Relationale Vergenz

Divergente, Konvergente und Neutrale Beziehungen

Wie schon in den vorherigen Beispielen gezeigt, können soziale Beziehungen äußerst vielschichtig (mathematisch hochdimensional) sein. So haben soziale Beziehungspartner meistens mehrere Stränge/Teilbeziehungen über die eine Verbindung zwischen den Partnern besteht. In jedem Strang, dem auch ein (bewusster oder unbewusster) Kommunikationskanal zuordenbar ist, gibt es hinsichtlich des Gegenstands der Teilbeziehung, also hinsichtlich dessen, worum es in der Teilbeziehung geht, eine subjektive Auffassung beider Beziehungspartner. Hinsichtlich der Übereinstimmung dieser Auffassungen kann man zwischen Konsens (Übereinstimmung), und Dissens (Widerspruch) unterscheiden. Eine Teilbeziehung mit Konsens heisst konvergent und eine Teilbeziehung mit Dissens heißt divergent. Bestehen hinsichtlich des Beziehungsgegenstand weder Aussagen noch Wertungen (emotionale Signifikanz), weder Konsens noch Dissens, so besteht keine Beziehung (neutrale Beziehung).

Beziehungsstränge
Beziehungsstränge (Beziehungen) zwischen zwei Selbsten (Ammöben-artige Form).

Die subjektive Vergenz und der Wert der Gesamtbeziehung

Die Vergenz der Gesamtbeziehung bildet / berechnet sich jeweils (aus Sicht jedes Beziehungspartners) aus einer summatorischen Bewertung aller Beziehungsgegenstände unter Berücksichtigung der jeweiligen Vergenz. Ist das Ergebnis dieser „Berechnung“ konvergent ( also überwiegend anziehend), so spricht man von einer Liebesbeziehung, ist sie divergent, so ist es eine Hassbeziehung. Ist das Gewicht (also die Wichtigkeit) des Beziehungsgegenstandes für einen der beiden Partner 0, so besteht diesbezüglich keine Beziehung. W G = n = 0 k wGi · vGi hierbei ist WG die symbolische Funktion für den subjektiven Wert der (Teil-)Beziehung und vGi v0i · -1 1 = Bemessung der Vergenz die Vergenzfunktion die misst, wie stark der Konsens/Dissens in der Beziehung zum Partner ist. W ist also eine autonome Bewertung der Gesamtbeziehung, w bemisst Wertigkeiten von Teilbeziehungen und v0i ist ein Maß für die Intensität der Teil-Beziehung i. Es gibt aufgrund der beiden subjektiven Wertfunktionen eine gewissen Eichfreiheit. Weiter möchte ich klarstellen, dass diese "Berechnung" sehr komplex ist und vom Gesamtbewusstsein der beiden Beziehungspartner angestellt wird. "Berechnung" ist in diesem Sinne also nicht wörtlich zu nehmen, sondern eher symbolisch.

Abschließend hervorzuheben ist hier, dass sowohl Konsens also auch Dissens auf eine starke Beziehung hindeuten und hingegen (subjektiv) unwichtige Beziehungsgegenstände die Teilbeziehung neutralisieren bzw. eine neutrale (nicht existente) Beziehung bedingen.

Selbstbestimmung und Vernunft in der Beziehung

Wie verhält es sich, wenn man in seinem vernünftigen Handeln von einem Beziehungspartner abhängig ist?

Vernunft in der Beziehung
In einer Austauschbeziehungen verfolgen beiden Beziehungspartner einen bestimmten Zweck, der jeweils einen subjektiven Wert hat. Der Beziehungsgegenstand ist das dem jeweiligen Zweck zugeordnete Mittel.
Das wesentliche Element der Selbstbestimmung ist das Recht und die Möglichkeit, frei und ohne Zwang von Außen einen Abwägung bzw. einen Kompromiss zwischen den eigenen Regeln und den eigenen Gefühlen zu finden (freier Ich-Prozess). Die Grenzen der Selbstbestimmung (Autonomie) des Einzelnen, also seine Fremdbestimmung (Heteronomie) in einer sozialen Gemeinschaft liegen nach der goldenen Regel in der Pflicht bzw. dem Zwang, die Selbstbestimmung des Nächsten, Fremden oder Anderen nicht einzuschränken.

Subjektiv vernünftig ist genau dasjenige Verhalten (Mittel), das einen geringeren subjektiven Wert (Kraft-Aufwand) hat, als der durch das Verhalten erreichte Zweck, nur dann ist das Verhalten dann ein gutes Mittel, ein guter Wert oder eine gute Regel.

Die goldene Regel erfordert, dass das selbstbestimmte Verhalten/Mittel in der Beziehung zum Nächsten, die Selbstbestimmung des Nächsten und, als wesentlicher Teil davon, seine eigene Bewertung des Verhaltens/Mittels berücksichtigt wird. Der Schlüssel zu vernünftigem Verhalten beider Beziehungsteilnehmer ist also das selbstbestimmte und bezüglich des Gegenübers konsensuale (mitfühlende) Teilen der Bewertung des Verhaltens, des Mittels bzw. der Regel.

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Soziales Lernen und das nomische Gleichgewicht bei Niklas Luhmann: Zum Unterbau des Theorems der doppelten Kontingenz

Insgesamt betrachtet Niklas Luhmann auf Seite 156 eines seiner grundlegenden Hauptwerke soziale Systeme Voraussetzungen, unter denen es zur gleichberechtigten Kommunikation und zu Handlungen zwischen Systemen kommen kann. Es geht hier also um Kommunikation und die Auffassung von Kommunikationspartnern.

„Zum Unterbau gehören hochkomplexe Sinn benutzende Systeme, die für einander nicht durchsichtig und nicht kalkulierbar sind. Dies können psychische oder soziale Systeme sein. Wir müssen von deren Unterschied einstweilen absehen und sprechen deshalb von »black boxes«. Die Grundsituation der doppelten Kontingenz ist dann einfach: Zwei black boxes bekommen es, aufgrund welcher Zufälle auch immer, miteinander zu tun. Jede bestimmt ihr eigenes Verhalten durch komplexe selbstreferentielle Operationen innerhalb ihrer Grenzen. Das, was von ihr sichtbar wird, ist deshalb notwendig Reduktion. Jede unterstellt das gleiche der anderen. Deshalb bleiben die black boxes bei allen Bemühungen und bei allem Zeitaufwand füreinander undurchsichtig. Selbst wenn sie strikt mechanisch operieren, müssen sie deshalb im Verhältnis zueinander Indeterminiertheit und Determinierbarkeit unterstellen. Selbst wenn sie selbst blind operieren, fahren sie im Verhältnis zueinander besser, wenn sie sich wechselseitig Determinierbarkeit im System/Umwelt- Verhältnis unterstellen und sich daraufhin beobachten. Der Versuch, den anderen zu berechnen, würde zwangsläufig scheitern. Mit dem Versuch, ihn aus seiner Umwelt heraus zu beeinflussen, kann mein Glück haben und Erfahrungen sammeln. Die Unberechenbarkeit wird mit Freiheits-Konzessionen aufgefangen, fast könnte man sagen »sublimiert«. Die schwarzen Kästen erzeugen sozusagen Weißheit, wenn sie aufeinander treffen, jedenfalls ausreichend Transparenz für den Verkehr miteinander. Sie erzeugen durch ihr bloßes Unterstellen Realitätsgewinn, weil dies Unterstellen zu einem Unterstellen des Unterstellen beim alter Ego führt. Die Assimilierung von Sinnmaterialien an diese Ordnungsebene setzt [...] zwei sich wechselseitig beobachtende selbstreferentielle Systeme voraus. Für die wenigen Hinsichten, auf die es in deren Verkehr ankommt, mag ihre Informationsverarbeitungskapazität ausreichen. Sie bleiben getrennt, sie verschmelzen nicht, sie verstehen einander nicht besser als zuvor; sie konzentrieren sich auf das, was sie am anderen als System-in-einer-Umwelt, als Input und Output beobachten können und lernen jeweils selbstreferentiell in ihrer je eigenen Beobachterperspektive. Das, was sie beobachten, können sie durch eigenes Handeln zu beeinflussen versuchen, und am Feedback ( Rückkopplung, Rückeinspeisung) sie wiederum lernen. Auf diese Weise kann eine emergente Ordnung zustande kommen, die bedingt ist durch die Komplexität der sie ermöglichenden Systeme, die aber nicht davon abhängt, dass diese Komplexität auch berechnet, auch kontrolliert werden kann. Wir nennen diese emergente Ordnung soziales System.“

Zum gegenwärtigen Grundproblem des Auffindens einer neuen sozialen Ordnung Zitat Niklas Luhmann, soziale Systeme, Kapitel 3 „Doppelte Kontingenz“, Abschnitt III:

„Die in der Tradition ganz vorherrschende Auffassung sieht das Problem sozialer Ordnung in der Vermeidung oder Unterdrückung widerwärtigen Verhaltens, feindseliger, störender, schädlicher Aktivitäten, die verhindern, dass andere in sozialen Beziehungen zu ihrem Recht kommen, ihre Bedürfnisse befriedigen, sich wohl fühlen können. Pax et Iustitia oder Sicherheit und Ordnung waren die Leitformen und gute Polizei das Mittel. Für diese Auffassung gilt dann die Konstitution einer rechtlich politischen Ordnung (Hobbes) oder ein ausreichender Wert-Konsens als unerläßliche Vorbedingung für die Bildung sozialer Systeme. Da diese Vorbedingung immer schon erfüllt ist, legitimiert sie nur noch die bestehende Ordnung. Man kann von ihr ausgehen und die Grundlagenproblematik hiermit aufschließen. Kommen Fragen der Entstehung dieser Vorbedingungen auf, werden sie zuständigkeitshalber an Evolutions- oder an Sozialisationstheorien überwiesen. Man wird sich jedoch fragen müssen, ob das Grundproblem der Konstitution sozialer Systeme wirklich in der Eliminierung des Schädlichen oder nicht Anpassungsbereiten liegt. Oder zugespitzt formuliert: Genügt es, soziale Ordnung als Boykottierung des Boykottierens zu begreifen, oder muss man nicht zuallererst wissen, wie sie überhaupt möglich und hinreichend wahrscheinlich ist? Die zweite Auffassung setzt mit der Frage nach »Bedingungen der Möglichkeit« an und sucht mit ihr eine abstrakte und zugleich breitere ( z.B. auch Konflikte als Systeme einbeziehende) Theoriegrundlage.“
Niklas Luhmann wurde 1968 Professor. 49 Jahre danach, in 2017, muss man sich immer noch fragen, ob so manche Erzkonservative überhaupt gegenwartsfähig sind. Viele dieser starrsinnigen rückwärtsgewandten Menschen haben anscheinend die vergangenen 50 Jahre verschlafen, und von der Zukunft haben wir ja noch gar nicht geredet. Eine soziale Ordnung emergiert, sie ist kein Diktat, wo wir wieder beim positiven und negativen Zins und den Rahmenbedingungen des sozioökonomischen Systems Gesellschaft wären!

Referenzen / Einzelnachweise