$ \def\tr{\text{tr}} \def\diff{d} \def\medspace{\enspace} \def\mathbi{\mathbf} \def\euro{€} \def\dollar{\$} \def\textnormal{\text} \newcommand\norm[1]{\left\lVert{#1}\right\rVert} $
PDF YouTube
Verzeichnisinhalt:
PDF-Version des Kapitels
PDF

Relationale Vergenz

Der u.U. etwas technisch oder „sperrig” anmutende Begriff relationale Vergenz benennt eine Bewegungstendenz in Beziehungen. Der Begriff der Bewegung und der Distanz bezieht sich sich dabei auf den die empfundene Bewegung und den gefühlten Abstand in einer Beziehung. Man kennt es aus Ereignissen, die Menschen einander näher bringen und solchen, die Menschen entzweien oder trennen. Mit Nähe ist eine freiwillige, ungezwungene Nähe gemeint und mit Bewegung eine selbstbestimmte und ungezwungene Änderung der gefühlten Nähe in der Beziehung.

Selbstbestimmung und Vernunft in der Beziehung

Wie verhält es sich, wenn man in seinem vernünftigen Handeln von einem Beziehungspartner abhängig ist?

Vernunft in der Beziehung
In einer Austauschbeziehung verfolgen beiden Beziehungspartner einen bestimmten Zweck, der jeweils einen subjektiven Wert hat. Der Beziehungsgegenstand ist das dem jeweiligen Zweck zugeordnete Mittel.

Das wesentliche Element der Selbstbestimmung ist das Recht und die Möglichkeit, frei und ohne Zwang von Außen einen Abwägung bzw. einen Kompromiss zwischen den eigenen Regeln und den eigenen Gefühlen zu finden (freier Ich-Prozess, freies Selbst im Gegensatz zum Pseudo-Selbst). Die Grenzen der Selbstbestimmung (Autonomie) des Einzelnen, also seine Fremdbestimmung (Heteronomie) in einer sozialen Gemeinschaft liegen nach der goldenen Regel in der Pflicht bzw. dem Zwang, die Selbstbestimmung des Nächsten, Fremden oder Anderen nicht einzuschränken.

Subjektiv vernünftig ist genau dasjenige Verhalten (Mittel), das einen geringeren subjektiven Wert (Kraft-Aufwand) hat, als der durch das Verhalten erreichte Zweck, nur dann ist das die Verhaltensweise ein gutes Mittel, ein guter Wert oder eine gute Regel.

Die goldene Regel erfordert, dass das selbstbestimmte Verhalten/Mittel in der Austauschbeziehung zum Nächsten, die Selbstbestimmung des Nächsten und, als wesentlicher Teil davon, seine eigene Bewertung des Verhaltens/Mittels gegenseitig berücksichtigt wird. Der Schlüssel zu vernünftigem Verhalten beider Beziehungsteilnehmer ist also das selbstbestimmte und bezüglich des Gegenübers konsensuale (mitfühlende) Teilen der Bewertung des Verhaltens, des Mittels bzw. der Regel.

Erich Fromm schreibt diesbezüglich in Die Furcht vor der Freiheit:

Zur positiven Freiheit als der Verwirklichung des Selbst gehört die volle Bejahung der Einzigartigkeit des Individuums. Die Menschen sind gleich geboren, aber sie sind auch verschieden geboren. Diese Verschiedenheit beruht auf der unterschiedlichen erblichen körperlichen und seelisch-geistigen Veranlagung, die sie mit auf die Welt bringen, zu der dann die besondere Konstellation der äußeren Umstände und die gemachten Erfahrungen hinzukommen. Diese individuelle Grundlage der Persönlichkeit ist bei zwei Menschen ebensowenig identisch, wie zwei Organismen jeweils physiologisch identisch sind.

Bei der genuinen Entfaltung des Selbst handelts es sich stets um ein Wachstum auf dieser besonderen Grundlage. Es ist ein organisches Wachstum, die Entfaltung eines Kerns, der dieser einen Person eigentümlich ist und nur für sie gilt. Dagegen stellt die Entwicklung eines automatenhaften Konformisten kein organisches Wachstum dar [vgl. Hierarchie und Heterarchie]. Da ist die Entfaltung der Basis des Selbst blockiert, und das Selbst wird vom Pseudo-Selbst überlagert, das - wie wir bereits feststellten - seinem Wesen nach die Inkorporation äußerer Modelle des Denkens und Fühlens ist [in einer repressiven, divergenten Beziehung z.B. des Modells von Alter]. Ein organisches Wachstum ist nur möglich, wenn man von der Besonderheit des Selbst anderer Menschen, wie auch vor der des eigenen Selbst größte Achtung hat. Diese Achtung vor der Einzigartigkeit des Selbst und ihre Pflege [Die Menschenrechte, die Rechte der Natur, die Verfassungen der Nationen] ist die wertvollste Errungenschaft der menschlichen Kultur, und gerade sie ist heute in Gefahr.
Die Worte stammen aus dem Jahr 1941, doch kann wohl gesagt werden, dass sie heute wieder genau so gültig sind wie damals.

Divergente, Konvergente und Neutrale Beziehungen

Wie schon in den vorherigen Beispielen gezeigt, können soziale Beziehung sehr vielschichtig und mathematisch hochdimensional sein. So haben soziale Beziehungspartner meistens mehrere Stränge bzw. Teilbeziehungen, über die eine Verbindung zwischen ihnen besteht. In jedem Strang, dem auch ein (bewusster oder unbewusster) Kommunikationskanal zuordenbar ist, gibt es hinsichtlich des Gegenstands der Teilbeziehung, also hinsichtlich dessen, worum es in der Teilbeziehung geht, die Ursache für das Aufeinanderangewiesensein und die gegenseitige Erwartung, eine jeweils subjektive Auffassung beider Beziehungspartner.

Hinsichtlich der Übereinstimmung dieser Auffassungen kann man zwischen Konsens (Übereinstimmung), und Dissens (Widerspruch) unterscheiden. Eine Teilbeziehung mit Konsens heisst konvergent und eine Teilbeziehung mit Dissens heißt divergent. Bestehen hinsichtlich des Beziehungsgegenstand weder Aussagen noch Wertungen (emotionale Signifikanz), weder Konsens noch Dissens, so besteht keine Beziehung (neutrale Beziehung).

Beziehungsstränge
Beziehungsstränge (Beziehung) zwischen zwei Selbsten (Ammöben-artige Form).

Die subjektive Vergenz und der Wert der Gesamtbeziehung

Die Vergenz der Gesamtbeziehung bildet bzw. berechnet sich jeweils (aus Sicht jedes Beziehungspartners) aus einer summatorischen Bewertung aller Beziehungsgegenstände unter Berücksichtigung der jeweiligen Vergenz. Ist das Ergebnis dieser „Berechnung“ konvergent (also überwiegend anziehend), so spricht man von einer Liebesbeziehung, ist sie divergent, so ist es eine Hassbeziehung. Ist das Gewicht (also die Wichtigkeit) des Beziehungsgegenstandes für einen der beiden Partner 0, so besteht diesbezüglich keine Beziehung. $$ W(\mathbi{G})=\sum\limits_{n=0}^k W(G_i)\cdot v(G_i) $$ hierbei ist $W(\mathbi{G})$ die symbolische Funktion für den subjektiven Wert der (Teil-) Beziehung und $$ v(G_i)\in v_{0 i}\cdot[-1,1]=\textrm{Bemessung der Vergenz} $$ ist die „Vergenzfunktion”, die misst, wie stark der Konsens/Dissens in der Beziehung zum Partner ist. $W$ ist also eine autonome Bewertung der Gesamtbeziehung, $w$ bemisst Wertigkeiten von Teilbeziehungen und $v_{0 i}$ ist ein Maß für die Intensität oder Kopplungsstärke der Teilbeziehung $i$.

Es gibt aufgrund der beiden subjektiven Wertfunktionen eine gewissen Eichfreiheit. Weiter möchte ich klarstellen, dass diese »Berechnung« sehr komplex ist und vom Gesamtbewusstsein der beiden Beziehungspartner während der Dauer der Beziehung dynamisch, aktiv und reaktiv angestellt wird. »Berechnung« ist in diesem Sinne also nicht wörtlich zu nehmen, sondern eher affektiv (emotional) bewertend. Das Ergebnis der Rechnung (der Bewertungen) sind Sinn, Zweck und Bedeutung der Beziehung.

Abschließend hervorzuheben ist in dieser Definition, dass das Vorhandensein von sowohl Konsens als auch Dissens auf eine starke Beziehung hindeuten und hingegen (subjektiv) unwichtige, weder attraktive noch repulsive Beziehungsgegenstände die Teilbeziehung neutralisieren bzw. eine neutrale (nicht existente) Beziehung bedingen.

  • Autonomie und Heteronomie in einer divergenten Beziehung (im Dissens) sind komplementär, schließen sich also prinzipiell gegenseitig aus, sie sind Gegenteile. In der Beziehung wird dann nach der bivalenten ("entweder-oder") Logik gehandelt, wonach sich entweder der eine oder der andere mit seiner Position durchsetzt.
    Divergente Teil-Beziehung
  • In konvergenten Beziehungen können Menschen hingegen übereinstimmend (im Konsens) handeln. Die Handlungen der beiden Beziehungspartner sind dann sowohl autonom als auch heteronom. Die zugrundeliegende Logik bezeichnet man als ambivalente ("sowohl-als-auch" und "weder-noch") Logik.
    Konvergente Teil-Beziehung
    Niklas Luhmann beschreibt konvergente Beziehungen als jeweils selbstreferentiell geschlossene zirkuläre Systeme[1, Kap. 3, Doppelte Kontingenz, Abschnitt IV, S. 166f.]:

    Entscheidend dafür ist der selbstreferentielle Zirkel selbst: Ich tue, was Du willst, wenn Du tust, was ich will. Dieser Zirkel ist, in rudimentärer Form, eine neue Einheit, die auf keines der beteiligten Systeme zurückgeführt werden kann. Er mag in jedem der beteiligten Systeme präsent sein als Bewusstseinsinhalt bzw. als Kommunikationsthema; dabei ist aber immer schon vorausgesetzt, dass er auch in anderen Systemen präsent ist. Diese Voraussetzung entsteht, was immer ihre Realitätsbasis sein mag, nicht beliebig. Sie mag in Grenzfällen auf Irrtum beruhen ( der andere hatte mich noch gar nicht gesehen oder noch nicht als möglichen Interaktionspartner eingeschätzt ), aber wenn sie betätigt wird, schafft sie die entsprechende Realität - und sei es nur, dass sie dem anderen die Möglichkeit gibt, sich nicht drauf einzulassen und den Kontakt sofort zu beenden. Wir brauchen die Anlässe nicht genauer zu analysieren: was entsteht, ist ohnehin neu und, was immer die Anlässe sein mögen, immer dasselbe: eine zirkulär geschlossene Einheit. In dieser Einheit hängt die Bestimmung jedes Elements von der eines anderen ab, und gerade darin besteht die Einheit. Man kann diesen Grundtatbestand auch als eine sich selbst konditionierende Unbestimmtheit charakterisieren: Ich lasse mich von Dir nicht bestimmen, wenn Du Dich nicht von mir bestimmen lässt.
    In der Terminologie der Dreifaltigkeit lautet der Name dieses emergenten Systems „das Kind“.
  • In einer neutralen Beziehung gibt es keine oder nur eine willkürliche Bestimmung (Anomie). Die neutrale Beziehung fällt bei keinem der beiden Beziehungspartner ins Gewicht, ist also nicht wichtig.
    Neutrale Beziehung

Der Liebespartner, also das Objekt der Begierde, zu dem wir uns hingezogen fühlen, bildet einen Pol der Vergenz. Ob sich die Liebesbeziehung vertieft, ob sie also "konvergiert", hängt vom Gleichgewicht der Bestimmung in der Beziehung vom Vermögen der Einzelnen ab, sich gegenseitig einschränken zu lassen, denn zur Konvergenz ungleicher Beziehungspartner gehört der adequate Umgang mit den Widersprüchen, also den Divergenzen.

Insbesondere ist Liebe keine „Einbahnstraße”. Erich Fromm schreibt in Die Furcht vor der Freiheit zum Begriff der Liebe und zu Missverständnissen der Reformationsiedologen in Bezug auf die Liebe:

Wir begegnen hier einem theoretischen Trugschluss in Bezug auf das Wesen der Liebe. Die Liebe wird nicht primär durch ein bestimmtes Objekt »hervorgerufen«, sondern es handelt sich dabei um eine im Menschen bereit liegende Eigenschaft, die durch ein bestimmtes »Objekt« aktualisiert wird. Hass ist der leidenschaftliche Wunsch zu zerstören; Liebe ist eine leidenschaftliche Bejahung eines »Objektes«. Sie ist kein »Affekt«, sondern ein tätiges Streben und eine innere Bezogenheit, deren Ziel das Glück, das Wachstum und die Freiheit Ihres Objektes ist.

( Anmerkung : Sullivan kommt dieser Formulierung in seinen Vorlesungen nahe. Er stellt fest, dass die Zeit der Präadoleszenz durch das Auftreten von Impulsen in zwischenmenschlichen Beziehungen gekennzeichnet ist, die nach einer neuen Art der Befriedigung anstelle der alten suchen (den Kumpel). Nach ihm ist die Liebe eine Situation, in welcher die Befriedigung der geliebten Person ebenso wichtig und wünschenswert ist wie die des Liebenden. )

Sie ist eine Bereitschaft, die sich grundsätzlich jeder Person und jedem Objekt einschließlich unserer selbst zuwenden kann. Ausschließliche Liebe zu einer bestimmten Person ist ein Widerspruch in sich selbst. Sicher ist es kein Zufall, wenn eine bestimmte Person zum »Objekt« einer manifesten Liebe wird. Die Faktoren, die eine solche spezifische Wahl bedingen, sind zu zahlreich und komplex, als dass wir hier näher darauf eingehen könnten. Wichtig ist jedoch, dass die Liebe zu einem bestimmten Objekt nur die Aktualisierung einer immer vorhandenen Liebesbereitschaft auf eine bestimmte Person hin ist. Es ist nicht so, wie das die romantische Liebe gerne haben möchte, dass es auf der Welt nur die eine einzige Person gibt, die man lieben kann, dass es die größte Chance im Leben eines Menschen ist, dieser Person zu begegnen, und dass die Liebe zu ihr zur Folge hat, dass man sich von allen anderen zurückzieht. Die Art von Liebe, die man nur einer einzigen Person gegenüber empfinden kann, ist eben aus diesem Grund keine wirkliche Liebe sondern eine sado-masochistische Bindung. Die grundsätzliche Bejahung des anderen, die in der Liebe enthalten ist, richtet sich auf die geliebte Person als Verkörperung wesentlicher menschlicher Qualitäten. Die Liebe zu einer bestimmten Person impliziert die Liebe zum Menschen als solchen.

Die Liebe zum Menschen an sich ist nicht - wie oft angenommen wird - eine Abstraktion, die »nach« der Liebe zu einer bestimmten Person kommt, oder eine Ausweitung des Erlebnisses mit einem bestimmten »Objekt«. Sie ist vielmehr die Voraussetzung dafür, wenn sie auch genetisch im Kontakt mit konkreten Personen erworben wird.

Hieraus folgt, dass mein eigenes Selbst grundsätzlich ebensosehr ein Objekt meiner Liebe ist wie eine andere Person. Die Bejahung meines eigenen Lebens, meines Glücks, meines Wachstums und meiner Freiheit wurzelt in meiner grundsätzlichen Bereitschaft und Fähigkeit zu einer solchen Bejahung. Besitzt ein Mensch diese Bereitschaft, ist er sie auch sich selbst gegenüber; wenn er nur andere »lieben« kann, dann kann er überhaupt nicht lieben.

Selbstsucht ist nicht dasselbe wie Selbstliebe, sondern deren genaues Gegenteil. Selbstsucht ist eine Art Gier. Wie jede Gier ist sie unersättlich und daher nie wirklich zu befriedigen. Die Gier ist ein Fass ohne Boden. Der Gierige erschöpft sich in der nie endenden Anstrengung, seine Bedürfnisse zu befriedigen, ohne dass ihm dies je gelingt. Genaue Beobachtung zeigt, dass der Selbstsüchtige zwar stets eifrig darauf bedacht ist, auf seine Kosten zu kommen, dass er aber nie befriedigt ist und niemals Ruhe findet, weil ihm stets die Angst im Nacken sitzt, er könnte nicht genug bekommen, es könnte ihm etwas entgehen und er könnte etwas entbehren müssen. Ein brennender Neid erfüllt ihn auf jeden, der vielleicht mehr haben könnte als er. Wenn wir noch etwas genauer hinsehen und besonders die unbewusste Dynamik beachten, so finden wir, dass sich solche Menschen im Grunde selbst nicht ausstehen können.

Das Rätsel, worauf dieser scheinbare Widerspruch beruht, ist leicht zu lösen. Die Selbstsucht beruht genau darauf, dass man sich selbst nicht leiden kann. Wer sich nicht leiden kann, wer mit sich nicht einverstanden ist, befindet sich in einer ständigen Unruhe in Bezug auf das eigene Selbst. Er besitzt nicht die innere Sicherheit, die nur auf dem Boden einer echten Liebe zu sich selbst und der Bejahung da eigenen Person gedeihen kann. Er muss sich ständig mit sich beschäftigen voller Gier, alles für sich zu bekommen, da er von Grund auf unsicher und unbefriedigt ist. Dasselbe gilt für einen sogenannten narzisstischen Menschen, dem es nicht so sehr darauf ankommt, etwas für sich zu bekommen, sondern der sich vor allem selbst bewundern möchte. Während solche Menschen - oberflächlich gesehen - stark in sich verliebt scheinen, können sie sich in Wirklichkeit nicht leiden, und ihr Narzissmus ist - genau wie die Selbstsucht - eine Überkompensation des Mangels an Selbstliebe.

Freud hat behauptet, der narzisstische Mensch habe seine Liebe von anderen abgezogen, um sie auf die eigene Person zu übertragen. Der erste Teil dieser Behauptung ist richtig, der zweite Teil ist ein Trugschluss. Der Narzisst liebt weder die anderen noch sich selbst.
Erich Fromm, Die Furcht vor der Freiheit, DTV 5024, Seite 87f.

Etwas später in seinem Buch präzisiert Erich Fromm den Begriff der Liebesbeziehung weiter und setzt Liebe in den Gegensatz zur sado-masochistischen Symbiose, die einerseits auf (masochistischer) Unterwerfung unter Aufgabe des eigenen Selbst und andererseits auf der (sadistischen) lustvollen Beherrschung basiert:

Nicht nur im populären Sprachgebrauch wird der Sado-Masochismus häufig mit Liebe verwechselt. Besonders masochistische Phänomene werden oft für Liebe gehalten. Wenn jemand sich um eines anderen Willen völlig selbst verleugnet und alle seine Rechte und Ansprüche an ihn abtritt, so preist man das als Beispiel »großer Liebe«. Scheinbar gibt es keinen größeren Beweis für »Liebe«, als dass man sich aufopfert und bereit ist, sich um der geliebten Person Willen selbst aufzugeben. Tatsächlich aber ist die »Liebe« in solchen Fällen im Wesentlichen ein masochistisches Verlangen, das in dem Bedürfnis wurzelt, mit der betreffenden Person eine symbiotische Verbindung einzugehen.

Wenn wir unter Liebe die leidenschaftliche Bejahung und tätige Bezogenheit auf das innerste Wesen eines anderen Menschen verstehen, wenn wir damit die Vereinigung mit dem anderen unter Wahrung der Unabhängigkeit und Integrität bei der Partner meinen, dann sind Masochismus und Liebe Gegensätze.

Die Liebe gründet sich auf Gleichberechtigung und Freiheit.

Wenn sie sich auf Unterordnung und Integritätsverlust des einen Partners gründet, handelt es sich um eine masochistische Abhängigkeit, ganz gleich wie die Beziehung rationalisiert wird. Auch der Sadismus erscheint häufig in der Verkleidung der Liebe. Über einen anderen zu herrschen und dabei zu behaupten, es geschehe nur zu dessen Bestem, sieht oft wie Liebe aus, aber die wesentliche Rolle spielt dabei die Lust am Beherrschen.
Erich Fromm, in Die Furcht vor der Freiheit, DTV 35024, Seite 120 zum Unterschied von Liebe und (Sado-) Masochismus.

Soziales Lernen und das nomische Gleichgewicht bei Niklas Luhmann: Zum Unterbau des Theorems der doppelten Kontingenz

Niklas Luhmann betrachtet in seinem grundlegenden Hauptwerk Soziale Systeme Voraussetzungen, unter denen es zur gleichberechtigten Kommunikation und gleichberechtigten Handlungen zwischen Systemen kommen kann. Es geht hier also um Kommunikation und die Auffassung von Kommunikationspartnern.

„Zum Unterbau gehören hochkomplexe Sinn benutzende Systeme, die für einander nicht durchsichtig und nicht kalkulierbar sind. Dies können psychische oder soziale Systeme sein. Wir müssen von deren Unterschied einstweilen absehen und sprechen deshalb von »black boxes«. Die Grundsituation der doppelten Kontingenz ist dann einfach: Zwei black boxes bekommen es, aufgrund welcher Zufälle auch immer, miteinander zu tun. Jede bestimmt ihr eigenes Verhalten durch komplexe selbstreferentielle Operationen innerhalb ihrer Grenzen. Das, was von ihr sichtbar wird, ist deshalb notwendig Reduktion. Jede unterstellt das gleiche der anderen. Deshalb bleiben die black boxes bei allen Bemühungen und bei allem Zeitaufwand füreinander undurchsichtig. Selbst wenn sie strikt mechanisch operieren, müssen sie deshalb im Verhältnis zueinander Indeterminiertheit und Determinierbarkeit unterstellen. Selbst wenn sie selbst blind operieren, fahren sie im Verhältnis zueinander besser, wenn sie sich wechselseitig Determinierbarkeit im System/Umwelt- Verhältnis unterstellen und sich daraufhin beobachten. Der Versuch, den anderen zu berechnen, würde zwangsläufig scheitern. Mit dem Versuch, ihn aus seiner Umwelt heraus zu beeinflussen, kann mein Glück haben und Erfahrungen sammeln. Die Unberechenbarkeit wird mit Freiheits-Konzessionen aufgefangen, fast könnte man sagen »sublimiert«. Die schwarzen Kästen erzeugen sozusagen Weißheit, wenn sie aufeinander treffen, jedenfalls ausreichend Transparenz für den Verkehr miteinander. Sie erzeugen durch ihr bloßes Unterstellen Realitätsgewinn, weil dies Unterstellen zu einem Unterstellen des Unterstellen beim alter Ego führt. Die Assimilierung von Sinnmaterialien an diese Ordnungsebene setzt [...] zwei sich wechselseitig beobachtende selbstreferentielle Systeme voraus. Für die wenigen Hinsichten, auf die es in deren Verkehr ankommt, mag ihre Informationsverarbeitungskapazität ausreichen. Sie bleiben getrennt, sie verschmelzen nicht, sie verstehen einander nicht besser als zuvor; sie konzentrieren sich auf das, was sie am anderen als System-in-einer-Umwelt, als Input und Output beobachten können und lernen jeweils selbstreferentiell in ihrer je eigenen Beobachterperspektive. Das, was sie beobachten, können sie durch eigenes Handeln zu beeinflussen versuchen, und am Feedback ( Rückkopplung, Rückeinspeisung) sie wiederum lernen. Auf diese Weise kann eine emergente Ordnung zustande kommen, die bedingt ist durch die Komplexität der sie ermöglichenden Systeme, die aber nicht davon abhängt, dass diese Komplexität auch berechnet, auch kontrolliert werden kann. Wir nennen diese emergente Ordnung soziales System.“

Zum gegenwärtigen Grundproblem des Auffindens einer neuen sozialen Ordnung Zitat Niklas Luhmann, Soziale Systeme, Kapitel 3 „Doppelte Kontingenz“, Abschnitt III:

„Die in der Tradition ganz vorherrschende Auffassung sieht das Problem sozialer Ordnung in der Vermeidung oder Unterdrückung widerwärtigen Verhaltens, feindseliger, störender, schädlicher Aktivitäten, die verhindern, dass andere in sozialen Beziehungen zu ihrem Recht kommen, ihre Bedürfnisse befriedigen, sich wohl fühlen können. Pax et Iustitia oder Sicherheit und Ordnung waren die Leitformen und gute Polizei das Mittel. Für diese Auffassung gilt dann die Konstitution einer rechtlich politischen Ordnung (Hobbes) oder ein ausreichender Wert-Konsens als unerläßliche Vorbedingung für die Bildung sozialer Systeme. Da diese Vorbedingung immer schon erfüllt ist, legitimiert sie nur noch die bestehende Ordnung. Man kann von ihr ausgehen und die Grundlagenproblematik hiermit aufschließen. Kommen Fragen der Entstehung dieser Vorbedingungen auf, werden sie zuständigkeitshalber an Evolutions- oder an Sozialisationstheorien überwiesen. Man wird sich jedoch fragen müssen, ob das Grundproblem der Konstitution sozialer Systeme wirklich in der Eliminierung des Schädlichen oder nicht Anpassungsbereiten liegt. Oder zugespitzt formuliert: Genügt es, soziale Ordnung als Boykottierung des Boykottierens zu begreifen, oder muss man nicht zuallererst wissen, wie sie überhaupt möglich und hinreichend wahrscheinlich ist? Die zweite Auffassung setzt mit der Frage nach »Bedingungen der Möglichkeit« an und sucht mit ihr eine abstrakte und zugleich breitere ( z.B. auch Konflikte als Systeme einbeziehende) Theoriegrundlage.“
Niklas Luhmann wurde 1968 Professor. 49 Jahre danach, in 2017, muss man sich immer noch fragen, ob so manche Erzkonservative überhaupt gegenwartsfähig sind. Viele dieser starrsinnigen rückwärtsgewandten Menschen haben anscheinend die vergangenen 50 Jahre verschlafen, und von der Zukunft haben wir ja noch gar nicht geredet. Eine soziale Ordnung emergiert, sie ist kein Diktat, wo wir wieder beim positiven und negativen Zins und den Rahmenbedingungen des sozioökonomischen Systems Gesellschaft wären!

Referenzen / Einzelnachweise

Querverweise auf 'Relationale Vergenz'