Das nomische Gleichgewicht

Das griechische Wort nomos hat einen Überlapp mit mehreren deutschen Worten. Diese lauten Bestimmung, Gesetz oder auch das lateinische Wort Ordnung (Stand).

Autonomie
Links: Autonomie. Die Bestimmung, wie das Selbst handelt kommt aus dem Selbst. Rechts: Die zwei Teile der Heteronomie: die Bestimmung, wie das Selbst handelt, kommt von einem fremden Selbst bzw. es bestimmt ein Selbst über ein fremdes Selbst. Die Bestimmung über ein fremdes Selbst ist nicht unbedingt unverträglioch mit der Bestimmung über das eigene Selbst, doch wird das fremde Selbst, wenn es der eigenen Selbstbestimmung dient, als Mittel instrumentalisiert.

Duden zu Autonomie:

  1. (bildungssprachlich) [verwaltungsmäßige] Unabhängigkeit, Selbstständigkeit
  2. (Philosophie) Willensfreiheit: Fähigkeit des Menschen, nach eigenem Willen zu handeln, sich frei zu entscheiden
Synonyme für Autonomie:
  1. Eigenstaatlichkeit, Eigenständigkeit, Eigenverantwortlichkeit, Emanzipation, Freiheit, Selbstständigkeit, Selbstverwaltung, Souveränität, Unabhängigkeit, Ungebundenheit; (bildungssprachlich) Autarkie, Independenz; (Politik, Soziologie) Selbstbestimmung
  2. (besonders Philosophie und Theologie) Willensfreiheit

Wörterbuch der deutschen Sprache

Autonomie f. 'das Recht, die Möglichkeit, (innerhalb eines Staatsverbandes) nach eigenen Gesetzen zu leben, (politische) Selbstverwaltung, Selbständigkeit', entlehnt (2. Hälfte 18. Jh.) aus gleichbed. griech. autonomía ;
in latinisierter und flektierter Form begegnet Autonomia(m) allerdings schon Ende des 16. Jhs. im Dt. Griech. autonomía ist abgeleitet von griech. autónomos 'unabhängig, bes. politisch selbständig',
einem mit griech. autós 'selbst, eigen' (s. auto-) gebildeten Possessivkompositum zu griech. nómos 'Brauch, Sitte, Ordnung, Gesetz',
also wörtlich 'eigenes Gesetz habend'.
- autonom Adj. 'verwaltungsmäßig selbständig, unabhängig' wird erst in der Mitte des 19. Jhs. aus dem Griech. entlehnt;
älter, aber im wesentlichen auf die 1. Hälfte des 19. Jhs. beschränkt, ist autonomisch.

Duden zu Heteronomie:

  1. Zwang
  2. (bildungssprachlich) [verwaltungsmäßige] Abhängigkeit, Unselbstständigkeit; von außen her bezogene Gesetzgebung
  3. (Philosophie) Abhängigkeit von anderer als der eigenen sittlichen Gesetzlichkeit
  4. (Zoologie) Ungleichartigkeit der Segmente (3a) eines Tierkörpers

Auto bedeutet von selbst oder auch aus sich heraus während hetero als anders oder auch fremd übersetzbar ist.

Definition: nomisches Gleichgewicht und doppelte Kontingenz

Zentral in der Betrachtung dieses Abschnitts ist das nomische Gleichgewicht.

Das nomische Gleichgewicht ist das Gleichgewicht zwischen der Autonomie (eigene Selbstbestimmung) und der Heteronomie (Fremdbestimmung, Bestimmung des Selbsts durch Beziehungspartner).
Da sich das nomische Gleichgewicht in unterschiedlichsten Beziehungen darstellt, hat es für jede Beziehungsart auch eigene Namen. Der folgende Abschnitt listet Synonyme des nomischen Gleichgewichts auf.

Grob können zwei elementare Beziehungsarten zwischen Entitäten lebendiger Materie voneinander unterschieden werden:

Dem aus einer Beziehungen hervortretenden emergenten System, dem Kind der Beziehung, liegt genau und nur dann ein ausgeglichenes nomisches Gleichgewicht zugrunde, wenn die Grundbedingung der doppelten Kontingenz gegeben ist[1]. Zur Definition der Kontigenz schreibt Niklas Luhmann [1, S. 152/153]

Der Begriff [Kontingenz] wird gewonnen durch Ausschließung von Notwendigkeit und Unmöglichkeit. Kontingent ist etwas, was weder notwendig ist noch unmöglich ist; was also so, wie es ist ( war, sein wird ), sein kann, aber auch anders möglich ist. Der Begriff bezeichnet mithin Gegebenes, Erfahrenes, Erwartetes, Gedachtes, Phantasiertes im Hinblick auf mögliches Anderssein; er bezeichnet Gegenstände im Horizont möglicher Abwandlungen. Er setzt die gegebene Welt voraus, bezeichnet also nicht das Mögliche überhaupt, sondern das, was von der Realität ausgesehend [auch] anders möglich ist. In diesem Sinne spricht man neuerdings auch von »possible worlds« der einen realen Lebenswelt. Die Realität dieser Welt ist also im Kontingenzbegriff als erste und unauswechselbare Bedingung des Möglichseins vorausgesetzt.
Mit Kontingenz bezeichnet Luhmann also das weder notwendige, noch unmögliche, also vollkommen ungezwungene Sein und der aus diesem Sein zugänglichen Anschlussmöglichkeiten des Seins. Tritt dieses Sein in eine Kommunikations- oder Handlungsbeziehung ein, so ermöglicht die Vorbedingung der doppelten Kontingenz in dieser Beziehung die Übertragbarkeit des Kontingenzbegriffes von beiden Beziehungsteilnehmern auf das emergente System, das Kind der Beziehung:

Doppelte Kontingenz in diesem gegenüber Parsons modifizierten Verständnis hat eine zweifache Auswirkung. Sie ermöglicht die Ausdifferenzierung einer besonderen Weltdimension für sozial unterschiedliche sinnperspektiven sozialdimension, und sie ermöglicht die Ausdifferenzierung besonderer Handlungssysteme, nämlich sozialer Systeme. Soziales ist danach an allem Sinn zugänglich als Problem der Gleichzeitigkeit oder Diskrepanz von Auffassungsperspektiven. Es ist zugleich ein besonderer Anlass zur selektiven Akkordierung von Handlungen in Systemen, die sich von ihrer Umwelt unterscheiden können.

Synonyme des nomischen Gleichgewichts

Stellvertretend für Autonomie und Heteronomie sind noch andere Begriff in unterschiedlichen Kontexten gebräuchlich (Tabelle).

Autonomie Heteronomie
Würde Zwang
Freiheit Kontrolle / Sicherheit
Recht Pflicht
Privatautonomie Kontrahierung(s-Zwang)
Art. 2 Abs. 1 GG Art. 2 Abs. 2,
§241 BGB
(pacta sunt servanda)
Selbstbestimmung Fremdbestimmung
Deutungs- und
Auslegungshoheit
Deutungs- und
Auslegungsgebundenheit
Begriff der Kontingenz in
Philosophie und Soziologie
Begriff der Notwendigkeit
Synonyme für das nomische Gleichgewicht.

Unterscheidung zwischen Autonomie und Heteronomie

Wenn man das Verhalten eines Menschen beobachtet, ist es für den Außenstehenden ohne weiteres Wissen oft unmöglich zu erkennen, ob das Verhalten des Beobachteten eigener (Autonomie) oder fremder Bestimmung (Heteronomie) des beobachteten Selbsts entspringt. Selbst bei genauerer Kenntnis der Person sind jedoch die im Über-ich durch Erziehung und Sozialisation festgesetzten Regeln in der Vergangenheit durch Bezugspersonen, also letztlich durch fremde Bestimmung über das Selbst anerzogen (konditioniert) worden. Auch manche selbst gesetzte (erlernte) Regeln haben sich aus der Beziehung zu Anderen „ergeben“ (Sozialisation). Folglich kann auch ein Teil der zunächst als autonom betrachteten Handlung zeitlich entkoppelt als heteronom durch frühere Bezugspersonen betrachet werden. Der Mensch handelt dann in der Gegenwart so, wie er in der Vergangenheit erzogen bzw. sozialisiert wurde. Sie sehen: die Unterscheidbarkeit von Autonomie und Heteronomie ist eine hochkomplexe Frage.

Elementare Beispiele

Mutter und Säugling

Der Mensch kommt auf die Welt und ist anfänglich völlig auf einen einzigen Beziehungspartner, die Mutter, angewiesen. Bei der Geburt wird er von ihr getrennt und seine physische Beziehung zu ihr teilweise/zeitweilig gelöst. Das verbindene Gewebe, die Nabelschnur, durch das der Säugling mit Nährstoffen und Sauerstoff versorgt wurde, ist durch die Geburt unwiederbringlich unterbrochen.

Fortan benötigt der Säugling in regelmäßigen Abständen Nahrung und außerdem Körperkontakt um die Veränderungen, die sich in seiner unmittelbaren Umwelt durch die Geburt ergeben haben in ihrer Abruptheit abzudämpfen. Darüber hinaus kommt dem Säugling etwas Neues zu, nämlich die äußere Zuwendung durch seine Mutter.

In Bezug auf seine Nahrungsaufnahme hängt der Säugling existentiell völlig von der Mutter ab und dennoch bzw. deswegen wird die Mutter alles tun was ihr der Säugling durch sein Verhalten suggeriert.

Fragen Sie sich nun selbst: Bestimmt der Säugling über die Mutter oder umgekehrt?

Einerseits könnte man denken die Mutter tue ja alles was Ihr der Säugling suggeriert, weswegen sie heteronom wäre und der Säugling folglich autonom. Wenn die Mutter jedoch nicht nach den Suggestionen des Säuglings handelt, stirbt der Säugling, nimmt schweren Schaden oder leidet zumindest. Anderseits ist das Verhalten des Säuglings letztendlich durch seinen natürlichen Lebenswillen bedingt und stellt somit einen existenziellen Zwang bzw. Willen dar. Der Ursprung des Verhaltens, seine Bedürftigkeit, liegt innerhalb des Säuglings und nicht außerhalb, der Säugling "handelt" deswegen autonom. In Bezug auf das Eingehen in die Beziehung zu seiner Mutter zum Stillen seiner Bedürftigkeit ist er jedoch heteronom, denn er kann ja physisch nicht selbst in die Beziehung eingehen, sondern muss darauf hoffen, dass sie zustande kommt. Im Gegensatz zum Säugling ist die Mutter, die heteronom handelt nicht existentiell zu Ihrem Verhalten gegenüber dem Säugling gezwungen, weswegen sie selbst in Bezug auf die Beziehung zu ihrem Säugling autonom ist.

Die Mutter ist also autonom, handelt jedoch heteronom gegenüber dem Säugling, während der Säugling autonom handelt und heteronom gegenüber der Mutter ist.

Die Handlungs-Rolle der Mutter in ihrer Beziehung gegenüber ihrem Säugling ist am Anfang überwiegend heteronom. Mit der Zeit versucht sie ihre Selbstständigkeit und Unabhängigkeit, ihre Autonomie, zurückzugewinnen, in gleichem Maße steigt bei jedem Autonomiezuwachs der Mutter die Heteronomie des Säuglings, wodurch er gezwungen ist, sich zu entwickeln. Sie können sich vorstellen wie das Ganze weitergeht. Im Laufe der Zeit wird das Kleinkind immer autonomer und verlässt irgendwann, aber nicht unbedingt als selbstständiger Mensch, das Elternhaus.

Entstehung des Eigenwillens, Identität und Grenzen des Selbsts beim Kleinkind

Im Kapitel über den Genese des zwanghaften Charaktertypus seines Buches Grundformen der Angst beschreibt der Tiefenpsychologe Fritz Riemann, wie sich im sozialen Gedächtnis des Kleinkindes Heuristiken des Gleichgewichts der Bestimmung ausbilden[3, S. 150ff]:

Es ist die Zeit und das 2. bis 4. Lebensjahr, wo das Kind erstmals mit Geboten und Verboten seiner Umwelt zusammen stößt. Damit fällt es aus der kurzen Paradieszeit der »unschuldigen« frühesten Kindheit heraus, in der noch nichts von ihm verlangt und gefordert wurde, in der noch nichts verboten war, alle seine Bedürfnisse befriedigt wurden ohne eigenes Bemühen. Es kommt nun zum ersten Mal in die Lage, mit seiner Umwelt im Konflikt zu geraten, in den Konflikt zwischen seinen eigenen Wünschen und Impulsen, seinem Willen, und dem Willen und den Forderungen seiner Erzieher. Es hat nun schon ein Alter erreicht, in dem man etwas von ihm fordern kann; es hat aber auch schon so viel Ich, so viel Eigensein entwickelt, so viel an Bewegungsdrang und Ausdrucksvermögen, dass es nun seinerseits auf die Welt zugehen und mit ihr etwas anfangen will, während in den Vorphasen ihm noch alles gebracht werden musste. Es kann seine Wünsche und Affekte mehr und mehr - auch sprachlich - ausdrücken; es erobert den Raum und probiert seine Kräfte aus, versucht seinen Willen gegen Widerstände durchzusetzen .

Nach der Zeit der völligen Abhängigkeit von der Mutter erlebt es nun eine Ablösungsphase mit wachsende Neigung zur Selbstständigkeit - es ist die Zeit, in der es erstmals »Ich« sagt, als Ausdruck für die erkannte, erlebte Unterscheidung von der Mutter, von jener Symbiose mit ihr, in der Ich und Du noch nicht unterschieden waren für sein Erleben. Mit der gleichzeitig immer mehr erworbenen Fähigkeit, mit seinem Körper umzugehen, richten sich seine Motorik, seine Angriffslust, seine Expansionslust und sein Eigenwillen immer mehr auf seiner Umwelt. Es lernt dadurch sowohl den Widerstand der »Materie« im Zusammenprall mit ihr kennen als auch die Reaktionen der Umwelt auf sein Verhalten. Daran erfährt es sowohl sein Können, seine Macht, als auch deren Grenzen. Hieran erwirbt es unter anderem, aber sehr wesentlich für diese Entwicklungsphase, erstmals die Orientierung an Erlaubtem und Unerlaubtem, den Vorformen der Kategorien von gut und böse. Jedes Kind muss seine individuelle Lösung finden zwischen seinem Eigenwillen und dem Gehorchenmüssen, zwischen Sich-Durchsetzen und Sich-Anpassen. Immer hängt das Resultat dieses Lösungsversuch ab von seiner Anlage und von seiner Umwelt, mit der sie zusammen trifft.

Die ersten wichtigen und bestimmte Verhaltensweisen bereits tief einspurenden Möglichkeiten für Erlebnisse seines eigenen Willens oder aber des Gehorchenmüssens bietet die Sauberkeitserziehung. Hier kann bereits der Grund gelegt werden sowohl für eine gesunde Selbstbestimmung des Kindes als auch für Trotzhaltungen oder aber für nachgiebige Gefügigkeit, je nachdem, wie das Kind bei der Sauberkeitserziehung behandelt wird: ob man ihm Zeit lässt, diesen Schritt allmählich zu vollziehen, ob man seinen Trotz konstlliert durch forcierte Dressur oder ob man schließlich seinen Eigenwillen ganz früh bricht durch Erzwingen und Strafen. Aber mit den vorgeschriebenen, dem Kind immer mehr zuwachsenden Fähigkeiten, und durch sein Bedürfnis, etwas mit der Welt anfangen, etwas mit den Dingen tun zu wollen, entstehen immer mehr Situationen, in denen es mit der Welt zusammenstoßen kann, stört, und sich durch die Reaktionen der Umwelt als böse, unartig erlebt. In dieser Zeit etwa des 2. bis 4. Lebensjahr wird im ersten Ansatz das Schicksal seiner expansiv - motorischen und aggressiven Triebe sowie die Ausformung seines Eigenenwillens entschieden; seine hier erlernten Verarbeitungsweise werden zu Verhaltensmodellen für seine Persönlichkeitsentfaltung.

Es ist nun von entscheidender Wichtigkeit, wann und wie diese ersten Gebote und Verbote an das Kind herangetragen werden. Mit dem Erleben der ersten Ansätze von Gut-oder-Böse-Sein wird ja erst ein »Sündenfall« möglich. Nun heißt es erstmals »Du sollst« oder »Du darfst nicht« oder »Du darfst jetzt nicht« usf., und das Kind erfährt sich im Gehorchen als gut, im Trotzen als böse beurteilt. Wird es früh oder zu spät mit diesen Forderungen konfrontiert; handhabt man sie zu starr und zu prinzipiell oder zu lasch und zu inkonsequent; werden Trotz und Ungehorsam im ersten Ansatz gebrochen oder durch liebevolle Führung in freiwillige Leistung übergeleitet - all das ergibt jene frühen Prägungen, die hier vor allem das Umgehen mit seinem eigenen Willen und mit seiner Spontanität als weitesten Überbegriff der betroffenen Impulse grundlegend vorformen. So entsteht hier die tiefste Grundlage dafür, ob ein Mensch später ein gesundes Selbstbewusstsein, gesunden Eigenwillen und Zivilcourage besitzt, ob er Autoritäten gegenüber sich trotzig auflehnt oder gefügig anpasst und damit bereits die Ansätze zu einer später zwanghaften Persönlichkeitsstruktur erwirbt.

So werden durch die Erfahrungen der ersten Zusammenstöße seines Wollens mit dem Sollen und Müssen, den Dürfen und nicht - Dürfen, in dem Kind die Weichen gestellt für die Freiheit oder Unfreiheit seiner Willensimpulse, für die Strenge oder Milde seines moralischen Gewissens, seines »Über-Iichs«, wie die Psychoanalyse diese in der Kindheit erworbene Instanz, den umweltbedingten Anteil des übergreifenden Gewissens, nennt, sowie für den Grad seiner unbefangenen Spontanität oder aber Gehemmtheit durch überwertige Selbstkontrolle. Es nimmt die Reaktionen der Umwelt auf sein Verhalten jetzt auch wieder nach innen, aber nun als einen Richter, der in ihm die ursprünglich von außen gesetzten Gebote und Verbote vertritt, so das Gelernte und Eingespurte fortsetzend.

Orchester und Dirigent

Ein Beispiel, dass die Nomie in einer Gruppe beleuchtet, hat mit Musik zu tun. Die Beschreibung oder auch Konstruktion eines Musik-Stücks geschieht mit einer „Codierung“ in Noten, welche die Höhe (Frequenzen) von einzelnen Tönen festhalten. Eine Note entspricht einem Ton. Komplexere Klänge lassen sich aus mehreren Tönen aufbauen und so findet sich auf einem Notenpapier in der Darstellung eines Akkords letztendlich das Frequenzspektrum des dazugehörigen Klangs.

Sollen Klängen erzeugt werden, deren klangliche Komplexität über den Darstellungsraum (das Abbild) eines einzelnen Instruments hinaus geht und sind daran mehrere Musiker beteiligt, besteht die Notwendigkeit einer Synchronisation. Zu diesem Zweck kann das Konzept des Taktes dienen, an dem sich die Musiker orientieren. Da nun aber das Taktgefühl und das Empfinden des Vergehens von Zeit subjektiv ist, besteht in einer großen Gruppe von Musikern immer die Gefahr einer Drift oder eines Auseinanderlaufens des Taktes. Hinzu kommt, dass der gestalterische Spielraum eines einzelnen Musikers für den Klang seines Instruments in das Gesamtgefüge des Klangs eingepasst werden muss.

Über die Synchronisation und die Gestaltung des Gesamtklanges eines großen Ensembles von Musikern wacht ein Dirigent, der kein Instrument spielt, sondern eine den einzelnen Musikern übergeordnete Struktur „verwaltet“.

Betrachtet man nun das nomische Gleichgewicht der einzelnen Musiker, so steht er unter mehrfacher Fremdbestimmung handelt jedoch auch selbstbestimmt. Der gesamte gestalterische Freiraum wird durch die Noten auf den seinem Instrument zugeordneten Teil des zu spielenden Stücks eingeengt. Auch der Dirigent nimmt noch ein Stück weit Freiheit bzw. Selbstbestimmung weg, in dem er bestimmte Vorgaben macht. Die Noten und der Dirigent sind die Quelle der Heteronomie, der sich der Musiker hingeben muss. Innerhalb dieses äußeren Rahmens befindet sich der Freiraum und die Selbstbestimmung den Musikers, dessen Spielweise und Klang seine Musik zu etwas Einzigartigem macht.

Der Dirigent wacht in seinem nomischen Gleichgewicht über ein bestimmtes klangliches Bild, welches seinem inneren Ohr und seiner Vorstellung von dem Stück entspringt. Da das klangliche Bild, welches er erzeugen will seinem Inneren entspringt, handelt der Dirigent gegenüber den Musikern selbstbestimmt, jedoch ist auch der Dirigent fremdbestimmt gegenüber den Noten, die auch ihm einen Rahmen setzen und muss zusätzlich mit dem „leben“, was ihm die Musiker technisch zu bieten haben.

Insgesamt betrachtet sind also Musiker und Dirigent gegenüber den Noten fremdbestimmt, die Musiker unterliegen jedoch noch zusätzlich der anteiligen gestalterischen Fremdbestimmung durch den Dirigenten, der in der Gruppe der Akteure übwerwiegend selbstbestimmt ist.

Jazz-Combo

Ein wenig anders verhält es sich mit einer Gruppe von Jazz-Musikern („Jazz-Combo“), bei denen die Rolle des Dirigenten in der Rolle der Musiker integriert ist und auf einzelne Instrumente verteilt wird.

Das rythmische und klangliche Fundament bildet typischerweise die Kombination aus Schlagzeug und (Kontra-)Bass (Rhythmusgruppe) auf der der übrige Klang aufbaut. In der Mitte des Klangspektrums befinden sich die Harmonie-Instrumente, die oft duch das Klavier, die Gitarre oder aus mehreren Blech-Bläsern gebildet wird. Die Melodie befindet sich im oberen Teil des Frequenzspektrums und wird für gewöhnlich von einem einzelnen Instrument bekleidet.

Das Abspielen eines Jazz-Stücks unterteilt sich in mehrere Phasen. Den Rahmen bildet das Thema des Stückes welches in einer bestimmten in Noten festgeschriebenen Melodie und der dazu gehörigen Tonskala besteht. Das Stück beginn mit einem Intro (die Einführung) gefolgt vom Thema, gelangt danach in den Hauptteil des Stückes, der Improvisation durch die einzelnen Musiker (Solos oder Soli). und endet nach Abschluss aller Soli durch eine Wiederholung des Themas und einem Outro (Ausklang).

Wie bei einem klassischen Orchester sind die Musiker durch die Noten und das Stück in ihrer gestalterischen Freiheit auf einen klanglichen Rahmen eingeschränkt. Der wesentliche Unterschied ist jedoch die Größe des Freiraums. In der Jazz-Musik sind für gewöhnlich nur bestimmte Ton-Skalen (Ton-Räume) vorgegeben, nicht jedoch welche Umkehrung gespielt wird. Während der Soli halten sich die übrigen Musiker gegenüber dem Solisten in ihrer klangliches Gestaltung zurück und spielen eher dünn, um gegenüber dem Solo nicht übermäßig ins Gewicht zu fallen. Bei jedem Wechsel des Solisten wird die Rolle eines Begleiters gegen die eines Solisten vertauscht. Die Begleitung besteht für gewöhnlich ausschließlich aus den Instrumenten, welche im Frequenzspektrum unterhalb der Tonlage des Solo-Instruments stehen.

Betrachtet man für eine Jazz-Combo das nomische Gleichgewicht, so ist die Lage sehr viel komplexer als im Fall des Orchesters. Die Nomie ist nicht mehr klar verteilt, sondern fragmentiert und umherwandernd. Während eines Solos, welches sich an der Grenze des Rahmens bewegt, hält „es“ eine Gruppe von Musikern gerade noch zusammen, wenn zwei Instrumente der Rhythmusgruppe noch „zusammen sind“. Der Freiraum und der Anspruch an die eigene Gestaltung des Solos ist nicht zu vergleichen mit den Gestaltungsmöglichkeiten der klassischen Musik. Auch die Wechselwirkung der Musik mit dem Publikum ist weit lebendiger. Das Spiel mit der Bestimmung ist ein wesentliches Element des Jazz.

Referenzen / Einzelnachweise