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2. Oktober 2018

Niklas Luhmann zum Übergang von positiven zu negativen Geldmarktzinsen und zur Entstehung der neuen Weltordnung

Ich verarbeite ich hier kurz eine Textstelle aus Niklas Luhmanns zentralem Werk „Soziale Systeme - Grundriss einer allgemeinen Theorie“ von 1984, vom Abschnitt 12 des 8. Kapitels Struktur und Zeit.

Ohne jetzt allzu sehr auf die Zahlenmystik im am häufigsten gedruckten Buch der Welt, der Bibel, einzugehen, geht es hier um den Übergang von der 12. zur 13. Stufe, das Wiegen des Herzens (siehe Darstellungen im ägyptischen Totenbuch) Ist es zu schwer, wird es an Ammit verfüttert, ist es leicht genug, dann steigt der Pharao auf. Gewogen wird das herz gegen die Feder des Shu. Wenn Ammit frisst, dann haben wir Revolution, Krieg oder Bürgerkrieg. Steigt der Pharao auf, kommt endlich das Himmelreich.

So findet sich im Alten Testament im ersten Buch Könige in Kapitel 13 die Beschreibung der Krise zu Zeiten Jerobeams. Ein Mann prophezeit einen Riss im Altar, ein Aufspalten des Reichs: der Zerfall der Euro-Zone, wenn die Zinsen wieder steigen.

Im Neuen Testament findet sich in den Evangelien Matthäus' und Lukas' jeweils im 13. Kapitel die „Seepredigt”: Übergang ins Himmelreich, Entstehung eines sozialen Systems in der Eurozone, Übergang vom Sozialismus (0% Zins) in den Kommunismus ( negativer Geldmarktzins ).

Luhmann deutet mit einem berühmten „Code“ („die Letzten werden die Ersten sein“, Matthäus 19:27 und 20:16) an, dass es sich um eine Beschreibung der Krise aus soziologischer und erkenntnistheoretischer Sicht handelt, Abschnitt 10, des selben Kapitels:

„Andererseits leuchtet eine Umkehrsymbolik ein: die Mächtigen sind am gefährdetsten, die Letzten werden die Ersten sein. Die Vorstellungen über ein Schicksal nach dem Tode beginnen sich von den Umständen des Todes, also aus der Unmittelbarkeit des Zusammenhangs zu lösen und werden auf Verdienste an beliebigen Zeitstellen des Lebens bezogen. Und mit all dem wird die Zeit selbst abstrahiert auf ein Symbol für Dauer, schließlich unter Einbeziehung beliebiger Veränderungen auf ein in sich konstantes Maß aller Bewegung.“
...nämlich Zerfallsraten des Kapitals aufgrund negativer Zinsen und Abschreibungen, und damit einhergehend: Strukturbildungen sozialer Systeme. Das neue Feststehende ist nämlich das Lebendige und nicht mehr das geltende Tote, wie bei positivem Zins.

Nun die Textstelle am Ende von Kapitel 8 Struktur und Zeit, Abschnitt 12:

„Ohne auf weitere Einzelheiten einzugehen, halten wir als zentrale theoretische Einsicht fest, dass das Einbeziehen und Verarbeiten höherer Unsicherheiten über Strukturen ermöglicht wird, deren Genese und Reproduktion einer Differenz zu verdanken sind. Strukturbildung ist weder in einem Prinzip, einem Anfang präformiert, noch läuft sie nach Maßgabe objektiver historischer Gesetze ab, die festlegen, wie der Zustand A in den Zustand B übergeht. Entscheidend scheint vielmehr die Übersetzung von Systembildungsproblemen in Differenzen zu sein. Wenn dabei der Punkt getroffen wird, auf den es ankommt - und wir halten sozial die doppelte Kontingenz und zeitlich die enttäuschtbare Erwartung für einen solchen Punkt -, entstehen im Laufe der Zeit aus Zufallsereignissen Ordnungen. Was immer passiert, legt (1) Erwartungsbildung und (2) ein Testen der Erwartung an der Alternative von Beibehalten oder Aufgeben nahe. Es wird dann nicht ausbleiben, dass sich Sinngehalte ankristallisieren, die diese Entscheidung ihrerseits erwartbar machen, ihr Begründungen, Konsenschancen, Ausnahmezulassungen etc. zuliefern. Erwartungsstrukturen, die sich im Zeitlauf so umbauen, sind dann ihrerseits störempfindlich, so dass sich neue Sinnschichten, abstrakte Semantiken, Theorien bilden, mit denen man über diese Störungen sprechen und sie abwehren oder auch in Strukturgewinn umformen kann. Auf dieser Ebene werden dann auch Normensysteme wieder lernbereit; es kann sich z.b. eine an Fallerfahrungen orientierte Moralkasuistik oder eine juristische Dogmatik bilden. Und umgekehrt werden in Kognitionssysteme normative Stützen eingezogen. Man gibt gerade systematisierte Erkenntnisse nicht so rasch auf, wenn einzelne Erfahrungen ihnen widersprechen, weil mit dem Verzicht zu viel fallen würde und Ersatz nicht in Sicht ist.

Nach längerer Zeit und längerer Evolution ist es dann kaum mehr möglich, die entstandene Ordnung von einem Prinzip aus zu erfassen oder auch nur mit relativ einfachen Begriff Mitteln zu beschreiben. Nur die genetische Regulierung ist einfach zu begreifen, das Resultat ist es nicht. Das gilt für jeden Organismus, das gilt auch für soziale Systeme.“

Kommentierung und Auslegung

Das kann man nicht unkommentiert so stehen lassen.

Ausbleibende Erwartungen sind faule Kredite oder Anleihen. Unsicherheiten über Strukturen beziehen sich hier in der Gegenwart auf die wackelige Architektur des €-Finanzsystems, auf die immer stärker gefährdete globale Finanzarchitektur aufgrund der Kombination „Donald Trump plus steigende FED Zinsen“ aber eben auch auf Gebäude der Theorie von Wirtschaft und Geldsystem.

Der Zustand A ist (mutmaßlich) Wirtschaft und Gesellschaft unter dem Kapitalismus, der Zustand B ist Wirtschaft und Gesellschaft unter einer Ökonomie negativer Zinsen.

Die Unsicherheiten in den Theorien über die Wirkweise positiver und negativer Zinsen werden sich nur durch Experimente minimieren lassen. Bestätigungen von Theorien begünstigen dabei den Ausbau.

Experimente mit positivem Zins, z.b. die Krise 2007 und 2008, lassen Fallerfahrungen entstehen. Man weiß vorher schon, dass es krachen wird, man kennt es vom letzten Krach, man hat erfahren, wie tief man fallen kann.

Es ist am Ende eine Frage des Konsens, ob wir den Übergang machen, und dabei kommen sämtliche Erfahrungen der Vergangenheit zum Tragen.

Sind die Geldmarktzinsen ersteinmal negativ, wird die neue Weltordnung schnell unübersichtlich. Die genetische Regulierung ist der Verlauf der Leitzinskurve(n).

Der entscheidende Schlüssel zur korrekten Interpretation des Textabschnitts liefert die Grundbedingung der doppelten Kontingenz, aus der heraus soziale Systeme emergieren.

Wie eine einfache Überlegung zeigt, ist diese Bedingung genau dann erfüllt, wenn die Geldmarktzinsen negativ werden. Dann ändert sich nicht das Ausbeutungsverhältnis zwischen den Herren und Damen einerseits und den Knechten und Mägden andererseits, sondern allein das Ausbeutungsverhältnis zwischen Kapital und Arbeit.

Eine gewaltsame Revolution wie Marx und Engels sie im Kommunistischen Manifest herbeiredeten, ist also überflüssig. Wachsein und Nachdenken über das Zinsvorzeichen genügt völlig.

Recep Tayyip Erdoğan zu unserem Moment

Bei der Einweihung der Kölner Moschee spricht Recep Tayyip Erdoğan vom Tod. Man möchte das zu einem solchen Anlass nicht erwarten, doch wer mit den großen Zusammenhängen zwischen Religion und Ökonomie vertraut ist, der weiß ganz genau wovon Erdoğan spricht.

Der Kapitalismus endet durch den Tod seines Geistes, des Mammon. Christentum und Islam sind beide antikapitalistische Religionen (Lukas 6:[27-35], Sure 2). Beim Überschreiten der Schwelle zu einer Moschee betritt man also das Jenseits, und so gilt das auch für das Überschreiten der Schwelle einer Kirche des Abendlandes.

Aus der Rede:

Mit dem Gebetsruf von den Minaretten aus rufen die Moscheen zum Gebet, aber auch zum Frieden. Die Gebetsrufe sind Einladungen zum Gebet und zum Frieden. In den Gebetshäusern, in die wir gehen, werden unsere Herzen und unsere Seelen mit der göttlichen Kraft zusammengeführt. Und in diesen Gebetsstätten werden wir stark, werden wir lebendig und zu einer Gemeinschaft.

[ Gemeinschaft: lateinisch communis heißt gemeinsam. Man vergleiche den Begriff der Umma mit dem Begriff der Kommune zur Zeit der französischen Revolution, zum Begriff Sowjet, was auch Rat bedeutet, nach der Februarrevolution 1917 in Russland oder in der Münchner Räterepublik 1919. ]

Die Geschwisterlichkeit ist nicht irgendein Begriff. Es bedeutet, dass wir gezwungen sind, noch sehr viel mehr aneinander zu sein, zusammen zu sein, zusammen zu stehen. Die Moscheen sind die Orte, die uns an den Zusammenhalt von 1,7 Milliarden Muslimen erinnern.

[ Moscheen sind auch Kirchen für Christen, genauso wie Kirchen Moscheen für Muslime sind. Am Ende werden wir sogar begreifen, dass Synagogen Moscheen und Kirchen sind, denn im Diesseits gibt es weit und breit weder Muslime noch Christen, sondern wir sind alle Juden. ]

Wenn wir uns den Menschen mit Geschwisterlichkeit und Liebe annähern, ist es möglich, die Früchte zu ernten. Ob man nun Staatspräsident, Ministerpräsident, Parlamentspräsident, Milliardär oder Trilliardär ist, was auch immer, unter der Kuppel gilt für alle das Gleiche.

Unter dieser Kuppel stehen wir Schulter an Schulter und sind gleich vor Gott.

[Minute 15:00]

Wohin gehen wir von dieser Position?

Wir gehen in das Grab und wenn wir sterben, im Totengebet, werden wir nicht gewürdigt als Präsident oder Millionär, sondern wir sind Mensch, und wenn wir zu Grabe getragen werden, schaut man nicht darauf, was für eine Amtsbezeichnung jemand hat, sondern man wird als Mensch zu Grabe getragen und das war's, und dann gehen die Teilnehmer des Begräbnisses vom Friedhof weg, und man ist dann dort und liegt im Grab.

Und so müssen wir uns auch vorbereiten auf das Leben nach dem Leben, auf das Jenseits. Es ist ganz gleichgültig, welche Sprache jemand spricht, welche Hautfarbe jemand hat, ob jemand Europäer oder nicht Europäer ist. Das alles spielt keine Rolle. Unsere Moscheen sind Orte des Gebets für alle Menschen, ganz gleich welcher Herkunft.

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