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17. November 2019

Kommentierung von Karen Horneys Aussagen zu Kultur und Neurosen von 1937

Im Folgenden kommentiere ich die Schlussworte von Karen Horneys Der neurotische Mensch unserer Zeit von 1937 und versuche, ihre Befunde in Bezug auf kulturelle Ursachen für die Entstehung von Neurosen mit den Mechanismen in Beziehung zu setzen, die im Wirkmedium des Kapitalismus, dem Geldsystem, und also in der Lebenswirklichkeit der Menschen über den Umgang mit Geld wirksam sind. Die Wirkrichtung ist an den Kopplungspunkten zum Geldsystem, den Märkten und den Beziehungen zum Staat, natürlich immer entgegengesetzt zweiwertig, hat also zwei entgegengesetzte Richtungen und Perspektiven, denn es ist der Mensch, der den Kapitalismus aktiv aus unterschiedlichen Motiven heraus, wie z.B. die Abwehr von Angst vor Strafen, Benachteiligungen oder schlechtem Ansehen (das Müssen und Sollen) oder das Begehren und die Erfüllung von Erwartung durch Belohnung (das Wollen) betreibt, und der Mensch ist seinen Forderungen und Begünstigungen passiv ausgesetzt und muss mit den an ihm wirksamen Folgen der Kultur zurecht kommen.

Wie Karen Horney im Folgenden ausführt, sieht sie die Ursache für die Entstehung von Neurosen in der unzureichenden Sublimierung von Affekten in der Internalisierung von Konflikten an den Austauschpunkten der Individuen innerhalb des sie umgebenden Beziehungsgeflechts. Werden die am Konflikt beteiligten Affekte nicht sublimiert, d.h. in kulturadäquate Verhaltensweisen und Haltungen umgeformt, entsteht eine Neurose.

Fasst man den Begriff der Störung etwas weiter und bezieht neben den Neurosen auch noch psychotische Erkrankungen ein, findet man noch mehr Parallelen. So ähneln die bipolare Störung, die Hypomanie oder manische Euphorie und Depression den Konjunkturzyklen und z.B. die histrionische Persönlichkeitsstörung spiegelt die oberflächlichen Selbsttäuschungen, das ins Positive überzeichnete Fassadenhafte des kleinbürgerlichen Lebens und das Rauschhafte und die falschen Versprechungen in den Angeboten der Konsumgesellschaft, um nur einige Beispiele zu nennen.

Das Verhalten infolge einer Borderlinestörung, die als eine Art Mischfall sowohl neurotische als auch psychotische Symptome aufweist, ähnelt Brüchen, entgegengesetzen Tendenzen und Ausbeutungs- und Abhängigkeitsverhältnissen in Beziehungen innerhalb des Erwerbslebens, der schöpferischen Zerstörung der kapitalistischen Wirtschaft.

Es scheint also, als spiegelten Persönlichkeitsstörungen die vom Kapitalismus verursachten Störungen in den Beziehungen der Individuen untereinander.

Grundangst, Norm und Neurose

Karen Horneys Darstellung der Unterscheidung des Normalen vom Neurotischen folgend, bestehen wesentliche Teile von Kultur in konventionellen Sublimierungsformen, die sich in allgemein akzeptierten und angenommenen Regeln, Werten, Normen verdichtet niederschlagen und für das Individuum die sozialen Verkehrs- und Umgangsformen (das Können und Dürfen) bilden, während der Exzess über das über die Regeln, Gesetze und Werte definiert »Normale« und die Abweichung von diesem kulturabhängigen Normbereich dementsprechend das »Neurotische« ist. Das Neurotische entsteht als eine feindselige Abwehrhandlung gegen die von ihr wie folgt definiert Grundangst:

Man kann sie ganz allgemein als ein Gefühl beschreiben: klein, unbedeutend, hilflos, verlassen und gefährdet einer Welt gegenüberzustehen, die darauf aus ist, einen zu missbrauchen, zu betrügen, anzugreifen, zu demütigen, zu verraten oder zu beneiden. Eine meiner Patientinnen drückte diese Empfindung in einem Bild aus, das sie ganz spontan malte, wo sie selbst als hilfloses, nacktes Baby im Mittelpunkt der Szene saß, von allen Arten bedrohlicher menschlicher und tierischer Ungeheuer umgeben, die im Begriff waren, über sie her zu fallen.

Ich versuche deutlich zu machen, dass zur einfachen, normalen, biologischen Dualität der jeweils subjektiven Wirklichkeit im sozialen Austausch, die notwendige Folge der gegenseitigen Bezogenheit auf Märkten, gegenüber dem Staat und in Beziehungen außerhalb des Geldnetzwerkes ist, eine dem Zinsnehmen zuordenbare übernatürliche Komponente hinzu kommt, die ich im großen Ganzen der Kultur für Spaltungen, innere Konflikte um Werte, Paradoxien („Schizophrenien“), äußere, physische Konflikte, soziale Ungleichheiten, (scheinbar) unvereinbare Gegensätze und also auch für den Klassengegensatz der Marx'schen Theorie, der nicht allein eine reine Denkfigur, sondern ein anhand der NETTO Zinsfluss-Bilanz exakt berechenbares Phänomen ist, verantwortlich mache.

Freuds Position und das Zusammenspiel von Kultur und Neurose bzw. die Interdependenz von Soziologie und Psychologie

Der folgende Text findet sich also auf den letzten Seiten des eingangs erwähnten Werkes von Karen Horneys Der neurotische Mensch unserer Zeit.

Jede einzelne Analyse bringt auch für den erfahrenen Analytiker neue Probleme mit sich. Mit jedem Patienten steht er vor neuen Schwierigkeiten, die ihm vorher nie begegnet sind, vor Reaktionen, die anfänglich alles andere als durchsichtig sind. Wenn wir uns die Kompliziertheit der neurotischen Charakterstruktur ansehen, wie wir sie in den vorhergehenden Kapiteln beschrieben haben und die vielen Faktoren, die dabei im Spiel sind, so erscheint diese Vielfalt nicht verwunderlich. Unterschiede der Erbmasse und der Lebenserfahrungen eines Menschen, besonders derjenigen, denen er in der Kindheit unterworfen war, erzeugen scheinbar endlose Variationen im Zusammenwirken der betreffenden Faktoren.

Und trotzdem sind an all diesen individuellen Variationen die ausschlaggebenden Konflikte, aus denen eine Neurose entsteht, in Wirklichkeit immer dieselben. Im Allgemeinen sind es die gleichen Konflikte, denen auch der gesunde Mensch unseres Kulturkreises unterworfen ist. Es ist eine Binsenwahrheit, zu sagen, dass man unmöglich genau zwischen dem was neurotisch und dem was normal ist, unterscheiden kann und dennoch kann es nützlich sein, es hier noch einmal zu wiederholen. Mancher Leser kann sich angesichts von Konflikten und Haltungen, die er aus eigener Erfahrung kennt, fragen: bin ich neurotisch, oder nicht? Das gültigste Kriterium besteht darin, zu untersuchen, wie weitgehend der Einzelne durch seine Konflikte an seinem Leben verhindert wird, ob er sie sehen und auf eine direkte Art mit ihnen fertig werden kann.

Nachdem wir erkannt haben, dass ein neurotischer Mensch in unserem Kulturgebiet von den gleichen Grundkonflikten bewegt wird [nämlich den seelischen Umgang mit der in Beziehungen erfahrenen Grundangst] und dass ein normaler Mensch ihnen ebenfalls, wenn auch in geringerem Maß, unterworfen ist, stehen wir wieder vor der selben Frage, die wir am Anfang stellten: welches sind die kulturellen Bedingungen, die an dem Umstand schuld sind, dass Neurosen sich gerade an diesen besonderen Konflikten ansetzen, von denen ich sprach und nicht an anderen?
Soziale Konflikte entstehen in Beziehungen und sind dargestellt in Unvereinbarkeiten, Verweigerungen von Forderungen, im Überschreiten von Grenzen, dem Auftreten von Widersprüchen und gegensätzlichen inneren und/oder äußeren Tendenzen. Die Grundvoraussetzung für ihre Entstehung ist die Beziehung innerhalb des Geldnetzwerkes oder außerhalb. Das Aufeinanderbezogensein innerhalb von Gesellschaft und Wirtschaft ist Folge der durch die Knappheit der lebensnotwendigen Mittel erzeugten Nöte. Das Zinsnehmen erzeugt Vertragsabschlusszwänge (Zins und das Gleichgewicht der Bestimmung) und also das Aufeinanderbezogensein z.B. in Kauf-, Arbeits- oder Mietverträgen. Man erhofft sich vom Vertragspartner die Stillung der eigenen Bedürfnisse.

Sublimierung von Trieben und die Entstehung des Über-Ichs

Über die Geschichte der Entstehung von Formen der Affekt- und Triebsublimierung und des (kulturellen) Über-Ichs schreibt Norbert Elias in seinem Hauptwerk Über den Prozess der Zivilisation (1939). Ihm zufolge, und dies habe ich am 19.10.2017 begründet, haben sich im Verlauf des Zivilisationsprozesses durch Internalisierung Fremdzwänge in Selbstzwänge gewandelt. Diese Selbstzwänge sind im Über-Ich dargestellt und bilden die Norm.

Jedes Empfinden von Zwang ist jedoch ein Konflikt oder eine Diskrepanz zwischen der eigenen Selbstbestimmung und der Fremdbestimmung, der auch im Begriff des Prekariats erfasst ist. Demnach ist die Quelle von Konflikten korreliert mit der Entstehung von Zwängen, die sich nicht durch Anpassung (Sublimierung z.b. durch Über- oder Unterordnung ) lösen können. Die übernatürliche Zwangskomponente in diesen Beziehungen bleibt oft unterhalb der Wahrnehmungsschwelle und also unbemerkt, solange der Kontrast zum Normalen nicht groß genug ist. Dass die Austauschbeziehung zunächst nicht als Konflikt erlebt wird, ist also der subtilen Unterschwelligkeit der Störung geschuldet, die sich akkumuliert und erst nach Überschreiten gewisser Grenzen offen zutage tritt, wie z.B. die Inflation still und heimlich die Lebenshaltung verteuert, bis die Diskrepanz so deutlich und krass wird, dass sich der Konflikt im Arbeitskampf darstellt oder im Streit mit dem Vorgesetzen um die Arbeitsanforderungen kurz vor der Überforderung.

Freud hat sich um dieses Problem nicht viel gekümmert; die Kehrseite seiner biologischen Orientierung ist ein Mangel an soziologischer Orientierung und daher neigt er dazu, soziale Phänomene vorwiegend auf psychische Faktoren zu schieben und diese wieder auf hauptsächlich biologische (siehe die Libido-Theorie). Diese Tendenz veranlasste psychoanalytische Schriftsteller, um einige Beispiele anzuführen, zu dem Glauben, Kriege seien von dem Todestrieb bedingt, unser derzeitiges ökonomisches System wurzle in analerotischen Trieben, der Grund dafür, dass das Maschinenalter nicht schon vor 2000 Jahren begann, sei in dem Narzissmus jener Periode zu finden.

Freud sieht eine Kultur als das Ergebnis eines vielseitigen sozialen Prozesses an, sondern vor allem als das Produkt biologischer Triebe, die unterdrückt oder sublimiert werden, was zu dem Ergebnis führt, dass Reaktionsbildungen gegen sie errichtet werden. Je vollkommener die Unterdrückung und dieser Triebe gelang desto höher ist die kulturelle Entwicklung. Da die Fähigkeit zur Sublimierung begrenzt ist und da die intensive Unterdrückung primitiver Triebe ohne Sublimierung zu Neurosen führen kann, muss eine wachsende Zivilisation unvermeidlicher Weise das Wachstum von Neurosen nach sich ziehen. Neurosen sind der Preis, den die Menschheit für ihre kulturelle Entwicklung zu zahlen hat.

Die in dieser Theorie enthaltene Annahme, die diesem Gedankengang zugrunde liegt, ist der Glaube an das Vorhandensein einer biologisch bedingten menschlichen Natur oder genauer gesagt, der Glaube daran, dass orale, anale, genitale und aggressive Triebe in allen Menschen verhältnismäßig gleich vorhanden seien. Variationen in der Charakterbildung von einem Individuum zum anderen Kultur zur anderen, verdanken dann ihre Existenz der wechselnden Intensität der erforderlichen Unterdrückung, wozu noch die Unterscheidung kommt, dass diese Unterdrückung die verschiedenen Triebarten in verschiedenem Maß beeinflusst.
Freuds Verkleinerung des Anteils der gesellschaftlichen Verhältnisse am Leid des Einzelnen und die Überbetonung der Seelennatur des Menschen darin ähnelt in gewisser Weise Marxens Hilflosigkeit in der Erklärung der Herrschaft des Kapitals, die er der ausbeuterischen, herrsüchtigen Natur des Unternehmers und der Kapitalisten zuschreibt, wie er auch den Geld- und Warenfetisch eher im Seelischen verortet und also in der Natur. Dass die Affekte und Triebe und ihre Formung und Modellierung in die Verhältnisse einspielt, ist unbestritten, doch werden die überindividuellen, makroskopischen und übernatürlichen Mechanismen, wie die Störung der Preisbildung (Vertragsinhalt!), und also die Übertragung von Zwängen an Märkten, in der Erklärung der Phänomene unberücksichtigt gelassen.

Kulturniveau und Unterdrückung von menschlichen Trieben

Historische und anthropologische Befunde bestätigen eine derart direkte Beziehung zwischen der Höhe einer Kultur und der Unterdrückung sexueller und aggressiver Triebe nicht. Der Irrtum liegt hauptsächlich in der Annahme einer quantitativen statt einer qualitativen Beziehung. Beziehung besteht nicht zwischen einer quantitativen Unterdrückung und einem quantitativen Kulturniveau, sondern zwischen der Qualität individueller Konflikte und der Qualität kultureller Schwierigkeiten. Der Quantitätsfaktor kann nicht außer Acht gelassen werden, doch kann er nur im Zusammenhang mit der Gesamtstruktur richtig bewertet werden.
Der zivilisatorische Anpassungsprozess besteht in der Internalisierung von Konflikten durch Sublimierung der konfliktträchtigen Triebe. Die Stärke der Dämpfung der Affektivität und der Affektkontrolle mit dem Kulturniveau gleich zu setzen ist schon allein deswegen unmöglich, weil zumindest die Affektunterdrückung und -sublimierung zwar sehr langsam evolutionär veränderbare, doch jedenfalls Grenzen hat, die vom kapitalistischen Prozess in sehr viel kürzerer Zeit überschritten werden und jenseits dieser Grenze nicht so bestehen können, dass das Individuum lebens- und fortpflanzungsfähig ist. Das Kulturniveau (die Konjunktur, die Stufenleiter der Produktion) schreitet weiter voran, während für das Individuum die Grenze der Anpassungsfähigkeit überschritten wird und irgendeine Diskontinuität den Anpassungsdruck entfallen lässt, wie es z.B. in Entlassungen, beim Arbeitsplatzwechsel, bei Trennungen oder gar in revolutionären Umstürzen, Bürgerkriegen oder Kriegen geschieht.

Konflikte und Wettbewerb

Gewisse typische Schwierigkeiten, die zu unserer Kultur gehören und sich als Konflikte im Leben jedes Menschen widerspiegeln, können, wenn sie sich ansammeln, zu einer Neurose führen. Da ich kein Soziologe bin, will ich nur kurz die wichtigsten Züge aufzählen, die einen Einfluss auf das Problem der Beziehung zwischen Neurosen und Kultur haben.

Unsere moderne Zivilisation beruht ökonomisch auf dem Prinzip des individuellen Wettbewerbs. Das isolierte Individuum muss sich mit anderen Individuen der gleichen Gruppe in einen Kampf einlassen, muss sie überragen und häufig beiseite schieben. Der Vorteil des Einen oft der Nachteil des Anderen. Das seelische Resultat dieser Situation besteht in einer allgemeinen feindlichen Spannung zwischen den Einzelnen. Jeder ist der wirkliche oder potenzielle Konkurrent jedes anderen. Diese Situation wird deutlich zwischen Mitgliedern der gleichen Berufsgruppe sichtbar, trotz aller gegenseitigen Bemühungen, sich fair zu benehmen oder Versuchen, seine Gefühle hinter höflicher Rücksichtnahme zu verbergen. Jedoch muss betont werden, dass der Wettbewerb und die potentielle Feindseligkeit, die er im Gefolge hat, sämtliche menschlichen Beziehungen durchdringt.
In den nachfolgenden Ausführungen erläutert Karen Horney die Bedeutung des alle Beziehungen durchdringenden Phänomens des Wettbewerbs, des Konkurrierens, Rivalisierens, der Kompetition. Der Wettbewerb in sozialen Beziehungen ist eine Verhaltensweise, die in Ziel und Ergebnis eine Abwertung des Einen zugunsten der Aufwertung des Anderen hat. Sie enthält also divergente, entgegengesetzte Bestimmungen. Der konvergente Anteil, der der Verhaltensweise der Kooperation, der Vergeschwisterung und Solidarisierung entspricht, ist unterdrückt, wenn Wettbewerb herrscht.

Analysiert man die NETTO Zinsbilanz, so zerfällt die Gesamtheit der Wirtschaftssubjekte in Abhängigkeit von der Größe ihres eigenen und fremden Leihkapitals in die zwei Gruppen der NETTO Zinsgeber und der NETTO Zinsnehmer. Am 06.11.2019 und am 25.08.2019 habe ich erläutert, dass in beiden Gruppen aufgrund der insgesamt ab- und zufließenden Zinsen sehr unterschiedliche „Umweltbedingungen” vorherrschen. Diese entgegengesetzen Umweltbedingungen wirken auf die Austauschbeziehungen ein.

In der Geldnetzwerk-Umwelt der Gruppe der Zinsgeber herrschen Vertragsabschlusszwänge (ähnlich wie Kontrahierungszwänge), Einschränkungen der Vertragsinhaltsfreiheit (Störungen der Preisbildung und also des Austauschverhältnisses), Wettbewerb um Vertragspartner (Kontrahenten) bei gleichzeitiger Einschränkung der Kontrahentenwahlfreiheit und Knappheit der Ressourcen. Es herrschen (überwiegend) Divergenz, Kompetition (Wettbewerb), Zwietracht, Mangel, Ängste, Not, Notwendigkeiten und Zwänge.

In der Geldnetzwerk-Umwelt der Gruppe der Zinsnehmer sind diese Umweltbedingungen genau umgekehrt: es gibt z.T. überwältigende Möglichkeiten und verhältnismäßig wenige Notwendigkeiten bei der Wahl zwischen vertraglicher Bindung und (systemischer) Autarkie und Unabhängigkeit, überwiegende Vertragsbildungs-, -inhalts- und -kündigungsfreiheit und ein Überangebot an allen Ressourcen. Es gibt (überwiegend) Konvergenz, Kooperation (Zusammenarbeit), Eintracht, Überfluss, Freude, Glück, Möglichkeiten und Freiheit.

Diesen Klassengegensatz und die entgegengesetzten Umweltbedingungen gilt es zu berücksichtigen, wenn der Einzelne in sich die gesellschaftlichen Widersprüchlichkeiten vereinen soll.

Der Wettbewerb ist einer der allerwesentlichsten Faktoren in sozialen Beziehungen. Er durchdringt die Beziehungen von Mann zu Mann, von Frau zu Frau und ob der Anlass des Wettbewerbs Popularität, Kompetenz, Anziehungskraft oder irgendein anderer sozialer Wert ist, er erschwert die Möglichkeiten einer verlässlichen Freundschaft beträchtlich. Wie bereits angedeutet, stört er auch die Beziehungen zwischen Männern und Frauen, nicht nur in Bezug auf die Wahl des Partners, sondern auch in dem gegenseitigen Kampf um die Vorherrschaft. Er durchdringt das Leben in der Schule. Und was vielleicht am allerwichtigsten ist, er durchdringt die gesamte Familiensituation, so dass in der Regel ein Kind von Anfang an mit diesem Keim geimpft wird. Die Rivalität zwischen Vater und Sohn, Mutter und Tochter zwischen einem Kind und einem anderen, ist kein allgemein menschliches Phänomen, sondern die Reaktion auf kulturell-bedingte Anreize. Es bleibt eine von Freuds großen Leistungen, die Rolle des Rivalentums in der Familie erkannt zu haben, wie er dies in seiner Theorie des Ödipuskomplexes und in anderen Hypothesen ausdrückte. Jedoch muss hinzugefügt werden, dass dieses Rivalentum an sich nicht biologisch bedingt ist, sondern dass es das Resultat gegebener kultureller Bedingungen ist und außerdem, dass die Familiensituation nicht die einzige ist, die ein Rivalentum anspornt, sondern dass der Anreiz zum Wettbewerb von der Wiege bis zum Grabe dauernd aktiv vorhanden ist.
Der Mensch vergleicht sich von Natur aus mit den Anderen, denn die Anderen sind der einzige natürliche Spiegel (vgl. zum Begriff der Rückkopplung), den der im Grunde im Verlauf der Zivilsation evolutionär nur wenig fortgeschrittene Urmensch hatte. Die Mechanik des Zinsnehmens führt dazu, dass der Wert der Arbeit gegenüber dem Wert des Kapitals gemindert wird. Ich würde daher sagen, dass es natürlichem Verhalten entspringt, wenn der Mensch den ihm von der Kultur zugeschriebenen Wert seiner hingebungsvollen Arbeit in die Nähe seines Selbstwerts rückt. Eine Kultur, die die Arbeit systematisch abwertet, muss sich nicht darüber wundern, dass ihre Angehörigen unter Minderwertigkeitskomplexen leiden und das Gefühl haben, sich ständig behaupten zu müssen, indem sie gegeneinander konkurrieren, und es ist auch nicht verwunderlich, dass die Eltern die Kinder erzieherisch auf die raue Welt der Erwachsenen vorbereiten, indem sie ihnen das Konkurrierenmüssen einpflanzen.

Die potenziell feindselige Spannung zwischen Individuen führt zu einer steten Erregung von Furcht - Furcht vor der potentiellen Feindseligkeit anderer, verstärkt durch eine Vergeltungsfurcht für die eigenen Feindseligkeiten. Eine andere wichtige Quelle der Furcht in einem normalen Individuum ist die Aussicht auf Misserfolg. Die Furcht vor Misserfolg ist sehr realistisch, weil im Allgemeinen die Möglichkeiten eines Misslingens viel größer sind, als die eines Gelingens und weil ein Misserfolg in einer konkurrierenden Gesellschaft eine realistische Vereitelung von Bedürfnissen mit sich bringt. Dies bedeutet nicht nur ökonomische Unsicherheit, sondern auch einen Prestigeverlust und alle möglichen gefühlsmäßigen Enttäuschungen.
Insbesondere die Aussagen, dass Misserfolg wahrscheinlicher sei als Erfolg, wird von Wirtschaftswissenschaftlern und Soziologen bestätigt. Es ist von mangelnden und immer weniger Aufstiegschancen die Rede, von einer Verfestigung und Zementierung der Armutsverhältnisse[1]. Es ist klar, dass den niederen Schichten der materielle Erfolg und also die erhoffte, vermeintliche Aufwertung des Selbst als ein erstrebenswertes Ziel erscheint, denn dieses errettet den Strebsamen aus seinen prekären Verhältnissen und den Minderwertigkeitskomplexen.

Ein anderer Grund dafür, dass Erfolg ein solch faszinierendes Phantom ist, besteht in seiner Wirkung auf unser Selbstbewusstsein. Es sind nicht nur die anderen, die uns entsprechend dem Grad unseres Erfolges einschätzen; ohne es zu wollen, folgt unsere Selbstbewertung dem gleichen Maßstab. Den existierenden Ideologien entsprechend, verdanken wir unseren Erfolg unseren eigenen Verdiensten; jedoch kann er auch - in puritanischer Denkweise! - für ein sichtbares Zeichen der Gnade Gottes gehalten werden [Ich finde diesen Satz ekelhaft, da nicht klar der Kapitalismus von Gott unterschieden wird]; in Wirklichkeit hängt er aber unter anderem auch von einer Reihe von Faktoren ab, die außerhalb einer Kontrolle liegen: als da sind zufällige Umstände oder Skrupellosigkeit und dergleichen mehr. Nichtsdestoweniger fühlt sich auch der normalste Mensch unter dem Druck der bestehenden Ideologie zu dem Gefühl veranlasst, er sei jemand, wenn er Erfolg hat, und er sei nichts, wenn er unterliegt. Es erübrigt sich zu sagen, dass dies eine unsichere Grundlage für das Selbstbewusstsein ist.
Der Preis, der für den Aufstieg bezahlt wird, ist nicht selten der Verlust der ursprünglichen Beziehungen, die Veränderung des eigenen Wertsystems (s.o. Skrupellosigkeit) und somit ein anderer sozialer Umgang, der sich in bestimmten Fällen pathologisch auswirkt, wenn der Erfolg „zu Kopf“ steigt. Wie eng Erfolg und Misserfolg beieinander liegen können, zeigt sich in beiden Richtungen an Sprüchen wie „heute gewonnen, morgen zerronnen”, „vom Tellerwäscher zum Millionär“ und an den Lebensgeschichten am System gescheiterter Unternehmer. Dass das Selbstbewusstsein am von anderen dem Selbst zugerechneten Wert hängt, ist bei vielen Erfolgsmenschen deutlich erkennbar. So müssen sie auch ihre Misserfolge beschämt verstecken und können das Scheitern nicht ertragen.

Alle diese Faktoren gemeinsam - der Wettbewerb und die damit verbundene potentielle Feindseligkeit zwischen den Mitmenschen, die Befürchtungen und das verringerte Selbstbewusstsein - führen psychologisch zu dem Ergebnis, dass der einzelne Mensch sich isoliert fühlt. Auch wenn er viele Kontakte mit anderen hat, sogar wenn er glücklich verheiratet ist, ist er gefühlsmäßig isoliert. Gefühlsmäßige Isolierung ist für jeden schwer erträglich; sie wird jedoch zu einer Kalamität [ein um sich greifendes, ausuferndes Übel], wenn sie mit Besorgnis und Unsicherheit über die eigene Person zusammenfällt.

Diese Situation veranlasst in dem normalen Individuum unserer Zeit ein gesteigertes Liebesbedürfnis, das als ein Heilmittel dient. Wenn er Liebe erhält, fühlt sich ein Mensch weniger isoliert, weniger bedroht durch Feindseligkeit und weniger unsicher über sich selbst. Weil sie einem so vitalen Bedürfnis entspricht, wird die Liebe in unserer Kultur überschätzt. Sie wird - wie der Erfolg - zu einem Phantom, das in sich die Illusion birgt, die Lösung aller Probleme zu sein. Liebe an sich ist keine Illusion - auch wenn sie in unserer Kultur oft genug ein Schild ist Befriedigung von Wünschen, die nichts mit ihr zu tun haben - jedoch wird sie zu einer Illusion dadurch, dass wir viel mehr von ihr erwarten, als sie tatsächlich erfüllen kann. Und der ideologische Nachdruck, den wir auf Liebe legen, dient dazu die Faktoren zu verstehen, die unser übertriebenes Bedürfnis nach ihr erzeugt hat. Daher befindet sich das Individuum - und ich spreche noch immer von einem normalen Individuum - in dem Dilemma, zwar ein beträchtliches Liebesbedürfnis zu besitzen, doch Schwierigkeiten darin zu finden, es erfüllt zu sehen.
Der erbarmungslose Wettbewerb im Erwerbsleben und generell im Umgang mit Geld um Arbeitsplätze, Wohnraum, Konsumgüter, Beziehungspartner und sozialen Status muss zu Kompensationhandlungen führen, die die erlebten Divergenzen, das innere Prekariat und Dilemma wieder ausgleichen, lösen oder entspannen. Der soziale Raum, in dem diese Kompensation stattfindet, ist wohl in den meisten Fällen das private Umfeld, also das Netzwerk von Beziehungen, die nicht direkt mit Geld zu tun haben, in dem dann folglich die Wunden, die der Kampf um das Geld in der Seele gerissen hat, geleckt und gepflegt werden sollen - so hofft und erwartet man jedenfalls. Aufgrund der Übernatürlichkeit der Störung im Geldnetzwerk muss jedoch in der Kompensationshandlung im Privaten das Gegenteil der Störung, von dem man sich die Kompensation erhofft, z.B. die Liebe im Privaten gegen den Hass im Beruf, der Rausch und die Zerstreuung gegen die anspannenden Zwänge und Anforderungen im Umgang mit Geld mit ebenso übernatürlichen Erwartungen überfrachtet sein. Doch kann auf Dauer kein privates Umfeld die im Erwerbsleben gerissenen Löcher stopfen, keine Liebe in Freundschaft, Ehe und Familie die Nörgelei, das Gejammere über die Unzufriedenheit, die Anspannung, den Stress mildern und ertragen. Die Folge sind neue Brüche im Privaten, neue seelische Verletzungen, die Quelle neuer Störungen sind.

Die bisher geschilderte Situation stellt einen fruchtbaren Boden zur Entwicklung von Neurosen dar. Die gleichen kulturellen Faktoren, die den normalen Menschen beeinflussen - ihm ein schwankendes Selbstbewusstsein, potenziell feindliche Spannungen und Befürchtungen geben, ihn zum Wettbewerb mit nachfolgender Furcht und Feindseligkeit veranlassen und ein verstärktes Bedürfnis nach befriedigenden persönlichen Beziehungen in ihm erregen - diese gleichen Faktoren beeinflussen den Neurotiker in verstärktem Maße, und die gleichen Resultate äußern sich in ihm lediglich intensiver - ein vernichtetes Selbstbewusstsein, Zerstörungssucht, Angst, verstärktes Konkurrenzbedürfnis, das Angst und destruktive Triebe nach sich zieht und ein übermäßiges Liebesbedürfnis.

Widersprüche, Spaltungen und Paradoxien

Wenn wir uns daran erinnern, dass in jeder Neurose widersprechende Tendenzen vorhanden sind, die der Neurotiker nicht miteinander in Einklang bringen kann, dann erhebt sich die Frage, ob nicht auch in unserer Kultur gewisse definitive Widersprüche bestehen, wie sie dem typischen neurotischen Konflikt zugrunde liegen. Es wäre die Aufgabe eines Soziologen, diese kulturellen Widersprüche zu studieren und zu beschreiben. Hier muss es genügen, kurz und schematisch einige der wichtigsten sich widersprechenden Tendenzen zu zeigen.

Der erste zu erwähnende Widerspruch ist der zwischen Wettbewerb und Erfolg einerseits und brüderlicher Liebe und Demut andererseits. Auf der einen Seite wird alles getan uns auf den Weg des Erfolges zu jagen, was heißt, dass wir uns nicht nur durchsetzen, sondern auch aggressiv und imstande sein müssen, andere aus unserem Weg zu drängen. Andererseits sind wir voll von christlichen Idealen, die erklären, es sei selbstsüchtig, etwas für uns selbst zu wollen, wir müssten demütig sein und "die andere Backe darbieten" und nachgeben. Für diesen Widerspruch gibt es nur zwei Lösungen innerhalb einer normalen Spannweite, nämlich entweder eine dieser Bestrebungen ernst zu nehmen und die andere beiseite zu lassen oder beide ernst zu nehmen, was zur Folge hat, dass das Individuum nach beiden Richtungen hin ernstlich gehemmt wird.
Man ist angesichts der Widersprüchlichkeit von Werten irritiert, schreckt vor eigener Stellungnahme zurück, vermeidet diese und ist gehemmt. Diese Gehemmtheit ist eine angespannte. Man kennt sie vielleicht aus der Situation in der Fußgängerzone, während man an einem Bettelnden vorbei äuft. „Soll man das Betteln noch belohnen?“ denkt der Zivilisationsmensch. Muss ich nicht meine Feigheit, (auch so) frei zu sein mit Almosen bezahlen, um das Gewissen zu beruhigen? Das Problem besteht im Wesentlichen in der Unfähigkeit scheinbar Widersprüchliches in Harmonie zu vereinen. Erfolg, so denken wir, könne nichts mit Hingabe an andere zu tun haben und Wettbewerb nichts mit kollegialer Verbundenheit und Kooperation. Diese Widersprüchlichkeit ist im Kapitalismus jedoch keine Illusion, denn sobald ein Mensch aus der unteren in die obere Klasse der materielle Erfolgreichen aufsteigt, wechselt er vom der Gruppe der Knechte in die Gruppe der Herren, vom kollegialen Mitarbeiter zum skrupellosen Erfolgsmenschen und rücksichtslosen Aufsteiger und Karrieristen. So haben Menschen Hemmungen vor dem Aufstieg und sehnen sich gleichzeitig danach.

Der zweite Widerspruch besteht in der Stimulierung unserer Bedürfnisse und der tatsächlichen Vereitelung ihrer Befriedigung. Aus ökonomischen Gründen werden Bedürfnisse in unserem Kulturkreis dauernd künstlich hervorgerufen durch Reklamen, durch herausfordernden Konsum und durch das Ideal, es den anderen gleichzutun. Jedoch ist für die große Mehrzahl die tatsächliche Erfüllung dieser scheinbaren Bedürfnisse eng begrenzt. Die seelischen Folgen für den Einzelnen bestehen in einer steten Diskrepanz zwischen Wünschen und ihre Erfüllung.
Damit spricht sie die vom Zinsniveau abhängige Entscheidung zwischen Konsum oder Sparen bzw. Investition an. Bedingung für das Sparen ist, dass konsumiert wird, denn sonst können die Zinsen nicht entstehen. Dass insbesondere Reiche sparen und ausgesprochene Freude daran haben, wird um so klarer, je größer der zurückgelegte Geldbetrag ist. Die Zinsen für die großen Sparguthaben können also nur dadurch getilgt werden, dass die Masse der Wirtschaftssubjekte zum Konsum verführt wird.

Der zweite angesprochene Aspekt ist der Belohnungsaufschub, zu dem der Zins anregt, also die Abspaltung der unmittelbaren Befriedigung und Belohnung (Erfüllung) in der Gegenwart und ihre Verschiebung auf die Zukunft. Eine Kultur, die viel spart, muss also notwendigerweise immer stärkere, u.U. ins Irrationale übersteigerte Erwartungen an das Kommende aufbauen. Allein aufgrund der Vermeidung der Enttäuschung wird sich der Sparer also gegen das Unvermeidliche wehren und weiter in der Selbsttäuschung leben wollen.

Ein weiterer Widerspruch besteht zwischen der angemaßten Freiheit des Einzelnen und all seinen tatsächlichen Grenzen. Dem Einzelnen wird von der Gesellschaft suggeriert, er sei frei und unabhängig und könne über sein Leben nach seinem eigenen freien Willen entscheiden; die Arena des Lebens stehe ihm offen und er könne erreichen, was er wolle, wenn er tüchtig und energisch sein. Doch sind in Wirklichkeit alle diese Möglichkeiten für die Mehrzahl der Menschen beschränkt. Was im Scherz über die Unmöglichkeit, sich seine eigenen Eltern auszusuchen, gesagt worden ist, kann ebenso gut auf das Leben im Allgemeinen ausgedehnt werden - in Bezug auf die Wahl und den Erfolg in einem Beruf, auf die Wahl einer Erholungsmöglichkeit und auf die Wahl eines Gefährten.

Das Resultat für den Einzelnen ist ein Schwanken zwischen dem Gefühl grenzenloser Macht in Bezug auf die Bestimmung des eigenen Schicksals und dem Gefühl völliger Hilflosigkeit.
Manische Euphorie und anschließende Depression.

Diese in unsere Kultur eingebetteten Widersprüche sind genau die Konflikte, die zu vereinen der Neurotiker sich abquält: seine aggressiven Tendenzen seine nachgiebigen Tendenzen; seine übertriebenen Anforderungen Furcht, es zu nichts zu bringen; sein Trieb zur Selbstverherrlichung mit seinem Gefühl persönlicher Hilflosigkeit. Der Unterschied von einem normalen Menschen ist lediglich quantitativ. Während ein normaler Mensch mit diesen Schwierigkeiten fertig werden kann, ohne dabei Schaden an seiner Person zu nehmen, sind in dem Neurotiker alle Konflikte in einem solchen Maß intensiviert, dass jede befriedigende Lösung unmöglich werden kann, als ob der Mensch, der in Gefahr ist neurotisch zu werden, die kulturbedingten Schwierigkeiten in besonders starker Form, hauptsächlich durch das Medium seiner Kindheitserfahrungen erlebt habe, dass er infolgedessen nicht imstande war, mit ihnen fertig zu werden oder doch nur unter großer Beeinträchtigung seiner Persönlichkeit. Wir könnten ihn ein Stiefkind unserer Kultur nennen.

Die Norm scheint gewissermaßen die kulturadäquate Fassung der Seele des Einzelnen zu sein. Die Anpassungsschwierigkeiten und -diskrepanzen weisen Exzesse in entgegengesetzte Richtungen auf: Man beobachtet im Fall von Überanpassungen (Zuviel an Zwang und Notwendigkeiten) infolge von seelisch unerträglicher Unterdrückung neurotisches Verhalten einerseits und fehlende Anpassung mit psychotischen Zügen (ein Zuviel an Freiheit und Möglichkeiten) andererseits.

Die Spaltungen von Werten in (mit der Realität, aber nur scheinbar) unvereinbare Widersprüche finden an bestimmten Grenzen und Interpunktionen des Geistes statt. Ein Ganzes wird in zwei Teile gespalten, und die Teile stehen miteinander im Widerspruch. Die scheinbare Gegensätzlichkeit und Unvereinbarkeit ist jedoch Folge der übernatürlichen Störung, die das Zinsnehmen, das Wachsenlassen des geltenden Toten bewirkt. Das kapitalistische Geldsystem zwingt seine Teilnehmer, sich einseitig zu entscheiden. Die Entscheidung für den einen Wert ist häufig mit Aufstieg verbunden, während die Entscheidung für den jeweils anderen Wert Abstieg, wenigstens jedoch nicht Aufstieg nach sich zieht (Geldsystem als Persönlichkeitsfilter).

Das Geldsystem bewirkt also eine Übersteigerung von Werten. Wir sehen Sonntagsreden im Bundestag, die wie Utopien anmuten, Liebe, die ins Romantische überzeichnet ist, Hass und Wutausbrüche, die an Amok grenzen, Rauschexzesse, Substanzmissbrauch, Völlerei und anderes selbstschädigendes Verhalten.

Am schärfsten kommt diese Widersprüchlichkeit und der Gegensatz zwischen Tendenzen am Ende zum Tragen, wenn der Kapitalismus erfolgsbedingt scheitert. Für die Einen geht die Welt unter, für die Anderen enden Ausbeutung, Unterdrückung und Versklavung und es entsteht eine neue Welt. Doch der, dessen Welt endet, jammert auf viel zu hohem Niveau. Hochmut kommt vor dem Fall.

Referenzen / Einzelnachweise

Querverweise auf 'Kommentierung von Karen Horneys Aussagen zu Kultur und Neurosen von 1937'