11. Dezember 2018

Globalisierung und Zerstörung uralter Kulturen und Identitäten, Entstehung einer globalen Monokultur

Der Kapitalismus hat sich über die Globalisierung wie ein Krebsgeschwür über die Welt ausgebreitet und fast die letzten Winkel menschlicher Existenzen erfasst. Nur noch wenige Menschen weltweit sind noch nicht Teil der Zivilisation und leben noch urprünglich, so wie es unserer Natur entspricht. Als Begleiterscheinung der wirtschaftlichen Netzwerke durch global operierende Banken und Finanzsysteme, die quasi einem Betriebssystem gleich die Volkswirtschaften unter die Kontrolle einer globalen Geldelite bringen, beobachten wir die Ausbreitung des sog. westlichen Lebensstils, also der westlichen Konsum- und Produktionsmuster, die sich als Folge der über 500jährigen Rationalisierungen des Wirtschaftsprozesses ergeben haben. Auch Menschen außerhalb der Zivilisation wirtschaften, befinden sich also in einem stofflichen Austausch mit sich selbst und ihrem Lebensraum, doch sie nehmen keine Zinsen und sind daher auch nicht so stark einer Selbstzüchtigung unterworfen, wie es Zivilisationsmenschen sind.

Man kann mit Sicherheit sagen, dass Menschen außerhalb der Zivilisation freier sind und weniger stark differenziert wie Zivilisationsmenschen. Der Zivilisationsmensch hingegen legt Wert auf Unterscheidung und spiegelt damit die funktionale Differenzierung und den Erziehungsvorgang, denen er unterworfen war.

Identität und Zwang

Das Unbestimmte ist frei, also ist das Bestimmte gezwungen. Um es etwas ketzerisch zu sagen: ist nicht gerade unsere Bestimmtheit, also das, was an uns nicht mehr frei ist unsere Identität? Ist es nicht deswegen so, dass viele Superreiche keine Identität zu haben scheinen? Sie haben keine Identität, weil sie frei und unbestimmt sind.

Es gibt dieses Wort Begabung. Damit sind individuelle Fähigkeiten gemeint, die nicht von außen durch Erziehung, Sozialisation oder Ausbildung übertragen und also „eingepflanzt“ werden, sondern davor schon vorhanden sein. Dazu gehören z.B. Fähigkeiten wie Stimmen, Gesichter, Gerüche, Farben, Klänge, gut auseinander halten zu können oder bestimmte sprachliche, taktile, manuelle, künstlerische Fähigkeiten und andere angeborene Geschicklichkeiten. All diese Gaben sind intuitiv, instinktiv abrufbar, ohne dass der Mensch großartig darüber nachdenken muss.

Fähigkeiten können aber auch antrainiert werden. Jede Art von Lernvorgang enthält eine Zwangskomponente, also etwas, das die Selbsbestimmung des Lernenden unter seine Fremdbestimmung ordnet. In der Klavierstunde bestimmen die Noten das Programm, in der Schule wird zu einer gewissen Zeit das gemacht, was der Lehrer vorschreibt, beim Training schreibt der Trainingsplan die Handlung vor, usw.

Wissen, Erfahrungen, das sind alles Bestimmungen des Unbestimmten, es sind Eindrücke im Gedächtnis, die das Unbestimmte einschränken auf das, was man Identität nennt. Eigene Geschichte ist eigene Identität. Man ist die Summe seiner Erfahrungen.

Ich bin, was ich kann und umgekehrt kann wohl gesagt werden, dass ein Mensch immer mehr zu dem wird, was er tut, jegliches Handeln ist identitätsstiftend. Systematisches regelmäßiges Handeln identitätsbildend. Übung macht des Meister und der Meister hat eine Identität.

Identitätsbildungen, von denen ein Teil Verhaltensanpassungen sind, geschehen durch Umwandlung von Fremdzwängen in Selbstzwänge. Seit Max Webers Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus wissen wir, dass wir im Kapitalismus auf eine bestimmte Art und Weise erzogen wurden.

Das was wir als Identität bezeichnen ist, so würde ich sagen, die seelische „Kontaktfläche”, das Interface, die Kopplungs-Schnittstelle in das uns umgebende Beziehungsgeflecht. Ist nicht die Form des Selbsts unsere Identität? Ist nicht die Seele beschränkt durch die Identität und heißt nicht das so Beschränkte Selbst? Ist nicht die Identität das (gesellschaftliche) Gefängnis der Seele?

Geldschulden und Zwänge

(Monetäre) Schulden sind Zwänge, dafür sorgt die Gesellschaft, denn Verträge (das sind Schuldbeziehungen) müssen eingehalten werden. Es gilt seit Anbeginn der Zivilisation die Regel pacta sunt servanda, und deswegen ist im Vaterunser die Befreiung von den Schulden ein wesentliches Element

„...und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern....“
, doch können wir mit der Freiheit eigentlich umgehen oder sehnen sich nicht sogar manche nach Fremdbestimmung und Führung?

Die Schulden binden uns und machen uns unfrei. Das heißt im Umkehrschluss, dass die Beschuldigung eines Menschen identitätsstiftend ist, denn dadurch wird er auf das zurückgeworfen, was er gemäß seiner Identität, ausgedrückt in seinen Fähigkeiten, tun kann, um die Schuld zu tilgen: der Schuster tilgt, indem er Schuhe herstellt, der Schneider tilgt den Kredit, indem er Kleider macht, der Bäcker tilgt durch Brotbacken ... und so weiter.

Gerät ein Mensch unter (äußeren) Stress, dann fällt das Gehirn zurück in eine Art „Notfallmodus” und handelt nur noch unbewusst. Es kann dann oft nicht mehr großartig nachdenken, sondern fällt zurück auf die Gaben, die ein wesentlicher Teil der Identität sind. Dazu passt ein bekannter Satz, dass man die Seele eines Menschen in der Not erkennt. Wenn man also eine Art künstliche Not erzeugt, wie die Knappheit des Geldes mit Hilfe des Zinses, wirft man die der Knappheit unterworfenen Menschen auf das zurück, was sie (z.T. ohne darüber nachzudenken) von sich aus tun würden.

Die Soziologen kennen den Begriff der funktionalen Differenzierung. Diese Differenzierung und Ausprägung der beruflichen Identität, die Spezialisierung des Einzelnen in der arbeitsteiligen Wirtschaft ist aus Sicht des Einzelnen eine Einschränkung von Möglichkeiten seines Handelns, die wir ein Berufsbild nennen. Wie beruflich etwas gemacht wird, ist Vorschriften unterworfen, Bestimmungen, es wird praktiziert, wie es erlernt wurde.

Der Zins ist zugleich künftiges Guthaben des Leihgebers und gegenwärtige Schuld des Leihnehmers, und Schulden sind Zwänge, also Fremdbestimmungen. Das Schuldgeldsystem des Kapitalismus überträgt also Zwänge auf die Menschen im unteren Bereich der Pyramide und erzieht sie, differenziert sie in Berufsbilder aus und gibt ihnen Identitäten.

Not macht erfinderisch, und so wurden wir durch die Annahme der Zinsschulden klug. Wir rationalisierten, reduzierten die Komplexität sozialer Beziehungen und Möglichkeiten, bildeten soziale und kognitive Strukturen aus, entwickelten Denkmuster, Denkschulen, Ideologien, Weltanschauungen, Arbeitsteilungen und Berufsbilder.

Erziehung durch materiell höher Stehende

Norbert Elias hat in seinem berühmten Buch „Über den Prozess der Zivilisation“ die Ausbreitung von Verhaltenskodizes in den letzten 1200 Jahren europäischer Geschichte beschrieben. Die Verhaltensanpassungen, die Elemente des Über-Ich, wurden in den oberen Schichten zunächst zur Unterscheidung von den niederen Schichten eingeführt, zur Distinktion, und propagierten durch die Ausbreitung der Geldwirtschaft mit der Folge der Entstehung des Bürgertums und durch es in die unteren Schichten.

Das gleiche Bürgertum hat die alte Ständeordnung zerstört, wie es Marx und Engels im Kommunistischen Manifest beschreiben. Ihr Antrieb war das moderne kapitalistische Geldsystem. Das Prozessmuster heißt schöpferische Zerstörung.

Es waren beispielsweise zunächst die Oberschichten, die begannen, mit Messer und Gabel zu essen, zum Schneuzen ein Taschentuch zu benutzen statt das Tischtuch und nicht mehr gegen die Wand oder unter den Tisch zu spucken.

Durch den Kontakt mit dem Bürgertum, der in Frankreich am intensivsten war, kam es zu einer Übertragung von Elementen des Über-Ich von oben nach unten und zu einer Gegenübertragung von affektiven Verhaltensweisen von unten nach oben.

Diese Verhaltensweisen haben sich im Verlauf des Mittelalters und der Neuzeit seit der Renaissance in der ganzen Gesellschaft ausgebreitet und werden und wurden, wie Norbert Elias schreibt, in die ganze Welt exportiert.

Globale Erziehung und die Zerstörung uralter Identitäten

Was früher Kolonialisierung hieß, heißt heute Globalisierung. Globalisierung begann mit völliger Unterwerfung der Kolonien ( Colon heißt Anhängsel, man denke an Kolonne ) und Etablierung des abendländischen Systems, eine Unterwerfung der Welt. Der Prozess der Globalisierung ist weit vorangeschritten.

In Afrika, in Asien, in Lateinamerika, in Australien, überall, wo bis vor kurzem Menschen noch mit Händen gegessen haben und auch nur das, was sich unmittelbar der Natur entnehmen ließ, isst man mit Messer und Gabeln von Tellern, trinkt trotz Laktoseintoleranz Milch, z.b. in China, trinkt Bier und Wein trotz Alkoholunverträglichkeit, z.B. in Japan, isst Fleisch und natürlich denkt man an das Sparen!

Kurzum, es ist ein globales Kulturzerstörungprojekt am Laufen. Sie sogenannte „1. Welt” zerstört die Kulturen der zweiten und dritten Welt, oktroyiert ihnen den sogenannten westlichen Lebensstil mit allen negativen gesundheitlichen Begleiterscheinungen: Diabetes, Fettleibigkeit, Herz und Kreislaufkrankheiten, Persönlichkeitsstörungen, Burnout usw.. Uralte Identitäten, die in sich noch Wissen zu einem gesunden Gleichgewicht mit der Natur enthalten, werden auf immer und ewig zerstört, ähnlich wie damals die Spanier die alten Kulturen Lateinamerikas vernichteten. Uraltes Wissen über Heilpflanzen, natürliche Prozesse und Verhaltensweisen von Lebewesen in einer natürlichen Umgebung geht verloren. Wir müssen die Globalisierung aufhalten und beschränken, sonst geht uraltes, unendlich wertvolles Wissen für immer verloren.

Natürlich zerstört die Globalisierung die Identitäten, weil die alten Identitäten den neuen westlichen Identitäten untergeordnet, quasi „überschrieben” und so zerstört werden. Das Mittel zur Übertragung und Überstülpung, zum Oktroy ist das globalisierte Geldsystem, und es sind die Märkte, über die Zwänge, also Fremdbestimmungen, Anpassungen, sogenannte westliche, z.t. protestantische Werte übertragen werden.

Wir Menschen neigen zu einer gewissen Kontinuität deer Lebensführung, nur ungern verlassen wir das Gewohnte, ändern unsere Gewohnheiten.

Die Angst vor dem Unbestimmtsein, das Zwanghafte und Depressive in uns

Polt das Zinsvorzeichen um, dann sind alldiejenigen, die ihre Selbstbestimmung zugunsten äußerer Bestimmungen, Regeln, Notwendigkeiten, aufgegeben haben, die Hingabe gewohnt sind einer ungewohnten Situation ausgesetzt: Die Zwanghaften erleben ein Gefühl der Unbestimmtheit und der unterworfene Depressive soll auf einmal ein Selbst werden, das sich außerhalb seiner gewohnten Identität befindet. Die Reaktion bei beiden ist die gleiche, sie erleben Angst.

Querverweise auf 'Globalisierung und Zerstörung uralter Kulturen und Identitäten, Entstehung einer globalen Monokultur'