Anmerkung:

Der folgende Text ist eine komprimierte Zusammenfassung eines Kapitels von Fritz Riemanns Hauptwerk Grundformen der Angst. Ich habe mich darum bemüht, Riemanns reiche Worte zur Beschreibung der vier Grundängste möglichst vollständig zu erhalten. Dennoch ist in dieser Reduktion mit Sicherheit Einiges verloren gegangen. Mein Anteil an diesem Aufschrieb, den ich eher als „Notizen“ betrachte, ist in dieser untersten Verarbeitungsebene von Riemanns Werk nur sehr spärlich und gering. Er beschränkt sich auf eine Reduktionsleistung, das Meiste ist Riemanns. Dennoch finden sich an einigen Stellen Worte und Formulierungen, die meine sind. Zitate Riemanns sind grau gekennzeichnet.

Das Anfertigen dieses Textes dient mir dazu, dem Leser, der Riemanns Werk noch nicht kennt, die Brückenteile und Schlüsse nachvollziehbar zu machen, die ich zu meiner Theorie hinschlage. Das Lesen dieses Textes hier kann das sorgfältige Lesen Riemanns Werk nicht ersetzen. Jeder wird Riemann anders auffassen und ihn anders auf die jeweils eigene Sichtweise reduzieren. Kaufen Sie sich daher das Buch (ISBN 978-3-497-02422-3) und lesen Sie es selbst.

Die schizoide Persönlichkeit: Die Angst vor (Selbst-) Hingabe, Nähe und Bindung

Überblick

Wie die Herkunft des Wortes schizoid schon sagt, das altgriechische Wort schízein heißt auf deutsch ‚spalten‘, ist das Sozialverhalten des schizoiden Typus' (S-Typ) von einer Kontaktlücke, einem abgespalten-Sein von und eine Distanz zu Beziehungspartnern und dem sozialen Kollektiv gekennzeichnet. Der S-Typ legt Wert auf die Unterscheidung von anderen, auf seine Unverwechselbarkeit, Unaustauschbarkeit, Einmaligkeit und Individualität, er strebt Autarkie und Unabhängigkeit an, will auf niemanden angewiesen sein und niemanden brauchen, keine Pflichten gegenüber anderen haben. Er vermeidet persönliche, nahe Kontakte und Intimität, versachlicht Beziehungen und sucht Anonymität in der Masse. Er lebt tendenziell für sich isoliert und einsam und verhält sich in der Nähe-Distanz-Ausrichtung sprunghaft. Äußerlich erscheint er als fern stehend, distanziert, unpersönlich und kalt. Er scheint schwer ansprechbar zu sein, in seinem Verhalten seltsam und absonderlich, in seinen Reaktionen unverständlich, befremdlich und unbekannt.

Der S-Typ und seine Integration in das übrige Beziehungsgeflecht, die soziale Umwelt, über eine „Sicherheitszone“ hinweg.
Dieses Verhalten liegt in den Empfindungen begründet, die der S-Typ in Bezug auf seine soziale Umwelt hat. Er empfindet sich selbst und die eigene Integrität als offen und schutzlos und daher Nähe und Intimität als bedrohlich. Er nimmt deswegen Schutzhaltungen gegenüber der bedrohlich erscheinenden Nähe ein, lebt die Selbstbewahrung, die Angst vor der Hingabe. Zuneigung, Sympathie, Zärtlichkeit und Liebe werden als potenziell gefährlich empfunden, emotionale Bindungen als erzwungen, die Freiheit und Unabhängigkeit einschränkend. Je näher er jemandem kommt, je mehr er in die Gefahr des Liebens und Geliebtwerdens gelangt, schreibt Riemann, desto mehr muss er sich zurücknehmen. Auf Nähe reagiert der S-Typ abweisend, feindlich und eventuell abrupt abstoßend. Er bricht leicht den Kontakt ab und zieht sich schnell zurück.

Aufgrund der starken Empfindung der eigenen Verletzlichkeit entwickelt der S-Typ eine radar-ähnliche, fein reagierende Sensibilität in der Umweltwahrnehmung, versucht sich von äußeren Reizen abzuschotten, sich durch sozialen Ausschluss abzugrenzen und bemüht sich um Sicherheit und Schutz vor Überfremdung. Aufgrund seiner Kontaktschwäche ist er im Umgang mit anderen unsicher, misstrauisch, weiß zu wenig von anderen, hat Lücken in der Erfahrung des sozialen Umgang und kann nicht richtig einschätzen, was in anderen vorgeht. Das fehlende Wissen im Umgang mit anderen verleitet den S-Typ zu teils wahnhaften Projektionen über das Innere von anderen. Aufgrund seiner Zurückgezogenheit vom sozialen Gefüge entwickelt auch die Umwelt teils wahnhafte Vorstellungen (Projektionen) vom Innenleben des S-Typs.

In seinen Beziehungen, die der S-Typ aufgrund der gefürchteten Emotionalität zu versachlichen sucht, neigt er zu Rationalisierung, Intellektualisierung und Berechnung. Er sucht Objektivität und Objektivierbarkeit, um Sicherheit, Halt und Abgelöstheit vom subjektiven Empfinden zu erlangen.

Im Gegensatz zu den eigenen Empfindungen fällt es dem S-Typ schwer, sich in die Lage seines Gegenübers zu versetzen. (Anmerkung: die eigenen Emotionen und Affekte sind letztendlich das einzig valide und von Vielen ungenutzte „Messinstrument“ bei der emotionalen Einordnung von anderen Menschen. Ego fühlt im nicht-körperlichen Kontakt mit anderen letztlich immer (nur) die eigenen Gefühle, was nicht im Widerspruch dazu stehen muss, dass Alter eventuell auch so fühlt.) Sein Verhalten gleicht dann unter Umständen dem eines Elefanten im Porzellanladen, wirkt schroff oder gar motorisch-expansiv. Überhaupt sind die Aggressionen wenig, schlecht oder gar nicht in die reflektierte Persönlichkeit integriert und haben z.T. triebhafte, archaische Züge. Treten Aggressionen zutage, um die Angst vor der Nähe mit der Herstellung von Distanz abzuwehren, erscheinen sie Außenstehenden als scharf, verletztend und brüsk, ohne dass die Sprunghaftigkeit in Intensität und Qualität vom S-Typ selbst so wahrgenommen wird.

Liebe/Libido

Da bei ihm jede Nähe Angst auslöst, muss er sich umso mehr zurücknehmen, je näher er jemandem kommt, je mehr er vor allem in die Gefahr des Liebens oder des Geliebtwerdens kommt, das er sich nur als Sich-Ausliefern und abhängig werden vorstellen kann. Als Kind hatte der S-Typ Kontaktschwierigkeiten und führte ein Außenseiterdasein. Er meidet Beziehungen mit dem anderen Geschlecht, vergräbt sich in Bücher und Basteleien. Er sucht Beschäftigungen, bei denen er alleine ist und grübelt über den Sinn des Lebens ohne Austausch mit anderen.

Der wachsenden Sehnsucht nach Nähe, Austausch, Zärtlichkeit und Liebe steht einer entsprechend immer größer werdenden Angst gegenüber. Die Folge ist eine innere Spannung. Er hat keine werbend-erobernde, verführend-hingebende Seite. Das Geben von Zärtlichkeit, verbaler und emotionaler Ausdruck von Zuneigung sind fremd, es fehlt an Einfühlung und Empathie. Gleichzeitig sehnt er sich nach dem unterdrückten Kontakt und der unterdrückten Zärtlichkeit.

Er sucht häufig unverbindliche, leicht zu lösende, rein sexuelle Beziehungen, in denen die Sexualität vom restlichen Gefühlsleben abgespalten wird. Der Partner ist oft nur noch Sexualobjekt, dient der Befriedigung der Sinne, es besteht sonst kein weitergehendes Interesse. An Beziehungen bleibt er emotional unbeteiligt, der Partner ist leicht austauschbar. Der Grund für die Distanzierung ist die Unbeholfenheit und Unerfahrenheit im Umgang mit den eigenen Liebes-Affekten. Das Lieben und sich Einlassen erscheint ihm gefährlich.

Er wehrt Zeichen der Zuneigung des Partners ab, weiß keine Antwort darauf, sie sind ihm peinlich. Er hat Angst vor Bindung, Festlegung und Abhängigkeit und davor, „überrannt“ zu werden. Einzig dem Selbst vertraut er, Empfindlichkeit gegen wirkliche oder vermeintliche Gefährdung der Integrität, gegen Übergriffe und überfremdende Einbrüche in seine Distanz, die er braucht, um den Halt in sich selbst nicht zu verlieren.

In der Beziehung zum S-Typ fehlt Vertrautheit und Innigkeit. Er empfindet Bindung als Zwang, hat Angst davor, sich selbst aufzugeben. Er meidet deswegen Partner, die viel Zuwendung und Nähe brauchen, ist bindungsscheu. Er neigt zu Fernbeziehungen, zur Abspaltung der Sexualität vom Gefühlsleben. Das Triebhafte wird isoliert gelebt. Das Liebesleben wird funktionalisiert, hat kein zärtliches Vorspiel, keine Erotik, ist sehr direkt. Zärtlichkeit schlägt leicht in das Zufügen von Schmerzen um, hat einen harten Zugriff. „Nachher, hätte ich sie am liebsten hinausgeworfen“.

Der S-Typ erlebt eine schroffe Ambivalenz zwischen Liebes- und Hass-Gefühlen, hat tiefen Zweifel am Geliebt-werden-können und fordert deswegen Bewährungsproben und Liebesbeweise. Er neigt zum seelischen Sadismus und zur Destruktivität: Liebesbeweise und Zeichen der Zuneigung des Partners werden abgewertet, bagatellisiert, analysiert, angezweifelt oder in diabolisch geschickter Weise als Tendenz umgedeutet. Er hat eine theoretisch abstrakt-psychologische Kombinationsgabe für tendenziöse Umdeutungen und Psychologisierung, antezipiert zärtliche Regungen mit Zynismus, Verletzung, Abwertung und trifft so den Partner an empfindlichster Stelle. Dies führt zu einer systematischen Zerstörung der Liebesbereitschaft des Partners.

Der S-Typ sucht sich daher den masochistischen Gegentypus, der Schuldgefühle, Verlustangst oder eine andere Motivierung, wie eine Lust am gequält werden hat, sich den Verletzungen auszusetzen. Extremformen der Gefühlskälte des S-Typ sind Vergewaltigung, Lustmord, besonders bei Projektionen von Hass- und Rachegefühle auf Partner (der Kindheit). Er hat Schwierigkeiten bei der Gefühlsbindung, versucht daher alleine auszukommen, neigt zu Selbstbefriedigung, sucht sich Ersatzobjekte wie beim Fetischismus. Er weist u. U. eine infantil gebliebene Sexualität und verzögerte Sexualitätsentwicklung auf, bei im übrigen hochdifferenzierter Persönlichkeit. Die Folge sind pädophile Neigungen.

Unterdrückte Liebesfähigkeit und Hingabesehnsucht manifestiert sich eventuell als extreme Eifersucht und Eifersuchtswahn. Er wittert überall Rivalen, bildet einen protektionistischen Beziehungswahn, der bis zur Zerstörung der Beziehung führen kann. Es manifestiert sich die Lust am Zerstören, die er selbst in sich trägt und an der er leidet. „Wenn es schon nicht möglich sein, dass ich geliebt werden kann, zerstöre ich lieber selbst, was ich doch nicht halten kann - dann bin ich wenigstens der Handelnde und nicht der Erleidende.“. Diese Enttäuschungsprophylaxe ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung und gleichzeitig Bewährungsprobe für Partner: „Wenn er mich trotz meines Verhaltens noch liebt, liebt er mich wirklich.“. Aus dem Zweifel am Geliebtwerden entsteht erst Misstrauen in der Beziehung, dann eine tiefere Spaltung und schließlich der Bruch. Im Extremfall geschieht ein Mord: „Wenn der Partner mich nicht liebt, soll er auch keinen anderen lieben können.“.

Die Hingabeangst wird als Bindungsangst erlebt. Die Sehnsucht nach Hingabe staut sich durch Unterdrückung auf und verstärkt die Angst, so dass Hingabe dann nur noch als völliges Sich-ausliefern, als Ich-Aufgabe und „Verschlungenwerden vom Du“ vorgestellt werden kann. Wegen der Schwierigkeiten des Wagens einer dauerhaften Gefühlsbeziehung neigt er zu kurzfristigen, intensiven, aber wechselnden Beziehungen. Die Ehe ist ihm eine Institution mit den Unvollkommenheiten menschlicher Einrichtungen, selbstverständlich auflösbar wenn unbefriedigend. Die Untreue in einer Dauerbeziehung erscheint ihm unvermeidlich. Er fordert für sich Freiheit, die für den Partner nicht selbstverständlich zugestanden wird. Er ist ein Theoretiker der Ehe, ein Ehereformer, wagt es, gegen Konventionen und Traditionen seinen eigenen Lebensstil durchzusetzen, lebt nach Überzeugung und zeigt darin mehr Ehrlichkeit und Zivilcourage als viele andere. Er hat oft eheähnliche Bindungen ohne Heirat, fühlt sich zu mütterlichen, schenkenden Frauen hingezogen, die ihm Wärme und Geborgenheit geben, ohne große eigene Ansprüche zu verfolgen. Das Weibliche wird als unvertraut und bedrohlich erlebt, weswegen er sich nicht selten dem gleichen Geschlecht hinwendet, oder er wählt eine Partnerin, die quasi männliche Züge hat. Die Beziehung ist eher geschwisterlich-kameradschaftlich, hat weniger erotische Anziehung. Es gibt getrennte Schlafzimmer, Abwehr und erzwungene Distanzierung. Er hat Schwierigkeiten, seine Liebesfähigkeit zu entwickeln, ist empfindlich gegen alles, was Freiheit und Unabhängigkeit einschränkt, Gefühlsäußerungen sind karg, er sucht unaufdringliche Zuneigung, ein Stück Heimat und Geborgenheit nicht mehr, nicht Tieferes.

Aggression/Destrudo

Bleibt ein schizoider Mensch bindungslos, erlebt er sich als ungeborgen, ungeschützt, ausgesetzt und gefährdet, und er wird wirkliche oder vermeintliche Angriffe und Bedrohungen weiterhin als seine gesamt Existenz gefährdend erleben. Die Folge sind archaische Reaktionen: sofortige rücksichtslose Aggression mit dem Ziel der Beseitigung der Angst bzw. des Angst-Auslösers zur Entlastung der Befindlichkeit.

Die Aggressionen aus dem Gefühl der existenziellen Bedrohung heraus sind gefährlich, sind nicht integriert in ihre Persönlichkeit, die Triebabfuhr ist rücksichtslos, die Aggressionen bleiben vom Gesamterleben isoliert und abgespalten, sind eine rein triebhafte Abreaktion, sind nicht eingeschmolzen in ein ganzheitliches emotionales Erleben. In Rage gibt es keine bremsenden Kräfte.

Die Aggression dient der Entlastung von Spannungen, wird unkontrolliert und ohne Schuldgefühle ausgelebt. Sie reagieren sich ab, ohne zu wissen, was das Verhalten bewirkt. Sie sind dann scharf, verletzend und brüsk ohne es zu wissen. Reaktion auf Eindringen in den Schutzkreis panikartig mit sofortigem Umschlag in wilden Angriff. Mitmenschliche Ungeborgenheit und Bindungslosigkeit und das resultierende Misstrauen lassen die Annäherung eines anderen als Bedrohung erleben auf die mit Aggression reagiert wird.

Der S-Typ hat Schwierigkeiten, seine Aggressionen zu kontrollieren. Er selbst leidet nicht unter den Aggressionen, doch die Umwelt leidet. Die ursprünglich Angstabwehr kann sich in lustvolle Aggressivität wandeln, die um ihrer selbst willen ausgeführt wird. Schroffe Formen der Grausamkeit sind der Sadismus, verletzende Schärfe, eisige Kälte, Unerreichbarkeit, Zynismus. Es besteht die Möglichkeit des sekundenschnellen Umschlagens von Zuwendung in feindselige Ablehnung, es gibt dabei keine Mitteltöne, kein beherrschter, gekonnter, situationsangemessener Umgang mit Aggression.

Die Funktion der Aggression (ad gredere heißt an jemanden heran gehen), ist dem S-Typ Mittel, Kontakt aufzunehmen, oft das einzige, das zu Verfügung steht. Die Aggression kann eine Form von Werbung sein (die Hingabe an der Werbung ist in die Aggression sublimiert), eine Mischung aus Angst und Begehren, Verbergen der Gefühle, raues aggressives Anfassen statt nicht gewagte oder nicht gekonnte Zärtlichkeit. Er erlebt eine Angst sich zu blamieren, hat die Bereitschaft, sich sofort zurückzunehmen, es geschieht leicht ein abrupter Umschlag von Zuneigung zu Abneigung. Auf wirkliches oder vermeintliches abgelehnt Werden wird zynisch reagiert.

Die Aggressivität fällt ihm leichter als das Äußern von Zuneigung und anderen positiven Gefühlen.

Genese

Konstitutionell entgegenkommend sind eine zart sensible Anlage, große seelische Empfindlichkeit, Labilität und Verwundbarkeit. Folge: Distanz zu Umwelt, Vermeidung großer psychischer und physischer Nähe aufgrund fein reagierender Sensibilität. Die Distanz ermöglicht es, der Welt gewachsen zu sein. Distanz schafft Sicherheit und Schutz vor Überfremdung, davor überrannt zu werden. Die Haut ist sensibel, sich verschließend, er schützt sich vor Reizüberflutung.

Andere Anlage / Konstitution: motorisch - expansive, aggressiv triebhafte Anlage und eine geringe Bindungsenergie. Der S-Typ empfindet sich früh als lästig und störend, macht die Erfahrung, abgewiesen, zurechtgewiesen, in seiner Eigenart nicht bejaht und angenommen zu werden. Folge: misstrauisches Sich-Zurücknehmen.

Weitere Enstehungsursachen sind körperliche oder sonstige Wesensmerkmale, die bei den Eltern Enttäuschung verursachen. Nicht erwünschtes Geschlecht oder physische Merkmale, die Zurückweisung bei Mutter oder Vater verursachen.

In seiner Kindheit ist die frühe Erfahrung der (Außen-) Welt: sie erscheint unheimlich, unzuverlässig, leer, überrennend und überschwemmend. Folge: er nimmt sich zurück, entwickelt tiefes Misstrauen. Die Welt erscheint als leer, zu oft und zu lange wird es allein gelassen, es gibt ein Übermaß an Reizen und wechselnde Eindrücke, große Reizintensität, mit der Folge des Rückzugs auf sich selbst.

In den ersten Lebenswochen kann ursächlich sein: zu lange Trennung von der Mutter, ein Ausfall mütterlicher Zuwendung, eine Vernachlässigung, Reizüberangebot. Folge: Verspätungen, Einseitigkeiten, Ausfälle, unangemessene Frühreife.

S-Typ nicht selten ein ungeliebtes unerwünschtes Kinder, der frühe Trennungen von oder Verlust der Mutter, erlebte. Ähnlich wirken lieblose gleichgültige Mütter, (zu junge) Mütter, die überfordert sind, Mütter, die keine Zeit für das Kind haben, zu früh wieder arbeiten gehen, das Kind zu lange sich selbst überlassen, eine fehlende Innigkeit zwischen Mutter und Kind. Ursächlich sind auch „goldene Käfige“, in denen Kinder leben, liebloses, gleichgültiges Personal, das sich anstelle der Eltern um die Betreuung der Kinder kümmert.

Im Wesentlichen hat die Entstehung des S-Typs zwei Ursachen: Mangel an liebender Zuwendung in der Frühzeit oder ein Reizüberangebot.

Ursächlich können also auch sein Mütter, die ihre Kinder nicht in Ruhe lassen, mangelnde Einfühlung in Bedürfnisse, ein häufiger Wechsel von Bezugspersonen, ein Zuviel an Wechsel der Umgebung und an Sinneseindrücken, Unruhe in der Umgebung der Mutter, die Störung des Bedürfnisses nach Ruhe und allein sein, frühe Überforderung, Verhinderung organischen Wachstums.

Gefährdet sind auch Kinder, die zwischen schwierigen und unreifen Erwachsenen aufwachsen müssen, die Anpassungszwängen und Überforderung in gespannter, labiler Atmosphäre ausgesetzt sind. Begünstigend sind ebenso ein Hineinschlüpfenmüssen in die Elternrolle, weil Eltern keinen Halt geben und selbst auch nicht haben, Forderungen danach, Verständnis für Erwachsene zu haben, Kinder, die nicht dazu kommen, sie selbst zu sein. Es muss nach allen Seiten denken, vermitteln, verstehen und ausgleichen. Das Kind lebt das Leben von anderen, aber nicht das eigene. Es wird um seine Kindheit betrogen, hat einen unterentwickelten Wesenskern, entwickelt ein „Lebensgrundgefühls, auf brüchigem Boden zu stehen“.

Als Folge der zurückliegenden prägenden Einflüsse hat der S-Typ zu wenig Kontakt mit Gleichaltrigen, zu wenig Zugehörigkeit zu Gruppen, zu einer Gemeinschaft, ihm fehlen Entwicklungsmöglichkeiten der Gefühlsseite, für das Vertrauenkönnen, so dass sich im sozialen die Defizite reproduzieren.

Als äußere, die Störung begünstigende Einflüsse und Auslöser, denen der junge Mensch und sein unmittelbares soziales Umfeld ausgesetzt ist, zählen außerdem Bombenangriffe und in der Folge Flüchtlingsschicksale, die zur Trennung (Spaltung) der Familie oder zu einem Verlust der Heimat führen, also Mängel an altersgemäßer Geborgenheit in frühester Kindheit im Zusammenhang mit Umwelteinflüssen sowie ablehnende, feindselige und manchmal eine hasserfüllte Einstellung der Eltern gegnüber dem Kind.

Abrundung - Sozialverhalten

Als Reaktion gegenüber der erlebten Umwelt erlernt und entwickelt der S-Typ eine ihn charakterisierende Haltung und Einstellung. Dazu gehört sich unverletzlich machen, keine Blöße zeigen, sich gefühlsmäßig unerreichbar machen, eine Tarnkappe aufsetzen, anonym durch die Welt gehen, eine glatte, emotional unangreifbare Fassade. Wenn Gefühle unvermeidlich sind, dann werden sie nur unter erlernter starker Kontrolle, Dosierung und Reflektion zugelassen. Ungeübte Gefühlsbeziehungen werden ersetzt durch intellektuelle Wachheit und radar-ähnliche Sensibilität der Sinnesorgane und Denkvorgänge, Riemann spricht von seelischen Schaltprozessen: „Ich habe immer den Eindruck, dass da, wo andere aus dem Gefühl heraus reagieren, bei mir ganz schnell eine Reihe von Schaltprozessen abläuft.“. (Anmerkung: vielleicht laufen diese „Schaltprozesse“ unreflektiert in allen Menschen ab, nur dem hochreflektierten S-Typ fallen sie durch seine Distanz zu sich selbst auf.).

Er wehrt sich gegen die vermeintlich kalte und feindselige Welt, schützt sich vor Welt, um nicht enttäuscht zu werden. Er wehrt also die Projektion der ungünstigen Umstände der Vergangenheit auf die Gegenwart ab ohne genau zu prüfen, ob denn die gegenwärtige Umstände wirklich denen der als negativ empfundenen vergangenen entsprechen. Findet er keinen vertrauensseliger Partner außerhalb, nimmt er sich selbst als Partner, lebt so die Selbstbezüglichkeit und Selbstbewahrung, wodurch sich die Kontaktlücken, die Neigung zu Unabhängigkeit, Egozentrizität, Selbstbezogenheit, Autarkie, als einzige Möglichkeit der Selbsterhaltung (Reproduktion des Selbsts) verstärken.

Als Folge seiner sozialen Ungeübtheit weist der S-Typ einen Mangel an Lebenstechnik auf, hat eine Außernseiterrolle inne und wird leicht zum Sündenbock aufgrund des Unwissens der sozialen Umgebung. Bei ihm findet sich eine Abneigung gegen familiäre Bindung, eine Neigung zu Gruppenbildungen, zu Massenveranstaltungen, bei denen er sich zugehörig fühlt und die er doch anonym erlebt. Er ist unverbindlich in der Geschlechter-Beziehung.

Die innere Haltung gegenüber der Außenwelt führt beim S-Typ zu einer Steigerung der Einsamkeit über Ablehnung, Indifferenz, Kälte, Hass, bis in extreme Formen des Narzissmus. Er entwickelt im Extremfall erbitterte Feindschaft gegen alle und alles, eine Menschenverachtung, Zynismus, Nihilismus. Gleichzeitig empfindet er eine tiefe Sehnsucht nach Nähe, Vertrauen, Lieben und Geliebtwerdenwollen, die er ängstlich verbirgt.

Der ganzheitliche Erlebniszusammenhang seiner seelischen Eindrücke, Antriebe und Reaktionen ist in verschieden hohem Maße zerrissen. Die Vitalimpulse sind isoliert, vom Gefühlsleben abgespalten. Die Integration der verschiedenen Erlebnis- und Gefühlsschichten in ihm ist im Verlauf seiner Sozialisation nicht geglückt. Zwischen Verstand und Gefühl, Rationalität und Emotionalität besteht ein großer Unterschied des Reifegrads; Gefühlsabläufe und Verstandeserfahrung verlaufen gleichsam isoliert, verschmelzen nicht zu einheitlichem Erleben. Die frühe Orientierung an Verstandes- und Sinneswahrnehmungen bewirkten eine Verkümmerung der Gefühlsnuancen, er kennt daher eher primitive Vorformen des Gefühls, der Affekte. Er ist in der Weltorientierung fast ausschließlich auf Sinneswahrnehmungen angewiesen. In der Palette der Ausdrucksmöglichkeiten fehlen Mitteltöne, nur Extreme schwarz und weiß, als Folge des Ausfalls emotionaler mitmenschlicher Bindungen.

Der S-Typ strebt deswegen nach Unabhängigkeit, Autarkie, weicht vor Nahkontakten aus, kreist um sich selbst, lebt eine zunehmende Egozentrizität bis in die Isolierung. Darin erlebt er intensivste Ängste, denn Einsamkeit und Isolierung wirken angstverstärkend, erlebt sich als anders als die anderen, fühlt sich ungeborgen in der Welt, verliert mit wachsendem „Autismus“ (vgl. auch zum Asperger-Syndrom) das Interesse an der Welt und den Menschen (siehe Objektverlust), hat so ein Weltuntergangserlebnis.

Die Innenangst wird als Bedrohung nach Außen verlegt. Die Selbst-Empfindung in der Welt ist labil und ungeschützt. Folglich entwicklung er eine Lebenstechnik, so dass er nichts mehr an sich heran lassen muss, die es ermöglicht, unberührt und ungerührt zu bleiben, immer sachlich, distanziert, möglichst überlegen, durch nichts aus dem Gleichgewicht zu bringen, aber auch durch nichts mehr wirklich zu erreichen. Darin finden sich alle Grade von kühler Distanz, Arroganz, Unnahbarkeit, Eiseskälte und Gefühllosigkeit oder Wechsel zu plötzlicher Schärfe, explosiver Aggression.

Riemann zeichnet die Reihe von leichter, über schwer bis schwerst Gestörte: Kontaktgehemmte, Übersensible, Einzelgänger, „Originale“, Eigenbrötler, Käuze, Sonderlinge, Außenseiter, Asoziale, Kriminelle, Psychotiker.

Nicht selten finden sich: geniale Begabungen, da sie freier von Traditionen und Rücksichten. Eine exponierte Situation führt u.U. zu grenzüberschreitenden Erkenntnissen. Wenn das Gefühlsleben nicht verarmt finden sich beim S-Typ differenzierte und sensible Menschen, tiefe Abneigung gegen alles Banale und Flache, bei Gefühlsverarmung und -kälte jedoch ein Zurückbleiben hinter dem Menschlichen. Sie sind unsentimental, hassen allen Überschwang, alle Unklarheit und Gefühlsduselei.

Im Verhältnis zur Religion und Glauben sind die Skeptiker, Zyniker, sind scharfsinnig im Aufweisen von Unstimmigkeiten des Glaubens, sind kritisch gegen Riten, Traditionen, Dogmen und alles Formalistische. Sie entzaubern und ernüchtern gern bis zur ehrfurchtslosen Erklärung des Unerklärlichen, sind Rationalisten, übernehmen nichts, bevor sie es nicht durchdacht haben. Einstellung zum Glauben ist Enttäuschungsprophylaxe: sie wagen nicht zu glauben, um nicht enttäuscht zu werden und warten heimlich doch auf einen »Beweis«, der sie überzeugen könnte. Manchmal nihilistisch bis destruktiv, haben sie einen diabolischer Genuß an der Zerstörung des Glaubens anderer, weisen ein Bestreben auf, andere zu ihrem eigenen Unglauben zu bekehren. Schwer Gestörte können aufgrund der fehlenden Liebe und Geborgenheit in ihrem Leben nie glauben, neigen eher zum Atheismus. Manche machen sich selbst zum Maßstab aller Dinge, bis zu größenwahnsinniger Überheblichkeit und Selbstvergottung. Manche glaube doch, haben jedoch keinen kindlichen Glauben, keinen Glauben an einen persönlich liebenden Gott. Eher zeigen sie die Annahme eines überpersönlich Unerforschlichem, dem er die Würde des bedingt freien Individuums gegenüberstellt, haben das Bewusstsein der humanen Aufgabe des Menschen als Mensch, die für ihn verpflichtend ist.

Kollektive Ideen zu Ethik und Moral sind für ihn eher fragwürdig. Er lehnt Forderungen ab, die Menschen in Schuldgefühle stürzen, neigt weniger als andere zu Schuldgefühlen, ist sozial weniger angepasst, wertet danach, was ihm angemessen ist. Er Entwickelt eventuell eine »Herrenmoral«, die nur für ihn selbst gilt, voll Verachtung für die »Schwachen«, durch moralische Bedenken gebundene, nennt es Feigheit und mangelnden Mut, lebt die Eigengesetzlichkeit (griechisch Autonomie), »der Starke ist am mächtigsten allein«, erhebt das Anderssein als Wert. Der schwache S-Typ zieht sich beobachtend von der Welt zurück, baut eine Privatwelt aus, um andere nicht zu brauchen. Er wendet sich aus Ablehnung der Menschen Tieren und toter Materie zu. Tiefer Gestörte haben eine destruktiv-zersetzende soziale Wirkung, werden asozial und benutzen andere für ihre Zwecke.

Beruflich neigt der S-Typ zu theoretisch-abstrakten Gebieten, exakte Naturwissenschaften, Astronomen, Physiker, Mathematiker, Ingenieure. Bei beruflicher Beschäftigung mit Menschen tun sie es indirekt über psychologische Testverfahren, Mikroskope, Röntgenapparate, in der Pathologie über den Toten. Die Seele ist für ihn eine Anhäufung physiologischer Reflexe.

Die Psychologie des S-Typs hat etwas Aufdeckendes, entlarven Wollendes, als Ärzte sind sie mehr Forscher als Therapeuten, haben eine besondere Beziehung zur Psychiatrie und zu Grenzwissenschaften. Als Theologen sind sie eher Religionswissenschaftler als praktizierende Geistliche. Sie zeigen eine Abwendung vom Menschen und eine Zuwendung zu Tieren, Pflanzen und Gesteinen, fassen mit verbesserten Sinnesorganen die Welt auf: mikroskopisch (Mikroskop) und makroskopisch (Fernrohr).

Der S-Typ lebt menschlich ungebunden autistisch nur seine Ideen, sucht eine von subjektiven Gefühlen ungetrübte, verlässliche Erkenntnis. Als Philosophen sind sie abstrakte lebensferne Denker, bevorzugen die Theorie der Praxis.

In der Politik vertreten sie revolutionäre bis anarchistische Elemente, nehmen ausgeprägte Extremstandpunkte ein, neigen zum Radikalismus oder haben andererseits ein völliges Desinteresse an Politik von einem solipsitischem Standpunkt aus.

Als Künstler haben sie eine abstrakt-ungegenständliche Richtung, versuchen, komplexe Innenerlebnisse zu gestalten, in eher verschlüsselter, symbolischer Darstellung oder sie sind scharfe Kritiker, Satiriker oder Karikaturisten. Ihr Stil ist eigenwillig, unkonventionell, originell, manchmal zukunftsweisend. Sie erfassen manchmal psychologisch-atmosphärische Dinge, deuten Unsagbares an, bewegen sich in Grenzbereichen.

Der Beruf wird ihnen leicht zum Job, weil ihnen die Art des Gelderwerbs egal ist, sonst führen sie ein signifikantes Eigenleben außerhalb des Berufs, pflegen Liebhabereien und Hobbys. S-Typen haben einsame Berufe, sind Elektriker, sind im Verkehrswesen tätig, in denen sie abstrakte Erfüllung ihres Kontakt- und Verbundenheitswunsches erfahren können. S-Typen „mit Format“, wie Riemann schreibt, können Auslöser großer Umschwünge, Pioniere und Initiatoren sein.

Sie erleben das Altern leichter als andere, weil sie Einsamkeit, Unabhängigkeit und Isolierung schon kennen. Sie fürchten den Tod weniger, haben ihm gegenüber eine unsentimentale und stoische Akzeptanz. Sie haben weniger zu verlieren und aufzugeben, hängen an nichts besonders stark, auch nicht an sich selbst, können leicht loslassen.

Charakterlich weisen sie eine souveräne Selbstständigkeit und Unabhängigkeit, auf, haben Mut zu sich selbst, leben die Autonomie des Individuums, haben eine scharfe Beobachtungsgabe, eine affektlos-kühle Sachlichkeit, einen kritisch unbestechlichen Blick für Tatsachen. Sie haben den Mut, Dinge so zu sehen, wie sie sind, ohne mildernde und beschönigende Verbrämungen, vertreten kompromisslos und klar ihre Überzeugungen, haben zu allem eine selbstständige Meinung. Nicht selten haben sie eine ironisch-satirische Seite. Sie haben einen scharfen Blick für die Schwächen anderer, sind schwer täuschbar, im mitmenschlichen Kontakt sind sie unbequem, weil sie wenig dazu bereit sind, Unechtheit und Fassadenhaftes gelten zu lassen. Sie glauben an die eigenen Fähigkeiten, vermögen es, weitgehend ohne Illusionen zu leben, das Schicksal ist für sie überwindbar, der Mensch gestaltet sein Schicksal selbst.

Ausweg des S-Typs

Der Ausweg aus der inneren Falle liegt für den S-Typ im Wagen vertrauenden Sich-Zuwendens. Im Wagen der Selbstvergessenheit liegt die Hilfe, die aus gefährdender Vereinzelung herausfinden lässt und die Chance enthält, Zuneigung und Bindung nicht nur als Last, Fessel und Gefahr zu erleben, sondern auch als Gehaltenwerden, als Gemeinsamkeit des Erlebens und der Entwicklung und als Erweiterung unserer Ich-Begrenzung durch einen Partner.

Referenzen / Einzelnachweise