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9. September 2017

Das frühe abendländische Christentum und die Kreuzzüge

In seinem Buch Über den Prozess der Zivilisation beschreibt Norbert Elias eine frühe Form der Kolonisation bzw. Globaliserung, die Kreuzzüge[2,Einige Beobachtungen zur Soziogenese der Kreuzzüge, Abs. 16, S. 58]!

Der große Ansturm von außen hat aufgehört. Die Erde ist fruchtbar. Die Bevölkerung wächst. Der Boden, wichtigstes Produktionsmittel, Inbegriff des Eigentums und des Reichtums in dieser Gesellschaft, wird knapp. Die Rodung, der Aufschluss neuer Erde im Inneren, reicht bei weitem nicht aus, um der Knappheit abzuhelfen. Man muss außerhalb der Grenzen nach neuen Böden suchen. Mit der inneren Kolonisation Hand in Hand geht die äußere, die Eroberung von Neuland in anderen Gebieten.

[...]

1095, noch bevor die größeren Feudalherren die Bewegung aufnehmen, macht sich eine Schar unter Führung des Ritters Walter Habenichts oder Gautier Senzavoir auf den Weg nach Jerusalem; sie geht in Kleinasien zugrunde. 1097 zieht ein gewaltiges Kriegsherr unter Führung normannischer und französischer Territorialherren ins Heilige Land. Die Kreuzfahrer lassen sich erst von dem oströmischen Kaiser die zu erobernden Länder zu Lehen geben, dann fahren sie weiter, erobern Jerusalem und gründen neue, feudale Territorialherrschaften.

Nichts lässt annehmen, dass diese Expansion sich ohne Lenkung der Kirche, ohne die Verbindung des Glaubens mit dem Heiligen Land gerade unmittelbar dorthin gerichtet hätte. Aber nichts macht es auch wahrscheinlich, dass ohne den sozialen Druck im Innern des Westfälischen Gebiets, dann auch alle anderen die Miete der lateinischen Christenheit, Kreuzzüge zustande gekommen wären.

Die Spannungen im Innern dieser Gesellschaft kamen nicht nur als Verlangen nach Boden und Brot zum Ausdruck. Sie lastete als seelischer Druck auf den ganzen Menschen. Der gesellschaftliche Druck gab die bewegende Kraft, wie ein Motor Strom gibt. Er setzte die Menschen in Bewegung. Die Kirche lenkte die vorgegebene Kraft. Sie nahm die Not auf und gab ihr eine Hoffnung und ein Ziel außerhalb Frankreichs. Sie gab den Kampf um neue Böden einen umfassenden Sinn und eine Rechtfertigung. Sie ließ ihn zu einem Kampf für den Glauben werden.
Der Zins hieß im Mittelalter Steuer und ist vergleichbar mit der heutigen Grundsteuer oder der Pacht auf ein Stück Land. Man kann sich relativ leicht vorstellen, dass der Kapitalismus, hat er die reale Kaufkraft der Menschen eines besetzten Gebietes auf ein Niveau unterhalb des menschenwürdigen Existenzminimums gebtrieben, eine Expansion des Akkumulationsgebiets (soz. des „Claims“) erfordert, um soziale Unruhen zu vermeiden. Die Strukturen zur Verwaltung der Gebiete wollen unterhalten werden, die vom Monopolherren (dem König) Beliehenen, die Vasallen und Lehensherren, die Ritter, wollen genügend Zins für sich selbst nehmen können, und die Beamten wollen besoldet werden. Der Zins muss von Außerhalb kommen, wenn er nicht mehr im Inneren genommen werden kann.

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