in einer Gummiwelt“, die er nach Belieben und Willkür (wie ein Anarchist) umgestaltet. Vor den Konsequenzen des eigenen Handelns weicht er durch Hintertüren aus.

Er meidet oder negiert biologische Gesetzmäßigkeiten wie die Geschlechterrollen, das Altern und den Tod, aber auch (soziale) Konventionen, kollektive Spielregeln aller Art, Vorschriften und Gesetze. Er fürchtet am meisten die unvermeidlich begrenzenden Seiten des Lebens und der Welt, die Wirklichkeit, die Realität, Tatsachen, an die man sich anpassen und sie hinnehmen muss, aus der Erkenntnis der Abhängigkeit von Lebensgesetzlichkeiten.

Der H-Typ stellt die Realität in Frage, relativiert oder bagatellisiert sie, deutet sie um, ignoriert sie, erkennt sich nicht an, versucht sie zu sprengen, sich ihr zu entziehen, sie damit abwehrend und vor ihr ausweichend. Er lebt damit leicht in einer gefährlichen, illusorischen, unwirklichen Scheinwelt einer Pseudorealität, in der es Phantasie, Wünsche und Möglichkeiten gibt, jedoch keine (begrenzende) Realität.

Riemann beschreibt den hysterischen Teufelskreis: es besteht eine Kluft zwischen Realität und Scheinwelt/Pseudowirklichkeit des Hysterikers, aufgrund mangelnden Realitätsbezugs erfolgt der Ausbau der Schweinwelt, die Kluft wächst. Das Kausalitätsprinzip, der Zusammenhang von Ursache und Wirkung, die Folgen von Handlungen, werden ignoriert nach dem Motto nach mir die Sintflut, er opfert die Zukunft auf dem Teller der kurzfristigen Angebote der Gegenwart, stapelt Erwartungen hoch, suggeriert Existenz von Zielen, die nicht im kausalen Zusammenhang zu gegenwärtigen Handlungen stehen, hat naive Erwartungsvorstellungen. Sie haben Schwierigkeiten, ihre begehrenden Affekte zu kontrollieren, die Bedürfnisspannung zu ertragen (vgl. Begriff des Wertes bei Simmel, die Diskrepanz von haben und wollen, der Aufschub von Belohnungen, das Grundprinzip des Kapitalismus gelingt ihnen nicht, das Warten ist unerträglich). Sie werden von Reizen überschwemmt und genießen das „Bad“ darin. Sie sind dabei teils skrupellos, allein des eigenen Vorteils bedacht, verdrängen, vergessen und ignorieren ihre Schuld am Chaos, das sie stiften und Unangenehmes.

Sie haben eine ausgeprägte Neigung, von Wünschen besessen zu sein und einen starken Drang zur Sofortbefriedigung (Gegenteil von Belohnungsaufschub, können nicht sparen), neigen zu Promiskuität, haben eine mangelnde Affekt- und Impulskontrolle, die Folgen des Handelns ignorierend. Sie erlernen folglich Techniken, sich den unbedachten Folgen des Handelns zu entziehen, dichten die Geschehnisse um, verfälschen sie. Sie weichen vor dem Verzicht, dem Warten und der Verantwortung des eigenen Handelns aus. Der H-Typ empfindet Pünktlichkeit, Zeitplanung und Zeiteinteilung als lästig, zu pedantisch oder kleinlich.

Er will sich nicht wie ein Erwachsener verantworten, ignoriert das Altern, will ewig jung bleiben, unterliegt einem Wahn ewiger Jugend, schreckt dabei auch nicht vor Mitteln wie kosmetischer Chirurgie zurück. Sorgen vor der Zukunft und Aufregungen werden verdrängt.

Ethik und Moral, gut-und-böse-Schemata ist für den H-Typ unverbindlich und wird bezweifelt, sei von Perspektive und Standpunkt (relativ) abhängig, die Welt ist für ihn angenehm plastisch und biegsam, Fehler lassen sich für ihn umdeuten.

Logik ist für ihn eine lästige Realität, er entwickelt eine private Pseudologik, verwendet Sprache auf eine manipulative Weise, strickt sich damit seine Scheinwelt, die aufgrund der bewussten oder unbewussten (Selbst)lügen brüchig und fragil ist.

Sie haben hintergründig Angst vor Festlegung und (logischer) Notwendigkeit, Verpflichtungen und Endgültigem, haben vordergründig relativ dazu auf Nebensächliches und Vermeidbares verschobene Ängste, z.B. Platz- und Straßenangst, Angst vor der Gefangenheit, geschlossener Räume, Klaustrophobie, Tierphobien. Die grundlegende hintergründige Angst wird abgewehrt, indem sie auf vermeidbare Situationen von Enge und Ausweglosigkeit abgeschoben wird. Die angstbesetzten Objekte sind dann (projizierte) Symbole der hintergründigen Angst.

Das Verhalten des H-Typs erzeugt scheinbar und paradoxerweise ausweglose Situationen, in denen dann strenge Notwendigkeiten bestehen. Strategien zum Weg in diese aussichtslosen Lebenslagen: immer nur im Moment und den Augenblick zu erleben, die Ursachen und die Wirkungen ignorieren. Er hat ein mangelndes Fehlergedächtnis, lernt nicht aus Fehlern, weist ein plastisches, formflexibles Verhalten auf und führt ein geschichtsvergessenes, gewissenloses Leben in dem es aus Angst vor Notwendigkeiten und Zwängen allein um die persönliche Freiheit geht und weniger um die Freiheit der anderen.

Durch das Durchbrechen zeitlicher und kausaler Zusammenhänge erreichen die hysterischen Persönlichkeiten ihre allgemeine Plastizität; sie leben gleichsam geschichtslos, ohne Vergangenheit (vgl. Gedächtnis-Eigenschaft von Markow-Kette). So werfen sie zwar einen erheblichen Ballast ab, aber andererseits kommt dadurch in ihr Leben etwas Punktförmiges, Fragmentarisches und Schillerndes, ein Mangel an Kontinuität. Sie können sich chameleonartig jeder neuen Situation anpassen, entwickeln aber zu wenig von jener Ich-Kontinuität, die wir als Charakter zu bezeichnen pflegen. Sie erscheinen daher unberechenbar und sind schwer zu fassen. Da sie immer irgendeine Rolle spielen, die auf den jeweiligen Augenblick und seine Bedürfnisse sowie auf die jeweilige Bezugsperson ausgerichtet ist, wissen sie zuletzt vor lauter Rollenspielen nicht mehr, wer sie selbst sind. So entwickeln sie eine Pseudopersönlichkeit ohne Kontinuität, klare Konturen und charakterliche Prägung.

Sie verschieben (projizieren) die Schuld auf andere, drehen so den Spieß um, verwandeln reflexhaft, wie bei Kindern zu beobachten, Selbstvorwürfe in Fremdvorwürfe, Kritik in Gegenkritik und Gegenvorwürfe, die teils unverbunden sind mit der gegenwärtigen Situation, vermeiden so die Selbsteinsicht, glauben am Ende selbst ihre Umkehrungen. Dieser Glaube ist jedoch in Gewissheit der eigenen Lügen brüchig, von einem untergründigen Gefühl der Unsicherheit, unbestimmten Ängsten begleitet Sie fliehen beim Aufdecken der Lügengebäude in Krankheit, schieben ihr Verhalten auf die Verursacher ihres Krankseins, um Zeit zu gewinnen.

Liebe/Libido

Der H-Typ liebt die (bzw. nur einen Teil der) Liebe und alles, was ihn in seinem Selbstwertgefühl zu steigern vermag: Rausch, Extase, Leidenschaft.. Er steigert sich gern in Höhepunkte des Erlebens. Er ist von grenzüberschreitenden (Transzendenz) Erfahrungen fasziniert und wird davon angezogen, Im Streben danach gibt er sein Ich jedoch nicht auf, sondern erlebt das Neue, den Rausch und seine Intensität und das Auflösen der Ich-Grenze als Ich-Erweiterungen.

In seinen Liebesbeziehungen ist der H-Typ also intensiv, leidenschaftlich und fordernd, sucht Selbstbestätigung, missbraucht die Liebe und den Sex, die er oft mehr liebt als den Partner, zur eigenen Berauschung in Erwartung eines neuen Höhepunkts seines Lebens. Er ist ein Meister der Erotik und der Erzeugung einer erotischen Atmosphäre, ist ein Meister des Flirts, der Koketterie, der Verführung und der Suggestion, die er dafür nutzt, seine eigene Liebenswürdigkeit, seine Reize und Vorzüge im Partner zu hegen. Er erkennt und stimuliert das Begehren im Partner, wird gar sein Beherrscher und Dompteur, kann gut mit dem anderen Geschlecht umgehen, Beziehungen zu ihm sind nie langweilig. Er will aus Neugier und aus Lebenshunger die Liebe in allen Facetten, Formen und Gestalten kennen lernen.

Er liebt Glanz, Pracht, Feste und Feiern als Gast und als Gastgeber, versucht dort im Mittelpunkt zu stehen durch Charme, Temperament, Gewandtheit und Direktheit. Er liebt das Sensationelle und verachtet die Langeweile. Als Partner ist er wie ein Kanarienvogel: farbig, Lebendigem zugewandt, spontan impulsiv, genussfroh, phantasiereich und verspielt. Die eigene Treue ist nicht so wichtig. Heimliche Liebschaften des H-Typ bedienen die Sucht nach Rausch und Reiz.

Zärtliches Vorspiel, erotisches Spiel ist ihnen wichtiger als die Erfüllung sexueller Wünsche, sie wollen das Ende und den Höhepunkt zugunsten des Rauschs des Augenblicks hinauszögern, haben Schwierigkeiten mit der Umstellung von außergewöhnlichen Erlebnissen wie Urlauben, Flitterwochen, Partywochenenden auf den langweiligen Alltag. Sex ist für sie ein Mittel zum Zweck der Steigerung des Selbstwertgefühls und des Ausbaus der Macht gegenüber dem Partner. Sie wollen den Rausch der Machtausstrahlung ihres Wesens erleben, missbrauchen das Sich-Geben und Sich-Verweigern erpresserisch.

Je hysterischer, desto fordernder ist die Haltung und ihr Wunsch begehrt und bestätigt zu werden. Die Liebesbeziehung ist ihnen dazu nur ein Mittel. Ihr eigenes Selbstwertgefühl steht und fällt mit ihrer subjektiven Erfahrung begehrt zu werden, weswegen sie große Schwierigkeiten mit dem Altern und dem damit unweigerlich einhergehenden schleichenden Verlust ihrer Begehrenswertigkeit haben.

Der H-Typ braucht den Partner als Spiegel, der ihm mit seinem Begehren sein löcheriges Selbstwertgefühl aufpolstern soll. Sein Narzissmus, seine Eigenliebe, bedarf immerwährender Bestätigung; er unterliegt deshalb leicht Schmeicheleien, die er nur zu gerne glaubt. Der Partner soll den Charme, die Schönheit, die Bedeutung, die Begehrenswertigkeit und die sonstigen Vorzüge des H-Typs bestätigen, der deswegen oft auch nach einer Wesensähnlichkeit im Partner sucht und also zu einer narzisstischen Partnerwahl neigt. Manchmal suchen sie sich auch einen gegensätzlichen Partner, mit dem zusammen durch den Kontrast ihre eigenen Vorzüge stärker zur Geltung kommen.

Wählen sie sich einen depressiven Partner, der ihnen einen sicheren Hafen und Rückhalt bietet, können sie sich mit ihrem Charme, ihrer schillernden Gewandheit und ihrem Verführungsvermögen gegenüber Dritten im Leben Türen öffnen. Werden dabei Grenzen des Anstands und der Treue überschritten, kann ein depressiver Partner die Schäden besser ertragen, als ein nicht depressiver. So kommt das ungleiche Paar voran.

Der H-Typ ist ein Schürzenjäger oder eine Männerfresserin und so leidet sein Partner nicht selten an Erschöpfungszuständen nach der Verausgabung in der Bestätigung des H-Typs. Die „verbrauchten Partner” sammeln sie wie Trophäen, die ihren Selbstwert messen. Ihr zu hoher Liebesanspruch verursacht Enttäuschungen, Unzufriedenheiten, Launen, Verstimmungen und fordernde Anklagen nach immer neuen Liebesbeweisen, wie dem öffentlichen oder finanziellen Erfolg des als Spiegel missbrauchten Partners. Fast ausschließliche Quelle des Selbswertgefühls sind die Liebesbeweise, die er unersättlich einfordert und sogar erzwingt: er vergleicht den Partner mit anderen, zwingt ihn so in einen Wettbewerb, behauptet, nur der Konkurrent würde »wirklich« lieben. Wenn der Partner sich zurückzieht, inszeniert er eine Drama oder eine Katastrohe. Der Partner erlebt eine für ihn schwer durchschaubare Mischung aus Gefühl und Berechnung.

In der Ehe fordert er mehr, als er zu geben bereit ist, scheitert so an der Liebe und erlebt Enttäuschungen, viele Trennungen und Neuanfänge, wobei der neue Partner die subjektiven Entbehrungen des H-Typs kompensieren soll, damit von Anfang an überfordert ist und die Beziehung so erneut scheitert.

Der H-Typ glaubt an illusorische Täuschungen einer überlegenen, unfehlbaren Idealehe, er hat kein echtes, wahrhaftiges, gleich- und gegengeschlechtliches Vorbild und also ein brüchiges Selbstbild. Er bleibt länger emotional mit seinen kindlichen Bezugspersonen verhaftet, hat es schwer, sich von der Identifikation mit ihnen um das 4. bis 6. Lebensjahr zu lösen.

Er steht vor zwei Möglichkeiten: entweder er wiederholt aus der Erfahrung der Kindheit die kindlich-verehrende und idealisierende Rollenerwartung an das entgegengesetzte Geschlecht oder er überträgt (projiziert) auf den Partner die Enttäuschungen, die Angst und den Hass als negative Erwartungen an das projizierte Rollenbild im Partner (projektive Identifikation). Man projiziert dann das ehemalige Vater- oder Mutter-Bild auf den Partner oder die Partnerin, und stellt sich auf diese seine Projektion so ein, wie man zu den Urbildern eingestellt war, wird dann weder dem Partner noch seiner eigenen Partnerrolle gerecht, weil man zu sehr in der alten Sohn- oder Tochter-Rolle stecken bleibt.

Der H-Typ reinszeniert also das Drama seiner Kindheit, schlüpft dem projektiv identifizierten Partner gegenüber in die Rolle eines Rächers, der die Verletzungen der Kindheit des H-Typs bestraft. Sadistische, despotische Männerfresserinnen (z.B. Herrinnen, Dominas, dämonisch-zerstörerische Frauen, Circes, die Männer benutzen, erniedrigen, sexuell hörig machen, sie physisch, psychisch/seelisch oder materiell überfordern, ausnutzen, aussaugen, entmachten, »kastrieren«, indem sie ihre Männlichkeit abwerten) und herzensbrechende Schürzenjäger (oder Loverboys), sind nicht selten die erwachsenen Darstellungen und über-kompensatorische Folgen ihrer Kindheitsverhältnisse. Bei extremen Enttäuschungen vom anderen Geschlecht kann es zur Homosexualität kommen.

Der H-Typ hat eine starke innere Abhängigkeit zu seinen früheren familiären Bezugspersonen, gerät deswegen oft in Dreiecksbeziehungen, in denen er unbewusst seine Rollenstellung zwischen den Eltern wiederholt. H-Typen geraten also oft an Partner, die schon gebunden und nicht frei sind, damit sie mit dem Konkurrenten die Rivalitäten der Kindheit reinszenieren können. Zerbricht die Beziehung, verlieren sie das Interesse, denn dann ist die Struktur zerfallen, die sie mit dem Beziehungs-Urbild der Kindheit identifizieren können. An einem so von ihnen befreiten Partner haben sie kein Interesse mehr, denn dann wären sie selbst festgelegt, gebunden und notwendigerweise gefordert.

Um den H-Typ in Schutz zu nehmen, ist zu sagen, dass sie die an ihnen in der Kindheit begangenen Sünden weitergeben, sie in der Gegenwart als Drama reinszenieren, um sie endlich auflösen zu können. Sie haben mangels Vorbildern in der Kindheit einen zurückgebliebenen Entwicklungsstand ihrer Geschlechterrollen, illusorische Rollenvorstellungen in zwischengeschlechtlichen Beziehungen, das Geschlechtliche in ihnen wurde zu früh oder nicht angesprochen, zurückgewiesen oder abgelehnt. Als Erwachsene haben sie keine wahrhaftige, in sich stabile und konsistente Männlich- oder Weiblichkeit, ein schwaches Selbstwertgefühl. Zwischen der vorgeschobenen, brüchigen Geschlechterrolle und der Identität klafft eine seelische Lücke.

Das Hauptproblem der H-Typen ist das Ausleben ihrer illusorischen Erwartungsvorstellungen vom Leben, der Liebe, der Ehe und vom anderen und eigenen Geschlecht. Ein Missverhältnis zwischen fordernder Haltung, wacher Sehnsucht und erwartungsvollem Anspruch und der Bereitschaft zu geben ist Ursache und Folge von Enttäuschungen in Liebesbeziehungen. Sie begreifen jedoch nicht, dass die Ursache der Enttäuschung die eigene Täuschung ist und sich also durch ihr Verhalten als Wirkung reproduziert.

Sie wählen ihre Partner nach materiellen und Prestigegesichtspunkten - nach Oberflächlichkeiten - aus: Stellung, Vermögen, Titel, Ansehen und äußere Vorzüge des Partners sind ihnen wichtiger als charakterliche Werte. Sie lassen sich in ihrer kindlichen Einstellung von Äußerlichkeiten blenden und verführen und schieben die Schuld an den Enttäuschungen auf den Partner ab. Sie haben Angst davor, sich selbst Unwert zuschreiben zu müssen, vermeiden und verdrängen deswegen das Erleben von Erschütterungen des Selbstbildes und des Selbstwerts, wehren diese Angst durch das süchtige, unbefriedbare Streben nach Bestätigung ab, suchen damit jedoch nicht dort, wo sie es finden könnten, nämlich in sich, sondern außen. Sie müssten lernen, sich selbst zu lieben und zu pflegen, stattdessen benutzen und missbrauchen sie jedoch andere zu diesem Zweck. (vgl. Histrionisch P.S., Narzissmus, Borderline P.S.)

Eigene Mängel projizieren sie auf den Partner, überzeichnen identifikatorisch seine tatsächliche Rolle, schreiben ihm Schuld zu, klagen ihn an, vedrehen die Logik, verleumden und intrigieren. Er wehrt sich erbittert gegen sein Fehlverhalten feststellende Aussagen, windet sich heraus, versucht, sich der logischen, das Unbestimmte einengenden Argumentation zu entziehen. Er verhält sich in logisch einengender Kommunikation elastisch, formflexibel und ausweichend. Will man ihn als Gesprächspartner halten, so muss man ihm Auswege lassen. H-Typen haben Angst vor Partnern, die ihr Spiel und Bedürfnis nach Bestätigt- und Bewundertwerdenwollen durchschauen (z.B. Schizoide), tendieren eher zu anhänglichen, aufopfernden und hingebungsvollen Partnern (Depressiven).

Aggression/Destrudo

Zwischen dem 4. und 6. Lebensjahr erwirbt das Kind das Konkurrieren und Rivalisieren, das geschlechtsspezifische Werben und Erobern als für dieses Alter spezifische Aggressionsformen hinzu. Es sind Verhaltensweisen, die dazu dienen, im Wettstreit mit Rivalen das Selbstwertgefühl zu steigern und Gefährdungen des Selbstwertgefühls abzuwehren. Die Abwehr stellt sich in einem Geltungsstreben und einem Sich-bewähren-Wollen dar.

Die Aggression des H-Typs ist elastisch, spontan, unbekümmert und oft unüberlegt, ist weniger nachhaltend und nachtragend zwischen Impulsivität und Willkür und eher personen- als sachbezogen. Das hysterische Wesensmerkmal bemisst sich in der Stärke des Geltungsdrangs. Extremformen sind hybride Selbstglorifizierung bis zur Hochstapelei. Der Hysterische ist empfindlich gegenüber narzisstischer Kränkung, ist dann ein Angeber, entwickelt eine unersättliche Geltungssucht, schiebt sich in den Vordergrund, sieht unter allen Gleichgeschlechtlichen potenzielle Rivalen. Er will imponieren, Eindruck auf andere machen, umso mehr im Mittelpunkt stehen je größer die Unsicherheit aufgrund der Diskrepanz zwischen Schein und Sein, Wunsch-Ich und Real-Ich ist. Weil es an Selbstkritik und Selbstkontrolle mangelt, ist die Aggression impulsiv, geht zu weit, ist übertrieben, dem archaischen Bewegungssturm nahe stehend, wird zur Dramatisierung und zur Beeindruckung eingesetzt. Er will damit überraschen und überrumpeln, statt strategisch zu planen, Angriff ist für ihn die beste Verteidigung. Die hysterische Aggression ist nicht selten unlogisch.

Er hat ein labiles Selbstwertgefühl, mangelnde Identität mit sich selbst, reagiert schon auf leichte Kränkungen aus Angst vor dem Nicht-liebenswert-Sein mit intensiven Hassgefühlen. Er intrigiert, wertet andere bis zum Rufmord und zur Vernichtung ab, entwickelt ausgeprägte Rachehaltungen. In der Äußerung seiner Aggression ist er schauspielerisch-darstellerisch begabt und auf Publikum ausgerichtet, zeigt flammende Entrüstung, pathetische Gesten und leidenschaftliche Anklagen.

Genese

Zu den anlagebedingten Ursachen zählen: eine angeborene Lebhaftigkeit und Ansprechbarkeit im Emotionalen, große Spontanität, lebhafter Drang, sich auszudrücken, mitzuteilen, inneres Erleben nach Außen darzustellen, Kontaktfreudigkeit, Kontakt- und Geltungsbedürfnis. Diese Art der Anlage bedingt das Bedürfnis nach Sympathie und Bestätigung, ist vorteilhaft in puncto Lebendigkeit, Aufgeschlossenheit, Anpassungs-, Wandlungsfähigkeit und Lebensintensität, die mitreißend und ansteckend sein kann. Sie sind nie langweilig, brauchen Anregung und sind anregend, charmant und schön, so dass sie von früh auf Sympathie erwecken. Sie sind leicht liebzuhaben, sind es gewohnt, zu gefallen, werden als reizend empfunden und spüren das auch, machen die Erfahrung, geliebt und bewundert zu werden, ohne etwas dafür zu leisten.

Das sensible Alter für die Entstehung des H-Typs ist das 4. und 6. Lebensjahr. In dieser Zeit sollen geschlechterspezifische Rollenmodelle und teilweise die Spielregeln der Erwachsenen erlernt, die magische Wunschwelt unbegrenzter Möglichkeiten langsam gegen die Erfahrung der Begrenztheit des eigenen Könnens und Wollens der Realität eingetauscht, Einsicht, Verantwortlichkeit und Vernunft, also Realitätsprüfung, -findung und -annahme erworben werden.

Dazu braucht es Vorbilder, die die Ordnungen und Lebensformen der Welt der Erwachsenen reizvoll und nachahmenswert erscheinen lassen. Das Kind lernt also, entwickelt eine kritische Beobachtung, ist neugierig, hinterfragt Gebote und Verbote, und es will als Gesamtperson angenommen werden und sich als liebenswert erleben. Es will seinen Selbstwert aus dem bestimmen, was es den Eltern in dieser Entwicklung zu geben instande ist. Es erlernt erste Ansätze geschlechterspezifischer Verhaltensrollen, u.a. auch das Werben und Erobern, will seine Identität finden und in der Annahme dieser Verhaltensweisen durch die Erwachsenen Selbstbestätigung erfahren.

Damit das sich so entwickelnde Kind die Ordnung, die Regeln und Notwendigkeiten selbstbestimmt annehmen kann und seine Freiheit und Teile seiner unbestimmten Möglichkeiten zugunsten der Formen des Umgangs und des Verhaltens der Erwachsenenwelt aufgeben kann, müssen ihm diese Formen sinnvoll erscheinen. Dazu müssen diese Formen logisch konsistent sein, mit Konsequenz vertreten und also von den Vorbildern eingehalten werden.

In einem schillernden, chaotischen, widerspruchsvollen, für das Kind unverständlichen, anarchischen, führungslosen Milieu der Willkür ohne feststehende Leitbilder, in der die Erwachsenen sich nicht an ihre eigenen Regeln halten, inkonsequent sind, das Kind nicht ernstnehmen, seine vernünftigen Entwicklungsschritte nicht belohnen, es als dumm, unwichtig und klein einordnen und ansehen, ihm also nicht das Gefühl geben, in seinen Bemühungen um infantile Emanzipation angenommen zu werden (logische Doppel-Bindung, Ambivalenz), findet das Kind in den vorhandenen Vorbildern keine Orientierung und Halt, die es verinnerlichen könnte. Zum anderen können heftige verbale oder wohlmöglich körperliche Auseinandersetzungen der Eltern vor dem Kind mit der Unterstellung, dass es das Verhalten der Eltern noch nicht verstehen könne und die gleichzeitige Forderung an das Kind, es solle doch selbst vernünftig sein, dazu führen, dass das Kind eine Inkonsequenz, also eine Akausalität der Regeln, erlernt. Die Fatalität ist also, dass es den Glauben an den Sinn der Regeln verliert, die für es, sogar unter Androhung von Strafe, gelten sollen, damit es erwachsen werde, die von den Eltern aber nicht eingehalten werden. Das Kind erlernt so den Sinn von Regellosigkeit, denn alles (kindliche) Erleben ist ihm Sinn.

In anderen, „besser situierten“ Schichten gibt es Milieus, die goldenen Käfigen ähneln, in denen es Oberflächlichkeiten, wie gesellschaftliches Prestige, gibt, in denen den Kindern von den Eltern das gesellschaftliche Rollenmodell und die Zugehörigkeit zu ihrer sozialen Schicht „übergestülpt“ werden und in denen sie in ihren seelischen Bedürfnissen lieblosem Personal überlasssen sind. Sie erleben den Neid der anderen, müssen die Rolle glücklicher Kinder spielen, überspielen ihr tatsächliches Elend mit nach außen unverständlicher Arroganz, steigern sich in ihre Rolle hinein und setzen sie anstelle der Identität ein.

Sind die Eltern für die Kinder unerreichbar oder nicht annehmbar, können sie versuchen, ihr Vorbild als Urbild zu verinnerlichen, wobei das Urbild dann natürlich diese Identifikationslücke enthält, oder es verwirft für sich die Vorbildhaftigkeit der Eltern. Der Erwachsene hat dann also ein brüchiges Selbstbild, das die Identifikationslücke aufweist oder er ist Opponent von Festlegungen und Regeln, süchtig nach Inkonsequenz und Willkür, wie es ihm schon die Eltern vorgelebt haben.

Zu einem brüchigen verunsicherten Selbstbild der Geschlechtlichkeit kann es auch kommen, wenn die Geschlechterrollen der Eltern vom Durchschnitt und der Norm, der Standardabweichung, abweicht. Die in der sozialen Interaktion erlebte Verunsicherung ist dann ein Maß für die mangelnde Passgenauigkeit der von den Eltern introjizierten Geschlechterrollen bei der Übertragung auf soziale Interaktionspartner. Diese z.T. auch kulturell verankerten Diskrepanzen (z.B. Patriarchat im Elternhaus / zu Hause und in der Arbeit keine Gleichberechtigung) und insbesondere in kulturellen Vermischungen hervortretenden Verunsicherungen können die Ursache für rigide Regelungswut fanatischer Ideologen sein, also von aggressiven Reaktionen von Zwanghaften bzw. Konservativen auf vermeintlich gefährlich Unbestimmtes (vgl. Konservatismus in den Religionen).

Auch wenn das Kind in Folge der Trennung der Eltern in eine Rolle gestoßen wird, für die es noch nicht reif ist, entsteht die oben beschriebene Identifikationslücke. Das Kind ist „frühreif“, z.B. fällt der Sohn in die leere Rolle des Vaters, der die Familie verlassen hat, die viel zu groß für ihn ist, muss sein Kindsein deswegen aufgeben und erlebt so, wie ihm seine Kindheit gestohlen wird. Zudem zerstört die Bindung an die Mutter, durch deren Augen er dann die Welt sehen muss die Beziehung zum Vater, weil sich in ihr der Konflikt der Eltern reproduziert. Die gesunde Möglichkeit, die Eltern als Paar zu lieben, beiden seine Zuneigung ohne Schuldgefühle zuwenden zu können, kann nicht erlebt werden. Altklugheit steht dann neben infantilen Zügen, und die reifende Auseinandersetzung mit dem Vater wird so gleichsam übersprungen, die für die spätere Bewährung in der Welt der Männer so wichtig ist.

Das Gleiche gilt für die Töchter.

Eine dem Kind aufgezwungene Rolle (entweder als Ersatz des gegengeschlechtlichen Partners z.B. nach einer Trennung, oder eine an das Kind gestellte Verhaltensforderung: „Väterchens“ oder „Mütterchens Sonnenschein“, „Prachtkerl“, Vorzeigekind) gibt ihm mangels intrinsisch-motivierter, also selbstbestimmter Identifizierung damit keine Selbstsicherheit, sondern ist eine der inneren schwächeren Identität aufgeprägte, übergestülpte. Werden in seiner sozialen Interaktion beide Identitäten (die übergestülpte und die altersgemäße) angesprochen, befindet sich die Seele des Kindes in einem verwirrenden selbstwidersprüchlichen Zustand zwischen In-der-Rolle-sein-Sollen und Kind-sein-dürfen (innerer Konflikt der Selbstbestimmung) oder es erlebt Minderwertigkeitsgefühle, wenn es die an es gestellten Ewartungen nicht erfüllen kann, weil es damit überfordert ist. Auch Überforderungen, die darin bestehen, dass Eltern ihre Kinder zu etwas antreiben, das sie selbst nicht erreicht haben und bei dem sie ihm also selbst auch keine Führung geben können, lassen depressiv-hysterische Mischformen entstehen.

Ähnlich wie mit der identitären Diskrepanz aufgrund des Unterschieds von Geschlechterrollen innerhalb des (Familien-) Systems der Kindheit und außerhalb der sozialen Umwelt des Erwachsenen verhält es sich mit kulturellen Unterschieden. Diese identitären Diskrepanzen verursachen Integrationsprobleme und erzeugen so schizoid-hysterische Mischformen, wenn der Erwachsene den Anpassungsdruck verweigert oder auf eine abstoßende, ablehnende soziale Umwelt trifft und also die Festlegung auf die eigene Identität vermeidet, zu einer „Schablone“ des sozialen Umgangs greift und diese angepasste Rolle annimmt, sich also eine mit der gesellschaftlichen Umwelt konforme Rolle zulegt.

Hysterie kann sich auch als Gegenreaktion auf ein zwanghaftes soziales Umfeld entwickeln, um starre, einzwängende, alle lebendigen Impulse beschneidende erzieherische Haltungen, die den gesunden Freiheitsdrang des sensiblen Alters unterbinden zu entgegnen. Das reaktive hysterische Verhalten ist dann oppositionell und gegen die Bestimmungen der sozialen Umwelt gerichtet, enfants terribles. Die Wesensmerkmale des H-Typ entstehen dann als seelische Reaktion auf Unterdrückung, Abwertung, Unfreiheit, Zwänge, der Uneinsichtigkeit des Partners, der Gesellschaft - unabhängig vom Geschlecht.

Hysterie entsteht auch aus erlebten Enttäuschungen, mit erlernten Verhaltensweisen nicht erfolgreich zu sein. Es entsteht ein Teufelskreis: die Niederlagen führen zu immer höherem Geltungsbedürfnis und immer kurzfristiger werdenden Erfolgserwartungen, die jedoch mangels Fähigkeiten wieder in Enttäuschungen führen, damit bis zum Zusammenbruch den Erwartungsdruck verstärkend.

Sie sind leicht verführbar, unzufrieden mit sich und ihrem Leben, daher reiz- und veränderungshungrig, suchen außerhalb von sich das Neue und die Veränderung, nicht innen.

Sozialverhalten / Abrundung

Der H-Typ lebt in einer Pseudorealität und Scheinwelt. Er lebt in und spielt Rollen und weicht so vor der Realität aus. Er sucht einfache Wege, wie Rituale, um seine Schuld abzustreifen. Die Vorstellung eines ihr Leben bestimmenden Wesens ist einseitig, kindlich-unreif, naiv und wundergläubig. Er ist leicht verführbar durch Heilsversprechungen, vermeidet die eigene Anstrengung dazu. Er fühlt sich von Sekten angezogen, ist sensationslüstern.

H-Typen sind ethisch inkonsequent, relativieren gerne, schieben die Schuld auf andere ab. Es mangelt ihnen an Selbsteinsicht und Selbstkritik, sie lernen nicht aus Krisen. Sie projizieren ihre Mängel und Schuldgefühle auf andere. In Kollektiven kann der H-Typ große und gefährliche Rollen spielen, weil er rassistische, semitische, religiöse, ethnische oder völkische Feindbilder aufbaut (ein Hintergrund von Völker- und Glaubenskriegen). Er versucht die eigene Schuld zu vergessen, sie zu leugnen, sie abzustreifen oder auf andere zu übertragen (vgl. zur Streuung und Übertragung von Zinsschulden (Zinsforderungen) auf Marktpartner).

Als Eltern, Erzieher und Führungspersonen können sie begeistern und mitreißen, sind suggestiv begabt, das Lebendige wecken. In der Gefühlszuwendung sind sie mehr spontan als gleichmäßig; Sie sind liebenswert zu ihren Kindern und gestalten ihnen das Haus atmosphärisch, gastfreundlich, jedoch fassadenhaft. Sie sind inkonsequent in der Erziehung, wechseln schroff zwischen Verwöhnen und Versagen, geben so dem Kind keine klare Orientierung und vermitteln ihm Unsicherheit und Unberechenbarkeit der Stimmung (»seelisches Aprilklima«) mit chaotisierenden Folgen. Sie muten dem Kind keinen notwendigen Verzicht zu, versuchen es davor zu behüten, dass sein positives Bild vom H-Typ zerfällt, über Enttäuschungen hinweg zu täuschen, erwecken in ihm Erwartungen, dass dann doch eine Belohnung folgt. Dies erzeugt im Kind die Erwartung einer Zukunft voller Wunder, illusionäre Wunschvorstellungen, die von der Realität weggerichtet sind.

Dem H-Typ fehlen vernünftige und tragende Erfahrungen und Kausalzusammenhänge deren Fehlen beim Erwachsenen dann zu Enttäuschungen führt. Die Bindung zu den Eltern ist doppelt, einerseits zu intim andererseits abstoßend, wenn das Kind Verantwortung und Ansprüche einfordert. Hysterische Eltern können aus verletzter Eitelkeit und Eigenliebe die Kritik des Kindes nicht vertragen und Fehler zugeben, weil dies an der Fassade kratzen könnte. Hysterische Eltern kehren im Versagensfall die Verantwortlichkeit um, verweisen auf ihre guten Absichten und ihre Opfer, vermitteln dem Kind, es sei undankbar.

Die Anerziehung einer Fassade (Vorführkinder, perfekte Kinder, die nicht enttäuschen) unter der Androhung des Liebesentzugs macht den Erwachsenen später abhängig von der Anerkennung und Bestätigung anderer und den Glauben an das Fassadenhafte, die Rolle, von der sie sich in ihrer Kindheit die „Liebe“ der Eltern versprachen.

Als Politiker sind sie liberal oder gar revolutionär mit Hang zum Sensationellen, sind populistisch begabt, können mitreißen und begeistern, doch fehlt ihnen in ihrem revolutionären Agieren die Härte und Konsequenz des S-Typs: Zwar glauben sie an Neues und an den Fortschritt, stoßen Entwicklungen und Veränderungen an, doch ohne die Folgen zu bedenken und sie konsequent in allen Details zu begleiten („Nach mir die Sintflut“). Sie riskieren viel und sind nach Niederlagen „Stehaufmännchen“.

Im Beruflichen sind ihre Qualitäten persönlichkeitsgebundene Flexibilität, dem Augenblick angemessene elastische, spontane Reaktion, Wendigkeit, Kontaktfreudigkeit und -fähigkeit, Anpassungsfähigkeit und -bereitschaft, können repräsentieren, Anschein, Fassaden und symbolhafte Bedeutungen errichten (Vertreter, Verkäufer, Vertrieb, Werbetreibende, PR-Abteilung, Präsidenten, Würdenträger, einem Publikum Gegenüberstehende, etc...). Sie nutzen das Berufliche um ihre eigene Fassade von dessen Glanz zu nähren. Sie haben ein Bewusstsein für Ästhetik, Kinästhetik, Charme und körperliche Vorzüge, sind gewandt, haben eine spontane Zielstrebigkeit (unmittelbare Bedürfnisstillung, kurze teleologische Zweckreihen), können improvisieren, überraschen und überrumpeln (Modelle, Mannequins, Geschäftsführer, Schmuck- und Verschönerungsgewerbe, Künstler, etc.), sind eventuell begabt durch starke Wunsch-, Einbildungskraft, Ausdrucksfähigkeit und Darstellungsfreude (Schauspieler, Tänzer).

H-Typen versuchen, die Illusion ewiger Jugend aufrecht zu erhalten, sich die Möglichkeiten der Zukunft offenzuhalten („adiabatisches“ reversibles Agieren), interessieren sich für Praktiken, den Alterungsprozess aufzuhalten, können nur schwer mit Würde altern, verklären ihre Vergangenheit, leben in egozentrierten Erinnerungen, die ihnen als Fassadenstützen dienen. Sie ignorieren ihren Tod oder gestalten ihn zu einem dramatischen Höhepunkt, hinterlassen nach ihrem Ableben oft ungeregelte, chaotische Verhältnisse.

Die Kunst in allen Formen ist ihre bevorzugte Domäne. Ihre Schöpfungen sind ausdrucksstark und persönlich, weisen evtl. einen gewissen Exhibitionismus (u.a. offene, autobiographische Selbstdarstellung) auf, sind farbig, originell und lebendig. Sie haben Tagträume, sind phantasievoll. Ihre künstlerischen Werke leben von der Differenz (dem Kontrast) der selbsterschaffenen Traum-, Wunsch- und Scheinwelt und der Realität.

Sie träumen von der Erfüllung ihrer Wünsche, von Märchen, die Situation rettenden deus ex machina-Ereignissen. Es konstituieren sich ihre Ängste und ihr brüchiges (Ab-) Grunderleben und „weiße Retter“.

Riemann zeichnet die Linie der Schwergrade der hysterischen Persönlichkeitsstruktur:

  • Gesunde,
  • lebendig-Impulsive mit Geltungsdrang und Eigenliebe,
  • narzisstisches Bestätigt-Werden und Im-Mittelpunkt-Stehen-Wollen,
  • überwertiger Geltungsdrang und Kontaktsucht,
  • Vater-Töchter und Mutter-Söhne, Anhänger des eigenen Familienromans,
  • hysterische Unechtheit, Rollenspiel und Realitätsflucht bis zur Hochstapelei,
  • ewige Backfische und Jünglinge,
  • männer- und frauenfeindliche Persönlichkeiten, ihre Geschlechterrolle nicht Annehmende,
  • »kastrierende«, destruktive Frauen mit ausgesprochenem Männerhass, Don-Juan-Typen mit Rachehaltungen Frauen gegenüber,
  • Phobiker,
  • Erleidende und Träger schwerer, hysterischer Krankheitsbilder.

Eigenschaften gesunder H-Typen sind: risikofreudig, wagemutig, eigenwillig, unternehmenslustig, neugierig, dem Neuen gegenüber aufgeschlossen, improvisierend, ausprobierend, elastisch, plastisch, lebendig, oft sprühend, mitreißend, lebhaft, spontan. Sie sind gute Gesellschafter, nie langweilig. Der H-Typ hat eine unbeschwerte, optimistische Erwartungsvorstellung vom Leben, sieht es farbig, reich, intensiv und füllig. Er bringt Dinge in Bewegung, bewirkt Veränderung, rüttelt an Traditionen, veralteten, starren Dogmen, überschreitet Grenzen. Er ist suggestiv, hat Charme, ihm fehlt jedoch Geduld, Ausdauer und Durchhaltevermögen in der Weiterverfolgung von ihm angestoßener Veränderungen.

Auswege

Dem H-Typ würde es helfen, „die“ Realität, ihre Spielregeln, Ordnungen und Gesetze samt ihrer Kausalität anzunehmen, selbsteinsichtig und zur Nachreife bereit zu sein. Er sollte Mut zur Echtheit und Bereitschaft zu notwendigem Verzichten haben.

Referenzen / Einzelnachweise