11. August 2019

Zins, abrahamitische Religionen, Antisemitismus und linke System- und Gesellschaftskritik

Wenn man die Beziehung der abrahamitischen Religionen untereinander verstehen will, dann kommt man nicht umhin, den Kapitalismus mit einzubeziehen, denn der Kapitalismus beherrscht schon seit über 6.000 Jahren die Zivilisation.

Fakt ist: Im Judentum sind Zinsen erlaubt, allerdings nur eingeschränkt. Es dürfen keine Zinsen von Armen und Angehörigen der Sippe genommen werden. Von Fremden dürfen Zinsen genommen werden.

Der Sündenfall war, wie Erich Fromm schreibt, ein Akt der Freiheit. Der Mensch setzt sich über das Zinsverbot hinweg und isst vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, versucht, sich damit an die Stelle Gottes zu stellen. Infolge des Sündenfalls entstehen der heutige Freiheitsbegriff, das Denken und die Vernunft, und der Mensch löst sich aus den primären Bindungen zur Natur. Der Zivilisationsprozess setzt ein, siehe Eintrag vom 09.08.2019.

Der Kapitalismus bewirkt über die Erzeugung von Schuldverhältnissen (beim Verleihen entstehen Zinsschulden) einen immer größer werdenden Gruppenzusammenhang (Ausdehnung der Pyramidenbasis, Kolonialisierung, Imperialismus, Globalisierung) und den Anschein einer Bündelung der Handlungen von Menschen unter einen einzigen Zweck, der jedoch im Kern nichts anderes ist als die Vermehrung des geltenden Toten, des Kapitals. Ich denke, dass aus diesem Phänomen die Vorstellung des einen Gottes entstanden ist, der zunächst nichts anderes war, als die Projektion des Kapitals, dem die Menschen zu seiner Vermehrung dienten.

Der „erste” Gott war also das Geld, bzw. das geltende Tote bzw. das Kapital. Ich denke, dass dieses Phänomen in der Bibel der „Herr” genannt wird. Der Kapitalismus ist “der Herr”.

Ich kann jedem nur empfehlen, die Prophetenbücher des alten Testaments zu lesen, um die damalige soziale Situation zu erkennen, die das Zinsnehmen erzeugt hat, denn diese soziale Situation war der Grund für das Erscheinen der Propheten. Wenn man sich nun die Prophetenbücher anschaut, also Jesaja, Jeremia, Daniel usw., dann erkennt man darin eine Auseinandersetzung mit dem Gottesbegriff und natürlich Zins- (also Kapitalismus-) und Gesellschaftskritik. Es wird deutlich ein lebendiger Gott von einem toten Gott (Geld, Kapital) ge- und unterschieden. Die Propheten setzen sich ein für das Wort Gottes, sprechen also aus, was dieser „lebendige” Gott will, nämlich das Weiterleben des Lebens, also seine Reproduktion, wie die Systemtheoretiker sagen würden.

Die erste Sekte der Ursekte der Menschheit und die Entstehung der (christlichen) Urform des Antisemitismus

Jesus wiederholte ganz klar das Zinsverbot und schlug vor, dass die Zinsen beim Verleihen negativ sein sollen, Lukas 6:[27-35] in der Menge-Bibel.

Hermann August Menge hat diese Textstelle kurz vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten richtig übersetzt, doch kam der Versuch, Jesu Vision vom Himmelreich am Ende des Zivilisationsprozesses zu realisieren zu spät, Film: „Das Wunder von Wörgl“.

Das Böse griff nach der Macht und tötete den Juden. Aus der Verachtung derjenigen Juden, die dem Juden Jesus nicht folgten und ihn töteten, entstand die (christliche) Urform des Antisemitismus.

Nach der Entstehung des Christentums innerhalb der jüdischen und römischen Matrix blieb die kapitalistische Welt nicht stehen. Die Christen wussten, dass irgenwann ihre Zeit kommen würde, doch waren sie Wenige in einer Welt der vielen Kapitalisten und Zinsnehmer. Die ganze Welt war kapitalistisch, alle Herren Länder betrieben (wie heute) Kapitalismus und nahmen Zins von sich und ihren Völkern (Volk: der besagte Gruppenzusammenhang).

So kam es, dass, wie es im Kapitalismus seit jeher passiert (Zusammenbruch der Türme, Auflösung des Gruppenzusammenhangs, Riss der sozialen Kohäsion), das damalige jüdische Reich zerbrach (wie später auch das römische Imperium) und die Juden in der Diaspora über die ganze Welt zerstreut wurden, doch haben sie es geschafft, dieses uralte Wissen um den Anfang aller Dinge in sich durch ihre Art der Tradierung (Übertragung) und Narration (Erzählung), das Torah-Studium und die Auseinandersetzung mit Gott, zu bewahren. Deswegen sollte man heute insbesondere jüdischen Geistlichen gut zuhören, denn sie haben wohl das Meiste zu sagen.

Muslimlische Erweiterung des Antisemitismus

Etwa 600 Jahre nach Jesus erschien der Handelsreisende Mohammed, griff die Worte der Propheten auf und setzte das Wort Gottes, und allem vorweg das Zinsverbot, gewaltsam, mit dem Schwert, durch. Der Koran beginnt mit der Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Wiederholung der Worte Jesu (Gutes tun und das Zinsnehmen zu unterlassen) in Sure 2, ab Vers 275.

Mohammed schlug vor, den Negativzins als eine Art Abgabe, die wir heute Vermögensteuer nennen würden, die sogenannte Zakat umzusetzen. Mohammed machte die Zinsnehmer für die gesellschaftlichen Verhältnisse verantwortlich, also diejenigen, die zwar gläubig waren, sich jedoch nicht an die Gebote Gottes, ausgedrückt durch die Worte der Propheten, und insbesondere das Zinsverbot, hielten.

So kam zur christlichen Urform des Antisemitismus noch die muslimische Gesellschaftskritik der damaligen Zeit hinzu.

Die moderne Letztform des Antisemitismus

Zu diesem alten Antisemitismus kommt seit dem Beginn der Judenverfolgung in Europa der Hass auf die Bewegung der Zionisten, die nichts anderes sind als jüdische Nationalisten, bzw. Menschen, die endlich nach fast zwei Jahrtausenden Zerstreutheit über die Welt wieder einen eigenen Staat haben wollen. Die Zionisten und der Kampf der jüdischen Gläubigen für ihren Staat sind ein Mahnmal für alle Imperialisten, die meinen, dass der Turmbau ewig weiter geführt werden könne. Die Türme, also der vom Kapital erzeugte Gruppenzusammenhang, können zerbrechen und die Menschen zerstreut werden!

Mit diesen Arten Antisemitismus haben wir es heute zu tun.

Daher sind auch alle politisch links Stehenden, anti-kapitalistisch positionierten Menschen, die für den Zusammenhalt einstehen und die seelische Seuche des Kapitalismus beseitigen wollen auf der ideologischen Seite der Antisemiten, denn Dreh- und Angelpunkt des Zivilisationsprozesses ist das Zinsnehmen, also der Kapitalismus.

Wer an Gott, das große, alles ordnende Ganze, glaubt und die positiven Zinsen akzeptiert, der kann und darf sich daher weder „Christ” noch „Muslim” noch Linker oder gar „Antikapitalist” nennen. Ich bin der Auffassung, dass derjenige sich als schlechten Juden bezeichnen sollte, denn auch die Juden wissen darum. Insofern sind wir Deutsche und Europäer im „christlichen“ Abendland, in dem wir den Kapitalismus betreiben und ihm erlauben, unsere gesellschaftlichen Verhältnisse zu bestimmen, keine Christen, sondern schlechte Juden, denn wir hören nicht auf unsere linken Politiker, die in der Rolle der jüdischen Propheten stehen und den Kapitalismus kritisieren.

Man erkennt hier vielleicht, wie kompliziert und zugleich einfach unsere Situation heute ist: Sobald man vor dem Hintergrund des Zusammenhangs des Kapitalismus mit den abrahamitischen Religionen Gesellschaftskritik oder Kritik der Eigentumsverhältnisse übt, läuft man Gefahr, in die Ecke der Antisemiten und linken Extremisten gestellt zu werden. Deswegen bin ich dazu übergegangen, nicht mehr Menschen verantwortlich zu machen, sondern das Kapital, den Zins und uralte, perverse Ideologien.

Judenhass oder Antisemitismus sind vollkommen unakzeptabel, weil beides nichts anderes ist als Selbsthass. Wir haben alle zu einem gewissen Anteil Zinsen genommen, haben also gespart, sind Vermieter, Grundherren oder Rechteeigentümer, waren und sind noch (!) jedenfalls mit dem Prinzip des Zinsnehmens einverstanden und können daher nicht diejenigen von uns dafür verantwortlich machen, die sich am besten damit auskennen.

Am Rand der Welt zwischen Diesseits und Jenseits

Wir stehen vor der Art von Ökonomie, die seit über 2.000 Jahren von Propheten (ich vermute, u.a. auch Buddha, denn das Nirvana hat große Ähnlichkeit mit Jesu Himmelreich) als eine das Diesseits transzendierende Vision des Jenseits erkannt und beschrieben wurde: die Negativzins-Ökonomie.

Jeder Mensch, der denken und sprechen kann, hat das Recht, und ich würde angesichts der ökologischen und sozialen Gesamtlage sogar sagen, die Pflicht, sich die Zeit zu nehmen und in seinen Worten auszudrücken, was geschehen wird und/oder soll, wenn die Zinsen auf alle Arten Guthaben (Bargeld-, Sicht- und Spareinlagen) und natürlich folglich bei Krediten negativ werden.

Die Negativzins-Ökonomie ist das logische Gegenstück des Kapitalismus. Sie hat schon viele Namen erhalten:

Schaut man sich die Zinsen der Welt an, dann sieht man: In den USA, in Israel, Europa, Kanada, Australien und Japan sinken die Zinsen, oder sie sind bereits negativ. Im Iran, im Irak, in den Satellitenstaaten von Saudi-Arabien (die Schlangenscheichs !) in der Türkei, in Russland, Brasilien, Südafrika und China sind die Zinsen hingegen positiv!

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