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22. August 2018

Email an Prof. Daniel Krochmalnik Uni Potsdam

Sehr geehrter Herr Prof. Krochmalnik,

wie Ihnen Ihr Mitarbeiter vielleicht mitgeteilt hat, bin ich von Beruf Physiker und untersuche seit 4 Jahren die Wirkung des Zinsvorzeichens. Ich frage mich, und deswegen schreibe ich Sie hier an, inwieweit nicht auch schon Mose ein ganz klares absolutes Verbot der Zinsnahme ausgesprochen hat. Meine Motivation besteht darin, mir Munition gegen antisemitische Verleumdungen zu verschaffen, dass das Geld und seine Vermehrung das angebetete Göttliche der Juden sei.

Prof. Daniel Krochmalnik von der Uni Potsdam.

Elisa Klapheck: Geld und gute Worte.

Es ist Ihnen ja bekannt, dass die Verse Lukas 6:[27-35] und die letzten Verse der zweiten Sure des Koran (die „Kuh“) nur so widerspruchsfrei interpretiert werden können, dass die Zinsen nicht positiv sein sollen sondern negativ.

Ich finde zwei Textstellen im 2. Buch Mose, die damit in eindeutigem Zusammenhang zu stehen scheinen.


Zum Einen finde ich in Exodus 3:14 (es ist rund, die Zahl π lautet 3.1415927...) eine Definition von JHWH, nämlich

„Ich bin der, der ich sein werde.“
also in etwa auch „ich bin und ich werde sein“, etwas das ist, wird und sein wird, also das Ewige, aber vielleicht auch das Begehrende, der Plan, teleologisch: das zielgerichtete Handeln. Soweit ich weiß, gibt es im Hebräischen keinen Unterschied zwischen Präsens und Futur. Gilt das auch für das Sein und das Werden?

Das Leben hat sich selbst zum Zweck. Es tut in der Gegenwart alles, damit es in der Zukunft auch noch ist. Es betreibt selbstorganisiert Subsistenz und Reproduktion, was eine Brücke schlägt in zentrale Begriffe der Systemtheorie, dessen übrige Begriffe (z.B. Evolution, Entropie, Selektion, soziale Differenzierung, usw.) den Naturwissenschaften entlehnt zu sein scheinen.

Niklas Luhmann: Soziale Systeme (1984)

Zum Anderen finde ich in Exodus 20 unter den 10 Geboten das Dritte:

„Du sollst Dir kein Bildnis / Abbild von mir machen.“.
und meine Frage an Sie lautet nun: Welche Synonyme für das an der Textstelle verwendete hebräische Wort gibt es neben Abbild und Bild?

Ich kann leider kein Hebräisch lesen und frage mich aber, ob nicht Bild und Abbild auch stellvertretend für

Nachbau, Kopie, usw.

stehen kann und ob das ganze Gebot nicht auch übersetzt werden kann mit


Die Fähigkeit zur Reproduktion hat allein lebendige Materie, die sich selbst reproduziert, also 'ist' und aufgrund der Reproduktion 'sein wird'. Alle Materie aber, lebendige wie tote, ist dem Naturgesetz des 2. Hauptsatzes der Thermodynamik, dem Prinzip der Zunahme der Entropie, dem Zahn der Zeit, dem Altern, Verfallen, Verrotten, Vergammeln, Verschimmeln, usw., Heraklits panta rhei, unterworfen. Wir Lebewesen müssen alle irgendwann sterben, doch können wir den Tod durch Reproduktion zu Lebzeiten (Fortpflanzung, begehrendes Handeln) überwinden.

Der Kapitalismus beruht nun gerade auf dem Prinzip, dem Geld die Fähigkeit zur Reproduktion zu verleihen. Der Zins ist das Kind des Geldes und desjenigen, der den Zins gebärt. Das Geld ist also nicht homosexuell, wie einige lustige Zeitgenossen (Komiker und lustige Reporter auf 3sat) behaupten, sondern es ist, wenn man schon das Prinzip der intersexuellen Reproduktion auf die Vermehrung des Geldes überträgt, nur der männliche Teil. Der weibliche Teil ist in diesem Bild derjenige Teil der Wirtschaft, der den Zins gebärt. Gemessen wird die Hingabe an das tote Geltende als der Wert der Arbeit, die zur Tilgung des Kreditzinses (des Zinsanteils der Miete, des Pachtzinses, der Lizenzgebühr, usw.) aufgewandt wurde.

Daher fasse ich das alttestamentarische Gebot, kein Abbild von JHWH zu erschaffen als ein Kapitalismusverbot und also als eine Mittel zur Abwehr antisemitischer Verleumdungen, auf.

Mit der Zinsnahme, bzw. der Vermehrung des Geldes, hat der Mensch also vor Ewigkeiten ein Abbild des wesentlichen Prozesses des Lebens im Gelde erschaffen. Im Moment scheint niemand genau zu wissen, wann und wo es begann. Nach jüdischer Zeitrechnung leben wir im Jahr 5778.


Die Erschaffung des goldenen Kalbes (die goldene Kuh) geschah bald nach dem Empfang der zehn Gebote. Also haben die Geflohenen / Geretteten schon früh gegen das dritte Gebot verstoßen. Das Götzenbild vereint in sich das tote Gold und die Darstellung von etwas Lebendigem. Es ist das Symbol der Sünde, also des Zinsennehmens bzw. des Kapitalismus.

Das goldene Kalb, Darstellung von Nicolas Poussin.

Ich bitte Sie, falls möglich, um begründeten Widerspruch.

Mit freundlichen Grüßen,

Antwort auf Antwort vom 23. August 2018

Sehr geehrter Herr Krochmalnik,

wenn ich in den letzten Jahren eins über meine Mitmenschen gelernt habe, dann, dass sie, wenn es um das Thema Geld und Zins geht, auf eine sehr ähnliche Art und Weise reagieren.

Für die Meisten spreche ich einen „blinden Fleck“ ihres Bewusstseins an, etwas, das sie kennen, über dessen Wirkmechanismen sie aber noch nie richtig tief nachgedacht haben, obwohl sie auf Nachfrage wissen, dass es ein wesentlich bestimmender Teil ihres Lebens ist.

In den Gesprächen kommt zudem in der Regel heraus, dass insbesondere das Bewusstsein über die Flussrichtung von Zinsen lückenhaft und unzusammenhängend ist. Beispielsweise wissen die meisten Menschen nicht, was das Kerngeschäft der Banken, was eine Zinsspanne, war und wie Kreditzinsen mit Sparzinsen zusammenhängen, und so können sie nicht verstehen, warum es in der Geschichte der Menschheit immer wieder zu gewaltsamen Entladungen sozialer Spannungen wegen krasser sozialer Ungleichheit kam.

Die Menschen hatten eben auch selbst Schuld, denn sie haben Zinsen genommen und gegeben.

Bei einer Art Mensch habe ich es insbesondere mit Scham und einer ängstlichen Unsicherheit zu tun. Dieser Typus ist relativ selten, und es ist besonders schwer, an die Aussagen meines Gegenübers zu gelangen, weil intensive Affekte das Mundwerk lähmen.

Woher die Intensität der Affekte kommt, kann ich nur vermuten. Eine These dazu ist, dass das Vorzeichen des Zinses, das in der orthodoxen Volkswirtschaftslehre dogmatisch positiv ist, über lange Zeit und wenigstens bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts hinein als ein nahezu unvermeidbares Übel angesehen wurde und deshalb jedes keimende Hinterfragen dieses grundlegenden Prinzips der Ökonomie abgewehrt werden musste.

Rabbinerin Klapheck erörtert in ihrem Aufsatz in der Jüdischen Allgemeinen den im Bewusstsein verloren gegangenen Zusammenhang zwischen Religion und Ökonomie. In dem Aufsatz sind auch die drei relativen Zinsverbote genannt und diskutiert. Ich kenne die Zitate, und habe mich schon mit ihrer Bedeutung befasst.


Es gibt unterschiedliche Auffassungsformen der (jeweils eigenen) Wirklichkeit, theistische und atheistische, und da das Geld und der Zins in allen Wirklichkeiten vorhanden ist, muss es Entsprechungen im Überlapp der Auffassungen geben, denn wir sind ja nun nicht nur alle unterschiedlich, sondern wir sind auch alle gleich.

Ich halte meine Auffassung der Realität nicht für unverträglich mit theistischen Auffassungen. Ich betrachte religiöse Texte einfach als dialektisch zu anderen Wirklichkeitsbeschreibungen. Die Verarbeitung dieser Texte besteht für mich wesentlich im Auffinden von Übersetzungen in meinen „naturwissenschaftlichen Dialekt“, und so gehe ich auch mit der Verarbeitung von Gesprächen vor.

Als Physiker beispielsweise ist mein Weltbild begründet auf die Annahme und den „Glauben“ an die Gültigkeit der Naturgesetze. Dieser „Glaube” ist insofern begründet, als dass unser technischer Fortschritt auf der Grundlage der Validität und Konsistenz physikalischer Theorien möglich war.

Im Gebäude der Naturwissenschaften steht die Physik an einem Ende, und in Richtung der Zunahme der Komplexität der betrachteten Systeme folgen die Chemie, dann die Biologie und dann die anderen Wissenschaften, deren Gegenstand die lebendige Materie ist.

Physik beschreibt also zunächst einmal nur tote Materie. Das Geld ist tot, doch wir geben ihm durch das positive Zinsvorzeichen eine Eigenschaft, die in der Natur allein lebendige Materie hat: wir lassen zu, dass es wächst. Das Wachstum des toten Geldes aufgrund des Zinses ist eine Perversion des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik, denn wenigstens bei toter Materie ist klar, dass der 2. Hauptsatz gilt.

Alle Phänomene, die aus der Propagation und Anwendung des Zinses entstehen, fasse ich daher als eine physikalische Anomalie auf, und Physiker interessieren sich nun mal für solche physikalischen Anomalien, das macht sie aus.

Nach 4 Jahren Forschung am Zins gebe ich mein Leben für die Gültigkeit der Aussage, dass das Zinsennehmen die dominierende Ursache für den Verlauf der Geschichte der Zivilisation ist.

Das Zinsennehmen ist außerdem die Ursache (die Sache von Ur) für die Entstehung von Religion und nicht davon zu trennen. Religion soll dem Menschen den Umgang mit dem Zinsnehmen und seinen Folgen vermitteln.


Wenn Sie in den Vorlauf der Sho'a blicken, dann finden Sie dort in den sozialen Bewegungen, die später in die Bewegung der Nationalsozialisten gemündet haben antisemitische Hetzschriften, z.B. Gottfried Feders „Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft“, die den Handel mit Geld ideologisch mit dem Judentum verbinden. Mit allem Recht dürfen Sie, wie ich auch schon schrieb, solche Theorien als „obskur“ bezeichnen, und es ist meine Motiviation, die Argumentationslinien dieser blindwütigen Hetze zu zerlegen, um die Argumente unwirksam zu machen.

Gottfried Feder schreibt in genanntem Text:

Tief erschüttert erkennen wir die furchtbare Klarheit und Wahrheit der alten Bibelweissagungen, wonach der Judengott Jave seinem auserwählten Volk verheißt: „Ich will Dir zu eigen geben alle Schätze der Welt, Dir zu Füssen sollen alle Völker der Erde liegen und Du sollst herrschen über sie”.

Meine Fragen diesbezüglich habe ich Ihnen geschickt. Ich bitte Sie hiermit, diese zu beantworten.

Meine Untersuchungen veröffentliche ich auf meiner Internetseite www.tim-deutschmann.de, und dort würde ich auch gerne Ihre Antwort veröffentlichen, denn wir wollen ja nicht, dass sich Geschichte wiederholt. Darf ich Ihre Antwort veröffentlichen?

Mit freundlichen Grüßen,

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