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16. Oktober 2017

Technisch-naturwissenschaftliche Terminologie bei den Systemtheoretikern und den Kritikern der Systemtheorie - Zivilisation in der Nussschale

Bei der Frage, wie alles enstanden und geworden ist, geht es um Sprache. Der Prozess des Kapitalismus funktioniert auf der Grundlage der Umkehrung eines fundamentalen Naturgesetzes (positiver Zins statt negativer Zins) und integriert alle Anhängigen des Grundprinzips zu einer Art „Makrobe“ oder „Qualle“. So jedenfalls würde ich das soziale Schuld-Gefüge von Menschen in einem Währungsraum unter positivem Zins beschreiben.

Beim Studium von Niklas Luhmanns Soziale Systeme und Norbert Elias' Über den Prozeß der Zivilisation fällt mir auf, dass Elias der Systemtheorie und ihren Abstraktionen und Generalisierungen kritisch gegenüber steht, jedoch auf die gleiche Terminologie zurückgreift, um die Phänomene im Prozess des Zivilisation zu beschreiben. Da gibt es also Worte im gemeinsamen Sprachgebrauch der einander komplementären Vertreter der Soziologie, deren Griffigkeit durch ihren Gebrauch begründet und bewährt zu sein scheint.

Welche Begriffe sind das, und warum funktioniert die Analogieübertragung? Ich bin auf diese Frage gestoßen, als ich mich über Privatisierungen und Monopolbildungen unterhielt. In der Nachverarbeitung des Gesprächs stellte ich einige Punkte klar. Der folgende Text stammt also aus einer Email.

Ich bin persönlich auf gar keinen Fall dafür, dass McDonalds, Burger King oder ähnliche Konzerne, die ungesundes Essen verkaufen, die Kantinen und Mensen von Schulen oder sonstigen Verköstigungeinrichtungen beliefern. Wenn, dann muss man eine anständige Ausschreibung machen und Catering-Dienste gegeneinander um das beste Angebot konkurrieren lassen. Die Güte der angebotenen Nahrung muss nachgewiesen und die Korrektheit der Beschäftigungsverhältnisse sichergestellt sein.

Die meisten Menschen lehnen am Ende des Kapitalismus Privatisierungen der öffentlichen Daseinsvorsorge ab (vgl. zu TISA). Diese Einstellung ist der kapitalistischen Sozialisation, der berechtigten Angst vor Monopolbildungen und eine Zunahme der Ausbeutung, die als Refeudalisierung empfunden wird, geschuldet, doch ist sie in Hinblick auf die Mechanismen einer Negativzins-Ökonomie „nicht mehr aktuell“ und dann unbegründet, ähnlich wie die Einstellung zum um das Kernprinzip beraubten Neo-Liberalismus.

In einer Negativzins-Ökonomie werden die Gewinne aus Unternehmungen der Realwirtschaft auf Konten akkumuliert, auf denen der Zins negativ ist. Die Folge ist, dass sich keine Monopole bilden können, denn jedesmal wenn ein Unternehmen am Markt erfolgreich ist, also Gewinne akkumulieren kann, dann sorgt der negative Einlagenzins und die Abgabe des Zinses über Negativzinskredite an nachwachsende Unternehmungen für genügend Konkurrenz gegenüber dem Monopol im selben Zweig (Organ) der Wirtschaft.

Bei negativem Zins kooperieren nachwachsende Unternehmungen und stehen in Konkurrenz gegen das Monopol. Bei positivem Zins versucht das Monopol, die kleineren Unternehmungen zu schlucken, also zur Kooperation zu zwingen, und nachwachsende Unternehmungen sind aufgrund der Verknappung des Geldes zur Konkurrenz gegeneinander gezwungen, denn bei positivem Zins ziehen die Monopole das Geld aus den Kreisläufen der Realwirtschaft.

Du sagtest, dass Umberto Eco ähnlich wie Luhmann und die anderen Systemtheoretiker in ihren Werken eine sprachliche Mischung von Soziologie, Ökologie, Biologie, Technik, Kybernetik, also Regelungstechnik, Thermodynamik und Chemie kultiviere (oder so ähnlich). Norbert Elias, der ein scharfer Kritiker der Systemtheorie ist, was er im Vorwort seines zweibändigen Buches „Über den Prozess der Zivilisation“ deutlich zu erkennen gibt, benutzt auch die Sprache der Chemie, der Physik und der Biologie um die Wandlungsprozesse in der Gesellschaft im Verlauf der Zivilisation zu beschreiben. Elias benutzt Worte wie „Zellenaufbau der Gesellschaft“, „Spannung“, „Spannungsgefüge“, „Kristallisation“, „Kristallisationszentrum“, „Organisation“, „Steuerungs-“ und „Verwaltungsapparat“, „Mechanismus“, u.s.w.. All das ist kein Zufall, sondern vollkommen logisch. Ich will Dir das ganz kurz begründen.

Wenn man sich Lebewesen in der Wachstumsphase anschaut (z.B. ein Menschenkind oder eine Bakterienkultur in einer Petrischale, dann stellt man fest, dass der Exponent des Wachstumsgesetzes, mit dem man das Wachstum des Lebewesens beschreiben kann positiv ist, solange das Lebewesen noch nicht erwachsen ist und solange die durch den beschränkten Lebensraum vorgegebenen Grenzen des Wachstums nicht erreicht sind.

Jedes Lebewesen beginnt als das Ergebnis der Verschmelzung einer männlichen und einer weiblichen Geschlechtszelle (sog. Gameten), als eine Stammzelle (Zygote). Im Verlauf des Wachstumsprozesses differenzieren sich Stammzellen zu den Zellen der Organe des Gesamtorganismus aus. Sie differenzieren sich nach ihrer jeweiligen Funktion. Die Systemtheoretiker nennen den Spezialisierungsprozess der organischen Arbeitsteilung funktionale Differenzierung. Der Aufbau des Gesamtorganismus ist im Erbgut der Stammzelle enthalten.

Man muss nun klar lebendige von toter Materie unterscheiden. Alle Materie unterliegt dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, hat also von sich aus negative Wachstumsexponenten, solange die Materie nicht genügend komplex ist, um einen positiven Wachstumsexponenten / Zins aufzuweisen. Der Zins in der Natur ist negativ.

Lebendige Materie zeichnet sich jedoch eben dadurch aus, dass sie den erosiven Charakter des Negativzins' der toten Umwelt überwinden kann. Der Wachstumsexponent (Zins) heranwachsender lebendiger Materie ist positiv, sie akkumuliert entgegen dem in der Umwelt vorherrschenden Gesetz des negativen Zinses Materie und baut die Materie gemäß der im Erbgut verzeichneten Ordnung in die Struktur des Gesamtorganismus' ein.

Das Lebewesen wächst, bis es erwachsen ist. Dann ist der Exponent seines Wachstumsgesetztes null, bzw. dann erreicht das Wachstum ein Plateau, auf dem sich die zweite Lebensphase abspielt, die zur sicheren Überwindung des Negativzinses der Umwelt dient: die Zeugung von Nachkommen.

Betrachtet man das zusammengefasste Wachstumsgesetz des männlichen, des weiblichen Individuums und des Nachkommens, dann wird ab dem Moment der Zeugung der Exponent wieder positiv, während die jeweiligen Wachstumsexponenten der Eltern null bleiben und negative Dellen aufweisen, während sie ihre Lebensenergie dem Nachwuchs, der eigenen Zukunft hingeben („alles fürs Kind“).

Die zweite Phase im Verlauf des Lebenszyklus' besteht also in der Aufzucht der Nachkommen, die mit dem Auszug des Kindes aus dem Elternhaus jedenfalls mit der Entstehung von Enkeln endet.

Die dritte Phase des Lebens eines Individuums ist gekennzeichnet von einem negativen Wachstumsexponenten und eine Zunahme des Einflusses des Negativzinses der Umwelt. Das Individuum altert und stirbt.

Insgesamt betrachtet hat das Leben also einen Weg gefunden, sich gegenüber dem Negativzins der Umwelt zu behaupten: Fortpflanzung. Im Zeugungsakt wird das Physische (das Körperliche) fortgepflanzt, durch Erziehung und Sozialisation das Psychische (der Geist) übertragen.

Der Mensch hat sich dieses Wachstumsgesetz lebendiger Materie zunutze gemacht und hat dem (toten) Geld die Eigenschaft der Akkumulation gegeben. Aus diesem Grund beobachten wir, wenn wir die Entwicklung der Zivilisation als Ganzes betrachten, etwas vollkommenen Analoges im Vergleich zur Entwicklung lebendiger Materie. Die Menschen werden als Stammzellen mit einer spezifischen und anfangs nahezu gleichen Bedürfnisstruktur geboren und werden im Verlaufe ihrer Sozialisation und Erziehung funktional differenziert, so dass sie zu Zellen in den Organen des Gesamtorganismus werden, also ihren Beruf in einem Zweig der Wirtschaft ergreifen. Betrachtet man weiter die Genese der Zivilisation und speziell das Phänomen, dass es alle 70 Jahre zu einem Krieg nach Innen oder Außen kommt, so erscheint es, als würden pubertierende Jugendliche gegeneinander randalieren, weil sie nicht erwachsen werden wollen.

Aus diesem einfachen Grund ist die Benutzung von Begriffen in der Beschreibung der soziologischen Phänomene im Prozess der Zivilisation, die eigentlich aus der Beschreibung von Lebewesen stammen vollkommen logisch und lässt auch die Gegenübertragung zu. Adam und Eva waren waren sozusagen die Gameten eines Teils der Zivilisation. JHWH heißt (u.a.) : Ich bin der, der ich sein werde und in der Genesis steht, dass sich Gott den Menschen nach seinem Angesicht geschaffen hat. Welche Zweige der Wirtschaft entsprechen welchen Organen im menschlichen Körper und wird nicht in der sog. 1. und 2. Welt, im Gehirn der neuzeitlichen Zivilisation, ihrem ältesten Teil mehr psychisch (gedacht) als physisch (körperlich) gearbeitet und in der übrigen Welt ausgeführt und gehandelt (Körper samt übrigen Organen)?

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