Anmerkung:

Der folgende Text ist eine komprimierte Zusammenfassung eines Kapitels von Fritz Riemanns Hauptwerk Grundformen der Angst. Ich habe mich darum bemüht, Riemanns reiche Worte zur Beschreibung der vier Grundängste möglichst vollständig zu erhalten. Dennoch ist in dieser Reduktion mit Sicherheit Einiges verloren gegangen. Mein Anteil an diesem Aufschrieb, den ich eher als „Notizen“ betrachte, ist in dieser untersten Verarbeitungsebene von Riemanns Werk nur sehr spärlich und gering. Er beschränkt sich auf eine Reduktionsleistung, das Meiste ist Riemanns. Dennoch finden sich an einigen Stellen Worte und Formulierungen, die meine sind. Zitate Riemanns sind grau gekennzeichnet.

Das Anfertigen dieses Textes dient mir dazu, dem Leser, der Riemanns Werk noch nicht kennt, die Brückenteile und Schlüsse nachvollziehbar zu machen, die ich zu meiner Theorie hinschlage. Das Lesen dieses Textes hier kann das sorgfältige Lesen Riemanns Werk nicht ersetzen. Jeder wird Riemann anders auffassen und ihn anders auf die jeweils eigene Sichtweise reduzieren. Kaufen Sie sich daher das Buch (ISBN 978-3-497-02422-3) und lesen Sie es selbst.

Die zwanghafte Persönlichkeit: Die Angst vor Wandel und Vergänglichkeit

Es gibt in jedem Menschen eine Sehnsucht nach verlässlicher Wiederkehr des Vertrauten und Gewohnten. Die Wiederkehr ermöglicht die Entfaltung spezifisch menschlicher Erfahrungen, lehrt Vertrauen und Hoffen. Durch Dauer und verlässliche Wiederkehr kann sich das Gedächtnis entwickeln , werden Erfahrungen und Erkenntnisse gewonnen, entsteht Orientierung, ein inneres „Weltmodell“. Diese Verlässlichkeit ist ein Antagonist in einer Welt im Chaos und ohne Gesetzmäßigkeiten.

Das feststehende Unvergängliche ist sicheres Wissen, sind gültige Erkenntnisse und sind innerseelische Spiegelungen oder Entsprechungen der Ordnung und der Gesetzmäßigkeiten unseres Weltsystems. Es findet sich in absoluten Naturgesetzen, moralischen Gesetzen und Ordnungsprinzipien. Das Streben nach Dauer und die Sehnsucht nach der Unverlierbarkeit eines geliebten, unwandelbaren Wesens ist für viele eine Wurzel der religiösen Gefühle. Die Sehnsucht nach Dauer wird gestillt durch das Erreichen von Zeitlosem, Ewigem und der Allgegenwärtigkeit von etwas Göttlichem.

Die Angst vor dem Verlust des Unvergänglichen, Vertrauten, Gewohnten und für unveränderlich Gehaltenen erscheint im Angesicht von Veränderung und Wandel als ein Schauder der Vergänglichkeit und Zeitlichkeit, man fühlt sich gestört, beunruhigt, ja geängstigt.

Verhalten und Einstellung

Der Zwanghafte (Z-Typ) hat die Neigung, alles beim Alten zu belassen. Veränderungen lösen in ihm die Angst der Vergänglichkeit aus, er versucht immer das Gleiche, Bekannte und Vertraute wiederzufinden oder wieder herzustellen, unterbindet Veränderungen, hält sie auf, schränkt sie ein, versucht sie zu verhindern und bekämpft sie. Er wendet sich wie Sisyphos gegen Neuerungen, streubt sich gegen die Grundregel alles Lebendigen „alles fließt“ (panta rhei, 2. Hauptsatz) in immer währendem Entstehen und Vergehen, das sich nicht aufhalten lässt.

Er hält an Meinungen, Erfahrungen, Einstellungen, Grundsätzen und Gewohnheiten eisern fest, versucht sie zu einem immergültigen Prinzip, einer unumstößlichen Regel, einem ewigen Gesetz zu machen. Er weicht neuen Erfahrungen aus oder deutet sie um, um damit zu versuchen, sie an das Gekannte und Bewusste anzugleichen. Das kann bis zur bewussten und unbewussten Unredlichkeit gehen, indem Details des Neuen übersehen, tendenziös missverstanden werden oder einfach affektiv ablehnt. Es geht ihm dabei nicht um Objektivität, sondern um den Erhalt der festgehaltenen subjektiven Einstellung, es geht ihm darum, Recht zu haben.

Er hat Vorurteile (siehe Urteile a priori), mag keine Überraschungen, schützt sich so vor der Gefahr ungeprüften Annehmens, ist Neuem gegenüber zu wenig geöffnet. Er bremst, hemmt und verhindert Entwicklungen, auch die eigene. Das Grundproblem ist ein überwertiges Sicherungsbedürfnis. Daher liegen ihm Vorsicht, Voraussicht, zielbewusste Planung auf lange Sicht, eine Einstellung auf Dauer. Er hat Angst vor dem Risiko, vor Wandlung und Vergänglichkeit, ist ein „Trockenkursler des Lebens“. Er ist voraussehend und Angst vor dem Ende.

Etwas Neues zu benutzen heißt für sie, es der Zeit und der Vergänglichkeit auszusetzen, es abzunutzen. Alles was zu Ende geht, erinnert an die Vergänglichkeit, an den Tod.

Die Angst vor der Vergänglichkeit, der Wunsch nach Dauer und Unsterblichkeit ist in der deutschen Kultur tief verankert, wir suchen nach Unsterblichem, Unendlichem, empfinden Befriedigung beim gewohnten Wiederauffinden von Dingen. Das Z-Typische findet sich im Sammeln: Briefmarken, Münzen, Porzellan, man sucht in Vervollständigung die Ewigkeit, eine Garantie für Unendlichkeit. Andere versuchen das Leben künstlich zu verlängern, wieder andere suchen das perpetuum mobile. Der Z-Typ erhebt die eigenen Ansichten und Theorien ins Allgemeine und Zeitlose, strebt so ewige Gültigkeit, etwas die Zeit Überdauerndes an.

Die Angst vor dem Wandel findet sich in starrem Festhalten an Überkommenem. Das Festhalten an Werten, Traditionen familiärer, gesellschaftlicher, moralischer, politischer, wissenschaftlicher und religiöser Art führen zum Dogmatismus, Konservatismus, zu Prinzipien, Vorurteilen und zu verschiedenen Formen von Fanatismus. Je starrer man sie vertritt, desto intoleranter wird man jedem gegenüber, der sie angreift oder in Frage stellt. Immer steht dahinter die Angst, dass das Gewohnte, Gelernte, Geglaubte, Erkannte, das einem Sicherheit gibt, durch neue Einsichten und Entwicklungen relativiert werden könnte, dass es sich vielleicht als Täuschung oder Irrtum herausstellt und man sich deshalb umstellen, wandeln müsste. Je enger der eigene Horizont und Lebensraum ist, je mehr man ihn unverändert beibehalten will, desto mehr muss man fürchten, seine Sicherheit zu verlieren durch neue Entwicklungen.

Je mehr wir also das Alte festzuhalten versuchen, umso mehr müssen wir die Angst vor der Vergänglichkeit empfinden; je mehr wir andererseits und gegen Entwicklungen sträuben, umso sicherer konstellieren wir die Gegenkräfte nur umso schroffer, wie wir es besonders deutlich beim Kampf der Generationen erleben können: Das zähe Festhalten am Bestehenden und die schroffe Ablehnung des Neuen bei der alten Generation zwingt die junge oft erst zu extremistischen Verhaltensweisen.

Die Dosis macht das Gift: um überzeitliche Gesetzmäßigkeiten zu finden, müssen wir nach beständigem Prinzipiellem und Absolutem suchen. Dem Z-Typ fehlt es an Fähigkeit und Bereitschaft zur Neuorientierung, er sträubt sich gegen fällige Entwicklungen, gegen das Hinzulernen und Korrigieren bisheriger Erfahrungen (vgl. Begriff des Wiederholungszwangs). Er wehrt sich gegen die Regel tempora mutantur et nos mutamur in illis (Die Zeit ändert sich, und wir verändern uns in ihr). Er strebt nach starrer Unveränderlichkeit, versucht das Leben in Schemata und Regeln zu zwingen, setzt Unduldsamkeit und eigensinnige Ablehnung gegen alles Neue und Ungewohnte ein, weil es ihn beunruhigt. Was er zwingen will, wird ihm selbst zum Zwang.

Hinter Gewohnheiten, Dogmen und jedem Fanatismus steht die Angst vor Wandlung, Vergänglichkeit und Tod. Zwanghafte fürchten die Machtlosigkeit und Ohnmacht, sind „Kontrollfreaks“, versuchen allem ihren Willen und ihre Vorstellung aufzuzwingen. Sie scheitern damit am Leben: Wenn man Lebendiges zwingen will, wenn man nichts mit sich geschehen lassen kann, weil man alles selbst bestimmen möchte, ist man mehr und mehr gezwungen, schließlich nur noch darauf achten zu müssen, dass sich nichts ändert und dem eigenen Willen entzieht. So wird mit einer eindrucksvollen Konsequenz der Zwingenwollende zum Gezwungenen, worin wir wieder die Einseitigkeiten ausgleichende Kraft des Lebens glauben erkenne zu können. Dem Z-Typ fehlt im Lebendigen die Absolutheit und die Berechenbarkeit. Er glaubt, alles in eine System einfangen zu können, um es lückenlos übersehen und beherrschen zu können und vergewaltigt so das Natürliche.

Er macht in seinen Beziehungen Vorschriften, der Generationenkonflikt konstelliert sich ihm besonders schroff, er lehnt alles Neue, Ungewohnte, Unübliche ab oder unterdrückt es. Z-Typen haben Angst vor Unsicherheit, Chaos, Lockerheit, sich dem Andersartigen gegenüber zu öffnen, nachzugeben und sich ihm zu überlassen ohne immerwährende Fremd- und Selbstkontrolle. Sie fürchten dauernd, dass das in ihnen Unterdrückte, Verdrängte oder im Äußeren das, was „nicht sein dürfe“, alles überschwemmen würde, wenn sie es zuließen, haben Angst vor dem ersten Schritt, der Unübersehbares, Unkontrollierbares auslöst.

Ihre Angst wehren sie ab durch das Erlangen von mehr Macht, Wissen und Übung, so dass nichts Ungewolltes und Unvorhergesehenes passiert. Sie orientieren ihr Handeln ausschließlich an Kausalzusammenhängen, überlassen nichts dem Zufall, kommen vor lauter Absicherung nicht zum Leben. Sie fürchten, dass bei ihrer Entspannung, der Relaxation der inneren Anspannung, des sich-kontrollieren und zusammennehmen-Müssens, des inneren Zwangs, das Verdrängte „hochkommt“. Sie sichern sich gegen alles ab, was sie vermeiden wollen.

Sie versuchen den Fluss des Unkontrollierbaren aufzuhalten, zaudern, zögern und zweifeln. Der Z-Typ macht seine Entscheidungen von äußeren Dingen abhängig (Bedingungen), hat Angst vor der Selbstverantwortung, verbaut sich den Weg zu unbefangenem, freiem Erleben, sucht stattdessen Verbindliches, Verlässliches, Kontrollierbares, Gewisses. Er sichert sich durch Rationalisierung ab, vermeidet die Assoziation, das willkürliche, zufällige Kombinieren, das intuitive Agieren, das Zulassen von Spontanität und spontanem Erleben, hält seine Einfälle zurück.

Es ist ein seelisches Gesetz, dass alles, was wir verdrängen, sich aufstaut; dadurch steigert sich der Innendruck, und der Zwanghafte braucht daher immer mehr Zeit und Kräfte, um das Verdrängte in Schach zu halten; so entsteht der zwanghafte Teufelskreis, der nur dadurch zu lösen ist, dass man die »andere Seite«, das Verdrängte, annimmt und sich mit ihr auseinander setzt. Nur dann kann man das Gemiedene und Gefürchtete integrieren und vielleicht mit Erstaunen erleben, dass das Unterdrückte sogar gute Kräfte enthält und dass die sinnlosen Träume einem sehr Wesentliches zu sagen haben.

Sie sind eisern-konsequent, will das aus seiner Sicht »Richtige« vertreten, versteckt damit aber in Wahrheit seine Angst vor dem Risiko. Lebendige Ordnung wird zu pedantischer Ordentlichkeit, notwendige Konsequenz zu unbelehrbarer Starrheit, vernünftige Ökonomie (Vernunft kommt vom Vernehmung, man muss am Ende auf das Höchste hören) zu Geiz, gesunder Eigenwille zu trotzigem Eigensinn bis zur Despotie, will die Fülle des Lebens in starre Regeln pressen. Die Abwehr und Bindung der Angst, verselbstständigt sich allmälich zu einem inneren Müssen: Daraus entstehen Wasch-, Grübel-, Zähl- und Erinnerungszwänge.

Hinter Zwängen steht immer auch die Angst vor dem Wagnis, vor unbekümmerter Spontanität, die Vermeidung der Entstehung von etwas Neuem, Unbekanntem, Unsicherem, Verbotenem das sich als Versuchung, ein Abweichen von Gewohntem darstellt. Die Zeit steht still (2. Hauptsatz), wenn alles so bleibt, wie es ist, die Gegenstände auf dem Schreibtisch in Ordnung, ein Urteil in paragraphenhafter Starre, eine Theorie in unangreifbarer Selbstbehauptung, ein Glaube in unerschütterlicher Absolutheit. Dann ist alles voraussehbar und berechenbar, kontrollierbar, die Welt ändert sich nicht mehr, das Leben bringt nur mehr die Wiederholung des Gleichen und schon Bekannten, aus dem lebendig pulsierenden Rythmus des Lebens wird gleichförmig-stereotypischer Takt. Doch das hartnäckige Zwingen- und Bändigenwollen der Gewalten des Lebens, der Mangel an Elastizität, machen das zwanghafte Verhalten aufgrund der Unmöglichkeit dieses Unterfangens tragisch. Zur Tragik gehört das Scheitern an einer Absolutheit, die man als wirklich oder scheinbar unausweichliche Forderung erlebt, die man erfüllen muss oder zu müssen glaubt.

Liebe/Libido

Die Liebe als etwas Irrationales, Grenzüberwindendes, ein transzendentales Gefühlserleben bis hin zur ungehemmten Leidenschaft erscheint dem Z-Typ als beunruhigend und gefährlich, denn das Kind der Liebe ist unkontrollierbar, hat seine eigenen Gesetze (Autonomie), entzieht sich dem Willen, „überfällt“ und überschwemmt ihn gleichsam und bringt den Z-Typ wohlmöglich in die Gefahr des Kontrollverlusts und zu einem Handeln wider der Vernunft. Der Z-Typ versucht daher, seine Gefühle in der Hand und unter Kontrolle zu behalten. Der eigenen Leidenschaft nachgeben erscheint ihnen unvernünftig und als ein Zeichen von Schwäche, sie dosieren sie also, setzen sie sparsam ein, können sich nur schwer ihren eigenen und den Gefühlen des Partners überlassen, ernüchtern dagegen durch Sachlichkeit.

Auf der anderen Seite sind sie zuverlässig, stehen zu ihren Entscheidungen. In ihren Beziehungen werten sie den Partner ab, bevorzugen eine vertikale Ordnung, eine feste Ordnung der Bestimmung, eine entweder-oder Ordnung wie bei Hammer und Amboss. In ihren Bindungen führen sie daher oft Machtkämpfe, wollen den Partner nach ihrem Willen „formen“, betrachten ihn also Verfügungs- und Besitzobjekt, als ihr Eigentum, versuchen seine Andersartigkeit und Selbstbestimmung zu ignorieren, leben nicht selten auf Kosten des Partners, fordern von ihm Anpassung und Fügung.

Er hat eine große Tragfähigkeit und Belastbarkeit; Treue ist ihm schon aus ökonomischen Gründen wichtig. Er begründet Ehen mit Vernunft, u.a. materielle Sicherungen sind ihm bedeutend, zaudert vor Bindungen, neigt zu überlangen Verlobungszeiten, wiederholten Aufschübe des Heiratstermins, betrachtet dann aber die Bindung als unauflöslich, religiös oder ethisch motiviert, selbst wenn Partner an der Starre der Beziehung leidet. In der Beziehung legt er Wert auf Gewohntes, hält am Bestehenden fest, statt das Neue zu riskieren, hat u. U. quälende Beziehungen unterschwellig schwelendes Hasses in denen auf den Tod des anderen gewartet wird. Je zwanghafter, desto eher ist die Ehe auf einen juristischen Kontrakt reduziert, mit strengen Regeln und Pflichten. Das Formale darin wird dann überwertig, ersetzt die Gefühlsbeziehung, stellt sich in bis ins Sadistische reichenden Prinzipien dar und wird unter dem Deckmantel der Korrektheit dem Partner gegenüber feindselig durchgesetzt.

In der Beziehungskrise fällt ihm Einsicht in das eigene Unrecht und das Nachgeben schwer, er „klebt“ an der Vergangenheit, rechnet pedantisch gegenseitige Vergehen auf, versucht Regelungen und Programmvorschläge, die „unbedeutenden“ Gefühle beiseite schiebend, aufzustellen und deutet dies als ein Sichbemühen, versteht dann aber nicht, dass die Regeln und Schemata in die er die Beziehung pressen will, der Gefühlbeziehung nicht gerecht werden können.

Dem Partner werden durch das Verhalten des Z-Typs Freude, Spontanität, spürbare Zuneigung, Abwechslung und Heiterkeit im Alltag vorenthalten. Das Begehren und die Ansprüche des Partners danach wehrt er in seiner Kargheit und Zurückhaltung als „Unersättlichkeit“ ab.

Er betont in der Beziehung Zeit und Geld, Pünktlichkeit und Sparsamkeit, bedient damit seinen Machttrieb, sein pedantisches Bedürfnis nach Exaktheit, Ordentlichkeit und starrer, unwandelbarer Kontinuität. Die Diskussion der Notwendigkeit von Neuanschaffungen wird zur Tragödie, Konsumverhalten des Partners zur Verschwendungssucht, Geldprobleme sind leicht Krisenauslöser.

Der männliche Z-Typ verkörpert nicht selten das Patriarchat, ist privilegiert auf Kosten der Frau, Sexualität ist für ihn eheliche Pflicht der so erniedrigten Frau, der Mann bestimmt als Familienoberhaupt, die Frau ist entmündigt und wird wie ein Kind angesehen.

Bei starker Ausprägung der Zwanghaftigkeit wird der Partner funktionalisiert, soll pünktlich, genau, zuverlässig und reibungslos ohne eigene Wünsche und Gefühlsansprüche funktionieren. Statt lebendigem Geben und Nehmen wird Beziehung und Verhalten des Partners mit Vorschriften und Bedingungen geregelt, die Ehe erscheint kalt, wie programmiert. Sexualtität nach Fahrplan als Pflichtübung, statt spontan nach Neigung und Stimmung.

Die Einstellung zur Unkontrollier- und Unüberschaubarkeit der Sexualität, der Lebensfreuden und Genussmöglichkeiten sind mit zunehmender Stärke immer rigider und abwehrender. Das Liebesleben ist erosfeindlich, atmosphärisch ernüchternd, profan, kalt und mechanisch. Es mangelt an erotischer Phantasie und Einfühlung in den Partner, er tendiert zum sadistischen Zwingenwollen, der Machtwille spielt in die Intimbeziehung ein. Zum Schutz des ungeübten Umgangs mit Scham und Schuldgefühlen in Bezug auf die eigene Sexualität stellt der Z-Typ Bedingungen auf, um die für ihn potenziell gefährlichen, riskanten, erotischen Regungen, die verbotenen Triebe einzurahmen („Ekelschranke“) und sich dagegen abzusichern. Die Intimbeziehung wird dadurch zu etwas Gequältem, Unfrohem und Phantasielosem.

Sie kontrollieren, bei einem Erinnerungszwang auch im Nachhinein, ihre möglicherweise als anstößig oder verfänglich interpretierbaren Äußerungen. Nicht selten übertragen sie ihren Leistungswillen auf die Sexualität, gehen mit ihrer Sexualität wie mit ihrem Geld um, protzen damit oder sind sparsam.

Haben sie sich doch erotisch-sexuell eingelassen, sind sie leicht störbar, abhängig von bestimmten Umweltbedingungen: Geräusche, Gerüche, Lichtverhältnisse, unverschlossene Türen können ihre Lust empfindlich dämpfen. Ihre Regelungen des sexuellen Umgangs, wie Vorbereitendes und noch vorher zu Erledigendes ersticken im Partner nicht selten den zarten Keim erotischer Spontanität. Sie „schützen“ sich vor allzu lebendiger Partnerschaft und unbefangener Lebensfreude, betrachten den Partner als ihr Eigen- und Besitztum, sind eifersüchtig, wollen den Partner beherrschen wie eine Sache.

Der Z-Typ spaltet/trennt scharf zwischen Liebe und Sexualität, Zärtlichkeit und Sinnlichkeit, Lieben und Begehren. Das Begehren erscheint ihnen als schmutzig, sie lieben ihren Partner, begehren ihn aber nicht. Der gesunde, nur leicht zwanghafte Z-Typ ist nur selten leidenschaftlich, dafür verlässlich und stabil in seiner Zuneigung, gibt gleichmäßige Wärme, vermittelt ein Gefühl der Sicherheit, der Solidarität und des Gut-Aufgehobenseins, als vorsorgliche Ehepartner und Eltern. Ihren sozialen Konstrukte erscheinen als „heil“ mit Werten wie Achtung, Respekt, Zuneigung, Stabilität und Verantwortung.

Aggression/Destrudo

Z-Typ musste zu früh die Affektkontrolle erlernen, spontane Reaktionen und Triebäußerungen wie Wut, Hass, Trotz und Feindseligkeit sind in Erinnerung an die darauffolgende Bestrafung, z.B. durch Liebesentzug, angstbesetzt, werden von ihm selbst unterdrückt (Fremdzwang verwandelt sich in Selbstzwang, ein Teil der Erziehung). Im Gegensatz zum Depressiven geschieht die Unterdrückung der Aggression jedoch aus Strafangst, nicht aus Verlustangst.

Die Angst vor Strafe lässt ihn seine Aggressionen sparsam dosieren, sie zurückhalten, was als Zögern und Zweifeln erscheint und dann, wenn die Aggression durchbricht, sie relativieren, abschwächen, mildern, zurücknehmen oder widerrufen. Er erschrickt vor seinen Aggressionsäußerungen, sie sind ihm peinlich, er versucht es wieder gut zu machen bis zur Selbstbestrafung.

Er ideologisiert die Selbstbeherrschung und Selbstzucht: die Äußerung von Affekten ist für ihn ein Sichgehenlassen, mangelnde Selbstberrschung, ein würdeloses Verhalten. Übertreibt er seine Ideologie, überfordert es ihn, die unterdrückten Aggressionen stauen sich in ihm auf und nehmen ihm immer mehr die Kraft, die in die Selbstbeherrschung fließt. Blüten dieser Ideologie sind Zwangssymptome, alles, was an die eigene Aggression erinnert und zu seiner Auslebung verführt, wird angstbesetzt.

Die Kanalisation und Regelung der Aggressionen spiegelt sich oft in der Wahl von Berufen, die Anlass und Gelegenheit der Auslebung der Aggressionen bieten und sie als Wert erscheinen lassen: Unerbittlich, kompromiss- und rücksichtslos kämpfen sie für Hygiene, für Moralisches, Religiöses oder gegen Triebäußerungen. Im Gegensatz zum Depressiven richten sie Aggressionen nicht nach Innen, sondern nach Außen, überzeugt, damit Notwendiges zu tun. Die innere ideologische Überzeugung heiligt z.T. massivste Aggressionen, die zu einem Wert, einer Norm erhoben werden (vgl. drittes Reich).

Sie pflegen eine aggressive, übermäßige Korrektheit, die bis ins Sadistische reicht, leben dadurch ihre eigenen unterdrückten Aggressionen aus, missbrauchen aber in Wahrheit ihre Macht, tarnen ihr Verhalten vor sich selbst als „richtig“, „korrekt“ und konsequent. Ihnen fällt die Unterscheidung von pedantischer und lebendiger Ordentlichkeit, lebensfeindlicher Moral und Sittlichkeit sehr schwer, sie verwechseln die Mittel- und Zweckhaftigkeit ihrer Wertsetzungen.

Die Extremformen der aggressiven Einflussnahme des Z-Typs sind Dressur und (militärischer) Drill, sie übertragen exzessiv (ihre) Normen, Regeln und Prinzipien, bevorzugt „im Namen von“, wodurch sie selbst nur als Medium der Machtausübung anonymer anderer oder über ihnen Stehendem erscheinen, ihren eigenen Anteil an der Gewaltausübung damit abwehrend und verleugnend (z.B Gerichtsvollzieher, Vollzugsbeamte).

Sie haben Lust auf Gewalt, sind Sadisten, haben einen ausgesprochen starken Machtwillen. Macht und Aggression sind bei ihnen in einer resonanten Wechselbeziehung. Sie wählen daher Berufe die Ordnung, Zucht und Gesetz stärken, sind Militärs, Polizisten, Beamten, Richter, Geistliche, Pädagogen oder Staatsanwälte. Der Umgang mit ihren Aggressionen hängt von ihrer Reife ab. Sie fügen sich gut in Hierarchien ein, leben in den Ordnungen, die sich ihnen bieten, ihren Hass und ihre Aggressionen aus. Der Z-Typ ist manchmal „verschlagen“, hinterlistig-feige, versteckt und aus dem Hinterhalt heraus aggressiv, heimtückisch, ein „Wolf im Schafspelz“, oft wenn er in der Kindheit für Aggressionsäußerungen schwer bestraft wurde.

Wird das motorisch-expansive und affektiv-aggressive angelegte Verhalten des Kindes zu streng bestraft, kann es kein gesundes Körpergefühl entwickeln, fühlt sich in seinem Körper „nicht zu Hause“, hat dann aufgrund seiner motorisch-aggressiven Gehemmtheit eine Bewegungsunsicherheit, eine Linkischkeit oder gar eine Tölpelhaftigkeit. Die unterdrückte Aggression bahnt sich dann als Fehlleistung, „aus Versehen“, doch seine Bahn.

Die indirekt geäußerten Aggressionen, die Fehlleistungen, lassen ihn als närrisch erscheinen und suggerieren der Umwelt Gebrechlichkeit und Hilfsbedürftigkeit. Mit dieser subtilen, unbewussten Manipulation nimmt er seine soziale Umgebung in Beschlag. Die Selbstkontrolle und das Sich-zusammennehmen-Müssen kann sich in hypochondrischer Selbstbeobachtung darstellen, im quälenden Lamentieren und der Zerstörung einer heiteren Stimmung.

Als passive, versteckte und sehr feine Form des Auslebung ihrer Aggressivität dient ihnen das Trödeln, die Umständlichkeit, die Unentschlossenheit mit der sie ihre Umwelt quälen. Andere Formen der passiven Aggressivität, „Ventile“, sind das Zurückhalten, Nicht-Hergeben von Beziehungsgegenständen. Sie neigen zu Unterlassenssünden, statt zu Begehungssünden. Sie sind aufdringlich, distanzlos, neigen zu vereinnahmendem, pausenlosem Reden „ohne Punkt und Komma“ oder sie nörgeln.

Ist die Gewissens- und Strafangst vor der Äußerung ihrer Aggressionen zu stark, müssen sie sie „innerlich“ wegstecken, die Aggressionen in Schach halten, entwickeln Somatisierungen. Sie leiden dann an: Herz- und Kreislaufstörungen, Blutdruckschwankungen, Bluthochdruck, Kopfschmerzen bis zur Migräne, Schlafstörungen und Darmaffektionen (Koliken u.a.).

Sie wollen aggressiv sein, dürfen aber nicht, sie befinden sich zwischen zwingenwollender Macht und nicht gewagtem, nachgebendem Mit-sich-geschehen-Lassen. Die aggressiven Affekte stauen sich innerlich auf und können sich explosionsartig entladen, Amok.

Genese

Den Z-Typ begünstigende Anlagen sind lebhaft motorisch-aggressive, sexuelle und allgemein expansive Anlagen, ein eigenwilliger, eigenständiger Charakter, leicht „aneckende“ Kinder, die durch ihr unbequemes Verhalten häufiger gebremst, gedrosselt werden. Andererseits: anlagemäßige Sanftheit, Anpassungsbereitschaft, Neigung zur Nachgiebigkeit und Fügsamkeit, so dass sich das Kind zu wenige spontane Reaktionen erlaubt, Neigung zum Nachdenken, zu gründlich-grüblerischer Genauigkeit und ein stärkeres gefühlsmäßiges Haften an der Vergangenheit, stärkere und anhaltende Prägsamkeit durch Eindrücke.

Entscheidend wichtig ist der Moment, ab dem das Gut-oder-böse-Schema eingeprägt wird. Die Ausweisung des Schemas geschieht durch Einprägung von Sätzen wie „Du sollst“, „Du darfst nicht“ oder „Du darfst jetzt nicht“ durch Strafe und Belohung (Konditionierung). Wenn es gehorcht, erfährt sich das Kind als gut, wenn es nicht gehorcht und trotzt als böse. Das Schema prägt sich als Wertemuster in das Über-Ich ein. Der Z-Typ entsteht, wenn in der dafür sensiblen Entwicklungsphase, der Entstehung der Fähigkeiten Eigenständigkeit und Unabhängigkeit von zu früh und zu starr die lebendigen, aggressiven, affektiven, die gestalten und verändern wollenden Impulse, die Spontanität, jede Äußerung gesunden Eigenwillens gedrosselt, gehemmt, bestraft oder unterdrückt wurden.

Die Entstehung des Z-Typs begünstigend sind außerdem die eindringliche Regelung der Umgebung und des Verhaltens des Kindes, wobei die Ränder des Erlaubten, des den Normbereich Begrenzenden durch Tadel, Warnungen, Drohungen, Liebesentzug und Strafen, mit den eigenwilligen, doch von der sozialen Umwelt unerwünschten Impulsen assoziert und eingeprägt werden. Das Kind wird dadurch vorsichtiger, zögernder, kontrollierter und evtl. verunsichert und gehemmt, es bildet einen „Abbrems-“ und „Selbstkontrollreflex“ aus. Die oben erwähnte erbliche Anlage spielt dann in der Beziehung zwischen Erziehern und Kind als die erzieherische Reaktion auslösend hinein: Lebhafte, impulsive, motorisch-vitale, aggressiv-expansive Kinder lösen eher die reglementierende, bremsende, drosselnde usw. Erziehung aus.

Beispiele: zu früh „sauber“ sein sollen, anständig und still bei Tisch sitzen und essen, nichts kaputtmachen sollen, keinen Affekte äußern dürfen, still und ruhig sein, „dressierte Vorführkinder“, beengende gefängnis-artige Wohnverhältnisse und/oder kinderfeindliche Nachbarn, die die Vitalimpulse dämpfen und unterdrücken, altersmäßig zu dicht hintereinander aufwachsende oder zu viele Geschwister, so dass sich Kinder übermäßig selbst regeln müssen.

Ähnlich wie das An-sich-Halten und das Unterbrechen ist das pessimistische Zweifeln eine Z-typische, die expansiven Impulse unterdrückende und abwehrende Verhaltensweise, mit ausgeprägten Variationen. Es schützt vor vermeintlich gefährlicher Spontanität, vor einem Sich-zu-etwas-hinreißen-Lassen. Manchem Zwanghaften ist das Zweifeln nicht mehr nur Mittel, sondern Zweck (z.B. Grundprinzip der Gründlichkeit in der Wissenschaft, Skeptizismus,...). Auch das Zaudern, Zögern, unentschlossen Sein und das Aufschieben reproduziert den Urkonflikt der von strengen Maßregelungen durchzogenen Kindheit in der Frage, ob das Kind gut sein soll und muss oder böse sein darf, ob er die andressierte Angst vor Strafe haben muss oder Mut zur unversuchten bösen Tat, der Sünde, haben darf. Schematisch spiegelt die Stärke des Zwangs in etwa das Verhältnis von Triebimpuls und Strafangst der Kindheit.

Das zweifelnde Zaudern und Zögern geht auch auf einen übertriebenen Perfektionismus zurück, die Folgen von Entscheidungen erscheinen ihnen endgültig, irreversibel und unwiderruflich und müssen daher immer absolut richtig sein, sonst setzt Angst vor Strafe ein.

Je zwanghafter man ist, umso mehr nehmen solche Zwangszweifel den Platz sinnvollen Tuns ein; sie können sich bis zur Zweifelsucht steigern und sich reflexhaft so einfahren, dass schon jeder Gedanke mit dem Gegengedanken beantwortet werden muss. Wenn sich die Aufeinanderfolge von Impuls und Gegenimpuls immer rascher vollzieht, kommt es schließlich dazu, dass sie fast gleichzeitig auftreten: ist die Pause, der Hiatus zwischen Impuls und Gegenimpuls, noch länger, dann wird sie immer kürzer, gleichsam zu einem ganz schnell aufeinanderfolgenden Ja - Nein - Ja - Nein, das, ins Körperliche übertragen, zum Zittern oder Stottern führen kann, je nachdem, ob es sich um das Etwas-tun-wollen-und-nicht-Dürfen oder um das Etwas-aussprechen-wollen-und-nicht-Dürfen handelt. Schließlich können beide entgegengesetzten Impulse praktisch zeitlich zusammenfallen und sich völlig paralysieren in totaler Blockierung und katatoner Starre: wenn man gleichzeitig sprechen und nicht sprechen, zuschlagen und sich zurückhalten will, muss das zu völliger Lähmung führen. Am Ende dieser Linie werden Reize und Impulse gar nicht mehr wahrgenommen, sie treten nicht mehr ins Bewusstsein, weil die Abwehr so reflexhaft eintritt, dass sie den Impuls schon im Entstehen abwürgt.

Der Z-Typ musste sich in seiner Kindheit zu früh an die Regelhaftigkeit und Bestimmtheit der Welt anpassen, Vieles war ihm verboten. Dadurch ist ihm eine Illusion von etwas absolut Richtigem eingeprägt worden. Auch chaotische Kindheitsmilieus bedingen die Entstehung des Z-Typs: dann dienen die inneren Zwänge, die innere Ordnung und der innere Halt der Abwehr des unkontrollierbaren Äußeren, vermitteln Sicherheit und Orientierung im tobenden Sturm, dem die kleine Seele ausgesetzt war.

Abrundung - Sozialverhalten

Das Gewohnte, die Riten, Bräuche, Zeremonien, die Struktur der Alltags, die Ordnung sind aus einer Zeit und Kräfte sparenden Ökonomie entstanden, schreibt Riemann, sind Mittel zu bestimmten Zwecken. Zwanghaftigkeit beginnt dort, wo das Zwangsmittel, die Bestimmung, zwecklos ist oder es gar dem Lebendigen entgegensteht.

Der Z-Typ entsteht durch zu starre Erziehungsmethoden, zu autoritäre und zu prinzipielle Haltungen der Erzieher gegenüber dem Kind. Die übermäßige Gängelung, Regelung und Konditionierung der kindlichen Verhaltensweisen kann sich im Erwachsenen dann zum Perfektionismus, zur Unduldsamkeit gegen sich und andere steigern und dogmatische und diktatorische Züge, lebensferne und lebensfeindliche Haltungen annehmen. In dem Maß, wie der Z-Typ das Leben zwingen will, wird es ihm selbst zum Zwang, denn das Leben wehrt sich gegen lebensfeindliche Regeln, Gesetze, Kontrolle und Zwang, und so muss immer mehr Kraft zur Errichtung der Zwangsordnung aufgewandt werden, die Störbarkeit und Empfindlichkeit gegenüber den angstauslösenden Reizen steigert sich.

Dem Z-Typ kommen im Beruflichen sein Hang und seine Neigung zur Präzision und Perfektion zugute, etwa beim Funktionieren von Maschinen oder zugunsten der Solidität und Stabilität von Gebäuden, doch kann das zwanghafte Denken auch im Gegensatz zum Lebendigen und zum lebendigen, lebensnahen Denken stehen, leicht auf sterile Bahnen abdriften und zu hemmenden Schranken freier Schöpferkraft werden. Sein Sich-absichern-Müssen gegen Fehler und Irrtümer treiben ihn, insbesondere wenn er es mit lebendigen Systemen zu tun hat im Streben nach Perfektionismus zu nie enden wollenden Korrekturen und Verbesserungen. Z-Typen laufen Gefahr, mit der Verwechslung von Mittel- und Zweckhaftigkeit von Bestimmungen, Regelungen und Kontrollen an sich richtige Erkenntnisse und Einsichten ad absurdum zu führen.

Er leidet an Zwangshandlungen, deren Vermeidung ihn ängstigen, er handelt, damit die Angst abwehrend, weil er nicht anders kann, fühlt sich dazu gezwungen. Er hat Angst vor Infektionen, wehrt sie mit Putz- und Hygienezwängen ab. Abhilfe schafft nur eine Bewusstmachung der teils projizierten Angstauslöser. Der Keuschheitsfanatiker spürt überall Sexuelles auf, und im Kampf für die Keuschheit ist er nun fortwährend mit dem »schmutzigen Sexuellen« beschäftigt - aber aus »moralischen Motiven« - wie es überhaupt zum zwanghaften Menschen gehört, dass er mehr gegen das Böse als für das Gute kämpft.

Er erkennt die Vergänglichkeit und den Tod nicht an (2. Hauptsatz), negiert damit einen Teil des Lebens (Anmerkung: zwei fundamentale Wirkmechanismen des Lebens sind die Schöpfung, der sog. Naturmechanismus und die Vergänglichkeit, der zweite Hauptsatz). In der Religion neigen sie zum Dogmatismus und zur Orthodoxie, zur Intoleranz gegen Andersgläubige. Die Gottesvorstellung hat oft den Aspekt eines strengen und rächenden Vatergottes, der alle Eigenschaften des Partiarchats aufweist, unbedingten Glauben und Gehorsam. Trotzdem haben sie häufig abergläubische und magische Vorstellungen, sind vom Zwanghaften, von Riten und Zeremoniellem angezogen, Gebetsmühlen und Rosenkränze sind ihnen mehr Zweck als Mittel.

Z-Typen betrachten Institutionen, Regeln und Prinzipien als Zweck und nicht als Mittel. Je ängstlicher sie sind, desto rigider verteidigen sie das Mittel, das ihnen Zweck zur Angstabwehr ist. Die Begegnung mit Zweifeln an ihren Grundsätzen, den festgehaltenen Prinzipien, Meinungen und Theorien kann sie in schwerste Glaubenskämpfe und Krisen führen.

Zwanghafte Eltern

Als Eltern sind sie verlässlich, konsequent und verantwortungsbewusst, vertreten überzeugt Werte, geben Halt und führen. Die Rigidität und Steifigkeit im Machtaspekt ihrer Führung verstärkt sich mit der Ausprägungsstärke ihrer Zwanghaftigkeit, sie werden absoluter und starrer. Sie lassen dem Kind zu wenig altersgemäßen Raum für das Spielen und die Entwicklungsmöglichkeiten, sind unnachgiebig, fordern vom Kind blinden Gehorsam, es so entmündigend, vermitteln dem Kind Angst vor irreversiblen Folgen falscher Entscheidungen, sind nachtragend, übersteigern kleine Vergehen in große, sind lange unversöhnlich und verzeihen nur schwer.

Sie setzen dem Kind zu früh Grenzen, lassen nicht genügend locker, vertrauen nicht auf natürliche Entwicklungen des Kindes, weil sie sie von sich nicht kennen. Altersgemäßes Ausprobieren des Kindes erscheint ihnen als die Entstehung gefährlicher Charakterzüge. Das Kind wird zu früh zur Perfektion, sinnloser Pünktlichkeit und pedantischer Ordentlichkeit getrieben, muss essen, was auf den Tisch kommt. Das Rebellische wird ihm schon früh ausgetrieben, es wird früh überfordert, sein Wert, und in seiner eigenen Wahrnehmung also sein Selbstwertgefühl, wird von seiner Leistungsfähigkeit und -bereitschaft abhängig gemacht, es wird zum Streber erzogen.

Die Erziehung drosselt die expansiven und aggressiven, die sexuellen Impulse des Kindes. Versehentlichen Missgeschicken wird ein Vorsatz, also Absichtlichkeit, unterstellt, das Kind damit tief verunsichert. Die vorübenden Versuche des Kindes für die später konstruktiven und gestalterischen Fähigkeiten werden schon im Keim erstickt. Sie „dressieren“ ihre Kinder mehr als sie sie erziehen, machen die Kinder zu Marionetten. Sie halten viel von harten Strafen, leben selbst so ihren Sadismus aus, wollen den Gehorsam des Kindes erzwingen, es erniedrigen und unterwerfen, das Gefühl der persönlichen Würde im Kind zerstören. Es fällt ihnen schwer, dem Kind die Freiheit zuzugestehen, die sie selbst nicht hatten, geben so ihre Zwänge an das Kind weiter. Sie erziehen das Kind, als ob es in der Welt der Erwachsenen groß würde, damit den Wandel der Zeit und die Andersartigkeit der Gegenwart im Vergleich zu ihrer eigenen Vergangenheit ignorierend. Sie verabsolutieren ihren Standpunkt gegenüber dem Kind, räumen sich selbst keine Fehler ein, behaupten dem Kind gegenüber Unfehlbarkeit.

Ihre Träume sind mager, karg und farblos, sie träumen seltener und behalten sie weniger in Erinnerung, finden nur schwer Zugang zu den tiefen unbewussten Seelenschichten, eher misstrauen sie Träumen („Träume sind Schäume“). Wenn sie träumen, dann beschäftigen sie sich mit Peinlichkeit, analen Themen, das Lebendige stellen sie mechanisch dar, was ihre Distanz zum Lebendig-Natürlichen darstellt. Die Aggressionsunterdrückung stellt sich in angsteinflößenden und lustbesetzten Bildern von Durchbrüchen dar: Vulkanausbrüche, Erdbeben, Staudammbrüche, oft findet sich die Thematik von Impuls und Gegenimpuls.

Berufswahl und Werte

Sie tendieren zu Berufen, in denen es um Macht geht, um Genauigkeit, Solidität, Präzision, Sorgfalt, Verantwortung und Übersicht, Berufe in denen es mehr auf Ausdauer, Gründlichkeit, Geduld, Gewissenhaftigkeit, Pflichtbewusstheit, Einhaltung von Vorschriften ankommt als auf Initiative, Elastizität, schöpferische Freiheit und Improvisation. Sie zeichnen sich in ihrem Fachgebiet durch Sachkenntnis, Zuverlässigkeit, Gleichmäßigkeit und Kontinuität aus.

Sie sind (teils pedantische) Beamte, präzise Handwerker, exakte Naturwissenschaftler, Juristen, Chirurgen, Finanzbeamte und Bankiers, Pädagogen, Geistliche, Systematiker auf allen möglichen Gebieten. Im Berufsleben stellt sich das übermäßig Zwanghafte unterschiedlich dar: Der zwanghafte Richter ist ein an Hintergründen der Delinquenten uninteressierter Paragraphenreiter, damit die Objektivität abwehrend, die sein Weltbild erschüttern würde und ihn ängstigen würde, der zwanghafte Geistliche ist eher ein rigider verstockter Moralprediger, der Höllenstrafen propagiert und Angst und Schuldgefühle vermittelt, statt ein fürsorglicher, achtsamer Hirte der Gemeinde zu sein.

Sie beschäftigen sich mit allem Zeitlosen und Unvergänglichen wie der Geschichte, der Geschichte der Kunst, der Medizin und der Philosophie, mit Archäologie, der Altertumskunde, unter Philologen sind es die Altphilologen, unter den Historikern die Althistoriker. Der Z-Typ sucht legitime Möglichkeiten der Machtausübung wie die Politik, ist partei- und regimetreu, konservativ. Er lehnt alles Extremistische und das Experimentieren ab.

Im Alter steigern sich die Züge des Z-Typs, er will aus seinem Lebensinstinkt heraus die Zeit aufhalten, seine Macht, seine Position, seinen Platz trotz wachsendem Unvermögen weiter festhalten, beginnt das Neue und das Junge zu hassen. Altern wird ihm auch deshalb besonders schwer, weil er so ganz auf Wollen und Leistung eingestellt ist und nun lernen muss, mit sich geschehen zu lassen, loszulassen.

Riemann zeichnet die Linie der Übermäßigkeit des Zwanghaften. Anlagemäßig Vitalstarke: sachlich, pflichttreu, verlässlich über zunehmend nüchtern, ehrgeizig strebend, unbelehrbar eigensinnig, querulatorisch bis zum zum tyrannischen Machtmenschen, Despoten, Autokraten, im Extremen: Zwangskranke, psychotische Katatonie. Anlagemäßig Vitalschwache: unauffällig Angepasste, sich sichernde Lebenängstliche, Zweifler und Zauderer, Pedanten und Nörgler, Kriecher, asketische Hypochronder, Zwangskranke.

Die Werte des gesunden Z-Typs sind Stabilität, Tragfähigkeit, Ausdauer und Pflichtgefühl, er ist strebsam und fleißig, planvoll und zielstrebig, auf weite Ziele und Langsicht ausgerichtet, vernachlässigt jedoch das Genießen in der Gegenwart zugunsten zukünftigen Genusses, er ist tüchtig, konsequent und zäh, hat einen ausgeprägten Wirklichkeitssinn. Seine (sittlichen) Tugenden sind Solidität, Korrektheit, Zuverlässigkeit, Beständigkeit und Sauberkeit. Sie halten ihre Gefühle eher zurück, sind dauerhaft und beständig in der Zuwendung, sind ernst, gewissenhaft und um Objektivität bemüht.

Auswege

Beim Z-Typ ist das Bedürfnis nach Sicherheit und Dauer überwertig. Sie sollten daher die damit gegebene Möglichkeit der Starre erkennen, den Gegenimpuls der Bereitschaft zur lebendigen Wandlung mehr integrieren und das wagen, wogegen sie sich abzusichern bemühen: die Vergänglichkeit anzunehmen, maßvoll unkontrolliert geschehen lassen statt erzwingen wollen, natürliche Entwicklungen zulassen und sie nicht mehr hemmen.

Referenzen / Einzelnachweise