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16. April 2018

Bargeldabschaffung

Seit über drei Jahren unterhalte ich mich bei meinen Erledigungen und infolge der so stattfindenden Begegnungen bei jeder sich mir bietenden Möglichkeit mit den Menschen auf der Straße, um zu erfahren, wieviel sie von den fundamentalen Veränderungen wahrnehmen und mitbekommen, wie sie sich dabei fühlen und wie sie damit umzugehen beabsichtigen. Wenn man eine Aufklärungsarbeit zum fundamentalsten Thema der Zivilisation, der Wirkung des Geldes, macht, dann muss man wissen, was die Leute (nicht) wissen oder (nicht) zu wissen glauben, sonst sind Publikationen zu den weißen Flecken des Unbewussten nicht zielgerichtet und passgenau.

Als Physiker würde ich sagen, dass ich „den Zeitgeist messe“, wenn ich in derlei Unterhaltungen eintrete.

Zum größten Hindernis auf dem Weg in eine Gesellschaft und Wirtschaft unter einer Negativzins-Ökonomie zählen alle Ängste rund um Überwachung, Datenskandale und die Bargeldabschaffung. Es ist nicht so, dass es dazu keine Alternativen gäb, doch wird eben gerne über die Möglichkeit des Bargeldverbots zur Einführung von flächendeckenden Negativzinsen gesprochen, weil man es da mit der intensivsten Emotion zu tun hat, einerseits um sie zu schüren, andererseits um sie in den Diskurs zu setzen und sie dann wohlmöglich zu überwinden.

Die letzte Motivation, das Ansprechen des Themas zur Überwindung der Angst, findet sich nur selten, leider. Leider wird den Menschen auch von offizieller Seite her nicht gesagt, worum es bei der Bargeldabschaffung neben der Bekämpfung der organisierten Kriminalität eigentlich geht, und so gärt die Wahrheit als Verschwörungtheorie in den alternativen Medien. Dass es sich um eine unbetretene, scheinbar unbekannte, doch in Hinblick auf unsere noch vorhandene Natur intuitiv vertraute Welt handelt, weiß kaum jemand. Ich stehe immer noch und immer wieder fassungslos vor der Beobachtung, dass sich die Erbsünde wegen der Feigheit der Verantwortlichen zur Aufklärung bis in unsere Zeit fortpflanzen und halten konnte. Natürlich sind wir auch alle selbst verantwortlich uns selbst aufzuklären („Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit....“), doch darf nicht vergessen werden, dass die Lehre und auch die Schlüsselstellen der Macht unterwandert sind mit Lügenmäulern und Zinsdemagogen, die den Menschen in Bezug auf die fundamentalen ökonomischen Mechanismen gehörig das Hirn verschwurbeln.

Aus einer Antwort auf eine E-Mail

Hallo XX,

ich sorge mich um die politische und soziale Situation in Europa. In Deutschland ist es da noch am Besten. Wenn ich nach Osteuropa schaue oder in den Süden Europas, auf die Jugendarbeitslosigkeit, auf die vielen älteren Menschen in ganz Europa, die nicht mehr arbeiten können, denen das Geld zum Leben nicht reicht und die auf staatliche Hilfe angewiesen sind, auf die vielen Menschen in Europa, die arm sind trotz Arbeit und auf die Flüchtlingskrise des Planeten, dann steht für mich fest, dass wir eine Umverteilung brauchen. Die Staatsschuldenkrise der Euro-Länder ist also nicht das einzige Argument dafür, sondern nur eines unter vielen.

Umverteilung: Erbschafts- und Vermögenssteuer vs. Negativzins

Natürlich wäre es möglich, dass der Staat Steuern auf Vermögen erhebt, denn auf Einkommen kann er keine weiteren Steuern mehr erheben, wenn er den Prozess der Wirtschaft nicht vollkommen abwürgen möchte. Dann aber müsste der Staat irgendwie die Höhe der Steuern berechnen, die auf Sachvermögen zu zahlen sind, und diese Steuern müssten als Geld eingetrieben werden.

Der Staat hätte also die immense Aufgabe, das gesamte Vermögen vor allem der Reichen festzustellen, was einen tiefen Eingriff in ihre Eigentumsrechte darstellen würde, und niemand könnte die Reichen davon abhalten, einfach ihr Sach- und Produktionsvermögen in andere Länder hinwegzuraffen und es dort neu aufzubauen.

Eine Erbschaftssteuer und eine Vermögenssteuer wollen die Unternehmerdynastien nicht, es würde zu enormen politischen Verwerfungen kommen, würden diese Steuern kommen. Das Band des Vertrauens zwischen etablierter Politik und etablierten Familien würde vollkommen reißen, und die Ewiggestrigen (AfD) bekämen Zulauf. Außerdem kann es dazu kommen, dass Unternehmen oder der Wirtschaftsprozess beschädigt werden, denn viele dieser Steuern würden auf Produktionskapital erhoben werden, der Staat müsste in die Unternehmensprozesse eingreifen und würde sie unter Umständen sogar beschädigen, wenn dort nicht sachgemäß taxiert würde.

Es gibt aber einen viel sanfteren und intelligenteren Weg der Erhebung von Vermögenssteuern auf Geld, nämlich die negativen Zinsen. Intelligenter ist er deswegen, weil bei seiner Beschreitung die Kreativität von Unternehmensgründern hinzugezogen würde und nicht die im Gegensatz zur Masse der Gründer relativ beschränkte Kreativität der Investitionsplanungen von Kabinettsmitgliedern der Regierung.

Bei einer staatlich erhobenen Steuer auf Geld würde der Staat das Geld einnehmen und über Investitionen wieder in den Kreislauf einbringen. Erhebt die Bank die Steuer, also den Negativzins auf Spareinlagen und verteilt die Bank diese Einnahmen an die Kreditnehmer, also an alle Menschen, die mithilfe von Fremdkapital wachsen wollen, dann wird auch gleich an die Richtigen umverteilt, nämlich an diejenigen, die sich initiativ aufraffen, handeln und die Wirtschaft mit Neugründungen neu beleben.

Wenn ich den Aufwand zur Einführung einer Vermögenssteuer vergleiche mit dem Aufwand zur Einführung von negativen Zinsen, dann ist der einfachere, aber vor allem bessere, Weg für alle die Einführung von negativen Zinsen, denn diese Grundregel der Finanzierung von Wirtschaft hätte zudem viele andere positive Begleiterscheinungen wie z.b., dass diejenigen, die ein Unternehmen gründen, Zins bekommen und auf der anderen Seite diejenigen, die damit dann erfolgreich sind, Zins zahlen. Niemand könnte sich mehr ohn Arbeit auf seinem Erfolg der Vergangenheit ausruhen und allein von den Zinsen leben, die andere durch ihre harte Arbeit erwirtschaften und die den Arbeitenden vom Leben abgepresst werden. Es würde außerdem ein ganz anderes Sozialverhalten verursacht werden. Die Kaufkraft von Renten würde steigen, weil der sinkende Kapitalkostenanteil der Preise die Inflation negativ macht, die Mieten würde sinken und die Löhne nominal und real (Kaufkraft, Reallohn) steigen (vgl. dazu Unterschied zwischen Realzins und Nominalzins, Fisher-Gleichung).

Berechtigte Ängste in Bezug auf unsere Daten

Ich bin nicht der Erste, der die Bargeldabschaffung fordert bzw. sie aus den Gesetzmäßigkeiten des kapitalistischen Prozesses heraus folgert und der aus der Zinsnahme erwachsenen Verantwortung. Schon vor 120 Jahren hat Georg Simmel, einer der Väter der modernen Soziologie, in seinem Buch Philosophie des Geldes (Kapitel 2 im analytischen Teil vor Handlungstheorie) die schon seit langem beobachtbare Ablösung der Bedeutung des Funktionswertes des Geldes (Messung, Tausch und Wertaufbewahrung) vom Substanzwert beschrieben, die Entwicklung liegt also auch innerhalb der Regeln und Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus, denn wenn die Geldmenge weiter steigt und es aber auf der anderen Seite nicht genügend Edelmetall, also „materiellen Glaubensanker des Mammonkultes“, zu seiner Deckung gibt, dann muss die Bedeutung der Substanz gegenüber der Bedeutung der Funktion des Geldes zurücktreten. Der letzte Schritt der Abstraktion (Ablösung) ist dann die Einführung des totalen elektronischen Zahlungsverkehrs.

Anonymität im Zahlungsverkehr ist natürlich auch für mich ein Thema, ich finde die Vorstellung, dass alle meine Transaktionen transparent sind, erschreckend, ich wäre ganz „nackt vor dem Schöpfer“. Wir würden dann tatsächlich in einem System leben, das mich bis in alle Details erkennen kann.

Doch haben wir diese Realität doch schon längst. Alles was wir mit dem Internet tun, wird registriert und aufgezeichnet und kann auf uns zurückgeführt werden. Es wird ja auch schon längst getan, wie der Facebook-Skandal deutlich gemacht hat. Wir werden mit unseren Daten, die aus unserer Interaktion mit dem Internet gewonnen wurden manipuliert, zum Kaufen verführt oder zum Wählen einer bestimmten Partei. Es ist schon klar, dass wir nicht mehr Überwachung wollen, sondern weniger.

Mißtrauen: das Gift in den Beziehungen der Menschen zu Staat und Wirtschaft

Man muss bei all dem meiner Meinung nach aber auch noch auf eine andere Art und Weise über Überwachung nachdenken. Eigentlich dient die Überwachung unserer Sicherheit, die Sicherheit dien dem Schutz unserer Würde, unsere verfassungsmäßig garantierten Grundrechte. Die Erhebung von Daten durch die Wirtschaft und damit die mögliche Bestimmung des Einzelnen soll und kann eigentlich dem Zweck dienen, dass die Unternehmen unsere Bedürfnisse noch besser stillen können.

Doch ist eben in unseren Beziehungen zur Wirtschaft und zum Staat ein subtiles Ungleichgewicht aufgrund des positiven Zinses, das den Vorteilen der Datenerhebung enbtgegenwirkt und eine ausbeuterische Wirkung der Bestimmung verursacht. Wenn wir die aufgrund der Preisgabe verbesserten Erzeugnisse der Unternehmen konsumieren, nehmen wir immer etwas weniger als wir bekämen, wären die Zinsen negativ (die Zinsen in der Natur sind negativ, das Lebendige gibt sich einander hin), wenn wir unsere Arbeit geben, dann geben wir immer etwas zuviel, nämlich das, was dem Kapital über die Fremdkapitalposition des Unternehmens, bei dem man beschäftigt ist als Zins hiunzuwächst und schließlich, wenn wir Steuern zahlen, befördert der auf dem Zinskupon des Staatsanleihenpapiers ausgewiesene Zins, der auch dem Kapital hinzuwächst, den Zugriff und das Eindringen des Kapitals bis in den letzten Winkel der Beziehungen unseres Seins über die Schuldenmacherei, vergiftet unsere Beziehung zum Staat, der uns eigentlich vor den Zugriffen des Kapitals schützen soll. Wir zahlen den positiven Zins also, wenn wir direkt oder indirekt mit Fremdkapital arbeiten, wenn wir konsumieren oder wenn wir Steuern zahlen.

In Beziehungen gibt es immer das Phänomen, dass zu viel Zwang die Freiheit einschränken kann, und so ist das mit unseren Beziehungen zum Staat (staatliche Dienstleistungen, Steuern, Gesetze) und zu den Unternehmen (Märkte). Die Überwachung unsere Transaktionen ist deswegen schlecht, weil wir mit dem über uns gewonnenen Wissen ausgebeutet wurden. Andere nehmen unsere Daten und bereichern sich damit und daran.

Werden die Zinsen negativ, dann werden sowohl der Staat als auch private Unternehmen für den einzelnen Menschen eine ganz andere emotionale Bedeutung bekommen. Warum das so ist, kann ich in dieser kurzen E-Mail nur skizzieren, doch es sei gesagt, dass diese Veränderung nur eine unter sehr vielen Veränderungen ist, die insgesamt sehr tiefgreifend sind und unsere Einstellung zu sehr vielen Dingen verändern wird.

Eine andere (Geld-) kultur in Wirtschaft und Gesellschaft

Werden die Zinsen negativ, dann sind ja sowohl Sparzinsen negativ, als auch Kreditzinsen. Für ein erfolgreiches Unternehmen bedeutet das dann, dass sein in Geld gemessener unternehmerischer Erfolg (wie bisher) auf einem Konto akkumuliert wird und dann aber über Negativzins-Kredite teilweise wieder in den Wirtschaftskreislauf eingespeist wird. Das Ergebnis ist, dass die Wirtschaft von erfolgreichen Unternehmen profitiert und zwar auf eine ganz andere, und in dieser Hinsicht gegenteilige Weise, wie im Kapitalismus, also bei positivem Zins. Der negative Zins erzeugt eine vollkommen andere Wirtschaftskultur, in der die Einstellung von Menschen zur Wirtschaft fundamental von der Einstellung zu Wirtschaft im Kapitalismus unterschiedlich sein wird. Das Prosperieren der Unternehmen bedeutet nicht mehr wie bisher steigende Lebenshaltungskosten und damit steigende Steuern, sondern das Gegenteil.

Wir haben in den Gesprächen, die wir in diesen Zeiten führen die kapitalistische Sozialisation in uns. In den Worten Immanuel Kants würde ich sagen, dass wir in Bezug auf alles rund um das Geld Urteile a priori, also Vorurteile, in uns tragen (aus der Kritik der reinen Vernunft), die sich aus der kapitalistischen Erziehung und Sozialisation ergeben.

In all diesen Erfahrungen haben wir gelernt, dass wir in der Beziehung zu den Unternehmen und dem Staat ausgebeutet werden. Dies ist nun aber nicht allein eine Empfindung, sondern sie ist auch wirklich wahr (man kann es berechnen), denn die Wirkung des Zinses ist es nunmal, dass er das Tote und seinen Zuwachs von der Arbeit und der Stoffwechselleistung des Lebendigen nimmt. Die Ursache für diese Ausbeutung ist der Zins gewesen, und wird er negativ, dann müssen wir vollkommen neu über unsere Einstellungen zu Wirtschaft und Staat nachdenken.

Alternativen zum Bargeldverbot

Es gibt Alternativen zu einem Bargeldverbot.

Möglich ist z.b., das Bargeld elektronisch abzinsbar zu machen. Jeder Geldschein bekommt dann einen elektronischen Aufdruck, der die Abwertung des Nennwertes akkumuliert. Der Schein rostet dann mit der Zeit.

Eine Alternative wäre außerdem eine Bargeldsteuer, die mit der Zeit immer weiter ansteigt und die nie abfällt. Jedenfalls brauchen wir irgendeine Art von Umlaufsicherung, wenn die negativen Zinsen kommen und wirken sollen.

Zusammenfassung: Datenschutz oder Freiheit?

XX, wenigstens für mich ist klar, dass wir bei der Situation in Europa aber auch im Rest der Welt eine Umverteilung „von reich zu fleißig“ brauchen. Der negative Zins macht so eine Umverteilung, doch verhindert das Bargeld das weitere Absinken des Zinses, weil insb. die Reichen dann ihr Geld in das Bargeld retten würden.

Ich kann die Ängste, die wir aufgrund unserer bisherigen Erfahrung mit Wirtschaft haben, die uns daran hindern, unsere Daten dem Wirtsprozess zur Verfügung zu stellen, verstehen, denn sie sind berechtigt.

Doch diese Ängste sind unter einer Negativzins Ökonomie relativ unbegründet, denn in einer Negativzinswirtschaft bereichert sich nicht mehr das Tote am Lebendigen, sondern das Lebendige am Toten, und das ist eine physikalisch korrekte Aussage.

Es gibt sicher Möglichkeiten, einen Teil der Transaktionen oder wohlmöglich alle unkenntlich zu machen. Allein der Staat könnte z.B. als Treuhänder Zugriff auf die Transaktionen haben, und über den Umgang mit unseren Daten würden Gesetze wachen. Die andere Möglichkeit ist die Einführung einer anonymen Währung, die für die „schmutzigen Tauschvorgänge“ unserer menschlichen Existenz da ist, oder warum und wozu muss man Transaktionen verheimlichen?

Wir werden am Ende entscheiden müssen, ob wir unsere Daten dafür hergeben wollen, dass es uns allen besser geht und wir endlich wirklich frei werden. Das hört sich vielleicht paradox an, doch ist es (wenigstens für mich) wirklich wahr.

Liebe Grüße,

Twisted Blues - Peter (the beast) Beets

Wohin jahrelanges Üben führt sieht man hier. Das Ergebnis ist wenigstens für mich - einfach nur geil :) pure „Energie“. So bleibt Musik lebendig und reproduziert sich wie ein Lebewesen. Wes Montgomery hätte wahrscheinlich gestaunt, wenn er gehört hätte, was nach ihm Kommende aus seinem Stück machen.







Peter Beets Trio und Anton Goudsmit über Twisted Blues von Wes Montgomery (unten).

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