14. Oktober 2019

Wie kann man Ängsten vor der Negativzins-Ökonomie rational begegnen?

Ich beantworte eine E-Mail, die an die letzte E-Mail vom 24.8. anknüpft.

Lieber XY,

es ist gut für mein Anliegen, dass ich immer wieder die Gelegenheit bekomme, mich mit tiefsitzenden, lang ankonditionierten Ängsten auseinanderzusetzen. So wie Du Dich gegenüber diesen Entwicklungen fühlst, geht es auch anderen; und gelingt es mir, Deinen Ängsten rational zu begegnen, dann gelingt es mir vielleicht auch bei anderen. Mittlerweile ist es dank unseres weit ausdifferenzierten Wissens und der technischen Möglichkeiten, komplexe Probleme beschreiben und berechnen zu können keine Glaubensfrage mehr, ob die Negativzinsen für alle gut sein werden, denn man kann es wissen. Allerdings ist es eben eine komplexe Rechnung, je genauer man es wissen möchte. Manche Vorhersagen (Projektionen) sind dann aber doch sehr einfach abzuleiten, ohne dass man über besondere Rechenkünste verfügen muss. Was allerdings unabdingbar ist, ist der Gebrauch der Logik, denn die Logik wertet nicht emotional, und Nüchternheit ist genau das, was wir in dieser aufgehitzten Zeit brauchen.

Du bist verheiratet, Pensionär, beziehst also ein nominal feststehendes Einkommen, lebst in Deinem Eigenheim, hast keine Schulden sondern Sparguthaben. Deine Frau arbeitet noch, so dass sich ihr Einkommen aus Arbeit zum Haushaltseinkommen addiert. Ihr habt zusammen 3 Kinder und bisher zwei Enkel, soweit ich weiß. Der älteste Sohn ist Eigentümer zweier Häuser, besitzt eines mit seiner Familie. Über das Leben Deiner anderen beiden Kinder weiß ich nicht so viel, außer dass sie akademisch höchst gebildet sind und gute Berufsperspektiven haben. Schaue ich mir das an, würde ich von meinem Standpunkt aus sagen, dass Du der oberen Mittelschicht und den Bildungseliten angehörst, dass Du materiell gegenwärtig sehr gut, sicher und solide aufgestellt bist.

An Vermögen ist das große Haus zu werten und die Sparguthaben. Die Pension ist wahrscheinlich so hoch, dass Du gar nicht weißt, wie Du das alles ausgeben sollst. Du hast das aber wahrscheinlich auch gar nicht vor.

Ich antworte im Folgenden direkt Bezug nehmend auf Deinen Text.

Am 12.10.19 um 21:40 schrieb XY:
> Lieber Tim,
> ich beziehe mich jetzt auf den letzten Absatz Deiner Mail vom 24.8., wo Du erklärst, was der Kleinsparer XY mit seinem Geld zu Vorsorgezwecken machen kann.

Für was sorgst Du eigentlich noch vor?

Du bist ein Mensch, der sich erfolgreich fortgepflanzt hat, dessen Kinder im schwierigen Umfeld einer kapitalistischen Gesellschaft auf dem (projiziert) besten Weg sind, ebenso erfolgreich ihren Platz in Gesellschaft und Wirtschaft und ihren Anteil am großen Kuchen für alle abzubekommen. Die ursprüngliche Bedeutung (um nicht zu sagen „soziale Funktion“, weil das etwas Utilitaristisches hat und im Gegensatz zur Kant'schen Selbstzweckformel steht) der eigenen Kinder und Enkelkinder war die Vorsorge. Das Haus pflegt Dich nicht, und auch das Geld versorgt Dich nicht, wenn Du es nicht ausgibst. Deine Kinder und Deine Familie jedoch versorgen Dich und werden für Dich da sein, denn Du hast Dich Dein Leben lang darum bemüht, dass es ihnen gut geht und dass sie gedeihliche Lebensbedingungen erfahren. Insofern stehst Du von diesem rein biologischen Standpunkt aus betrachtet sehr sehr gut da.

Auch (physisch) materiell bist Du abgesichert. Wenn das, was nach Abzug der lebensnotwendigen Ausgaben vom jährlichen Pensionseinkommen übrigbleibt, größer ist als die Wartungsaufwendungen an Deinem Haus, wirst Du jedes Jahr weiter Geld zurücklegen können, ohne dass Deine materielle Existenz gefährdet ist.

Du sorgst Dich um Dein Sparguthaben, das dritte Standbein Deiner Absicherung, wenn ich Dich verstehe.

Zunächst sage ich etwas Grundsätzliches zur „Natürlichkeit” des positiven Zinses. Ich hatte es schon an anderer Stelle dargelegt: In der Natur gibt es keine positive Zinsen bei (toter) Materie. Vorräte, die von einigen Spezies für den Winter (nicht etwa für den Rest des Lebens, sondern nur für eine Saison des Jahres, denn in der übrigen Zeit ist alles im Überfluss vorhanden, so dass überhaupt Vorräte aufgebaut werden können) angelegt werden verderben mit der Zeit. Das Eichhörnchen vergisst manche Orte, an denen es Eicheln deponiert hat, oder die Eicheln sind in einer Umgebung gelagert, die die Eicheln zersetzt. Wildschweine kommen und fressen sie weg, Würmer fressen sich von außen in die Eicheln, so dass für das Eichhörnchen weniger übrig bleibt.

Und doch gibt es Eichhörnchen, sie haben bis heute überlebt. Das gleiche gilt für Ameisen und Bienen.

Alle Vorräte sind in der Natur den selben physikalischen Prozessen unterworfen, die uns altern lassen, die die Wartungsaufwendungen an Deinem Haus verursachen, Dein Auto rosten und verschleißen lassen und aber so in Bezug auf das andere Leben immer wieder die neue Lebensgrundlage erschaffen, denn das vom Eichelvorrat Abfallende speist den Lebensprozess anderer Spezies, das Verdorbene wird von irgendwelchen Tierchen und Mikroorganismen zersetzt und wieder in die Nahrungskette eingespeist, und analog leben von der Kompensation des Zerfalls Deines Hauses und Deines Autos Menschen, die sich auf den Erhalt des Wertes dieser Güter spezialisiert haben. Die Kategorie 'Abfall' gibt es in der Natur nicht.

Die heroischen Eichhörnchen legen eben immer wieder genügend Eicheln zurück, so dass sie trotz Negativzins gut über den Winter kommen. Deine Pension wird nicht weniger werden, denn sie ist ein nominell feststehendes Einkommen, kein Geldvermögen.

Wie wird sich die Kaufkraft Deiner Pension entwickeln?

Dies ist nicht nur in Bezug auf die Inflation der absolut lebensnotwendigen Ausgaben eine wichtige Frage, sondern auch in Bezug auf die Wartungsaufwendungen, die sich in Handwerker- und Materialkosten darstellen und in Bezug auf die Preise für den Urlaub von der Rente, die Abwechslung der Umgebung. Zeit mit der Familie habe ich da nicht hinein gerechnet, doch ist Familie sicher meistens eine willkommene Abwechslung vom Alltag. Man will ja auch mitbekommen, wie der Nachwuchs des Nachwuchses gedeiht, fühlt sich lebendig, wenn die Kleinsten die Prozesse im Hirn in alle Ecken und Windungen treibt, die für das Menschsein wesentlich sind; man erinnert sich an das eigene Kindsein, wenn man Zeit mit seinen Kindern und Enkeln verbringt, ruft diese Zeit wieder in Erinnerung.

Zwischen dem Zins und der Inflationsrate, die die Entwicklung der Kaufkraft eines Geldbetrags bestimmt, findet man in Lehrbüchern einen Korrelationskoeffizienten von über 90%, z.B. O. Holtemöller, Geldtheorie und Geldpolitik. Ich sehe keinen Grund anzunehmen, dass diese Korrelation in einem umlaufgesicherten Vollreservesystem unter einer Negativzins-Ökonomie zusammenbrechen sollte, wenn sich sonst nichts an der Grundstruktur des Finanzsystems ändert. Auch rein mathematisch ist klar, dass Preise von Produkten der kreditfinanzierten Wirtschaft aufgrund des möglicherweise bis ins Negative sinkenden Anteils von Kapitalkosten, die sich u.a. aus Abschreibungen (u.a. besagter natürlicher und nutzungbedingter Negativzins) und Fremdkapitalkosten zusammensetzen, sinken, dass also die Kaufkraft Deiner Pension steigen wird! Den Kapitalkostenanteil findest Du, wenn Du berechnest, wie sich unter der Berücksichtigung der gesamten Lieferkette Preise zusammensetzen und wie sich negative Geldmarktzinsen auf die anderen Zinsarten auswirken.

> Ich verstehe nicht, wie man bei Negativzinsen sinnvoll durch Sparen vorsorgen kann, wenn das durch Einschränkung zurückgelegte Geld immer weniger wird.
Es ist ja nicht so, dass man keine Vorräte mehr anlegen kann, nur weil die Zinsen auf Guthaben negativ sind. Der Negativzins bewirkt, dass die Vorräte größenmäßig nach oben beschränkt sind, was ich Dir in ein paar Zeilen begründe.

Der Negativzins auf das Guthaben ist eine Zerfallsrate. Er ist das Analogon der physikalischen Abschreibungsrate auf materielle Kapitalgüter, die letztlich von dem physikalischen Phänomen verursacht wird, das wir mit dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik und dem Begriff des Entropieflusses bezeichnen.

Den ungefähren natürlichen Negativzins eines materiellen Kapitalguts erhälst Du, wenn Du die in Einheiten der Währung gemessenen, jährlichen Abschreibungen durch den Wert des jeweiligen Kapitalguts teilst und mit 100 multiplizierst. Hat das Haus einen Wert von 570.000€ und zahlst Du jährlich 5.000€ an Wartungsaufwendungen, dann ist der natürliche Negativzins des Hauses etwa 0.9%. Du lebst also schon Dein ganzes Leben mit dem Phänomen des Negativzinses, ohne dass es Dir bewusst war.

Der nominale Negativzins beschränkt die Größe Deines Geldvorrats“ habe ich gesagt, und das gilt für alle Arten von Kapitalvermögen, die einem Negativzins unterworfen sind.

Ich habe Dir in einer anderen E-Mail vor einer Weile schon einmal erklärt, dass Dein Geldvorrat trotz Negativzinses weiter anwächst, solange das von seiner Größe infolge des Negativzinses Abfallende kleiner ist als das dem Geldvorrat Hinzugefügte, also das, was von Deiner Pension übrigbleibt. Das Sättigungsgeldvermögen ist erreicht, wenn das Hinzugefügte, also das, was Du von Deiner Pension nach Abzug Deiner Ausgaben übrig hast, genau so groß ist wie das vom Kapitalvermögen aufgrund des Negativzinses Abfallende. Ich habe das gerechnet und in ein einfaches Bild verpackt hier aufgeschrieben.

Knappheit in den Austauschbeziehungen

Diese ganzen Überlegungen haben bisher noch nicht direkt berücksichtigt, wohin der Negativzins auf Dein Sparguthaben fließt, ob, und dann entsprechend wie, dieses 'Zerfallene' möglicherweise zu Dir zurückkehrt, denn: das Geldsystem ist ein geschlossener Kreislauf, der allerdings bei positivem Zins Senken (Eine Senke ist das logische Gegenteil von einer Quelle) hat, in die Geld aus dem Fluss abgezweigt und so dem Fluss entzogen wird, so dass im fließenden, zirkulierenden Teil des Kreislaufs Knappheit herrscht. Ich habe in der letzten E-Mail vom 24.8. versucht, Dir das genauer zu erklären, weil das eben die komplizierteste Frage ist.

Die aus dem positiven Zins resultierende Knappheit ist, wie ich am Beispiel der Vorratshaltung von nicht-menschlichen Spezies oben dargelegt habe, ein vom physikalischen Standpunkt aus betrachet übernatürliches Phänomen, denn die Zinsen in der Natur sind negativ. Es gibt in den Ökosystemen kein solches totes Gebilde wie das Geldkapital, das sich an die Lebewesen darin anheftet, sich über die Erzeugung von Zinsschulden in ihre (geldwerten) Austauschbeziehungen einnistet, das Gleichgewicht in diesen Austauschbeziehungen stört, so am natürlichen Wachstums- und Stoffwechselprozess der Individuen wächst und dem Lebensprozess also immer mehr Lebensenergie entzieht, denn Arbeit ist Energie, und Zinsschulden werden getilgt, so dass die bis jetzt existierende Geldmenge in der Hand von Nichtbanken proportional zur Arbeits- also Lebenszeit all derjenigen Menschen ist, die in der Vergangenheit direkt und indirekt (siehe E-Mail vom 24.8.) mit ihrer Arbeit zum Zweck der gegenseitigen Stillung von Bedürfnissen Zinsschulden getilgt haben.

Das Fatale und Perfide am Zinsnehmen ist, dass es die gegenseitige Hingabe von Gütern und Dienstleistungen zur Stillung von Bedürfnissen unterhalb der Wahrnehmungsschwelle ausnutzt und ausbeutet, denn die Störungen an den Märkten sind kaum wahrnehmbar, wenn der Kontrast nicht groß genug ist.

Der Akkumulationsprozess des geltenden Toten (des Kapitals) hat u.a. (!) unsere gesellschaftlichen Verhältnisse, den Gruppenzusammenhang und die Eigentums- und Besitzverteilung erzeugt und parallel dazu die Formen unserer Seelen, wie einige Psychologen und Sozialpsychologen sagen. Die oben erwähnte Knappheit des Geldes, das ja von allen Sparern dem heterarchischen Zirkulationsprozess des Geldsystems entzogen wird, hat zu seelischen Kompensationen geführt, die auch als "Anpassungen" bezeichnet werden. Aus Angst vor der (erzwungenen) Hingabe haben sich Menschen z.B. voneinander auf sich selbst zurückgezogen, weil sie befürchten mussten, es mit dem unbekannten Gegenüber auch mit so einem „Vampir“ zu tun zu haben, denn das ganze Umfeld, bestehend aus geldwerten Austauschbeziehungen, ist bei positivem Zins ein forderndes, da es ja überall diese unterschiedlich großen Sparvermögen gibt, die aus dem Geldfluss Zinsen „abzweigen”.

Die amöbenartigen Gebilde sind an Märkten Handelnde. Der Zinsfluss verläuft über die Störung der Marktgleichgewichte auf den Märkte (die unsichtbare Hand).

Koevolution von psychischen und sozialen Strukturen

Sich um die Zukunft sorgen muss man sich angesichts der bestehenden Geldmenge grundsätzlich nicht, wenn man denn nur vom Geld her und auf das Geld bezogen denkt. Anlass zur Sorge bieten andere Entwicklungen (s.u. zum faschistischen Kippmechanismus).

Die Frage ist in Bezug auf das Geld, wie der Mensch mit seiner aus der Knappheit und dem Mangel, den Ohnmachtsgefühlen in diesem erbarmungslosen Überlebenskampf in dieser Gesellschaft von Vampiren, Zecken oder Parasiten, dem Misstrauen dem Nächsten, der Politik, den Medien, der Wirtschaft gegenüber resultierenden Sozialisation umgeht.

Typische Projektionen sind: „Zieht der mich vielleicht auch über den Tisch?“, „Der will mich doch auch nur anzapfen und an mein Geld ran”, „Der wird mich ausnehmen wie eine Weihnachtsgans, ausquetschen wie eine Zitrone!“, „Die bescheißen uns doch nur wieder.”, „Die haben uns belogen, erzählen uns nicht die Wahrheit.“, „Da sind dunkle Mächte am Wirken, die die Politiker wie an Marionettenfäden fernsteuern.”. Man kennt das.

Das projizierte „Dunkle” darin ist das Unbewusste, nämlich das fehlende Wissen über den Kausalnexus des Zinsnehmens.

Soziologen, Psychologen und Sozialpsychologen sprechen im Zusammenhang mit den Formungen der Seelen und der sozialen Zusammenhänge (die Art des Umgangs in den familiären Beziehungen, mit dem Freunden und Bekannten, den Unbekannten, den öffentlich sichtbaren Unbekannten in den Medien, den Kollegen, den Vorgesetzen und den gesellschaftlichen „Randgruppen“) von einer Koevolution der psychischen und sozialen Systeme, also der Formen der Seelen und des sozialen Gruppenzusammenhangs. Seelische Neurosen und Psychosen übersetzen sich und spiegeln soziale Neurosen und Psychosen, also gesellschaftliche Spaltungen und kollektive Wahnvorstellungen.

> Es erscheint mir auch zweifelhaft, daß die Investition in Kinder eine sichere Bank für die eigene Vorsorge ist. Man kann sich mit ihnen zerstreiten, sie können in Vermögensverfall geraten oder vorzeitig sterben. Sie brauchen möglicherweise auch ihr Geld ganz dafür, den eigenen Kindern eine vernünftige Ausbildung zu geben. Darüber hinaus möchte ich so abgesichert sein, daß ich keine Hilfe von irgend jemandem brauche.

Im Seelischen hat man es mit aus diesem Überlebenskampf resultierenden Ängsten zu tun, die teils so stark sind, dass sie das rationale Denken und Handeln überlagern. Verfestigt werden diese „Zivilisationsneurosen” (gibt es überhaupt Neurosen außerhalb des Zivilisationsprozesses?) durch fehlendes Wissen über den Gesamtzusammenhang, durch auf die künstliche Knappheit des Geldes rückführbare Ängste und „aufgepeitscht” werden diese Ängste jetzt, wo sich das Zinsvorzeichen umpolt, durch Demagogen, die über das psychologische Wissen um die Lebensverhältnisse und das subjektive Empfinden der Umwelt verfügen und es für ihre politischen Ziele ausschlachten, indem sie in ihrem Publikum genau die Emotionen und Affekte auslösen, die sie zur Durchsetzung ihrer Interessen in einer von affektierten Bewegungen und Stimmungen getriebenen Politik antriebsmäßig benötigen.

Den Teufel an die Wand gemalt: Weimarer Verhältnisse!

Ich will Dir aufgrund der Aktualität etwas nennen, das erklären kann, warum eine gewisse Ähnlichkeit zwischen der jetzigen Situation und den Weimarer Verhältnissen besteht, denn es geistert wieder das Wort "Faschismus" durch die Medien, und überall sind rechte und linke Extremisten zu sehen. Überall in der „1. Welt” sind rechte Populisten nahe den zentralen Schalthebeln. Die ganze Sache zu erklären benötigt mehr Zeit und Raum für Text. Ich bezweifle, dass es für einen Einzelnen möglich ist, alles zu erklären, aber Wesentliches ist für Einzelne erkennbar, und wir blicken auf über 86 Jahre soziologische, psychologische und sozialpsychologische Literatur. Ich bemühe mich seit Jahren darum, diese Zusammenhänge zu verstehen, gewinne immer wieder neue Puzzlestückchen hinzu und finde diese Stückchen auch bei vielen anderen, z.B. in der Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung (Teilanalyse hier, am 04.06.2019 und am 27.05.2019).

Grundsätzlich ist zur Ähnlichkeit der Verhältnisse damals wie heute zu sagen, dass der zentrale Mechanismus, das Zinsnehmen, der selbe ist. Den Unterschied bildet unser Wissen über den Zivilisationsbruch und über den Ablauf der Ereignisse. Ich habe schon einige Aufsätze darüber geschrieben und verweise Dich auf die Programmbeschwerde gegenüber Christoph Hauser vom 24.9. in Aktuelles.

Ein wohlmöglich wesentlicher Kippmechanismus des Faschismus

Der Faschismus ist eine Extremform der im Kapitalismus in allen Verkörperungen kollektiven Handelns und der in der Einkommens- und Vermögensverteilung vorherrschenden Organisationsform: die Hierarchie.

Befindet man sich im Mittelteil dieser pyramidialen Struktur (dies ist in der Vermögens- und Einkommenshierarchie die sogenannte Mittelschicht), unterteilt sich die soziale Umgebung in Vorgesetze und Nachgesetzte. Von den Vorgesetzten wird man beherrscht, über Nachgesetzte herrscht man selbst. In Begriffen des Grundgesetzes ist man gegenüber den Vorgesetzen fremdbestimmt und gegenüber Nachgesetzten selbstbestimmt oder bestimmt über sie!

Diese Modalitäten der Bestimmung werden in der Einkommens- und Vermögensverteilung aus dem Rechtsinstitut der Privatautonomie, speziell der Freiheit der Verfügung über Eigentum abgeleitet und geformt. Die Eigentümer, Gläubiger, Leihgeber fordern Zinsen von den Besitzern, Schuldnern und Leihnehmern. Kapitalismus ist der Verkauf von Verfügungsrechten an Sachen. Die Preise der Verfügungsrechte heißen Zinsen.

Herrschaft ist nun aber nicht von der Verfolgung legitimer Forderungen zu trennen, da in einem Rechtsstaat ja Verträge und Gesetze einzuhalten sind, so dass man von einer Zinsherrschaft und einer Zinsknechtschaft sprechen kann (siehe Der Zins und das Gleichgewicht der Bestimmung). Diese Worte kamen auch aus den Mündern der Nationalsozialisten, doch dadurch sind sie nicht weniger wahr und nicht weniger logisch konsistent, auch wenn man da natürlich genauestens hinhören muss!

Die soziale Umwelt eines Einzelnen ist also in einer hierarchischen Umgebung in zwei Gruppen unterteilt. Von der einen, übergeordneten Gruppe wird man beherrscht, indem man direkt oder indirekt (E-Mail vom 24.8.) Zinsen an sie abführen muss, über die andere herrscht man, indem man Zinsen von ihr fordert. Den Graubereich in dieser Betrachtung bilden Angehörige der gleichen sozialen Schicht. Der gesamte Forderungszusammenhang ist wirklich „hyperkomplex” und Teil des Gebildes, das Jan Busche in seiner Habilitationsschrift 'Privatautonomie und Kontrahierungszwang' als den Raum der Verträge bezeichnet.

Die hierarchische Einkommens- und Vermögensordnung differenziert sich vertikal aufgrund des Zinsnehmens immer weiter. Diese pyramidenartige Form wird nach oben immer spitzer und nach unten, auch infolge der Globalisierung, immer breiter. Die positiven Zinsen (Geldmarktzinsen, Mietzinsen, Pachtzinsen, Lizenz-, Leih- und Nutzungsgebühren i.A.) fließen darin systematisch von unten nach oben, von „fleißig zu reich”, wie das Klischee sagt.

Sozialpsychologisch ist es nun wichtig zu erkennen, dass sich in den Pyramiden aufgrund des Zinses nach oben Kontingenzen (Freiheiten, Rechte, usw.) und nach unten Notwendigkeiten (Zwänge, Verpflichtungen,...) verteilen (siehe Synonyme für das Gleichgewicht der Bestimmung), die die Menschen internalisieren und die ihren Habitus, also die seelische Form, den (Gesellschafts-) Charakter prägen, denn Zinsschulden sind Zwänge und Zinsguthaben sind Freiheiten.

Norbert Elias beschreibt in Über den Prozess der Zivilisation, dass und wie sich sukzessive Fremdzwänge in Selbstzwänge wandelten und wie diese heute unser Verhalten bestimmen. Diese internalisierten Zwänge sind nun aber so wie oben beschrieben erlernte Notwendigkeiten und dienen letztlich der Abwehr tiefsitzender Ängste.

Man hat sich z.B. aufgrund der herrschenden Knappheit Sparsamkeit angewöhnt, denn dann muss man keine Angst vor der Zukunft haben. Du kennst das. Ich spüle z.B. mein Geschirr exakt genau so wie Du. Das ist natürlich nur eine unter vielen kapitalistischen Verhaltensweisen. Es gibt zahlreiche andere.

Ich will im Bezug auf den Verlauf der Ereignisse in der Weimarer Republik speziell auf die Gefügigkeit in Hierarchien und die Akzeptanz derselben als besonderes weit verbreiteten kapitalistischen Wert verweisen. Es gibt zwar Rang- und Hackordnungen auch im Tierreich, doch ist dieser Wert gewissermaßen besonders betont und der gegenteilige Wert, das Handeln in heterarchischen sozialen Strukturen ist systematisch unterdrückt.

Die Überbetonung des Hierarchischen und die damit verbundene Ungleichwertigkeit von Menschen (die Vorgesetzten und Herrscher haben einen anderen 'Wert' als die Nachgesetzten und Beherrschten, Begriff des Selbstwerts) haben sich in der Weimarer Republik mit der Stimmungslage und den Empfindungen in der Lebenswirklichkeit von breiten, untersten Schichten verbunden, und wir sind heute auf dem besten Weg in eine ähnliche Situation. Ich sehe keinen Grund dafür, warum die heutigen Menschen, die sich des Verlaufs unserer Geschichte nicht bewusst sind, anders reagieren sollten als damals, denn wie damals wird sich zu den zentralen Gründen für die Entstehung der gesellschaftlichen Verhältnisse nach-wie-vor beharrlich ausgeschwiegen, z.B. am 09.10.2019 zum Phänomen der Latenz, die nur ein anderes Wort für „Zinsur” und ihre Wirkung ist.

Einen Teil des fatalen Kippmechanismus', der in den Faschismus führte, bildet die kapitalistische Sozialisation, den anderen Teil bildet ein existenziell lebensnotwendiger Reflex, der in einer subjektiv als Notlage empfundenen Situation ausgelöst wird.

Den fatalen doch natürlichen seelischen Reflex findet man, wenn man an einen Menschen denkt, der in Gesellschaft seines gewohnten sozialen Gefüges, sortiert nach sozialer, bzw. seelischer, emotionaler Bedeutung, also alle von signifikante bis nicht signifikante Andere, in eine existenzbedrohende Notlage gerät. Denk' Dir vielleicht, dass Du mit Deiner Frau, den Kindern und Enkeln, den Verwandten, den Freunden, ein paar Bekannten und Unbekannten auf einem Schiff bist und dass das Schiff untergeht. Das Chaos ist los, die Leute rennen wie wild umher, es gibt nicht genug Boote, es herrschen anarchische Zustände, keiner weiß, was los ist, außer dass das Schiff sinken wird.

In dieser Not vollzieht ein Mensch eine lebensnotwendige soziale Spaltung, der besagte seelische Reflex: er unterscheidet scharf zwischen Angehörigen der eigenen Sippe, der Kerngruppe, und Außenstehenden. Er trennt eine Gruppe von Zugehörigen seelisch von der anderen Gruppe ab und versucht nur diese kleine Kerngruppe zu retten, bzw. er solidarisiert sich nur mit dieser Kerngruppe.

Die Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung stellt aktuell eine signifikant weit verbreitete gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit fest. Diese Verletzung des Gleichbehandlungsgrundsatzes nach Artikel 3 GG stellt sich dar in der Diskriminierung von Minderheiten und der Verbreitung von gruppenbezogenen Vorurteilen, z.B. Feindlichkeit gegenüber Muslimen, Juden, Ausländern, Roma und Sinti, Langzeitarbeitslosen, Obdachlosen, usw.. Ich halte dieses Phänomen für höchst gefährlich und denke, dass man darin das gleiche Phänomen findet, das damals zusammen mit der Sozialisation in Hierarchien in die Akzeptanz der Aussonderung von politischen und gesellschaftlich Andersdenkenden durch die Faschisten geführt hat. Man hat damals Konzentrationslager errichtet, darin Juden, Kommunisten, Freimaurer, Roma und Sinti, Zeugen Jehovas, usw. eingesperrt und sie so gesellschaftlich ausgesondert, ausgebeutet und auf grausame und teils bestialische Art und Weise getötet. Soweit wird es heute sicher nicht kommen; doch es ist erschreckend, wieder einen ähnlichen Mechanismus wie damals erkennen zu können.

Die in Not Befindlichen agieren intuitiv und reflexartig, geben den Fremden die Schuld. Es gibt eine enge Beziehung zwischen der Verteilung von Zinsschulden und der Übertragung von moralischer Schuld. Die menschliche Seele kann diese zwei Arten Schulden nicht trennen, weil beide Schulden Teil des perversen Gesellschaftsspiels und existenziell wirksam sind (siehe E-Mail zu marktförmigem Extremismus vom 04.06.2019).

Es war (und ist gerade wieder) die materielle Knappheit, dargestellt in hohen Mieten, niedrigen Löhnen, prekären Verhältnissen, also die durch den Kapitalismus verursachte Notlage durch Knappheit, die damals den natürlich notwendigen Reflex der Aufteilung der Menschen in Volksdeutsche (heute „Biodeutsche”) und Fremde (bzw. Andersartige) auslöste, die Akzeptanz für die Greuel der Faschisten an den Minderheiten schuf und also die Grundlage für den Holocaust. Die materielle Not setzt die Menschen in einen Gegensatz, eine künstliche Konkurrenz zueinander, in dem bzw. der es in der Einzelbeziehung entweder nur Sieger oder Besiegte, Herrscher und Beherrschte, Übergeordnete und Untergeordnete gibt.

Die Rechten sagen es uns, wenn wir ihnen zuhören, denn sie sind ja nicht blöd, nur weil sie schreien: Die Flüchtlinge kommen auf den unteren Etagen der Einkommens- und Vermögenspyramide hinzu. Auf den Wohnungsmärkten sind sie zusätzliche Mieter (also Nachfrager) und auf den Arbeitsmärkten und den Beziehungs„märkten” sind sie zusätzliche Anbieter von Arbeitskraft und Intimbeziehung. Rein ökonomisch betrachet bewirkt der Zustrom in den unteren Schichten ein Anstieg der Mieten, ein Abfallen der Löhne und eine relative Abwertung von biodeutschen Beziehungspartnern.

Wir sind nicht mehr sehr weit von diesem Kipppunkt entfernt, an dem sich eine faschistisch organisierte Minderheit ermächtigt und wie damals mit Hilfe der Auslösung von Existenzängsten diesen Riss realisiert und Andersdenkende unmenschlich, jedenfalls nicht grundgesetz- oder menschenrechtskonform behandelt. Wir haben schon wieder Lager, in denen Flüchtlinge ausgesondert werden. Lager, die wie Konzentrationslager sind, finden sich außerhalb Europas, werden aber von Europa mitfinanziert (vgl. Eintrag vom 04.07.2018 zu heutigen Internierungslagern).

Die Negativzins-Ökonomie schmackhaft machen

> Also mußt Du mir den Vorteil des Negativzinses für mich als einzelnen Menschen, der im Alter sein eigenes Auskommen haben möchte, irgendwie anders schmackhaft machen. Im übrigen gibt es viele Menschen wie mich, die noch nie einen Kredit aufgenommen haben. Die einzige Ausnahme war bei mir der Hauskauf, wo ich die Zahlung von Zinsen aber nicht als ungerecht angesehen habe. Das war für mich sozusagen der Preis für den vorzeitigen Genuß des Grundeigentums.

Wie soll ich Dir den Negativzins schmackhaft machen?

Von einem weit entfernten Standpunkt aus betrachtet steht dem geltenden Toten das Lebendige gegenüber, das an das geltende Tote über Eigentums und Besitzverhältnisse, Arbeitsverträge und Konsumgewohnheiten angeschlossen und damit verkoppelt ist. Die bestehende Geldmenge repräsentiert systematisch abgepresste Lebensenergie, und das ist eine physikalisch korrekte Aussage!

Was wird also passieren und was wirst Du also für die Hingabe des Negativzinses bekommen?

Werden die Guthabenzinsen nominal negativ und sinken diese Zinsen weiter ab, dann wird es in einem umlaufgesicherten Vollreservesystem als Folge des resultierenden Überangebots des Geldes an den Geldmärkten negative Kreditzinsen geben, so dass diese „Lebensenergie” zu ihrer Quelle, der lebendigen Kreatur zurückkehrt. Diese Kreatur ist zunächst der Mensch, doch auch wir stehen mit den übrigen Spezies in Verbindung, hängen existenziell von ihren Stoffwechselleistungen und ihren Interaktionen untereinander und mit uns ab.

Du bekommst also Dankbarkeit von all unseren Kindern, denn sie sind Zukunft, und ihnen gehört die Zukunft.

Wenn Du es genauer wissen willst, dann kannst Du Dir selbst die Antworten geben, indem Du den Zinsfluss bei positivem Zins analysierst und umkehrst. Du kannst schon meine Analyse hier nehmen, soweit Du sie nachvollziehen und annehmen kannst oder willst. Ich kann Dir unmöglich alle Folgen aufzählen, denn es handelt sich wohl um das komplexeste Problem der Soziologie des Zivilisationsprozesses.

Herzliche Grüße,

Querverweise auf 'Wie kann man Ängsten vor der Negativzins-Ökonomie rational begegnen?'