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22. November 2017

Zwanghaftigkeit - die Angst vor Vergänglichkeit und Instabilität

„Niemand weiß was auf Deutschland in Europa zukommen wird“ sagte Christian Lindner als er am Morgen zum Montag dem 20.11. die Sondierungsgespräche als Anführer der sog. „Liberalen“ mit seiner Fraktion verließ. Da hat er wohl Recht, doch ist wohl eins sicher:

Das Vorzeichen für Geldmarktzinsen ist und bleibt negativ.
Die Wirtschaft ist bereits im Wandel und wird sich beschleunigt wandeln, wie sie es seit dem Neubeginn des Luziferexperiments ab der Renaissance und in der gesamten Geschichte der Menschheit noch nie getan hat. Wir erleben den historischen Moment der Zivilisation und mancher politische Akteur ist sich nicht bewusst darüber, dass das eigene Verhalten (vor allem das ängstliche, peinliche, widersinnige und irrationale) besonders hervorgehoben in den Geschichtsbüchern stehen wird.

Mit Wandel dürften die Hysteriker von der FDP wohl keine Schwierigkeiten haben, doch wohl mit Festlegung und Notwendigkeit. Ökonomisch ist die herkömmliche FDP, also die, die in 2013 gestorben ist, rechts stehend, doch auch die „neue“ FDP hat wohl noch nicht richtig verstanden, was das Rosa im Parteilogo bedeutet, und von der Geschichte des Liberalismus scheint sie in diesen Tagen auch nicht besonders inspiriert zu sein. Sie weiß anscheinend nicht so Recht, wessen Freiheit sie eigentlich vertreten soll, ob sich der Begriff der Freiheit der Liberalen allein auf das herkömmliche kapitalkonservative Klientel beschränken soll oder auch auf die von der Freiheit der Kapitalisten mit Hilfe des Zinses Ausgebeuteten ausgedehnt werden sollte, die Farbe Rosa. Welche Hoffnungen darf man als Durchschnittswähler in 2017 in Deutschland und in Europa an eine Partei stellen, die sich „liberal“ nennt?

„Wirtschaftspolitik sei jetzt wieder verfügbar“, posaunten die „Liberalen“ im Wahlkampf, doch arbeitet der Geist der neuen FDP, dem das Rosa anscheinend immer noch fehlt, eben immer noch an der systematischen Selbstzerstörung, obwohl wir in diesen Zeiten des fundamentalsten Wandels, bei dem der Hysteriker eigentlich wie ein Fisch im Wasser schwimmen sollte, den Träger des Geists einer wirklich liberalen Ökonomie, wie der Negativzins-Ökonomie, wirklich dringend brauchen. Wer soll sich für die Startups einsetzen? Wer soll für eine Entbürokratisierung sorgen? Wer wird intelligente Steuersenkungen vorschlagen, Handelsbeschränkungen aufheben, bürokratische Hindernisse aus dem Weg räumen, damit endlich großräumig und global in die richtige Richtung umverteilt werden kann und sich Wirtschaft auf das Wesentliche, also den Markt konzentrieren kann?

Sie haben es noch nicht richtig verstanden, oder ihr Wissen um die fundamentalsten Aspekte dieses Wandels ist nicht tief genug, das vermute ich hinter diesem Rückzieher. Will sich die FDP jetzt ganz selbst auflösen und gleich mit der AfD koalieren, die wieder heim ins perverse Lügenreich des Kapitalismus will? Nicht ohne Grund sitzt die FDP im Parlament rechts von der Union und links von der AfD. Ihren reformierten Platz in der Mitte, mit Einschlägen von Rosa, muss sich die FDP erst noch verdienen, doch die Hoffnung schwindet, was für Deppen! Brauchen die jetzt eine Geschichts- und Philosophievorlesung oder wie?

Die AfD ist eine Partei des alten sterbenden Geldsystems. Sie sitzen auf verlorenem Posten.

Was spricht gegen eine Minderheitsregierung Union/FDP?

Aber warum wollen jetzt alle die FDP in eine christlich-nachhaltige Koalition zwingen? Auch hier vermute ich Angst als Motiv. Viele Konservative sind per definitionem zwanghaft, haben Angst vor dem Wandel und der dazu notwendigen Instabilität. Bisher konnte die Union die Geschwindigkeit des Wandels gut kontrollieren, die FDP war eine marginale Partei. Jetzt ist die FDP größer, doch ist sie längst nicht mehr so liberal wie vorher, sondern auf einmal protektionistisch. Sie sind ihrer Wählerschaft treu, und die ist geistig, was das Thema Hingabe und Teilhabe betrifft so stur wie ein Esel, sie wollen uns unser Geld nicht zurückgeben.

Schwarz/Gelb wäre doch eine (zu) große Belastung für die Merkel, denn die Partei-Rechten finden in der rechten FDP zu viele Mitstreiter, das Christliche in der Union ist noch zu schwach. In den angesichts der sozialen Lage in Deutschland, Europa und der Welt sicher schiefen Beschlüssen würden dann, das Ungleichgewicht verstärkend, zudem noch im Parlament die Stimmen der AfD locken, die zu weiteren sozialen und ökologischen Sünden verführt. Das können wir uns nicht leisten!

Mut zur Instabilität: Bildet eine schwarz-grüne, christlich-nachhaltige Minderheitsregierung!

Die FDP oder auch die SPD als Mehrheitsbeschaffer in einer festen Koalition zu missbrauchen halte ich jedoch für vollkommen falsch. Allein die Diskussionen darum werden, wenn sie sich zu lange ziehen, das ohnehin schwer gedämpfte Vertrauen der Bevölkerung in die politischen Eliten, auch nach dem Jamaika-Aus, weiter beschädigen. Von der im Hinblick auf das Grundprinzip der Demokratie wirklichen peinlichen Diskussion über Neuwahlen ist dringend abzuraten. Noch beleidigender könnten sich die politischen Eliten gegenüber dem Souverän wohl nicht verhalten, und wer garantiert schon, dass die Mehrheitsverhältnisse nach der Wahl für die soziale Stabilität und Sicherheit, für die notwendige Wandlungsfähigkeit in Richtung einer nachhaltigen Koexistenz der Menschheit mit den übrigen Spezies auf diesem Planeten besser sind als vorher?

Die AfD wetzt angesichts des drohenden Stillstands schon die Messer.

Konservativ kommt von conservare, und das heißt erhalten! Nachhaltigkeit bedeutet aber eben genau das:

die Schöpfung erhalten
Schwarz-grün ist in 2017 logisch. Deswegen, Ihr reformierten und bußwilligen Christen von der Union: habt Mut zur Instabiltät. Es gibt genügend soziologische Literatur über die Dynamiken von sich bildenden und wieder auflösenden zeitweiligen Koalitionen in der Lebendigkeit eines Parlaments in Zeiten einer Minderheitsregierung.
Sitzverteilung im aktuellen Bundestag!
Außerdem gibt es genügend bestens geschulte Politikberater, Soziologen und professionelle Systemtheoretiker, die nur darauf warten, endlich die in den letzten Jahrzehnten wirklich breit ausgearbeiteten systemtheoretischen Erkenntnisse anzuwenden. Die Größe des Parlaments spielt dabei keine Rolle, denn Mehrheiten für Themen sind skaleninvarint und mit zunehmender Größe schwindet die Granularität, vergrößert sich das kommunikative Auflösungsvermögen (Themen wollen durch Diskurs strukturiert werden) an den Grenzen der koalitionären Konstrukte und das Kommunikationspotenzial wird verstärkt.

Also Ihr Konservativen: Vor der Instabilität müsst Ihr in Zeiten des Wandels keine Angst haben. Im Gegenteil:

Die Instabilität ist die Voraussetzung des Wandels zum Erhalt der Schöpfung, denkt an die Geburtenrate!
Man muss dieses Ding, was sich dann bildet ja auch nicht unbedingt „Zentralkomitee“ nennen, „soziales Gehirn“ ist angemessener aber vor allem moderner! Mehrheiten für politisch wichtige Themen werden sich in einer reifen Demokratie darin finden lassen. Blamiert uns nicht!
Wie baue ich ein soziales Gehirn?

Niklas Luhmann beschreibt in Soziale Systeme, Kapitel 3, Doppelte Kontingenz, Abschnitt IV, die Liebe der Eltern zum Kind (Kind: das Kommunikationssystem innerhalb der Koalition, aber auch jenes zwischen Koalition und Opposition) unter der Grundbedingung der doppelten Kontingenz als einen resonanten (zirkulären) Prozess, der durch ein Wechselspiel von Stabilität und Instabilität gekennzeichnet ist.

Wir müssen uns jetzt der Frage stellen, wieso das Problem der doppelten Kontingenz »sich selbst löst«; oder weniger zugespitzt formuliert: wie ist dazu kommt, dass das Auftreten des Problems einen Prozess der Problemlösung in Gang gesetzt.

Entscheidend dafür ist der selbstreferentielle Zirkel [die Resonanz] selbst: Ich tue, was Du willst, wenn Du tust, was ich will. Dieser Zirkel [diese Resonanz] ist, in rudimentärer Form, eine neue Einheit [das Kind], die auf keines der beteiligten Systeme zurückgeführt werden kann. Er mag in jedem der beteiligten Systeme präsent sein als Bewusstseinsinhalt bzw. als Kommunikationsthema. Dabei ist aber immer schon vorausgesetzt, dass er auch in anderen Systemen präsent [spiegelgleich] ist. Diese Voraussetzung entsteht, was immer ihre Realitätsbasis sein mag, nicht beliebig. Sie mag in Grenzfällen auf Irrtum beruhen ( der andere hat mich noch gar nicht gesehen oder noch nicht als möglichen Interaktionspartner eingeschätzt ), aber wenn sie betätigt wird, schafft sie die entsprechende Realität - und sei es nur, dass sie dem anderen die Möglichkeit gibt, sich nicht darauf einzulassen und den Kontakt sofort zu beenden.

Wir brauchen die Anlässe nicht genauer zu analysieren: was entsteht, ist ohnehin neu und, was immer die Anlässe sein mögen, immer dasselbe: eine zirkulär geschlossene Einheit. In dieser Einheit hängt die Bestimmung jedes Elements von der eines anderen ab, und gerade darin besteht die Einheit. Man kann diesen Grundtatbestand auch als eine sich selbst konditionierende Unbestimmtheit charakterisieren: ich lasse mich von Dir nicht bestimmen, wenn Du Dich nicht von mir bestimmen lässt.

Es handelt sich, wie man sieht, um eine extrem instabile Kernstruktur, die sofort zerfällt, wenn nichts weiter geschieht. Aber diese Ausgangslage genügt, um eine Situation zu definieren, die die Möglichkeit in sich birgt, ein soziales System zu bilden. Diese Situation verdankt ihre Einheit dem Problem der doppelten Kontingenz: auch sie ist daher nicht auf eines der beteiligten Systeme zurückzuführen. Sie ist für jedes der beteiligten Systeme Moment des eigenen Umweltverhältnisses [Koalition - Opposition, Parlament - APO], zugleich aber Kristallisationskern für ein emergentes System/Umwelt - Verhältnis [demokratischer Wandel]. Dies soziale System gründet sich mithin auf Instabilität. Es realisiert sich deshalb zwangsläufig als autopoietisches System. Es arbeitet mit einer zirkulär geschlossenen Grundstruktur, die von Moment zu Moment zerfällt, wenn dem nicht entgegengewirkt wird. Dies geschieht formal durch Enttautologiesierung [etwa Konsensbildung durch Disput] und, was Energie und Information betrifft, durch Inanspruchnahme von Umwelt [Hört auf die Gemeinden!].
Peter Kruse zu der Frage: Wie geht soziales Lernen?

P.S.: An die Wähler: Sollte sich herausstellen, dass der Begriff der Liberalen für die Bedeutung des Wortes Freiheit ein libertärer ist, also in Wahrheit Zwang bedeutet, dann erlöst uns doch bitte von dieser Lügenbande mit dem Namen FDP! Was für Deppen, alter Schwede!

P.P.S.: Wir erleben in Zeiten solcher Mehrheitsverhältnisse den von Norbert Elias beschriebenen sog. Königsmechanismus. Wie bei Tauziehen bei ausgeglichenen Kräfteverhältnissen kann ein Kind das Gleichgewicht auf eine ihm beliebige Seite verschieben, und alle Kinder sind und wollen eigentlich nur eins: Leben in Zukunft!

P.P.P.S.: In der Hoffnung, dass sich dieses Bild noch nicht abgenutzt hat, ein letztes Mal:

Satirische Anmerkung zur Emergenz von Kommunikationssystemen...

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