Der Zins und das Gleichgewicht der Bestimmung

Ein Geldbetrag steht symbolisch für alle Güter (eigentümliche Güter, Besitzgüter und Arbeit), die an den Märkten für den entsprechend großen Betrag erwerblich sind und ist daher ein Kontingenzmaß. Umgekehrt ist ein negativer Geldbetrag, eine Geldschuld, ein Notwendigkeitsmaß. Eine Geldschuld beziffert insbesondere einen an Arbeitsmärkten gemessenen Arbeitswert oder den Wert von im Eigentum des Schuldners befindlichen anderen Gütern, der dem Gläubiger hinzugeben ist.

Das Gleichgewicht der Bestimmung stellt sich auch als Gleichgewicht zwischen Kontingenz und Notwendigkeit dar. Doppelte Kontingenz bedeutet, dass in einer Austauschbeziehung das Gleichgewicht der Bestimmung für beide Beziehungspartner ausgeglichen ist. Es liegt dann im Bereich des Möglichen, dem Beziehungspartner das Geforderte zu geben, doch besteht dazu keine Notwendigkeit. Die Hingabe ist kontingentiert und entsprechend die Wegnahme bei Ausgeglichenheit des Gleichgewichts der Bestimmung bzw. gegebener doppelter Kontingenz.

Grafik zur Unterscheidung von Möglichem, Kontingentem, Notwendigem und Unmöglichem.

Der Zins greift in das Gleichgewicht der Bestimmung und also in die doppelte Kontingenz ein und stört sie. Ist der Zins positiv, entstehen in der Zukunft dem Leihgeber zusätzliche Möglichkeiten, messbar als ein künftiges Guthaben in der Höhe des Zinses, während dem Leihnehmer Notwendigkeiten (Verbindlichkeit, Tilgungszwang) in der Höhe des Zinses messbare Einschränkungen von Möglichkeiten entstehen. Ist der Zins negativ, so kehrt sich die Verteilung von künftigen Möglichkeiten und Notwendigkeiten um: die künftigen Möglichkeiten des Leihnehmers wachsen zugunsten der Notwendigkeiten des Leihgebers in Höhe des Negativzinses.

Symmetrie-Vergleich der Störungen des Gleichgewichts der Bestimmung aufgrund des Zins-Vorzeichens

Hinsichtlich des Vorzeichens des Zinses können symmetrische und asymmetrische Wirkungen auf das Gleichgewicht der Bestimmung voneinander unterschieden werden. Wenigstens bei positivem Vorzeichen des Zinses kann seine Wirkung als Störung bezeichnet werden, die sich bei Umkehr des Vorzeichens von der einen Seite des Leihvertrags auf die andere Seite verlagert und sich dort gleichartig, also „symmetrisch“ zur Störung bei umgekehrtem Vorzeichen, darstellt oder ungleichartig, unterschiedlich, „asymmetrisch“.

Für die folgende Analyse ist bei negativem Zins das Bargeldverbot, seine nominelle Abzinsbarkeit oder seine Beschränkung vorausgesetzt.

Symmetrie der Störung: Kontrahierungszwang

Bei positivem Zins steht der Leihnehmer unter einem Kontrahierungszwang (Verträge sind einzuhalten) von sich den Zins zu nehmen oder Verträge (Kaufverträge (Eigentum), Arbeitsverträge (Arbeit) oder auch Leihverträge (Besitz und Nutzung)) abzuschließen, die ihm einen Vorteil verschaffen, so dass er letztendlich nach Ausschluss vorheriger Möglichkeiten den Zins von seinem Vertragspartner nimmt, um ihn dann dem Leihgeber hinzugeben (vgl. Abschnitt zur unsichbaren Hand). Die Aufnahme der Zinsschuld an sich selbst ist bei der Zins-Allokation dem Begriff der Absorption (Aufnahme) zugeordnet, die Übertragung der Zinsschuld auf Marktpartner heißt Dispersion (Streuung, Übetragung). In jedem Fall ist er dazu gezwungen, neue oder andere Verträge abzuschließen um den Zins von dort nehmen und die Zinsschuld zu begleichen.

Auch bei negativem Zins entsteht ein Kontrahierungszwang, diesmal auf der Seite der Leihgeber, der sich jedoch anders darstellt als bei positivem Zins. Steht überschüssiges, vorrätig gehaltenes Geldkapital unter einem negativen Zins, wird dem Geldkapital also eine Zinsschuld auferlegt, kann sein Eigentümer versuchen, Leihnehmer zu finden, die weniger Zins nehmen als die Institution bei der das Geldkapital vorrätig gehalten wird (Wirkung des Antriebs der Negativ-Zins-Ökonomie). Auch hier kann durch entsprechenden Vertragsabschluss ein Teil der Zinsschuld „abgewehrt“ werden, präziser nämlich die Differenz vom Zins der Vorratslagerstätte und vom Zins des Leihvertrags. Schließt er einen für ihn günstigen Leihvertrag ab, verliert der Leihgeber also weniger Geldkapital, als wenn er es untätig der Bank (der „Standard-Geld-Vorratshaltungs-Institution“) überließe.

Ein Kontrahierungszwang, eine Einschränkung der Privatautonomie, ist also bei positivem Zins auf der Seite der Leihnehmer und bei negativem Zins auf der Seite der Leihgeber und ist also eine symmetrische Störung des Gleichgewichts der Bestimmung.

Asymmetrie der Störung: Arbeit und Kapital

Man könnte daher vielleicht meinen, dass sich bei einem Vorzeichenwechsel des Zinses gerade das Verhältnis von Ausbeutern und Ausgebeuteten, Herren und Knechten, Bourgeoisie und Proletariat, Hochstehenden und Untertanen, umkehrt, gemäß dem Satz „des Einen Freud ist des Anderen Leid“, doch ist das nicht so.

Die Störung der doppelten Kontingenz ist hinsichtlich des Vorzeichens des Zinses auch asymmetrisch. In Abhängigkeit vom Zinsvorzeichen werden Geldguthaben und Geldschulden auf Leihgeber und Leihnehmer verteilt. Der Zins ist für beide jeweils ein positiver oder negativer Geldbetrag. Doch muss dabei berücksichtigt werden, dass bei positivem Vorzeichen der Zins auf der Seite des Leihnehmers und auch im ganzen Geldsystem nicht vorhanden ist und letztendlich als Gegenwert irgendeiner Form von Arbeit (physische Arbeit, psychische Arbeit in Form einer Rationalisierung) abbezahlt werden muss, während bei negativem Vorzeichen der Zins einfach vom bestehenden Kapital genommen wird, wenn er nicht aus dem Nichts geschöpft (ist das noch Zukunftsmusik: Geldschöpfung aus dem Nichts bei negativem Zins?) ist. Das Genommene, Erzwungene, Geforderte ist also bei positivem Zins Arbeit, und bei negativem Zins ist es Kapital. Bei Ersterem ist es ein Teil der Stoffwechselleistung von Lebendigem, bei Letzterem etwas Totes.

Der Zins-Vorzeichen-Wechsel und die Entstehung des Sozialismus: Schumpeter zu Marx

Die Störung des Gleichgewichts der Bestimmung bei positivem Zins äußert sich im Verhältnis zweier Klassen: einerseits die den Zins fordernden Leihgeber, die Kapitalisten und Finanz-„Unternehmer“ (analog Vermieter, Grundherren, Patenteigentümer, usw.), und andererseits die Gruppe der Menschen , die die Zinsschuld (durch „Absorption“) abarbeiten oder (durch „Streuung“) im Netzwerk der Real-Wirtschaft weiterreichen müssen inclusive des Leihnehmers, also realwirtschaftliche, irgendwie am gesamten Stoffwechsel beteiligte Unternehmer, Arbeiter und Angestellte. Die Klassengrenze (vgl. Begriff der zinsneutralen Schicht in der NETTO-Zinsbilanz) bleibt zwar bei einem Wechsel des Zinsvorzeichens zunächst bestehen, da immer noch Leihnehmer von Leihgebern unterschieden werden können, jedoch zwingt nicht mehr die eine Klasse die andere zur Arbeit, sondern beide nehmen Zins vom Kapital: Der Leihgeber nimmt von seinem Kapital Zins und gibt ihn dem Leihnehmer. Er nimmt den Zins nicht von sich oder von anderen, sondern von seinem Kapital. Im Verlauf des zur Negativ-Zins-Ökonomie gehörigen Prozesses bewegt sich die zinsneutrale Schicht in Richtung kleinerer Kapitalvermögen, bei positivem Zins verlagert sie sich aufwärts.

Ich vermute, dass Joseph Schumpeter noch zu Lebzeiten Irving Fishers und 15 Jahre nach dem Tod Silvio Gesells diese Folge des Vorzeichenswechsel bewusst war, als er den von Marx prophezeiten gewaltsamen Umsturz des kapitalistischen Systems durch das in der Krise der Massenarbeitslosigkeit und dem Endkampf aufbegehrende Proletariat kritisierte, diese Projektion also teilweise zurückwies und dennoch Marxens wissenschaftlichen Ansatz zur Begründung eines Sozialismus würdigte[1, S. 98 ff.]:

Während Marx selbst sich klugerweise enthielt, die sozialistische Gesellschaft im Einzelnen zu beschreiben, legte er den Nachdruck auf die Bedingungen ihrer Entstehung: einerseits das Vorhandensein von industriellen Riesenunternehmungen [Digitalisierung, Industrie 4.0] - die selbstverständlich die Sozialisierung sehr erleichtern würden -, und andererseits das Vorhandensein eines unterdrückten, geknechteten, ausgebeuteten, doch auch sehr zahlreichen, geschulten, geeinten und organisierten Proletariats. Dies gibt manche Andeutung hinsichtlich des Endkampfes, der das akute Stadium des jahrhundertelangen Kriegs zwischen den zwei Klassen sein wird, die dann das letzte Mal gegeneinander ausziehen werden. Es lässt noch Einiges von dem erraten, was folgen soll: es liegt die Vorstellung nahe, dass das Proletariat als solches die »Regierung übernehmen« und durch seine »Diktatur der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen« ein Ende bereiten und die klassenlose Gesellschaft herbeiführen wird. Wenn es unsere Absicht wäre, zu beweisen, dass der Marxismus ein Gleid der Familie chiliastischen Glaubensbekenntnisse ist, würde dies gewiss reichlich genügen. Da wir uns nicht mit diesem Aspekt beschäftigen, sondern mit einer wissenschaftlichen Vorhersage, tut es das offensichtlich nicht.

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Dies sollte auch das Problem lösen, das die Kinder gespalten hat: Revolution oder Evolution? Wenn ich die Meinung von Marx erfasst habe, ist die Antwort nicht schwer zu geben. Die Evolution war für ihn die Mutter des Sozialismus. Er war viel zu sehr erfüllt von einem Gefühl der inhärenten Logik der sozialen Dinge, um zu glauben, dass die Revolution irgendeinen Teil des Werkes der Evolution ersetzen könne. Die Revolution kommt dennoch. Aber sie kommt nur, um den Schlusssatz unter eine vollständige Reihe von Prämissen zu schreiben. Die Marxsche Revolution unterscheidet sich daher nach ihrer Natur und ihrer Aufgabe völlig von den Revolutionen sowohl der bourgeoisen Radikalen als der sozialistischen Verschwörer. Sie ist ihrem Wesen nach Revolution in der Fülle der Zeit. Es ist richtig, dass Jünger, die eine Abneigung gegen diesen Schluss und namentlich gegen seine Anwendung auf den russischen Fall haben, auf viele Stelle in der heiligen Schriften hinweisen können, die ihm zu widersprechen scheinen. Doch in diesen Stellen widerspricht Marx selbst seinem tiefsten und reifsten Gedanken, der unmissverständlich aus der analytischen Struktur des Kapitals spricht und der - wie notwendig jeder Gedanke, der durch ein Gefühl für die inhärente Logik der Dinge inspiriert ist - unter dem fantastischen Glitzern zweifelhafter Edelsteine zu deutlich konservativen Folgerungen führt. Und, schließlich, warum nicht? Kein ernsthaftes Argument unterstützt je bedingungslos irgendwelchen «ismus». Sagt man, dass Marx, von Phrasen entkleidet, eine Auslegung im konservativen Sinn zulässt, so besagt dies nur, dass er ernst genommen werden kann.

Das Zinsvorzeichen und das Gleichgewicht zwischen hierarchischer und heterarchischer Organisation

Der Zins beeinflusst auch das Gleichgewicht der Bestimmung zwischen hierarchischen und heterarchischen Organisationformen, zwischen zentralistischer und organischer Führung/Direktion über die Beeinflussung des Gleichgewichts der Bestimmung zwischen den bilateral verbundenen Einzelknoten des Netzwerks.

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Referenzen / Einzelnachweise