Riemann-Koordinaten

In diesem Abschnitt werden unter Berücksichtigung der Arbeit von Fritz Riemann die Gesamtheit aller (teils pathologischen) Ängste in fundamentale Antinomien (griechisch anti = ‚gegen‘, nomos = ‚Gesetz‘) in insgesamt vier Kategorien aufgespalten, von denen jeweils zwei sich als miteinander unvereinbar bzw. gegensätzlich darstellen. Riemann zufolge lässt sich das Verhalten eines Menschen in vier Kategorien der Angstabwehr unterteilen, von denen sich jeweils zwei einander gegensätzliche Typen auf jeweils einer Achse eines Koordinaten-Systems, das sogenannte „Riemann-Thomann-Kreuz“, befinden.

Das sog. „Riemann-Thomann-Kreuz“.
Die Vorgehensweise der Unterteilung des vollkommen Unbestimmten in zwei komplementäre, gegensätzliche Teile ist in der Logik ein fundamentales Prinzip. Die Gegensätze heißen Dichotomien und ermöglichen die Ausbildung von Denkstrukturen.

Angst und Zwang

Mit Vorgriff auf die Absicht, mit der das Riemann-Thomann-Modell hinzugezogen wird, müssen zunächst die zwei Begriffe Angst und Zwang eingeführt werden. Ein Blick auf die Etymologie des Wortes Angst liefert:

Angst f. 'beklemmendes Gefühl des Bedrohtseins, Furcht'.
Die nur im Kontinentalwestgerm. bezeugten ahd. angust f. (8. Jh.), mhd. angest f. m., mnd. angest, anxt m., mnl. anxt m., anxte f., nl. angst m., afries. ongost, angst gehen auf germ. *angusti- bzw. *angustu- zurück, Abstraktbildungen zum Adjektiv germ. *angu- (s. eng).
Die mit dem Zugehörigkeitssuffix ie. -st- gebildeten Abstrakta bezeichnen das, 'was mit der Eigenschaft 'eng' verbunden ist', 'das Engsein, den Zustand der Enge (Beklemmung)'; vgl. Krahe in: PBB 71 (1949) 238.
Eine andere Bildungsweise zeigen die im folgenden genannten außergerm. Verwandten. Aind. [...] 'Angst, Bedrängnis', [...]
'Ein-, Zusammenschnürung (der Kehle), Bedrängung, Not, Enge, Gefangenschaft', lat. angustus (aus *angostos) 'eng, schmal', angustia, meist im Plur. angustiae 'Enge, Beklemmung, Schwierigkeiten' gehören zu einem von der gleichen Wurzel ie. *ang?h- 'eng, einengen, schnüren' gebildeten es- /os- Stamm ie. *ang?hes-, *ang?hos- 'Beklemmung, Bedrängnis'.
Im Nhd. wird Angst in bestimmten festen Wendungen nicht mehr als Substantiv empfunden: mir ist, wird angst (und bange); vgl. auch angst machen. - ängstigen Vb. 'angst machen, in Angst versetzen', mhd. engstigen (12. Jh.; vgl. das Adjektiv frühnhd. engstig 'sorgsam, eifrig, bange') für älteres, heute meist nur in gehobener Sprache verwendetes ängsten, ahd. angusten (8. Jh.), mhd. angesten, mnd. ang(e)sten, mnd. mnl. anxten. ängstlich Adj. 'furchtsam, voll Angst, besorgt', ahd. angustl?h (9. Jh.), mhd. angestlich, engestlich, mnd. ang(e)stl?k, mnl. anxtelijc.
Quelle: Wörterbuch der deutschen Sprache.
Das Wort Angst ist also verwandt mit dem Wort eng. Angst wird von vielen Menschen als eine Einengung des Bewusstseins erlebt. Beim Erleben von Angst schnürt sich manchem die Kehle zu, der Mund kann trocken werden, die Kniee weich und im schlimmsten Fall hat die Bewusstseinseinengung zur Folge, dass der Ängstliche das Bewusstsein verliert und nur noch unbewusst handelt. Enge bezeichnet eine Eigenschaft des Freiraums bei einer Enge kleiner zu ein als ohne die Enge.

Das zweite fundamental wichtige Wort in dieser Betrachtung ist der Zwang. Auch hier wird zunächst die Wortherkunft nachgeschlagen:

zwingen Vb. ‘gewaltsam zu etw. nötigen, zu etw. veranlassen, mit etw. fertig werden, etw. meistern’. Das stark flektierende Verb ahd. thwingan (8. Jh.), twingan (9. Jh.) ‘zwingen, unterjochen, beherrschen, festbinden’, mhd. twingen, dwingen, auch quingen, (seit 14. Jh.) zwingen ‘(zusammen)drücken, pressen, (be)drängen, nötigen, einschließen, beherrschen, bändigen’, asächs. thwingan ‘zwingen, bedrängen’, mnd. dwingen, mnl. dwinghen, nl. dwingen, afries. thwinga,[...] ‘zwingen, quälen’ lassen sich lediglich mit [...] ‘gerät in Bedrängnis’ vergleichen. Daraus ist ein Ansatz ie. [...] ‘bedrängen’ erschließbar. Ob (bei einer ie. Auslautvariante auf -k-) auch toch. AB ‘einzwängen’, lit. (Wasser) ‘stauen’, refl. ‘sich versammeln’ und (unnasaliert) griech. sáttein ‘vollstopfen, festdrücken, bepacken, beladen, ausrüsten’ hier anzuschließen sind, ist zweifelhaft. Als Grundbedeutung für das germ. Verb ist ‘einen Körper durch Gewaltanwendung zusammenpressen’ anzunehmen; übertragener Gebrauch im Sinne von ‘überwältigen, überwinden, meistern, bedrängen, einengen, rügen’ ist in ahd. Zeit bereits voll ausgeprägt. tw- Anlaut (bei Notker einsetzend, vereinzelt schon im 9. Jh.) herrscht im Mhd. (bis etwa gegen Ende des 15. Jhs.), zw- Anlaut setzt im 14. Jh. ein. Häufig sind Fügungen wie zu etw. gezwungen ( ‘genötigt, verpflichtet’) sein (15. Jh.), sich gezwungen ( ‘genötigt’) sehen (17. Jh.). – zwingend Part.adj. ‘bedrückend, verpflichtend, unabdingbar’ (16. Jh.), ‘schlüssig, folgerichtig, überzeugend’ (18. Jh.); geläufig zwingende Not (17. Jh.), bes. zwingendes Gesetz (16. Jh.), dann rechtssprachlich zwingendes Recht ‘Recht, das keine abweichende Regelung durch Vereinbarung unter den Betroffenen zuläßt’ (19. Jh.). bezwingen Vb. ‘überwältigen, meistern’, ahd. bithwingan ‘einengen, zügeln’ (8. Jh.), mhd. betwingen ‘bedrängen, beengen, bändigen, (er)zwingen’. Zwinger m. ‘von innerer und äußerer Mauer, von Schloß- oder Stadtmauer und Graben begrenzter Raum, in dem der vorgedrungene Feind überwältigt werden soll’, allgemein ‘Befestigungsanlage’ (15. Jh.), auch (da im Zwinger zu dessen Bewachung starke Hunde oder Bären gehalten wurden) ‘Tiergehege, Käfig’ (ebenfalls 15. Jh.), mhd. twingære, twinger, zwinger ‘Dränger, Überwältiger, Zwingherr (d. i. Grundherr mit Hoheitsrechten über Land und Leute)’; [...] ‘gewaltsamer, heftiger Mensch’ (Hs. 12. Jh.). Zwang m. ‘Druck, Nötigung durch Macht, Androhen von Gewaltanwendung’, ahd. thwang ‘Zügel’ (um 900), githwang ‘Zucht, Zwang’ (9. Jh.), mhd. twanc (auch zwanc) ‘Beengung, Gewalt, Einschränkung, Not, Bedrängnis’, ablautendes Verbalabstraktum. zwängen Vb. ‘gewaltsam einengen, Druck ausüben, pressen’, ahd. thwengen ‘bedrängen, züchtigen, beängstigen’ (9. Jh.), mhd. twengen (auch zwengen) ‘Zwang antun, drücken, zusammenpressen, bändigen’, mnd. dwengen ist Kausativum zu dem unter zwingen (s. d.) behandelten Verb. zwangsläufig Adj. ‘zwingend eintretend, unabwendbar, notgedrungen’ (19. Jh.).
Quelle: Wörterbuch der deutschen Sprache.

Von welchem Raum ist in der Etymologie der Angst die Rede?

Der Laut 'ng' findet sich auch in den Worten Zwang und Strenge wieder. Beide Worte legen eine die Freiheit einengenden Wirkung auf die Selbsbestimmung nahe. Der von der Angst eingeengte Raum ist also der Raum der Möglichkeiten selbstbestimmt zu handeln.

Liegt die Ursache dieser Einengung der Selbstbestimmung außerhalb des Selbsts, heisst die Einengung der Selbstbestimmung Zwang, liegt sie innerhalb heisst sie Angst.

Dagegen ist zum Einen einzuwenden, dass man sich ja auch selbst zwingen kann etwas, zu tun. Die Entscheidung, dies zu tun beruht jedoch für gewöhnlich auf einer Angst, das vermutete Eintreten eines als schlecht bewerteten Ereignisses in der Zukunft durch das „sich-selbst-Zwingen“ abzuwenden.

Der zweite Einwand ist, dass dem Selbst von Außen Ängste eingeredet werden können, bzw. Angst von Außen gemacht werden kann. Dies dient jedoch nahezu immer dazu, das Selbst zu einer bestimmten Handlung zu zwingen. Der unmittelbare Zwang ist in diesem Fall eher etwas wie eine Manipulation oder Suggestion.

Ängste treten oft beim Erleben unbekannter Situationen auf. Ist es für den Menschen nicht möglich, die Erfahrungen im Gedächtnis auf die gegenwärtige Situation zu übertragen, dann erlebt der Menschen oft eine Art von Unsicherheit, die sich zu einer handfesten Angst entwickeln kann. Doch sogar die Einschätzung der gegenwärtigen Situation entspringt dem Gedächtnis. Die Welt ist im Allgemeinen nicht so wie sie erscheint, und so wirken Ängste oft derart, dass sie den Raum der Möglichkeiten zu handeln auf das schon Bekannte, die Erfahrung, einengen und so werden viele Räume von Möglichkeiten durch die Angst gar nicht erst betreten.

In Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme ist ein fester Bestandteil des Bewusstseinsprozesses die autopoietische Reproduktion des Sinns. Das Abbilden (vermeintlich) unbekannter Reize auf (vermeintlich) Bekanntes im Bewusstseinsprozess dient dem Zweck, eine das aktuelle Reizmuster mit in der Vergangenheit erfahrenen Reizmustern zu identifizieren, also eine entsprechende (neuronale) Zuordnung/Verweisung vorzunehmen, um Zugriff auf dazu passende anschlussfähige Handlungen zu erlangen und angemessen auf die Situation, die sich im Reizmuster darstellt reagieren zu können. Die zwei Bedeutungen des Wortes Projektion sind hier gleichzeitig zutreffend: Projektion in der Psychologie ist die (unbewusste) Zuschreibung von eigenen Gefühlszuständen (affektiven Reize) auf Äußeres und in der Neurophysiologie ist die Projektion (lt. Wikipedia) „die örtlich möglichst exakte Zuordnung von somatischen und psychischen Funktionen zu bestimmten Bereichen im Zentralnervensystem verstanden. Sie geht davon aus, dass es bestimmte Zentren von Nervenzellen im Gehirn gibt, die eine spezifische Leistung an einer bestimmten Stelle vollbringen.“ Ein spezieller Begriff für die Autopoiesis ist in diesem Zusammenhang das Wort Selbstreferenz (lat. referre zurückbringen). Die Grenzen des Anwendbarkeit der Selbstreferenz skizziert der Spruch „Man soll nicht generell von sich selbst auf andere schließen.“.

Das Gehirn des Menschen ist also konservativ in dem Sinn, dass es ständig und automatisch versucht, Unbekanntes auf Bekanntes im Raum der Erfahrungen zurückzuführen, um nicht in eine vollkommen unbestimmte Situation zu geraten, für die es gar keine Erfahrungen gibt. Ein Nichtschwimmer scheut den Sprung in das kalte Wasser, vollkommen alleine in einer fremden Stadt mit fremden unbekannten Menschen auszugehen, erscheint manchem Menschen als ein Wagnis.

Das Riemann-Thomann-Modell

Fritz Riemanns Buch Grundformen der Angst grob zusammenfassend, werden im Folgenden die Eigenschaften und Merkmale der schizoiden, der depressiven, der zwanghaften und schließlich der hysterischen Persönlichkeit skizziert. Jeweils zwei der vier Angsttypen stehen sich auf den zwei Achsen des Riemann-Thomann-Modells gegenüber. Ich möchte hier in aller Deutlichkeit auf den Modellcharakter der hier betrachteten Extremformen von Persönlichkeitsmerkmalen hinweisen. Niemand passt perfekt in eine der Kisten, die Riemann gefunden hat, doch kann wenigstens ich ich mit einiger Sicherheit sagen, dass Menschen, die sich selbst in diesen Kisten wahrnehmen und diese dann gegebenfalls auch wechseln können, eine „ergodische“ Persönlichkeitsstruktur haben, die sich in nahezu jeder sozialen Umgebung zurecht findet.

Die Integrations- und Beziehungsachse und die äußere Bestimmung

Die Integrationsachse des RT-Modells verläuft entlang der Einbindung/Einkopplung des betrachteten Individuums in das soziale Gefüge. Auf ihr stehen sich der schizoide und der depressive Typus gegenüber.

Die schizoide Persönlichkeit: Die Angst vor (Selbst-) Hingabe, Nähe und Bindung

Wie die Herkunft des Worted schizoid schon besagt, das altgriechische Wort schízein bedeutet auf deutsch ‚spalten‘, ist das Sozialverhalten des schizoiden Typus' (S-Typ) von einer Kontaktlücke, einem abgespalten-Sein von und eine Distanz zu Beziehungspartnern und dem sozialen Kollektiv gekennzeichnet. Der S-Typ legt Wert auf die Unterscheidung von Anderen, strebt Autarkie und Unabhängigkeit an, will auf niemanden angewiesen sein und niemanden brauchen, keine Pflichten gegenüber Anderen haben. Er vermeidet persönliche, nahe Kontakte und Intimität, versachlicht Beziehungen und sucht Anonymität in der Masse. Er lebt tendenziell für sich isoliert und einsam und verhält sich in der Nähe-Distanz-Ausrichtung sprunghaft. Äußerlich erscheint er als fern stehend, distanziert, unpersönlich und kalt. Er scheint schwer ansprechbar zu sein, in seinem Verhalten seltsam und absonderlich, in seinen Reaktionen unverständlich, befremdlich und unbekannt.

Der S-Typ und seine Integration in das übrige Beziehungsgeflecht, die soziale Umwelt, über eine „Sicherheitszone“ hinweg.
Dieses Verhalten liegt in den Empfindungen begründet, die der S-Typ in Bezug auf seine soziale Umwelt hat. Er empfindet sich selbst als offen und schutzlos und Nähe und Intimität als bedrohlich. Er nimmt deswegen Schutzhaltungen gegenüber der bedrohlich erscheinenden Nähe ein. Zuneigung, Sympathie, Zärtlichkeit und Liebe werden als potenziell gefährlich empfunden, emotionale Bindungen als erzwungen, die Freiheit und Unabhängigkeit einschränkend. Auf Nähe reagiert der S-Typ abweisend, feindlich und eventuell abrupt abstoßend. Er bricht leicht den Kontakt ab und zieht sich schnell zurück.

Aufgrund der starken Empfindung der eigenen Verletzlichkeit entwickelt der S-Typ eine radar-ähnliche, fein reagierende Sensibilität in der Umweltwahrnehmung, versucht sich von äußeren Reizen abzuschotten, sich durch sozialen Ausschluss abzugrenzen und bemüht sich um Sicherheit und Schutz vor Überfremdung. Aufgrund seiner Kontaktschwäche ist er im Umgang mit anderen unsicher, weiß zu wenig von anderen, hat Lücken in der Erfahrung des sozialen Umgang und kann nicht richtig einschätzen, was in anderen vorgeht.

Im Gegensatz zu den eigenen Empfindungen, fällt es dem S-Typ schwer, sich in die Lage des Gegenübers zu versetzen. Sein Verhalten gleicht dann unter Umständen dem eines Elefanten im Porzellanladen, wirkt schroff oder gar motorisch-expansiv. Überhaupt sind die Aggressionen wenig, schlecht oder gar nicht in die reflektierte Persönlichkeit integriert und haben z.T. triebhafte, archaische Züge. Treten Aggressionen zutage um die Angst vor der Nähe mit der Herstellung von Distanz abzuwehren, erscheinen sie Außenstehenden als scharf, verletztend und brüsk, ohne dass die Sprunghaftigkeit in Intensität und Qualität vom S-Typ selbst so wahrgenommen wird.

[...]

Die depressive Persönlichkeit

[...]

Die Transformationsachse, das Strukturmodell der Psyche und die innere Bestimmung

[...]

Die zwanghafte Persönlichkeit

[...]

Die hysterische Persönlichkeit

[...]

Zusammenfassung des Modells

Achse Bezeichnung
Gegenstand der Angst
chr./jüd. Symbol
Rollenbezeichnung
Sozial-Verhalten / Werte
Zeit- /
Veränderungs- /
Transformations-
Achse

Geist /
Himmel
Hysterie
(Wechselausrichtung)
von altgriechisch hystéra Gebärmutter (Kreativität)

Angst vor Notwendigkeit
Festlegung


Recht-Bewusste
[...]
Zwanghaftigkeit
(Dauerausrichtung)


Angst vor Vergänglichkeit / Wandel

Pflicht-Bewusste
[...]
Raum- /
Beziehungs- /
Integrations-
Achse

Körper /
Erde
Schizoidie
(Distanzausrichtung)
griechisch schizein „abspalten“

Angst vor (Selbst-)Hingabe

Zins-Nehmer, Leih-Geber / Sparer / Vermieter / Investor
[...]
Depression
(Näheausrichtung)
von lateinisch deprimere „niederdrücken“

Angst vor Selbstwerdung,
freie Entfaltung der Persönlichkeit


Zins-Geber, Leih-Nehmer / Kredit-Nehmer / Arbeiter / Mieter
[...]
Quelle: Wikipedia Artikel zum Riemann-Thomann-Modell. Das RT Modell basiert auf Riemanns Hauptwerk Grundformen der Angst (1961).

Verallgemeinerte Riemann Koordinaten

Innerlich geht es dem Menschen um den Umgang mit seinen Werten insbesondere um Veränderung / Wandlung bzw. Festlegung. Die dazugehörige Achse bezeichnet Riemann als Transformationsachse (Zeit-Achse im Riemann-Thomann-Modell) auf der sich die Zwanghaften mit einer Angst vor Wandlung und die Hysterischen mit einer Angst vor Festlegung und Unausweichlichkeit gegenüber stehen. Eine Veränderung kann also als eine Erweiterung des Raums der Erfahrung angesehen werden.

Die Integrationsachse (Raum-Achse im Riemann-Thomann-Modell) hingegen bemisst die Beziehung des Menschen mit seinen (äußeren) Beziehungspartnern. Es stehen sich dort Depressive, die Angst vor der Selbstwerdung haben, und Schizoide, welche Angst vor (Selbst-)Hingabe haben, gegenüber. In einer Austauschbeziehung hat der Schizoide Angst davor, sich in seiner Selbstbestimmung dem Beziehungspartner hinzugeben, ihm also einen Teil der Bestimmungs über sich selbst zu übertragen.

Die vier Kategorien von Riemann können direkt mit dem Zins und dem nomischen Gleichgewicht in Beziehung gesetzt und verallgemeinert werden.

Riemann Koordinaten 2.0
Verallgemeinerung des Riemann'schen Modells zu den Grundformen der Angst: die Transformationsachse wird zur Achse des Umgangs mit den Werten und die Integrationsachse wird nomische Achse.

Auf der Integrationsachse geht es im Wesentlichen darum, wer in einer Beziehung bestimmt, weswegen die Integrationsachse auch als nomische oder auch als Bestimmungsachse verallgemeinert werden kann. Der Depressive hat Angst über sich selbst zu bestimmen, also Angst vor Autonomie und wird alles tun, um eine Situation herbeizuführen, in der das eigene Selbst überwiegend durch Andere bestimmt wird. Hingegen hat der Schizoide Angst vor Heteronomie und wird folglich eine Lebenssituation anstreben, in der er über Andere bestimmen kann.

Die Transformationsachse, auf der es um Veränderungen geht, kann man auch als Werteachse bezeichnen. Ein Mensch richtet sein Handeln nach äußeren und inneren Werten (Regeln und Gebote) aus. Zwanghafte oder auch Wert-konservative Menschen erzwingen in Ihrem Handeln das Festhalten an diesen Werten und vermeiden deren Hinterfragung, sie fügen sich ihren Werten, selbst wenn sie dabei starke Emotionen aushalten müssen. Im Gegensatz dazu halten die Hysterischen oder Wert-Liberalen Werte und Regeln eher für einengend, hinterfragen sie ständig und geben sich eher Ihren Affekten und Emotionen hin. In Bezug auf Werte (Regeln und Gebote) sind die hysterischen Persönlichkeiten also eher „unstrukturiert“.

Achse Bezeichnung
Gegenstand der Angst
propagiertes Sozial-Verhalten / Werte
Raum- /
Beziehungs- /
Integrations-
Achse
Schizoidie
(Distanzausrichtung)
griechisch schizein „abspalten“

Angst vor Bestimmung durch Andere / Fremde,
Heteronomie, Kontrahierungszwang
Akzeptanz von Hierarchien und bivalente Ordnung der Nomie (Bestimmung) Betonung der Unterschiede und Grenzen, akzeptiert die soziale Spaltung und den Hass auf Fremde,
betont und pocht auf Grenzen
bivalente nomische Ordnung: entweder der eine bestimmt oder der andere, die sowohl-als-auch Möglichkeit ist systemisch unterdrückt,
Konkurrenz, Wettbewerb
Depression
(Näheausrichtung)
von lateinisch deprimere „niederdrücken“

Angst vor Selbstbestimmung,
Autonomie,
Freiheit, Souveränität,
freie Entfaltung der Persönlichkeit,
Art. 2 GG,
Privatautonomie
soziale Fusion,
Akzeptanz von Heterarchien,
ambivalente nomische Ordnung, Konsens-Suche (sowohl-als-auch) bei der Bestimmung,
Betonung und Hervorhebung des Gemeinsamen (lat. communis),
Nächstenliebe,
Kooperation
Zeit- /
Veränderungs- /
Transformations-
Achse
Zwanghaftigkeit
(Dauerausrichtung)

Angst vor Hinterfragung / Verwerfung von
Werten,
Gesetzen, Regeln, Normen, usw...
Pflichtbewusstsein und Ordnungsaffinität,
Sicherheit,
Leistungsbereitschaft,
Gier und Geiz,
bivalente Logik
analytisches Denken,
Sparsamkeit,
Belohnungsaufschub
Hysterie
(Wechselausrichtung)
von altgriechisch hystéra Gebärmutter (Kreativität)

Angst vor Verfestigung/Festhalten/Festlegung
von/an
Werten,
Gesetzen, Regeln, Normen, usw...
Rechtsbewusstsein und Ordnungsaffinität,
Risiko / Wagnis,
Bewusstheit der eigenen psychischen und physischen Grenzen,
Genügsamkeit und Hingabe,
ambivalente Logik
ganzheitliches Denken,
Bedürfnis-Stillung,
sofortige Sättigung
Verallgemeinerung des Riemann-Thomann Modells in Hinblick auf das nomische Gleichgewicht und der Werte-Muster, die sich aus der Einhaltung der Verträge (Vertrauen, Verlässlichkeit, Ordnung) bei positivem und negativem Zins ergeben. Die Herleitung der Werte-Muster befindet sich im Abschnitt über Zins-induziertes Verhalten sowie im Abschnitt über die systematisch unterstützten Werte in Abhängigkeit des Zins-Vorzeichens.

Die neutrale Position auf der Bestimmungs- und der Werteachse

Wichtig hervozuheben ist nun, dass die jeweils neutralen Positionen auf beiden Achsen nicht absolut definierbar sind. Sicher gibt es bestimmte Werte und auch Verhaltensweisen in Bezug auf Andere die nahezu einen absoluten Gültigkeitsanspruch haben.

Zu diesen nahezu absoluten Werten gehören in den Religionen die religiösen Gebote, in der Moraltheorie die Sitten und in der Kultur die Gebräuche und Riten, jedoch sind eben für die meisten dieser Werte Situationen konstruierbar in denen der Zwanghafte ein Problem bekommt, während der Hysterische unbeschadet aus der Situation hervorgeht.

Auch ist die Unterscheidung zwischen Depression und Schizoidie schwierig, insbesondere wenn man einbezieht, dass die Verhaltensweisen durch frühere Beziehungspartner erlernt bzw. durch Zwang anerzogen wurden und somit derjenige, der von Außen betrachtet scheinbar schizoid handelt, in (seiner) Wirklichkeit heteronom / depressiv gegenüber einem früheren Beziehungspartner oder seinem Selbst in einer der früheren Beziehung handelt. Zum Anderen verschwinden in Liebesbeziehungen die Grenzen zwischen Autonomie und Heteronomie, wodurch die Unterscheidung zwischen depressivem und schizoidem Verhalten eine komplexe Frage darstellt.