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3. Januar 2017

Email an debatte-grundeinkommen@listen.grundeinkommen.de

Liebe Leute,

ein frohes neues Jahr wünsche ich Euch allen!

Eine ganze Weile lese ich jetzt schon gespannt mit, doch bin ich ein wenig enttäuscht, dass die wesentlichen Gründe für eine Notwendigkeit des bGEs nur unzureichend diskutiert werden und mit den fundamentalen Parametern des sozio-ökonomischen Systems verknüpft werden.

So entgeht scheinbar unbemerkt den meisten hier (wenn nicht allen) die größte Geld-Revolution seit Anbeginn der Zeit:

Die Zinsen werden negativ.

Doch was heißt das und wie wird sich das auf die Lebensgrundlage der Menschen am Existenzminimum auswirken, die sich zudem den Sach-Zwängen des Kapitals, also vornehmlich dem Zwang ungewollte Verträge unterschreiben zu müssen (z.B. die Wieder-Eingliederungs-Vereinbarung oder auch Miet-Verträge statt einem Bau- oder Kauf-Vertrag für die eigenen 4 Wände) ausgesetzt sehen?

Für wie lange wird das so sein?

Ein paar Fakten zur Negativ-Zins-Wirtschaft:

Nicht nur die Spar-Zinsen, sondern auch die Kredit-Zinsen werden negativ. Das bedeutet insbesondere für Häusle-Bauer, dass sie sich bei negativem Kredit-Zins Geld leihen können und weniger zurückzahlen müssen, als sie geliehen haben. Wie man sich nun leicht vorstellen kann, wird also bei jeder Kredit-Vergabe mit negativem Zins ein wenig Geld (der Zins) in die Kreis-Läufe der Wirtschaft „injiziert”.

Die unternehmerische Initiative wird (durch den Zins) belohnt und nicht mehr bestraft!

Sparzinsen und Kreditzinsen bei positivem und bei negativem Zins.

Zwar kann sich das so in den Umlauf geratene Geld immer noch auf Konten sammeln, doch schmilzt es dort und gerät unter eine Art Investitions-Zwang (sog. Finanz-Repression bei Bargeld-Verbot oder abzinsbarer Geldmenge M0), wenn sich die Geld-Eigentümer nicht mit der Abzinsung zufrieden geben wollen.

Sehr reiche Geld-Vermögende sind also in so einem Negativ-Zins-Umfeld ständig auf der Suche nach Kredit-Nehmern, die weniger Zins nehmen als die Bank.

Wie wirkt sich das auf die Inflation, Kauf-Kraft und Real-Löhne aus?

Wie wird es sich auf Beschäftigung auswirken?

Werden wir nach einer Weile unter negativen Zinsen überhaupt noch ein bGE brauchen?

Ist nicht ein bGE eine Art „Spiegel“ der durch die sparbaren Geld-Vermögen bedingten Zins-Einkünfte der Reichen?


Oben: Vermögensverteilung in Deutschland 2012. Interessant ist, dass zwischen 2003 und 2012 nur die reichsten 10% an Vermögen zugelegt haben, während alle andern Vermögen verloren haben. Unten: Leitzins-Verlauf und Entwicklung der Geld-Menge M3 im Zeitraum 2003 - 2017.

Setzt nicht das bGE genau die gleichen Fehl-Anreize wie positive Zinsen für die Reichen?

Ein bGE würde von der Mittel-Schicht gezahlt werden. Diese Mittelschicht zahlt dann indirekt über ihren Konsum und direkt über die Kredit-Zinsen die Zinsen der Reichen und, über Steuern, das bGE der Unvermögenden.

Hierbei ist mit Unvermögen die Anschlussfähigkeit an die bestehende Arbeitsteilung gemeint.

Ich habe leider den Einduck, dass hier heimlich das bGE dazu missbraucht werden soll, dann doch irgendwann die Zinsen wieder anzuheben.

Deswegen gibt es eine klare Meinung von mir zum bGE:

Ein bGE unterstütze ich nur im Falle positiver Zinsen (also im Kapitalismus), denn nur so können die eigentumslosen Menschen vor den Sach-Zwängen des Kapitals geschützt werden und nur so kann in einer Art ungezwungenem „Ruhe-Modus“ (gemeint ist die Existenz im bGE) über neue Unternehmungen nachgedacht werden und die Qualifikation und der Bildungs-Stand erweitert werden.

In einem Negativ-Zins-Umfeld lehne ich das bGE jedoch strikt ab, denn selbst im Paradies muss man sich immer noch nach dem Apfel strecken um ihn dem Mund zuzuführen.

Im Anhang findet sich eine interessante Klage-Schrift, Anlage 1, die zusammen mit der Anlage 2 ein wenig die größeren sozio-ökonomischen Zusammenhänge rund um den Zins beleuchtet.

Ich wünsche Uns alles Gute und Erfolg im neuen Jahr, vielleicht gelingt es uns ja, den Zweck „(begrenzt) ungezwungenes Sein“ ohne das Mittel des bGE mit negativen Zinsen zu erreichen!

Mit freundlichen Grüßen,

Tim Deutschmann

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