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24. Oktober 2017

Entwicklung von Psychologisierung, Rationalisierung, Vernunft, Ratio und Verstand an den Höfen des Abendlandes nach Norbert Elias

Spätestens mit der Entwicklung der Geldwirtschaft hatten Menschen aus den niederen Ständen der abendländischen Gesellschaft die Möglichkeit, als Bürgertum aufzusteigen und dem höfischen Adel, der ehemaligen Kriegerschicht der Anfänge, den Rang streitig zu machen. Sowohl auf den Druck auf die gesellschaftlichen Stellung durch das aufsteigende Bürgertum als auch aufgrund der sozialen Nähe und der höfischen Konkurrenzkämpfe um Prestige, Gunst des Königs, Macht, Einfluss und Chancen reagierte der Adel mit der Ausbildung von Unterscheidungen (Distinktionen) im Verhalten und der Einstellung. Das Verhalten und die Einstellungen, die sich zuerst an den Höfen des Abendlandes bildeten, übertrugen sich im Verlauf der Zeit sukzessive auf die darunter liegenden Schichten der Gesellschaft.

Die Psychologie beschäftigt sich mit der Rationalisierung von Gefühlen (Affekten, Trieben, Impulsen aus dem Es, usw.). Das einander-ausgesetzt-Sein an den Höfen in Kombination mit der Konkurrenzsituation zwang den Adel zur Selbstreflektion. Die Rationalisierung der Gefühle, ihre begriffliche Erfassung, das intellektuelle gegenseitige Verstehen, die Fähigkeit der Wahrnehmung des Kontrahenten in seiner sozialen Eingebundenheit in den höfischen Cliquen war letztendlich eine Notwendigkeit in der Fortsetzung der körperlichen Kämpfe der Anfänge des Abendlandes mit den unkörperlichen Mitteln der Psychologie. Um auch in Zukunft am Hofe bestehen zu können bedurfte es der Ausbildung von psychologischen Fähigkeiten, der Affektbeherrschung und Manipulation, also der Rationalisierung, und einer Langsicht[2, S. 388]:

Und ähnlich, wie mit dieser »Psychologisierung« verhält es sich mit der »Rationalisierung«, die langsam vom 16. Jahrhundert ab in den verschiedensten Äußerungen der Gesellschaft stärker spürbar wird. Auch sie ist nicht ein Faktum, das für sich steht; auch sie ist nur ein Ausdruck für die Veränderung des ganzen Seelenhaushalts, die in dieser Zeit stärker hervortritt und für die wachsende Langsicht, die von nun ab ein immer größerer Teil der gesellschaftlichen Funktionen züchtet und erfordert.

Vernunft und Langsicht

Der Zins ist eine Vorsorge in der Gegenwart für die Zukunft in Form eines Konsumverzichts. Der Sparer (der „Rationalisierer“) konsumiert in der Gegenwart nicht, um in der Zukunft mehr zu haben. Der Zins ist eine zukünftige (hinzukommende, hinzuwachsende) Belohnung für den Konsumverzicht in der Gegenwart.


Der Marshmallow-Test von Walter Mischel (SRF Kultur, Sternstunde Philosophie, 22.3.2015).

außerordentlich Die Entwicklung der Vernunft geschah über lange Zeiträume hinweg:

Hier, wie in vielen anderen Punkten, bedarf es zum Verständnis des geschichtlich-gesellschaftlichen Werdens eine Auflockerung der Denkgewohnheiten, mit denen wir groß geworden sind. Es handelt sich bei dieser oft beobachteten, geschichtlichen Rationalisierung in der Tat nicht darum, das im Laufe der Geschichte viele, einzelne Menschen ohne Zusammenhang miteinander, gleichsam aufgrund einer Art von prästabilierter Harmonie, zur selben Zeit von »innen« her ein neues Organ oder eine neue Substanz entwickeln, einen »Verstand« oder eine »Ratio«, die bisher noch nicht da war. Es ändert sich die Art, in der die Menschen miteinander zu leben gehalten sind; deshalb ändert sich ihr Verhalten; deshalb ändert sich ihr Bewusstsein und ihr Triebhaushalt als Ganzes. Die »Umstände«, die sich ändern, sind nichts, was gleichsam von »außen« an den Menschen herankommt; die »Umstände«, die sich ändern, sind die Beziehungen zwischen den Menschen selbst.

Der Verzicht auf die Stillung gegenwärtiger Bedürfnisse, der Belohnungsaufschub, erfordert Triebregulierung. Der Konsumverzicht in der Gegenwart und die damit einhergehende Dämpfung der Affektivität, ist der wesentliche Treiber der Spaltung von Trieb- und Ichzentrum, der Keil den der Zins in die Seele treibt:

Der Mensch ist ein außerordentlich modellierbares und variables Wesen; die Veränderungen der menschlichen Haltung, von denen hier die Rede war, sind Beispiele für diese Modellierbarkeit; sie bezieht sich durchaus nicht nur auf das, was wir als »psychologisch« von dem »Physiologischen« zu scheiden pflegen. Verschiedenartig modelliert wird im Laufe der Geschichte und entsprechend dem Geflecht von Abhängigkeiten, dass durch ein Menschenleben hingeht, auch die »Physis« des Einzelnen in unablösbarem Zusammenhang mit dem, was wir »Psyche« nennen; man denke etwa an die Modellierung der Gesichtsmuskulatur und damit des Gesichtsausdrucks durch den Lebensgang eines Menschen; man denke an die Ausbildung von Lese- oder Schreibzentren im Gehirn. Ganz entsprechend steht es mit dem, was wir substanzialisierend »Ratio« oder »Verstand« und »Vernunft« nennen. Alles das existiert nicht - wie es die Wortbildung zu denken nahelegt - relativ unberührt von dem geschichtlich-gesellschaftlichen Wandel in der gleichen Weise, in der etwa Herz oder Magen existieren; sondern es sind Ausdrücke für eine bestimmte Modellierung des ganzen Seelenhaushalts; es sind Aspekte einer Modellierung, die sich sehr allmählich in vielen Schüben und Gegenschüben vollzieht, und die umso stärker hervortritt, je bündiger und totaler durch den Aufbau der menschlichen Abhängigkeiten spontane Trieb- und Affektentladungen des Individuums mit Unlust, mit Absinken und Unterlegenheit im Verhältnis zu Anderen oder gar mit dem Ruin der sozialen Existenz bedroht werden; es sind Aspekte jener Modellierung, mit der sich im psychischen Haushalt schärfer und schärfer Triebzentrum und Ichzentrum voneinander differenzieren, bis sich schließlich eine umfassende, stabile und höchst differenzierte Selbstzwangapparatur herausbildet. Es gibt nicht eigentlich eine »Ratio«, es gibt bestenfalls eine »Rationalisierung«.
Aus dem WP-Artikel über Schu: „Schu ist eine Gottheit aus der ägyptischen Mythologie. Sein Name bedeutet möglicherweise „Leere“ oder „Der Aufsteigt“. Er ist sowohl Gott der Luft als auch Gott des Sonnenlichtes.[1] Schus Beiname ist „Leben“.“

Wer den Zins bekommen will, muss am Konsum sparen und das Geld stattdessen in eine Unternehmung fließen lassen, die derartig profitabel ist, dass sie den Zins abwirft. In der Mittel-Zweck-Sprache sind Unternehmungen, also soziale Verkörperungen von Handlungen, Mittel zur Erreichung von Zwecken. Vernünftig sind genau jene Handlungen, deren Nutzen die dazu notwendigen Aufwendungen (z.B. Kraft aber eben auch geliehenes Kapital) übersteigt. Vernünftige, also durch einen Zuwachs oder Zins belohnte Mittel sind also genau jene, die einen kleineren Wert haben als der damit erreichbare Zweck.

Mittel, deren Wert kleiner ist als der damit zugänglich gewordene Zweck haben positiven Nutzen u0, sind also vernünftig.
Bei komplexeren realwirtschaftlichen Unternehmungen ist die Frage, ob das investierte, im Kredit (dem Glauben) an die Unternehmung „angelegte“ Geld zurückkommt, mindestens so komplex wie die Unternehmung, denn sie umfasst zusätzlich noch die Frage, ob das hergestellte Mittel an den Märkten, also hinsichtlich der Bewertung durch Andere, so erfolgreich ist, wie erhofft. Eine weitere Voraussetzung für erfolgreiches Investieren/Sparen ist also das Wissen um die Bedürfnisse und die Bewertungen und Wertschätzungen der möglichen Käufer. Die Ausbildung der sog. Langsicht, wie es Elias nennt, also das vorausschauende Planen in Hinblick auf das Wissen und die Erfahrungen der Vergangenheit, wird also durch den Zins belohnt, wenn der Kredit (lat. credere heißt glauben) zurückkommt, wenn der Anleger also zu Recht an die Vernünftigkeit der Unternehmung glauben durfte.

Unsere Denkgewohnheiten machen uns leicht geneigt, nach »Anfängen« zu suchen; aber da ist nirgends ein »Punkt« in der Entwicklung der Menschen, von dem man sagen könnte: Bisher war noch keine »Ratio« da und nun ist sie »entstanden«; bisher gab es noch keine Selbstzwänge und kein »Über-Ich«, und nun, in diesem oder jenem Jahrhundert, sind sie plötzlich da. Es gibt keinen Nullpunkt aller dieser Erscheinungen. Aber es bewältigt die Fakten ebensowenig, wenn man denkt: Alles das war, so wie es ist, schon immer da. Die Selbstzwangapparatur, der Bewusstseins- und Affekthaushalt »zivilisierter« Menschen, sie unterscheiden sich als Ganzes in ihrem Aufbau klar und deutlich von denen der sogenannten »Primitiven«; aber beides sind in ihrer Struktur klar durchschaubare Modellierungen annähernd gleicher naturaler Funktionen.
Hier muss ich Elias nun aber entschieden widersprechen. Es begann durch den Sündenfall, bei dem zum ersten Mal einen Unterschied zwischen Zinsnehmern und Zinsgebern, Herren und Knechte, Herrschern und Beherrschten gemacht wurde. Die damit einhergehende Störung des Bewusstseins der eigentlich gleichen Menschen pflanzte sich im Verlauf der Geschichte fort - bis in unsere Zeit.

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