Austauschbeziehungen

Die Beziehungen der Menschen untereinander, die physische oder soziale Komponente des sogenannten Geistes, sind Austauschbeziehungen in denen Materielles und Immaterielles ausgetauscht wird. Generell können in der sozialen Interaktion die Dimensionen Austausch und Verhalten unterschieden werden, die sich beide aus dem Gleichgewicht der Bestimmung ergeben. Grundvoraussetzung eines Austauschs ist eine Zusammenziehung (Kontraktion), die in der Regel die Folge einer auf der Seite je eines Beziehungsteils gegebenen Diskrepanz (auch Differenz, Spaltung) zwischen nicht haben und voneinander wollen und haben besteht. Beide Beziehungsteilnehmer wollen (begehren) etwas Nehmbares vom jeweils anderen, das der jeweils andere hat und beide haben etwas Gebbares, das der jeweils andere haben will (begehrt). Georg Simmel schreibt:

Der Tausch, der uns als etwas ganz Selbstverständliches erscheint, ist das erste und in seiner Einfachheit wahrhaft wunderbare Mittel, mit dem Besitzwechsel die Gerechtigkeit zu verbinden; indem der Nehmende zugleich Gebender ist, verschwindet die bloße Einseitigkeit des Vorteils, die den Besitzwechsel unter der Herrschaft eines rein impulsiven Egoismus oder Altruismus charakterisiert; welche letztere übrigens keineswegs immer die zeitlich erste Stufe der Entwicklung ausmacht.

Allein die bloße Gerechtigkeit, die der Tausch bewirkt, ist doch nur etwas Formales und Relatives: der eine soll nicht mehr und nicht weniger haben als der andere.

Geben und Nehmen

In der Regel ist die Gabe von etwas mit einem psychischem oder physischem Aufwand verbunden. Hingabe ist ein Opfer. Etwas zu geben bedeutet, sich durch Zeit und Arbeit einem Beziehungspartner zuzuwenden. Hingabe ist durch die eigenen Grenzen beschränkt auf die Größe des Leistbarem. Hingabe ist erschöpfend und ermüdend. Für Georg Simmel ist Hingabe ein Opfer, dessen Hingabe oder Erbringung der Erlangung des Begehrten dient[1, S. 56 ff.].

Das Gegenteil der Hingabe ist die An- oder Wegnahme. Es ist in der Handlung das Empfangen oder das Nehmen von Materiellem oder Immateriellem von einem Beziehungspartner. In der Regel sind auch der Annahme von Dingen physische und psychische Grenzen gesetzt.

Das Gegebene und Genommene ist aus Sicht des Einzelnen bewertbar. Es hat eine emotionale Bedeutung, einen Sinn, und kann auf diese Weise „bilanziert“ werden. Eine Austauschbeziehung ist in einem Gleichgewicht, wenn sich das Geben und Nehmen aus Sicht beider Beziehungs-Teilnehmer die Waage hält.

Gegebenes / Opfer Genommenes
Arbeit Nahrung, Obdach
Beispiele für reales Geben und Nehmen.

Da die Menschen aber in der Regel Teil von mehreren Beziehungen und diese emotional in der Regel nicht ganz trennbar sind, ist es auch nicht einfach, die Beziehungen getrennt zu bewerten. Aus Sicht des Einzelnen zählt effektiv nur die Bilanz der Gesamtbeziehung. Nur ausgeglichene Austauschbeziehungen können dauerhaft bestehen. Ein Defizit in einer Austauschbeziehung kann durch ein entsprechendes Surplus in einer anderen ausgeglichen werden.

Das Gleichgewicht der Bestimmung in Austauschbeziehungen

„Reicher Mann und armer Mann standen da und sah’n sich an. Und der arme sagte bleich, wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.“ Bertolt Brecht, 1934.
Der Tauschvorgang einer Austauschbeziehung ist in 4 Teilhandlungen zerlegbar, von denen jeweils die ersten und die letzten beiden in einem physischen Zusammenhang, ein „Miteinander-Handeln“, also räumlich und zeitlich miteinander verkoppelt sind.
  1. P1 gibt G1,
  2. P2 nimmt G1,
  3. P2 gibt G2,
  4. P1 nimmt G2,
Geld gegen Ware, das Eine gegen das Andere. Die Einen sagen „zuerst das Geld, dann die Ware“, bei den Anderen ist es andersherum. Objektiv finden 2 Handlungen statt, die Hingabe von G1, bei der P1 gibt und P2 nimmt und dann die Hingabe von G2 in die andere Richtung, bei der P2 gibt und P1 nimmt.

Simmel schreibt zu den Austauschbeziehungen[1, S. 382f]:

Wenn man von der Vorstellung ausgeht, daß das zum Genuß verfügbare Güterquantum ein begrenztes ist; daß es den vorhandenen Ansprüchen nicht genügt; daß endlich »die Welt weggegeben ist«, das heißt, daß im allgemeinen jedes Gut seinen Besitzer hat - so folgt daraus, daß, was dem einen gegeben wird, dem anderen genommen werden muß.

Zieht man hier nun alle die Fälle ab, in denen dies ersichtlich nicht gilt, so bleiben doch immer noch unzählig viele, in denen die Bedürfnisbefriedigung des einen nur auf Kosten des anderen erfolgen kann.

Wollte man dies als das oder ein Charakteristikum oder Fundament unseres Wirtschaftens ansehen, so würde es sich in alle jene Weltanschauungen einordnen, die überhaupt das Quantum der der Menschheit beschiedenen Werte - der Sittlichkeit, des Glückes, der Erkenntnis - für ein seiner oder ihrer Natur nach unveränderliches halten, so daß nur die Formen und die Träger desselben wechseln können.

Schopenhauer neigt sich der Annahme zu, daß jedem Menschen sein Maß von Leiden und Freuden von vornherein durch seine Wesensart bestimmt ist; es könne weder überfüllt werden noch leer bleiben, und alle äußeren Umstände, auf die wir unser Befinden zu schieben pflegen, stellten nur einen Unterschied in der Form, jenes unveränderliche Lust- und Leidquantum zu empfinden, dar.

Erweitert man diese individualistische Vorstellung auf die menschliche Gesamtheit, so erscheint all unser Glücksstreben, die Entwicklung aller Verhältnisse, aller Kampf um Haben und Sein als ein bloßes Hin- und Herschieben von Werten, deren Gesamtsumme dadurch nicht verändert werden kann, so daß aller Wechsel in der Verteilung nur die fundamentale Erscheinung bedeutet, daß der eine jetzt besitzt, was der andere - freiwillig oder nicht - weggegeben hat. Diese Erhaltung der Werte entspricht ersichtlich einer pessimistisch-quietistischen Weltansicht; denn je weniger man uns imstande glaubt, wirklich neue Werte hervorzubringen, um so wichtiger ist es, daß auch keiner wirklich verloren gehe.

Alleine durch das Vorhandensein von Austausch und Handel lässt sich die beobachtbare sich zuspitzende Verteilung der Kapitalien nicht erklären, denn wenn alle miteinander in Austausch stehen und sich darum bemühen, die Äquivalente am Markt miteinander in ein Gleichgewicht zu bringen, würde Eigentum sich nicht so stark in der Hand von zahlenmäßig immer weniger Werdenden konzentrieren, wie es im Kapitalismus der Fall ist. Vielmehr bedarf es einer Störung der Austauschbeziehungen, die die beobachtbare Akkumulation erklärt.

Die Umverteilungswirkung des Kapitalismus lässt sich dadurch erklären, dass einer der beiden Handelnden im Vergleich zu dem, was er gibt weniger nimmt. Der Andere hingegen nimmt mehr, als er gibt. Des einen Verlust ist des anderen Gewinn. Was der eine gibt, nimmt der andere. Dies ist jedoch nur eine Hälfte einer neutralen Austauschbeziehung (freier Markt), denn der, der gibt, nimmt nichts, sondern nur der andere. Der andere hingegen gibt nichts, sondern nimmt nur.

Eine Anomalie (eine Störung) der Austauschbeziehung ist dann gegeben, wenn einer der beiden Handlungen nicht stattfindet, wenn es also für den Einen keinen Ggenleistung gibt.

Diese Anomalie kann auch aus einer differentielle Störung des Wertverhältnisses (z.B. den realen Arbeitsgehalten) der ausgetauschten Güter entstehen. Hierbei spielt natürlich die subjektive Messung des Werts der Güter (Bildung von Bewertungsmaßstäben, Werte-Systeme) eine letztendlich entscheidende Rolle. Die Anomalie stellt sich auch in einer Störung der neutralen (fairen, ausgeglichenen, im Gleichgewicht, unter der Erfüllung des nomischen Gleichgewichts befindlichen, die Grundbedingung der doppelten Kontingenz erfüllenden) Austauschbeziehung, des freien Marktes also, dar. Märkte, also die Austauschbeziehungen des Geldnetzwerks, sind im Kapitalismus im Allgemeinen nicht frei, sondern in unterschiedlichsten Formen durch die Eigentümer des Kapitals bedingt. Die Störung (die Anomalie) der Austauschbeziehung ist eine Störung des Preises, denn der Preis ist das Wertverhältnis der ausgetauschten Güter.

[Bestimmung, Forderung, Schuld, Zwang, Freiheit, etc...]

Das Kind, die Frucht der Austauschbeziehung, das Dritte, das Es

Jedes materielle Ding hat durch seine Wahrnehmung eine immaterielle „Darstellung“ im Menschen (Dualität von Körper und Geist). Die Austauschbeziehungen der Menschen hinterlassen Spuren in der Welt und in der Seele. Diese Spuren sind die Kinder des Geistes.

In Philosophie des Geldes beschreibt Georg Simmel den insbesondere in den Tauschbeziehungen zutage tretende Wert als die oben genannte Diskrepanz (Differenz) von Haben und Wollen. Der Gegenstand ist das seiner Einverleibung (der Stillung des Wollens) Widersetzte, das sich im Eigentum des Tauschpartners befindet. Der Gegenstand hat Wert, weil er von einem Tauschpartner gewollt wird und dem anderen gehört[1, S.73f]:

Ich führte schon oben Kants Zusammenfassung seiner Erkenntnislehre an: die Bedingungen der Erfahrung seien zugleich die Bedingungen der Gegenstände der Erfahrung - womit er meinte, dass der Prozess, den wir Erfahrung nennen, und die Vorstellungen, die dessen Inhalte oder Gegenstände bilden, ebendenselben Gesetzen des Verstandes unterliegen.

Die Gegenstände können deshalb in unsere Erfahrung eingehen, von uns erfahren werden, weil sie Vorstellungen in uns sind, und die gleiche Kraft, die die Erfahrung bildet und bestimmt, sich in der Bildung jener äußert.

In demselben Sinne können wir hier sagen: die Möglichkeit der Wirtschaft ist zugleich die Möglichkeit der Gegenstände der Wirtschaft.

Eben der Vorgang zwischen zwei Eigentümern von Objekten (Substanzen, Arbeitskräften, Rechten, Mitteilbarkeiten jeder Art), der sie in die »Wirtschaft« genannte Beziehung bringt, nämlich die - wechselseitige Hingabe, hebt zugleich jedes dieser Objekte erst in die Kategorie des Wertes.

Der Schwierigkeit, die von Seiten der Logik drohte: dass die Werte doch erst dasein, als Werte dasein müssten, um in die Form und Bewegung der Wirtschaft einzutreten, ist nun abgeholfen, und zwar durch die eingesehene Bedeutung jenes psychischen Verhältnisses, das wir als die Distanz zwischen uns und den Dingen bezeichneten; denn dieses differenziert den ursprünglichen subjektiven Gefühlszustand in das die Gefühle erst antizipierende, begehrende Subjekt und das ihm gegenüberstehende, nun in sich den Wert enthaltende Objekt - während die Distanz ihrerseits auf dem Gebiete der Wirtschaft durch den Tausch, d. h. durch die zweiseitige Bewirkung von Schranken, Hemmung, Verzicht hergestellt wird. Die Werte der Wirtschaft erzeugen sich also in derselben Gegenseitigkeit und Relativität, in der die Wirtschaftlichkeit der Werte besteht. Der Tausch ist nicht die Addition zweier Prozesse des Gebens und Empfangens, sondern ein neues Drittes, das entsteht, indem jeder von beiden Prozessen in absolutem Zugleich Ursache und Wirkung des anderen ist.

Dadurch wird aus dem Wert, den die Notwendigkeit des Verzichtes dem Objekt verleiht, der wirtschaftliche Wert.

Der hervorgehobene Satz verdeutlicht, dass Georg Simmel im Tausch ein Drittes (ein drittes System) erkennt, das sich zwischen den Partnern (den miteinander tauschenden Systemen) befindet. Die Märkte sind diejenigen Orte im Geldnetzwerk, an denen es zu Übertragungen und Anpassungen von Bewertungsmustern kommt: es bilden sich Preise für Nutzgüter, Konsumgüter und Arbeit (Wert der Arbeit, Selbstwert). Diese Übertragungen, die Anpassungen und Veränderungen der subjektiven Bewertungen sind die Wirkungen, die Kinder, des wirtschaftlichen Gesamtprozesses in den Seelen der Menschen.

Libido und Destrudo, Schöpfung und Zerstörung des Kindes

Der Mensch erschafft und hat in seinen Beziehungen viele Kinder. Jeder Gegenstand einer (Teil-)Beziehung, also jedes Produkt der Arbeit, jeder Strauß an Gefühlen gegenüber einem Beziehungspartner, jedes Inter-esse (lat. für dazwischen-Sein), das der Mensch hat und erschafft, ist ein Kind im Sinne der Dreifaltigkeit. Für gewöhnlich erfreuen sich die Menschen an ihrem Kinderreichtum.

Insgesamt betrachtet hat der Mensch über das, was er gibt und nimmt eine Austauschbeziehung zu seiner (Um-) Welt. Was er tut, seine Handlung und Arbeit ist das Gegebene, während das Konsumierte, die genutzten und verbrauchten lebendigen und toten Dingen das Genommene sind. In der Austauschbeziehung, die er mit der Welt hat, ist die Wirkung seiner Existenz eine Schöpfung, das als Folge seiner Existenz sowohl in ihm selbst als auch in der Welt einen „Abdruck“ hinterlässt, das Kind, die lebendige Erinnerung und das lebendige Gedächtnis.

Sich den Kindern der Schöpfung (der Erschaffung) zuzuwenden und ihm hinzugeben entspringt dem fundamentalen Schöpfungstrieb der Liebe des Menschen (Libido). Für gewöhnlich verfolgt der Mensch mit dem, was er erschafft die Erreichung eines Zwecks, zu dem die Schöpfung das Mittel ist, diesen zu erreichen. Bereits die Schöpfung gegen ein (universelles) Tauschmittel hinzugeben ist ein seelisch herausfordernder Akt. Der die eigene Schöpfung hingebende Mensch muss sich von seinem Werk trennen (abspalten) und es gehen lassen. Im Arbeitsverhältnis muss die Geldmenge zur Kompensation des „Aufwands“ an Liebe und Hingabe an die Schöpfung also ausreichend sein, wenn die goldene Regel eingehalten sein soll.

Das Entreißen des geliebten Kindes bringt im Menschen als emotionale Reaktion das Gegenstück der Schaffenskraft, die Kraft der Zerstörung Destrudo (Todestrieb, griechisch Thanatos) hervor. Die Trennung (Abspaltung) vom dazwischen Liegenden (dem Inter-esse, dem Kind) erzeugt also Hass, den der Mensch annehmen und verarbeiten muss. Der Hass ist umso größer, je größer die Liebe zum Kind war. War da keine Liebe zum Kind, wird da auch kein Hass sein, wenn es ihm genommen wird.

Liebe und Hass sind die zwei extremen Vergenzen der Beziehungen.

Im Laufe seines Lebens lernt der Mensch durch Erfahrung, Erziehung und Sozialisation mit der Liebe und dem Hass umzugehen und diese fundamentalen Gefühle in eine sozial akzeptierte Handlung umzulenken, also Libido und Destrudo zu sublimieren.

Referenzen / Einzelnachweise