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3. Juli 2018

Simmels Endzweck

Georg Simmel betätigt sich, wie viele andere, des Mittel-Zweck-Denkschemas. In diesem Schema ist das Mittel das Mittlere, das Vermittelnde, zwischen zwei Seinszuständen in Gegenwart und Zukunft. Das Mittel kann eine Handlung sein, die aus eine Ausgangszustand heraus oder ein Werkzeug, das, auf den Ausgangszustand angewandt, das Sein in einen Endzustand, den Zweck (griechisch τέλος, telos, auch Ziel) überführt. Die Ursache ist der Ausgangszustand und die Verfügbarkeit des Mittels. Das Mittel ist gekennzeichnet durch und ist eine Veränderung des Seins. Der Zweck ist die beabsichtigte Wirkung des Mittels, die Folge, der Erfolg.

Das Handeln im Mittel-Zweck-Schema baut auf der Kenntnis von Kausalzusammenhängen auf. Vor der Erreichung des Zwecks ist der Zweck die Vorstellung einer Wirkung. Die Wirkung besteht im Endzustand immer auch in einer sinnlichen Erfahrung, die erwähnte Vorstellung ist die eines Gefühls, wie z.B. einer Befriedigung, das Empfinden von Belohnung, einer Erleichterung oder der Sorglosigkeit nach der Abwendung einer Gefahr oder einer Strafe.

Die Teleologie ist die „Wissenschaft vom zweckmäßigen Handeln“.

Simmel unterscheidet in Die Philosophie des Geldes teleologisches (zweckmäßiges, vom in der Zukunft liegenden Ziel her gedachtes, Zeitumkehr!) Handeln (dreistufig), von rein impulsivem, affektiertem, triebhaftem Handeln (zweistufig, „mechanistisch“):

Der große Gegensatz aller Geistesgeschichte: ob man die Inhalte der Wirklichkeit von ihren Ursachen oder von ihren Folgen aus ansieht und zu begreifen sucht - der Gegensatz der kausalen und der teleologischen Denkrichtung - findet sein Urbild an einem Unterschiede innerhalb unserer praktischen Motivationen. Das Gefühl, das wir Trieb nennen, erscheint als an einen physiologischen Vorgang gebunden, in dem gespannte Energien auf ihre Lösung drängen [vgl. Begriff der kognitiven Dissonanz, Wertbegriff Simmels: Spaltung von Subjekt und Objekt]; indem jene sich in ein Tun umsetzen, endet der Trieb; wenn er wirklich ein bloßer Trieb ist, so ist er »befriedigt«, sobald er durch das Tun sozusagen sich selbst los geworden ist. Diesem gradlinigen Kausalvorgange, der sich im Bewusstsein als das primitivste Triebgefühl spiegelt, stehen diejenigen Aktionen gegenüber, deren Ursache, soweit sie sich als Bewusstseinsinhalt kundgibt, in der Vorstellung ihres Erfolges besteht.

Wir empfinden uns hier gleichsam nicht von hinten getrieben, sondern von vorn gezogen.

Das Befriedigungsgefühl tritt infolgedessen hier nicht durch das bloße Tun ein, in dem der Trieb sich auslebt, sondern erst durch den Erfolg, den das Tun hervorruft. Wenn etwa eine ziellose innere Unruhe uns zu einer heftigen Bewegung treibt, so liegt ein Fall der ersten Kategorie vor; der zweiten, wenn wir uns die gleiche Motion machen, um einen bestimmten hygienischen Zweck damit zu erreichen; das Essen ausschließlich aus Hunger gehört in die erste, das Essen ohne Hunger, nur um des kulinarischen Genusses willen, in die zweite Kategorie; die Sexualfunktion, im Sinne des Tieres ausgeübt, in die erste, die in der Hoffnung eines bestimmten Genusses gesuchte in die zweite.

Dieser Unterschied scheint mir nun nach zwei Seiten hin wesentlich zu sein. Sobald wir aus bloßem Triebe heraus, also im engeren Sinne rein kausal bestimmt handeln, so besteht zwischen der psychischen Verfassung, die als Ursache des Handelns auftritt, und dem Resultat, in das sie ausläuft, keinerlei inhaltliche Gleichheit.

Der Zustand dessen Energien uns in Bewegung setzen, hat insofern zu der Handlung und ihrem Erfolge so wenig qualitative Beziehungen, wie der Wind zu dem Fall der Frucht, die er vom Baum schüttelt.

Wo dagegen die Vorstellung des Erfolges als Veranlassung gefühlt wird, da decken sich Ursache und Wirkung ihrem begrifflichen oder anschaubaren Inhalte nach.

Die Ursache der Aktion ist indes auch in diesem Falle die reale - wenn auch wissenschaftlich nicht näher formulierbare - Kraft der Vorstellung bzw. ihres physischen Korrelats, die von ihrem Gedankeninhalt durchaus zu trennen ist. Denn dieser Inhalt, der ideelle Sachgehalt des Handelns oder Geschehens, ist an und für sich absolut kraftlos, er hat nur eine begriffliche Gültigkeit und kann nur insoweit in der Wirklichkeit sein, als er der Inhalt einer realen Energie wird: sowie die Gerechtigkeit oder die Sittlichkeit als Ideen niemals eine Wirksamkeit in der Geschichte üben, das vielmehr erst können, wenn sie von konkreten Mächten als Inhalt des Kraftmaßes derselben aufgenommen werden.

Der Kompetenzstreit zwischen Kausalität und Teleologie innerhalb unseres Handelns schlichtet sich also so: indem der Erfolg, seinem Inhalte nach, in der Form psychischer Wirksamkeit da ist, bevor er sich in die der objektiven Sichtbarkeit kleidet, wird der Strenge der Kausalverbindung nicht der geringste Abbruch getan; denn für diese kommen die Inhalte nur, wenn sie Energien geworden sind, in Betracht, und insofern sind Ursache und Erfolg durchaus geschieden, während die Identität, die die ideellen Inhalte beider zeigen, wiederum mit der realen Verursachung überhaupt nichts zu tun hat.

Von tieferer Bedeutung für die jetzige Aufgabe ist die andere Differenz, durch die sich das triebhafte und das vom Zweck geleitete Wollen gegeneinander charakterisieren.

Sobald unser Handeln nur kausal (im engeren Sinne) bestimmt wird, ist der ganze Vorgang mit der Umsetzung der drängenden Energien in subjektive Bewegung beendet, das Gefühl der Spannung [vgl. kognitive Dissonanz], des Getriebenwerdens ist gehoben, sobald die Aktion als Folge des Triebes eingetreten ist.

Der Trieb lebt sich mit der ihm natürlichen Fortsetzung in Bewegung vollständig aus, so dass der gesamte Vorgang innerhalb des Subjekts beschlossen bleibt. Ganz anders verläuft der Prozess, der durch das Bewusstsein des Zweckes geleitet ist.

Dieser geht zunächst auf einen bestimmten objektiven Erfolg des Tuns und erreicht seinen Abschluss durch die Reaktion dieses auf das Subjekt bzw. des Subjekts auf ihn.

Die prinzipielle Bedeutung des Zweckhandelns liegt also in der Wechselwirkung, die es zwischen dem Subjekt und Objekt stiftet. Indem schon die bloße Tatsache unserer Existenz uns in diese Wechselwirkung verwebt, hebt das zweckbestimmte Handeln sie in die Innerlichkeit des Geistes. Durch eben dies stellt sich unser Verhältnis zur Welt gleichsam als eine Kurve dar, die vom Subjekt aus auf das Objekt geht, es in sich einbezieht und wieder zum Subjekt zurückkehrt.

Und während freilich jede zufällige und mechanische Berührung mit den Dingen äußerlich dasselbe Schema zeigt, wird es als Zweckhandeln von der Einheit des Bewusstseins durchströmt und zusammengehalten.

Als Naturwesen betrachtet sind wir in fortwährender Wechselwirkung mit dem natürlichen Dasein um uns herum, aber in völliger Koordination mit diesem; erst im Zweckhandeln differenziert sich das Ich als Persönlichkeit von den Naturelementen außerhalb (und innerhalb) seiner.

Oder, anders angesehen: erst auf der Grundlage solcher Scheidung eines persönlich wollenden Geistes und der rein kausal betrachteten Natur ist jene Einheit höherer Stufe zwischen beiden möglich, die sich in der Zweckkurve ausdrückt. Dieses prinzipielle Verhältnis wiederholt sich, mit gewissen Abschwächungen, an dem Unterschied, den man zwischen der Arbeit des Kulturmenschen und des Naturmenschen zu finden meint: jene gehe regelmäßig und methodisch, diese unregelmäßig und stoßweise vor sich; das heißt, die erstere fordere eine willenshafte Überwindung der Widerstände, die unser Organismus der Arbeit entgegensetze, während die andere nur die Auslösung der in den psychischen Zentren angehäuften Nervenkraft sei.

Das ist nun nicht so gemeint, als ob der eigentliche Zweck jedes Zweckhandelns im handelnden Subjekt selbst liegen müsste, als ob der Grund, um dessentwillen irgendein Objektives verwirklicht wird, immer in dem Gefühle bestünde, das es rückwirkend in uns erregt. Wenn dies in den eigentlich egoistischen Handlungen [meint er hier nicht das Sparen?] stattfindet, stehen daneben doch unzählige, in denen jene Inhaltsgleichheit zwischen Motiv und Erfolg nur den Erfolg im Sinne des Objekts, des außer-subjektiven Geschehens betrifft; unzählige Male nimmt die innere Energie, aus der unser Handeln hervorgeht, ihrer Bewusstseinsseite nach nur ihren sachlichen Erfolg in sich auf und lässt die auf uns selbst zurückkehrende Weiterwirkung desselben ganz außerhalb des teleologischen Prozesses. Zwar, wenn nicht der Erfolg unseres Tuns schließlich ein Gefühl in uns auslöste, so würde von seiner Vorstellung nicht die bewegende Kraft ausgehen, die ihn zu verwirklichen strebt.

Allein dieses unentbehrliche Endglied des Handelns ist darum noch nicht sein Endzweck; unser teleologisch bestimmtes Wollen macht vielmehr sehr oft an seinem sachlichen Erfolge halt und fragt bewusst nicht über diesen hinaus. Suchen wir also die Formel des Zweckprozesses in seinem Gegensatz zu dem kausal-triebhaften - wobei dahingestellt bleibt, ob dieser Gegensatz etwa nur ein solcher der Betrachtungsweise, sozusagen ein methodologischer ist - so ist es die, dass das Zweckhandeln die bewusste Verflechtung unserer subjektiven Energien mit einem objektiven Dasein bedeutet, und dass diese Verflechtung in einem doppelten Ausgreifen der Wirklichkeit in das Subjekt hinein besteht: einmal in der Antizipation ihres Inhaltes in der Form der subjektiven Absicht und zweitens in der Rückwirksamkeit ihrer Realisierung in der Form eines subjektiven Gefühls. Aus diesen Bestimmungen entwickelt sich die Rolle des Zweckes im Lebenssystem.

Es geht zunächst daraus hervor, dass sogenannte unmittelbare Zwecke einen Widerspruch gegen den Begriff des Zweckes selbst bedeuten. Wenn der Zweck eine Modifikation innerhalb des objektiven Seins bedeutet, so kann dieselbe doch nur durch ein Tun realisiert werden, welches die innere Zwecksetzung mit dem ihr äußeren Dasein vermittelt; unser Handeln ist die Brücke, über welche der Zweckinhalt aus seiner psychischen Form in die Wirklichkeitsform übergeht. Der Zweck ist seinem Wesen nach an die Tatsache des Mittels gebunden.

Hierdurch unterscheidet er sich einerseits vom bloßen Mechanismus - und seinem psychischen Korrelat, dem Trieb -, in dem die Energien jedes Momentes sich in dem unmittelbar folgenden vollständig entladen, ohne über diesen hinaus auf einen nächsten zu weisen; welcher nächste vielmehr nur von dem unmittelbar vorhergehenden ressortiert.

Die Formel des Zweckes ist dreigliedrig, die des Mechanismus nur zweigliedrig.

In Exodus 3:14 heißt es „Ich bin der, der ich sein werde.“, was man auch ersetzen könnte mit dem Satz „Ich bin das Gesetz des Lebens.“.

In der Systemtheorie Niklas Luhmanns wird das Wort Sinn, der eine Eigenschaft alles Lebendigen (also Materie mit Geist) ist, fast synonym zu Zweck verwendet. Sinn reproduziert sich selbst, schreibt Luhmann in Soziale Systeme, Kapitel 2.

Der Sinn und Zweck des Lebens ist das Leben. In der Natur hat nur lebendige Materie die Fähigkeit zur autonomen Akkumulation („selbstbestimmte Ansammlung“). Das Wachstum von Lebewesen ist ein Ordnungsvorgang (scheinbare Umkehr des zweiten Hauptsatzes). Es ist der Reproduktionswille („ich bin und ich will sein“), der Wille zum (Weiter-) Leben, der die Materie mit Geist von der Materie ohne Geist scheidet.

Diese Reproduktionsfähigkeit verleihen wir dem toten Geltenden (dem Kapital) im Kapitalismus, der Mensch verleiht dem Geld Würde, also die Fähigkeit zur Reproduktion. Der Zins ist das Kind, der Zuwachs, des geltenden Toten (das Kapital). Den Zins bekommt derjenige, der schon Leihkapital hat und leihen kann, und durch „Muskelkraft und Nervenleistung“ (Marx!) erarbeiten muss ihn derjenige, der borgt (Umverteilungskern des Kapitalismus). Der Borger (der Leihnehmer, Kreditnehmer, Mieter, Pächter, Lizenznehmer, usw.) ist dabei das Mittel zum Zweck der Reproduktion des geltenden Toten des Verleihers (der Leihgeber, der Sparer, der Kreditgeber, Vermieter, Grundherr, Patentinhaber, usw.).

Georg Simmel schreibt bei der Frage, warum und wie die teleologischen Reihen der Zivilisation (die Wertschöpfungs- und Lieferketten) entstanden sind in Die Philosophie des Geldes[2, Kapitel 3.1]:

Nun ist aber weiterhin klar, daß, wenn das Bewußtsein des Zweckes lebendig bleibt, es nichts rein ideelles, sondern auch seinerseits ein Prozeß ist, der organische Kraft und Bewußtseinsintensität verbraucht. Die allgemeine Lebenszweckmäßigkeit wird also dahin streben, ihn auszuschalten, da er ja zu der teleologischen Lenkung unseres Handelns prinzipiell (von allen Komplikationen und Ablenkungen abgesehen) nicht mehr nötig ist.

Und dies scheint nun endlich die Erfahrungstatsache durchsichtig zu machen: daß das Endglied unserer praktischen Reihen, nur durch die Mittel realisierbar, um so sicherer von diesen hervorgebracht wird, je vollständiger unsere Kräfte auf die Hervorbringung der Mittel gerichtet und konzentriert sind.

Eben diese Herstellung der Mittel ist die eigentlich praktische Aufgabe; je gründlicher sie gelöst ist, desto mehr wird der Endzweck der Willensbemühung entraten [meint er hier eintreten oder soll man den Endzweck erraten, für den der Kapitalismus nur Mittel ist?] können und sich als der mechanische Erfolg des Mittels einstellen. Dadurch, daß der Endzweck immerzu im Bewußtsein ist, wird eine bestimmte Summe von Kraft verbraucht, die der Arbeit an den Mitteln entzogen wird. Das praktisch Zweckmäßigste ist also die volle Konzentrierung unserer Energien auf die nächst zu verwirklichende Stufe der Zweckreihe; d. h., man kann für den Endzweck nichts Besseres tun, als das Mittel zu ihm so zu behandeln, als wäre es er selbst.

Die Verteilung der psychologischen Akzente, deren es mangels unbeschränkt verfügbarer Kräfte bedarf, folgt also durchaus nicht der logischen Gliederung: während für diese das Mittel etwas völlig Gleichgültiges ist und alle Betonung auf dem Zweck liegt, verlangt die praktische Zweckmäßigkeit die direkte psychologische Umkehrung dieses Verhältnisses.

Marx und Kant

Im Kapital unterscheidet Marx zweistufiges von dreistufigem Handeln und baut dabei auf die von Aristoteles verwendeten Begriffe Chrematistik und Ökonomik auf. Marx sieht zwei einander komplementäre Tauschketten: G - W - G' „Geld gegen Ware gegen mehr Geld“ und W - G - W' „Ware gegen Geld gegen andere Ware“,

Im ersten Tauschprozess (GWG') unterscheiden sich das rein Nominale im Anfangs- und Endzustand allein hinsichtlich der Quantität, qualitativ ist das anfangs Gegebene G und am Ende Genommene G' ein und dasselbe: Geld. Der Vorgang ist also zweistufig, er ist triebhaft und also primitiv. Die Höhe des Zinses ist: z = log G' G GG'-G G' - G G . Das Geld ist Zweck, die Arbeitskraft zur Erwirtschaftung des Zinses ist Mittel.

Der zweite Tauschprozess (WGW') hingegen ist dreistufig: das Reale im Anfangszustand W unterscheidet sich i.d.R. in der Qualität, der Art der Ware, vom Realen des Endzustands W'. Oft ist die als W hingegebene „Ware“ die Arbeitskraft und W' sind Lebensmittel. Das Geld ist Mittel, das Leben ist der Zweck.

Kants berühmte „Selbstzweckformel“ lautet (Quelle: https://www.phil-o-sophie.de):

Nun sage ich: der Mensch und überhaupt jedes vernünftige Wesen existiert als an sich selbst, nicht bloß als Mittel zum beliebigen Gebrauche für diesen oder jenen Willen, sondern muß in allen seinen sowohl auf sich selbst, als auch auf andere vernünftige Wesen gerichteten Handlungen jederzeit zugleich als Zweck betrachtet werden. Alle Gegenstände der Neigungen haben nur einen bedingten Wert; denn, wenn die Neigungen und darauf gegründete Bedürfnisse nicht wären, so würde ihr Gegenstand ohne Wert sein. Die Neigungen selber aber als Quellen des Bedürfnisses haben so wenig einen absoluten Wert, um sie selbst zu wünschen, daß vielmehr: gänzlich davon frei zu sein, der allgemeine Wunsch eines jeden vernünftigen Wesens sein muß. Also ist der Wert aller durch unsere Handlung zu erwerbenden Gegenstände jederzeit bedingt. Die Wesen, deren Dasein zwar nicht auf unserem Willen, sondern der Natur beruht, haben dennoch, wenn sie vernunftlose Wesen sind, nur einen relativen Wert, als Mittel, und heißen daher Sachen, dagegen vernünftige Wesen Personen genannt werden, weil ihre Natur sie schon als Zwecke an sich selbst, d.i. als etwas, das nicht bloß als Mittel gebraucht werden darf, auszeichnet, mithin sofern alle Willkür einschränkt (und ein Gegenstand der Achtung ist). Dies sind also nicht bloß subjektive Zwecke, deren Existenz als Wirkung unserer Handlung für uns einen Wert hat; sondern objektive Zwecke, d.i. Dinge, deren Dasein an sich selbst Zweck ist, und zwar einen solchen, an dessen Statt kein anderer Zweck gesetzt werden kann, dem sie bloß als Mittel zu Diensten stehen sollten, weil ohne dieses überall gar nichts von absolutem Werte würde angetroffen werden; wenn aber aller Wert bedingt, mithin zufällig wäre, so könnte für die Vernunft überall kein oberstes praktisches Prinzip angetroffen werden. Wenn es denn also ein oberstes praktisches Prinzip und in Ansehung des menschlichen Willens einen kategorischen Imperativ geben soll, so muß es ein solches sein, das aus der Vorstellung dessen, was notwendig für jedermann Zweck ist, weil es Zweck an sich selbst ist, ein objektives Prinzip des Willens ausmacht, mithin zum allgemeinen praktischen Gesetz dienen kann. Der Grund dieses Prinzips ist: die vernünftige Natur existiert als Zweck an sich selbst.

Der Zweck des Lebens ist das Leben, das ist die Vernunft der Natur, so ist der letzte Satz Kants interpretierbar. Kant schreibt weiter:

So stellt sich notwendig der Mensch sein eigenes Dasein vor; sofern ist es also ein subjektives Prinzip menschlicher Handlungen. So stellt sich aber auch jedes andere vernünftige Wesen sein Dasein zufolge eben desselben Vernunftgrundes, der auch für mich gilt, vor, also ist es zugleich ein objektives Prinzip, woraus, als einem obersten praktischen Grunde, alle Gesetze des Willens müssen abgeleitet werden können. Der praktische Imperativ wird also folgender sein: Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.

Wozu Kapitalismus? Der Kapitalismus als Mittel zum (End-) Zweck bei Simmel

Was die Menschheit dieser scheinbar so irrationellen Tatsache verdankt, ist nicht auszusagen. Wir würden wahrscheinlich über die primitivsten Zwecksetzungen nie hinausgekommen sein, wenn unser Bewußtsein immer an diesen hängen und so für den Bau mannigfaltigerer Mittel nur unvollkommen frei sein würde; oder wir würden eine unerträgliche und lähmende Zersplitterung erfahren, wenn wir bei der Arbeit an jedem untergeordneten Mittel die ganze Reihe darüber gebauter weiterer Mittel mit dem schließlichen Endzweck fortwährend im Bewußtsein haben müßten; wir würden endlich für die Aufgabe des Augenblicks oft überhaupt weder Kraft noch Lust haben, wenn wir uns ihre Minimität gegenüber den letzten Zielen immer mit logischer Gerechtigkeit vor Augen hielten und nicht alle Kräfte, die dem Bewußtsein überhaupt entsprechen, gesammelt in den Dienst des vorläufig Notwendigen stellen. Es liegt auf der Hand, daß diese Metempsychose des Endzwecks um so häufiger und gründlicher stattfinden muß, je komplizierter die Technik des Lebens wird.

Mit steigendem Wettbewerbe und steigender Arbeitsleistung werden die Zwecke des Lebens immer schwerer zu erreichen, d. h. es bedarf für sie eines immer höheren Unterbaues von Mitteln. Ein ungeheurer Prozentsatz der Kulturmenschen bleibt ihr Leben lang in dem Interesse an der Technik, in jedem Sinne des Wortes, befangen; die Bedingungen, die die Verwirklichung ihrer Endabsichten tragen, beanspruchen ihre Aufmerksamkeit, konzentrieren ihre Kräfte derart auf sich, daß jene wirklichen Ziele dem Bewußtsein völlig entschwinden, ja, oft genug schließlich in Abrede gestellt werden.

Das wird durch den Umstand begünstigt, daß in kulturell ausgebildeten Verhältnissen das Individuum schon in ein sehr vielgliedriges teleologisches System hineingeboren wird (z. B. in Hinsicht äußerer Sitten, nach deren Ursprung als Bedingungen sozialer Zwecke niemand mehr fragt, die vielmehr als kategorische Imperative gelten), daß er in die Mitarbeit an längst feststehenden Zwecken hineinwächst, daß sogar seine individuellen Ziele ihm vielfach als selbstverständliche aus der umgebenden Atmosphäre entgegenkommen und mehr in seinem tatsächlichen Sein und Sich-Entwickeln als in deutlichem Bewußtsein zur Geltung gelangen.

Alle diese Umstände helfen dazu, die Endziele nicht nur des Lebens überhaupt, sondern auch innerhalb des Lebens nur unvollständig über die Schwelle des Bewußtseins steigen zu lassen und die ganze Zuspitzung desselben auf die praktische Aufgabe, die Realisierung der Mittel, zu richten.

Das Mittel zum Endzweck, das Geld, wird im Verlauf des Kapitalismus sukzessive aufgebaut. Der Endzweck ist so wie am Anfang: Leben, zu dem das Geld nur das Mittel ist.

Referenzen / Einzelnachweise

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