Der Zins und das Gleichgewicht der Bestimmung

Ein Geldbetrag steht symbolisch für alle Güter (eigentümliche Güter, Besitzgüter und Arbeit), die an den Märkten für den entsprechend großen Betrag erwerblich sind und ist daher ein Kontingenzmaß. Umgekehrt ist ein negativer Geldbetrag, eine Geldschuld, ein Notwendigkeitsmaß. Eine Geldschuld beziffert insbesondere einen an Arbeitsmärkten gemessenen Arbeitswert oder den Wert von im Eigentum des Schuldners befindlichen anderen Gütern, die dem Gläubiger hinzugeben sind.

Das Gleichgewicht der Bestimmung stellt sich auch als Gleichgewicht zwischen Kontingenz und Notwendigkeit dar. Doppelte Kontingenz bedeutet, dass in einer Austauschbeziehung das Gleichgewicht der Bestimmung für beide Beziehungspartner ausgeglichen ist. Ist doppelte Kontingenz gegeben, dann liegt es im Bereich des Möglichen, dem Beziehungspartner das Geforderte zu geben, doch besteht dazu keine Notwendigkeit. Die Hingabe ist kontingentiert und entsprechend die Wegnahme bei Ausgeglichenheit des Gleichgewichts der Bestimmung bzw. gegebener doppelter Kontingenz.

Grafik zur Unterscheidung von Möglichem, Kontingentem, Notwendigem und Unmöglichem.

Der Zins greift in das Gleichgewicht der Bestimmung und also in die doppelte Kontingenz ein und stört sie. Ist der Zins positiv, entstehen in der Zukunft dem Leihgeber zusätzliche Möglichkeiten, messbar als ein künftiges Guthaben in der Höhe des Zinses, während dem Leihnehmer Notwendigkeiten (Verbindlichkeit, Tilgungszwang) bzw. messbare Einschränkungen von Möglichkeiten in der Höhe des Zinses entstehen. Ist der Zins hingegen negativ, so kehrt sich die Verteilung von künftigen Möglichkeiten und Notwendigkeiten um: die künftigen Möglichkeiten des Leihnehmers wachsen zugunsten der Notwendigkeiten des Leihgebers in Höhe des Negativzinses.

Der Zins als direktes und indirektes Herrschaftsmittel

Max Weber definiert 1921/22 in 'Macht und Herrschaft':

Herrschaft soll heißen die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden; [...] Der Begriff der »Macht« ist soziologisch amorph. Alle denkbaren Qualitäten eines Menschen und alle denkbaren Konstellationen können jemand in die Lage versetzen, seinen Willen in einer gegebenen Situation durchzusetzen. Der soziologische Begriff der »Herrschaft« muss daher ein präziserer sein und kann nur die Chance bedeuten: für einen Befehl Fügsamkeit zu finden.
Herrschaft legitimiert Herrscher zum Erheben von Forderungen gegenüber den Beherrschten. Der Befehlende verlangt Gehorsam der Erbringung einer befohlenen Leistung. Fügt sich der Beherrschte und ist gehorsam, dann nimmt der Herrscher und der Beherrschte gibt hin. Gegenüber einer Austauschbeziehung ist das Gleichgewicht von Geben und Nehmen in einer Herrschaft einseitig gestört.

Der Befehl, den Zins herzugeben wird aus einem Vertrag und letztlich aus dem Rechtsinstitut des Eigentums abgeleitet

Der Zins ist eine Forderung, die aus dem Eigentum an einer verleihbaren Sache abgeleitet und gegenüber einem Besitzer erhoben wird, der im Gegenzug dafür Verfügungsrechte an der Leihsache erhält. Ideologisch wird das Zinsnehmen als ein Geschäft gerechtfertigt, bei dem es Nutznießer auf beiden Seiten des Vertrags gäbe. Doch wird damit seine Mittelhaftigkeit zum Zweck der Herrschaft verschleiert und in den Tarnmantel eines Geschäftes gehüllt, denn im Gegensatz zu anderen Vertragsarten fließen über den Vertrag zwischen Leihnehmer und Leihgeber materielle Güter nicht entlang beider Austauschrichtungen, so wie beim Arbeitsvertrag Arbeitskraft bzw ihr Produkt gegen Geld oder beim Kaufvertrag Geld gegen irgendein materielles Gut getauscht wird, sondern es fließt in eine Richtung ein immaterielles Gut, nämlich die Verfügungsrechte an einer Sache, also die Nutzung und der Besitz, und in die andere Richtung der Zins in Form des Geldes.

Die Andersartigkeit speziell zwischen einem Arbeits- und Dienstleistungsvertrag einerseits und einem Kredit-, Miet-, Pachtvertrag usw. andererseits stellt sich besonders darin aus, dass Nutzung und Besitz in der Regel mit irgendeiner Form von Arbeit verbunden ist, weil der Leihnehmer während des Besitzes und der Nutzung der Sache lebt und jedes Sein letztendlich irgendeine Form der Arbeit darstellt, jedenfalls Stoffwechsel, und eben ein Teil des Produktes dieser arbeitenden Seins an den Leihgeber abfließt, ohne dass er irgendetwas dazu beiträgt, außer diese Seinsart des Leihnehmers durch den Verleih der Sache an ihn zu ermöglichen. In diesem Sinn ist der Zins ein Preis für eine Existenz und Seinsart, und in dieser Begrifflichkeit wird sein Charakter als Herrschaftsmittel deutlich: Für die Rolle, die Seinsart, den modus vivendi, die mit der Art und Kategorie der Leihsache verbunden ist, zahlt der in dieser Rolle Lebende, der Darstellende der Rolle und Träger des Symbols der Zinsnahme den Zins.

Dass dem Leihgeber die Seinsart als Nutzer einer Räumlichkeit, eines Stück Landes oder eines Geldbetrags in der Regel überflüssig ist, ist seiner körperlichen Beschränktheit geschuldet, denn kein Mensch kann gleichzeitig an zwei Orten sein und leben, und für das Kreativvermögen eines jeden Menschen gibt es einen Geldbetrag, dessen Realisierungsmöglichkeiten und Potenzial sein Kreativvermögen übersteigt. Spätestens ab dieser Grenze geht die Mittelhaftigkeit der Leihsache in Bezug auf einen Nutzungs- und Besitzzweck verloren, das Zinsnehmen wird Zweck an sich (vgl. Georg Simmel in Philosophie des Geldes, Das Geld in den Zweckreihen) und wird Mittel zur Herrschaft über die Leihnehmer, denn mit Herrschaft ist das Recht verbunden, Forderungen ohne Gegenleistung zu erheben. Im Zusammenhang mit dieser Überflüssigkeit des Geldes bzw. der Leihsachen im Allgemeinen benutzt Simmel das Wort 'Superadditum' und schreibt[1]

Allein dennoch ist das Superadditum des Geldes hier sozusagen in negativer, aber besonders reiner Gestalt gegeben: der Wohlhabende gewinnt seinen Vorteil ohne Umweg über eine Sache und ausschließlich dadurch, dass andere nicht so viel Geld aufwenden können wie er.
[...]
Dieser Wucherzins des Reichtums, diese Vorteile, die er seinem Besitzer [Eigentümer!] zuwachsen lässt, ohne dass dieser etwas dafür aufzuwenden hätte, ist an die Geldform der Werte geknüpft. Denn alles dies ist offenbar Ausdruck oder Reflex jener unbegrenzten Freiheit der Verwendung, die das Geld allen anderen Werten gegenüber auszeichnet.
Hierdurch kommt zustande, dass der Reiche nicht nur durch das wirkt, was er tut, sondern auch durch das, was er tun könnte: weit über das hinaus, was er nun wirklich mit seinem Einkommen beschafft, und was andere davon profitieren, wird das Vermögen von einem Umkreis zahlloser Verwendungsmöglichkeiten umgeben, wie von einem Astralleib, der sich über seinen konkreten Umfang hinausstreckt: darauf weist unzweideutig hin, dass die Sprache erheblichere Geldmittel als »Vermögen« - d. h. als das Können, das Imstande sein schlechthin bezeichnet.
Alle diese Möglichkeiten, von denen freilich nur ein ganz geringer Teil Wirklichkeit werden kann, werden dennoch psychologisch saldiert, sie gerinnen zu dem Eindruck einer nicht genau bestimmbaren, jede Festlegung ihres erreichbaren Erfolges ablehnenden Macht [Aus Zinsen entstandenes Geld, das nicht für den Konsum eingesetzt wird, sondern dafür, mehr Zinsen zu erhalten], und zwar in um so umfänglicherer und eindrucksvollerer Art, je beweglicher das Vermögen, je leichter es zu jedem möglichen Zweck verfügbar ist, d. h. also, je vollständiger jeder Vermögensbestand Geld oder in Geld umsetzbar ist und je reiner das Geld selbst zum Werkzeug und Durchgangspunkt ohne jede eigene teleologische Qualifikation wird. Die reine Potentialität, die das Geld darstellt, insofern es bloß Mittel ist, verdichtet sich zu einer einheitlichen Macht- und Bedeutungsvorstellung, die auch als konkrete Macht und Bedeutung zugunsten des Geldbesitzers [Geldeigentümers] wirksam wird - ungefähr wie dem Reize eines Kunstwerkes nicht nur sein Inhalt und die mit sachlicher Notwendigkeit damit verbundenen seelischen Reaktionen zugerechnet werden, sondern all die zufälligen, individuellen, indirekten Gefühlskombinationen, die es, hier so und dort anders, anklingen lässt und deren unbestimmte Summe doch erst das Ganze seines Wertes und seiner Bedeutsamkeit für uns umschreibt. In dem Wesen dieses Superadditums, wenn es so richtig gedeutet ist, liegt es, dass es um so stärker hervortreten muss, je vollständiger jene Chance und Wahlfreiheit seiner Verwendung vermöge der Gesamtlage seines Besitzers realisierbar wird.
Dies ist am wenigsten bei dem Armen der Fall: denn dessen Geldeinkommen ist, weil es nur für die Notdurft des Lebens ausreicht, von vorn herein determiniert und lässt der Auswahl unter seinen Verwendungsmöglichkeiten nur einen verschwindend kleinen Spielraum [besagte Einschränkung von Möglichkeiten, Budgetrestriktion] .
Derselbe erweitert sich mit steigendem Einkommen, so dass jeder Teil des letzteren das Superadditum in dem Maß erwirbt, in dem er von den zur Befriedigung des Notdürftigen, Generellen und Vorherbestimmten erforderlichen Teilen absteht [und somit prinzipiell nicht lebensnotwendig ist]; d. h. also, jeder zu der bereits bestehenden Einnahme hinzukommende Teil besitzt einen höheren Zusatz jenes Superadditums - natürlich unterhalb einer sehr hoch gelegenen Grenze, oberhalb welcher jeder Einkommensteil in dieser Hinsicht gleichmäßig qualifiziert ist. An diesem Punkte kann man die fragliche Erscheinung in einer speziellen Konsequenz ergreifen, und zwar auf Grund einer, wie mir scheint, auch sonst folgenreichen Überlegung.
Viele Güter sind in solcher Masse vorhanden, dass sie von den zahlungsfähigsten Elementen der Gesellschaft nicht konsumiert werden können, sondern, um überhaupt abgesetzt zu werden, auch den ärmeren und ärmsten Schichten angeboten werden müssen.
Deshalb dürfen derartige Waren nicht teurer sein, als diese Schichten im äußersten Falle zu zahlen imstande sind.
Dies könnte man als Gesetz der konsumtiven Preisbegrenzung bezeichnen: eine Ware kann niemals teurer sein, als die unbemitteltste soziale Schicht noch bezahlen kann, der sie wegen ihrer vorhandenen Menge noch angeboten werden muss.
Man möchte hierin eine Wendung der Grenznutzentheorie aus dem Individuellen in das Soziale erblicken: statt des niedrigsten Bedürfnisses, das noch mit einer Ware gedeckt werden kann, wird hier das Bedürfnis des Niedrigsten für die Preisgestaltung maßgebend.
Diese Tatsache bedeutet einen ungeheuren Vorteil für den Wohlhabenden. Denn dadurch stehen auch ihm nun gerade die unentbehrlichsten Güter zu einem weit niedrigeren Preise zur Verfügung, als er dafür erlegen würde, wenn man es ihm nur abverlangte; dadurch, dass der Arme die einfachen Lebensmittel kaufen muss, macht er sie für den Reichen billig. [In der Folge kann der Reiche noch mehr sparen und Zinsen dafür erhalten.]
Wenn dieser selbst einen proportional ebenso großen Teil seines Einkommens an die primärsten Bedürfnisse (Nahrung, Wohnung, Kleider) wenden müsste, wie der Arme, so würde er noch immer, absolut genommen, mehr für Luxuswünsche übrig behalten als dieser.
Allein er hat dazu noch den additionellen Vorteil, dass er seine nötigsten Bedürfnisse mit einem relativ viel kleineren Teil seines Einkommens decken kann. Mit dem darüber hinausreichenden nun hat er die Wahlfreiheit in der Verwendung des Geldes [das Kontingent], die ihn zum Gegenstand jener, sein tatsächliches ökonomisches Können überragenden Achtung und Bevorzugung macht. Die Geldmittel des Armen sind nicht von dieser Sphäre unbegrenzter Möglichkeiten umgeben, weil sie von vornherein ganz unmittelbar und zweifellos in sehr bestimmte Zwecke einmünden.
In seiner Hand sind sie also gar nicht in demselben reinen und abstrakten Sinne »Mittel«, wie in der des Reichen, weil der Zweck schon sogleich in sie hineinreicht, sie färbt und dirigiert, weshalb denn auch unsere Sprache sehr feinfühlig erst den mit erheblichen Geldmitteln Ausgestatteten überhaupt als »bemittelt« bezeichnet. Die mit diesen verbundene Freiheit führt noch nach anderen Seiten hin zu einem Superadditum.
Innerhalb der Grenznutzentheorie liegt der dem Überflüssigen entsprechende Geldbetrag oberhalb des Bereichs verschwindenden Grenznutzens. Zur Klärung des Begriffs des Grenznutzens mag die Lektüre von Schumpeters Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung dienen. Nutzungsmöglichkeiten, die außerhalb des individuellen Vermögens des Leihgebers liegen, die Leihsache für den Zweck des Leihnehmers zu nutzen, sind also überflüssig. Im Kapitalismus dienen diese überschüssigen Vermögen nur noch der Vermehrung des ohnehin schon Überschüssigen durch Verleih gegen Zins.

Verträge zur Stillung existenzieller Bedürfnisse werden mehrheitlich und bei positivem Zins zunehmend nicht frei geschlossen, sondern in Folge existenzieller Zwänge

Wie ist es nun aber möglich, um es in den Worten Max Webers auszudrücken, dass aus dem Eigentum an einer Sache der Befehl abgeleitet wird, den Zins herzugeben? Woher kommt der Gehorsam und die Fügsamkeit? Die Leihgeber leiten ihre Zinsforderungen aus einem Vertrag ab. Man kann nur dann von einer Herrschaft im Sinne des Herrschaftsbegriffes Max Webers sprechen, wenn auch der Vertragsschluss erzwungen ist (vgl. zum Begriff des Kontrahierungszwangs). Die Antwort auf die Frage liegt in den Lebensbedingungen und dem Kaptialstock bzw. dem Vermögen der potentiellen Leihnehmer begründet. Es ist gerade ihre Mittellosigkeit, die die Leihnehmer zum Objekt eines Vertragsabschlusszwangs (ähnlich zu einem Kontrahierungszwangs) macht.

Die grundsätzliche Schwierigkeit der Erklärung des Phänomens des Zinses und seiner bedeutendsten Begleiterscheinung, des Vertragsabschlusszwangs (ähnlich einem Kontrahierungszwangs), liegt in der Zirkularität der Wirkweise und somit auch der Argumentation entlang der Kausalstränge, die verkürzt lautet:

Der klassische Teufelskreis des Zinsnehmens Das Zinsnehmen erzeugt ein Milieu, in dem für die Leihnehmer existenzielle Vertragsabschlusszwänge (vergleichbar zu Kontrahierungszwängen) bestehen, und diese Zwänge bewirken ein Anstieg der Zinsen, weil sie aufgrund der durch sie verursachten Knappheit des Geldes eine Nachfrage nach den Leihsachen der Leihgeber bewirken.
Diese Zirkularität der Wirkweise ist der deutliche Hinweis darauf, dass es sich beim Zinsnehmen um ein Resonanzphänomen, also um eine autokatalytische Wechselwirkung, ein Wechselwirkungssystem mit positiver Rückkopplung handelt.
Übersicht über die Zinsflüsse.

Die Abhängigkeit, in die der Teufelskreis des Zinsnehmens die Kreditnehmer, also die privaten Haushalte, die öffentlichen Haushalte und die Unternehmen und Betriebe treibt, und also seine Erklärung für das Phänomen des Zinses, beschreibt Joseph Schumpeter in kritischer Entgegnung der Erklärungen David Humes, John Lockes und James Denham-Steuarts in Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung wie folgt[2, S. 267f]:

Wenn man bei der Kürze und Oberflächlichkeit der Ausführungen jener Schriftsteller über den Zins überhaupt Bestimmtes darüber sagen darf, so haben sie auch durchaus nicht Zins und Profit konfundiert oder als wesensgleich angesehen. Sie haben vielmehr, wie man z.B. aus Hume sieht, den Zusammenhang beider in höherem Maß als Problem empfunden, als es der Fall gewesen wäre, wenn sie im Unternehmergewinn nichts andres gesehen hätten als Zins vom eigenen Kapitale. Locke und Steuart weisen Anläufe in einer ähnlichen Richtung auf. Sie erklären beide den Unternehmergewinn in einer Weise, die auf den Darlehenszins zwar gar nicht, wohl aber auf einen andersartigen Gewinn, der die Quelle des Daralehenszinses ist, anwendbar ist. Alle diese Autoren haben zutreffenderweise den Zins auf den Geschäftsgewinn als Quelle zurückgeführt, aber nicht gesagt, dass dieser letztre selbst wieder nur ein Fall und zwar der Grundfall des Zinses sei. Ihr Profit darf daher selbst dann nicht mit Kapitalzins oder selbst Kapitalgewinn übersetzt werden, wenn er in der Wendung, 'profit of capital' vorkommt. Sie haben das Zinsproblem nicht gelöst. Aber nicht deshalb, weil sie lediglich eine abgeleitete Form des Zinses, den Darlehenszins, auf die ursprüngliche und eigentliche zurückgeführt hätten, ohne diese zu erklären, sondern deshalb, weil sie überhaupt nicht nachgewiesen haben, dass und warum der Gläubiger in der Lage ist, sich mit seinem Kapitale jenen Anteil am Unternehmergewinne zu ertrotzen, warum der Kapitalmarkt immer zu seinen Gunsten entscheidet. Gewiss liegt ferner im Geschäftsgewinn das zentrale Problem, von dessen Lösung auch der Einblick in das Zinsphänomen abhängt. Aber nicht deshalb, weil der Geschäftsgewinn selbst schon der eigentliche, wahre Zins ist, sondern weil sein Vorhandensein eine Voraussetzung der Zahlung von Produktivzins ist [besagte Zirkularität der Argumentation]. Gewiss ist endlich der Unternehmer die wichtigste Person bei der ganzen Sache. Aber nicht deshalb, weil er der wahre, ursprüngliche, typische Zinsherr ist, sondern deshalb, weil er der typische Zinsschuldner ist.
[...]
So können wir uns also nicht von der Geldbasis des Zinses entfernen. Darin liegt ein indirekter Beweise dafür, dass eine zweite Auffassung von der Bedeutung der Geldform in der der Zins uns entgegentritt, den Vorzug verdient, nämlich die Auffassung, dass diese Geldform nicht Schale, sondern Kern ist. Natürlich würde ein solcher Beweis allein uns nicht zu weitgehenden Schlüssen berechtigen. Aber er mündet in unsere früheren Ausführungen über die Themen von Kredit und Kapital ein, Kraft deren wir begreifen, welches die Rolle ist, welche die Kaufkraft hier spielt. Als ein Resultat also können wir jetzt unseren sechsten Leitsatz aussprechen: Der Zins ist ein Preiselement der Kaufkraft als Herrschaftsmittel über Produktionsgüter. Wo immer man vom Zins als etwas anderem als Kaufkraft spricht, liegt zunächst - wir kommen noch auf den Punkt zurück -, wenn keine falsche Grundauffassung, nur eine figürliche Redewendung vor.
Wie hier deutlich wird, erkennt Schumpeter die Abhängigkeit, in der die Unternehmer, stellvertretend für die Gruppe der Darlehensnehmer, als typische Zinsschuldner zu den Zinsherren stehen. Seine Wortwahl verdeutlicht, dass der (Zins-) Gläubiger Herr und der Schuldner eine Art unter Tilgungszwang stehender Knecht ist, denn pacta sunt servanda und die Knappheit treibt den Knecht in den Vertrag. Zudem verallgemeinert er den Zins zu einem Herrschaftsmittel der Kaufkraft (Nachfrage, Nehmen) gegenüber der Produktion (Angebot, Geben).

Einige Seiten später beschreibt Schumpeter über einige Zeilen verteilt die positive Rückkopplung des Zinsnehmens, den oben erwähnten Teufelskreis:

So richtig nun aber auch der innerste Grund für jene Stellung nahe war, so wenig lässt sich die Leugnung des Kausalzusammenhangs zwischen Zinsrate und der Geldmenge auf dem Geldmarkte verteidigen. Unsere Theorie stimmt hier mit der Anschauung eines jeden Praktikers überein. Jetzt erhebt sich die Frage nach der Begründung, die man dieser Ablehnung gab, denn es kann ja darin ein Gegenargument gegen unsere Auffassung liegen. Sie lautete einfach: Wenn die Menge des Geldes zunimmt, dann steigen alle Preise, folglich auch die der Kapitalgüter und die ihrer Kostengüter. Die Veränderung ist daher nur eine nominelle, betrifft nur die Recheneinheit, nicht das Wesen der Sache. Daher kann das auf die Zinsrate keinen Einfluss haben, der neue Gedankenausdruck des Zinses muss zum neuen Gedankenausdrucke des Kapitals dasselbe Verhältnis wie der alte Geldausdruck des Zinses zum alten Geldausdrucke des Kapitals haben. Man sieht, dieser Gedankengang bringt nichts Neues, er ist nur eine Konsequenz der allgemeinen prinzipiellen Position. Von ihrem Standpunkt ist er ganz korrekt. Man beruhigte sich um so eher dabei, als für jedes historische Sinken - im Gegensatze zu den täglichen Flukuationen, die uns besonders interessieren - des Zinsfußes ja stets die Erklärung in dem klassischen Satze von der sinkenden Profitrate gegeben war.
Man beachte übrigens, wie dieser Gedankengang in ganz charakteristischer Weise nur auf das in der Zirkulation befindliche Geld eingestellt ist, auf das Geld, das den Güteraustausch des normalen Wirtschaftsprozesses aktuell besorgt. Diesem schreiben wir denn auch wirklich keine zinsdrückende Wirkung zu. Ja gerade das Gegenteil ist der Fall - und hier berühren wir in Kürze einen Punkt, der für unsere ganz Theorie erheblich ist. Wenn die Menge des zirkulierenden Geldes steigt, dann steigen alle Preise. Dann aber bedarf der Unternehmer eines größeren Kapitals in unserem Sinne, entfaltet also auf dem Geldmarkt eine größere Nachfrage, als das sonst der Fall wäre. Und folglich muss der Zins insoweit sogar steigen! Das einmal in Zirkulation befindliche oder schon von Anfang an der Zirkulation zuströmende Geld, weit entfernt, auf die Zinsrate zu drücken, hebt sie vielmehr. Diese Kaufkraftmenge wirkt in ihrem Einflusse auf den Zins derjenigen Kaufkraftmenge, die in den Händen der Kapitalisten der Nachfrage des Unternehmers wartet, entgegen.
Der Wortlaut von Schumpeters Beschreibung des Teufelskreises ist vermutlich der Wortwahl der Zeit geschuldet. Die Rückkopplungsschleife in den Worten Schumpeters lautet:
Rückkopplungsschleife des Zinsphänomens nach Schumpeter Das durch die Abbezahlung der Zinsschulden bewirkte Geldmengenwachstum bewirkt ein Ansteigen der Preise, so dass die Preise der Kapitalgüter und ihre Kostengüter steigen. Die steigenden Kosten bewirken einen Anstieg der Nachfrage auf dem Geldmarkt und heben so die Zinsen an.
Dieses alte, phänomenologische Modell der Erklärung des Ansteigens der Preise durch das Geldmengenwachstum basiert auf der Korrelation des Geldmengenwachstums (das Aufblähen, die Inflation der Geldmenge) mit dem Anstieg der Preise. Der Kausalzusammenhang, zurückgehend auf die Zinsflüsse, bleibt hier verborgen. Es wird Korrelation mit Kausalität verwechselt, und es wird sogar das Wort Inflation, das sich eigentlich auf die Geldmenge bezieht, auf die Preisentwicklung angewandt. Sogar heute noch spricht man von einer Inflation der Preise.

Um nach diesem Einschub an das Vorherige anzuschließen, ist zu sagen, dass das Zinsnehmen Knappheit des Geldes in den Kreisläufen der Wirtschaft bewirkt, und eine direkte Folge dieser Knappheit ist die Mittellosigkeit der Nichteigentümer. Mittellos in diesem Sinn sind nicht nur Unternehmer, wie oben beschrieben, sondern alle Menschen, die in der Stillung ihrer existenziellen Bedürfnisse, also Nahrung, medizinische Versorgung, Kleidung und Wohnung vom Eigentum anderer Menschen abhängig sind. Es sind Menschen, die nicht wie Robinson Crusoe leben und sich selbst versorgen können, und die existenziellen Vertragsabschlusszwänge bestehen nicht allein bei Darlehen, die mögliche Engpässe in der existenziellen Bedürfnisstillung überbrücken, in der Folge Menschen in eine Schuldsklaverei treiben und mancherorts zum Verkauf ihrer Kinder oder in den Selbstmord, sondern auch bei anderen Verträgen wie Arbeitsverträgen, Kaufverträgen und auch solche, die mit Kriminalität zu tun haben, denn das schnelle Geld stillt schnell die Schulden. Diese Definition der Mittellosigkeit trifft in 2019 auf eine große Mehrheit der Weltbevölkerung, der Europäer und der Deutschen zu, doch gibt es in der ersten Welt Mechanismen, die verhindern, dass Menschen in so eine Falle geraten, wodurch es in anderen Ländern aber um so schlimmer zugehen muss, denn irgendwoher müssen die Zinsen schließlich kommen.

Die beschriebene Mittellosigkeit und mit ihr die Ausgesetztheit (Exponiertheit) gegenüber Vertragsabschlusszwängen ist, in Verwandschaft zu dem oben genannten Beispiel der Unternehmer, beispielsweise auch dargestellt im Begriff der Lohnabhängigkeit. Lohnabhängige sind im Speziellen nicht-selbstständig beschäftige Menschen, die nicht über Wohneigentum verfügen, sondern zur Miete wohnen. Entfällt ihr Arbeitsverhältnis, sind sie dazu gezwungen, einen Anschlussvertrag zu unterschreiben, um weiterhin ihre existenzbedingten Bedürfnisse stillen zu können. Der Anschlussvertrag ist im besten Fall ein neuer Arbeitsvertrag oder aber ein Vertrag mit der Arbeitslosenbehörde, der Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts in der Regel nur gegen die Einwilligung zur Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt gewährt. Der Zwangsaspekt dieser Vertragsabschlüsse wird deutlich, wenn man sich die Frage stellt, was passiert, wenn der Anschlussvertrag nicht unterschrieben würde: Es käme zu einer Kaskade von Ereignissen entlang der Richtung des sozialen Abstiegs. Zuerst würde der Nicht-Kontrahierungswillige die laufenden Rechnungen nicht mehr bezahlen können, dann die Wohnung verlieren, dann wohl irgendwann nichts mehr essen können und schließlich in verschlissenen Kleidern oder gar nackt seinem Schöpfer entgegentreten, würde ihm nicht von irgendwoher ein Almosen zuteil, das ihn für einen kurzen Moment am Leben lässt. Wo die Grenze der Würde bei diesem Abstieg liegt, scheint auch in Ländern der 1. Welt nicht unumstritten. Das Recht auf Wohnung ist zwar ein Menschenrecht, wird jedoch nicht unbedingt gewährt!

Wie und ob ein Mensch soviel Eigentum erwerben kann, dass er damit der Sphäre der Mittellosigkeit und den Zwängen, Verträge zu unterschreiben, enthoben ist, hängt von seinen Einnahmen, also der Höhe des Lohns, und seinen Ausgaben, also den Preisen für die lebensnotwendigen Nutz- und Verbrauchgüter ab. Maßgeblich für den Erwerb des existenzkritischen Eigentums sind Überschüsse der Einnahmen gegenüber den Ausgaben. Die Höhe der Einnahmen und Ausgaben wiederum wird mengenabhängig bestimmt durch den Wert es Kapitalstocks bzw. des Eigentums und sein jeweiliges Potenzial Zinsen oder sonstige Kapitalerträge zu generieren. Frei von Vertragsabschlusszwängen sind nur die, die über so viel „zins-gebendes” Eigentum verfügen, dass sie sich selbst versorgen können. Die Zinsen auf das überschüssige, verliehene Eigentum fließen diesen Freien über den Zinsanteil in den Preisen für Arbeit, der Verbrauchs- und Nutzgüter der Unfreien zu.

Der Teufelskreis schließt sich. Es gibt im Kapitalismus im Makrosozialen Freie und Unfreie, Herrscher und Beherrschte, Herren und Damen und Knechte und Mägde. Sie werden mathematisch von der zins-neutralen Schicht getrennt und bilden die zwei Klassen der Marx'schen Theorie. Die Konfliktlinie, also die "Zins-Forderungs-Front" verläuft zwischen Eigentümern, Leihgebern und Gläubigern und Besitzern, Leihnehmern und Schuldnern. Diese Frontlinie dehnt sich aber weit in die angeschlossenen vertraglichen Beziehungen aus bis in die Familien hinein. Die schwächsten Glieder in dieser Kausalkette der Propagation der Zinsschulden sind die nur Besitzenden, eigentumslosen, fremdbestimmt Erwerbstätigen. Sie sind quasi "Knechte", sitzen auf der Scholle des Königs, zahlen Miete und sind weisungsgebunden gegenüber Vorgesetzten. Im Streben nach der Befreiung von Zwängen zahlen die Beherrschten Zinsen an die Herrscher, die dadurch noch freier werden. Wenn der von unten Kommende, wie zuvor beschriebene Beherrschte überhaupt jemals die Grenze der Freiheit und Unabhängigkeit, die zins-neutrale Schicht überschreitet, wird es bis dahin viel Zeit und Kraft seines Lebens an die bis dahin Herrschenden hingegeben haben.

Die Bewältigung der Folgen des Zinsnehmens im BGB

Das deutsche Recht kennt den Begriff des Vertrags oder Rechtsgeschäfts zu Lasten Dritter. Das Zinsnehmen ist der Prototyp dieser widerrechtlichen Vertragsart. Das BGB regelt ab dem §138 den Umgang mit den Rechtsverletzungen, die aus dem Zinsnehmen entstanden sind:

§ 138 Sittenwidriges Rechtsgeschäft; Wucher

(1) Ein Rechtsgeschäft, das gegen die guten Sitten verstößt, ist nichtig.

(2) Nichtig ist insbesondere ein Rechtsgeschäft, durch das jemand unter Ausbeutung der Zwangslage, der Unerfahrenheit, des Mangels an Urteilsvermögen oder der erheblichen Willensschwäche eines anderen sich oder einem Dritten für eine Leistung Vermögensvorteile versprechen oder gewähren lässt, die in einem auffälligen Missverhältnis zu der Leistung stehen.

§ 139 Teilnichtigkeit

Ist ein Teil eines Rechtsgeschäfts nichtig, so ist das ganze Rechtsgeschäft nichtig, wenn nicht anzunehmen ist, dass es auch ohne den nichtigen Teil vorgenommen sein würde.

§ 140 Umdeutung

Entspricht ein nichtiges Rechtsgeschäft den Erfordernissen eines anderen Rechtsgeschäfts, so gilt das letztere, wenn anzunehmen ist, dass dessen Geltung bei Kenntnis der Nichtigkeit gewollt sein würde.

§ 141 Bestätigung des nichtigen Rechtsgeschäfts

(1) Wird ein nichtiges Rechtsgeschäft von demjenigen, welcher es vorgenommen hat, bestätigt, so ist die Bestätigung als erneute Vornahme zu beurteilen.

(2) Wird ein nichtiger Vertrag von den Parteien bestätigt, so sind diese im Zweifel verpflichtet, einander zu gewähren, was sie haben würden, wenn der Vertrag von Anfang an gültig gewesen wäre.

§ 142 Wirkung der Anfechtung

(1) Wird ein anfechtbares Rechtsgeschäft angefochten, so ist es als von Anfang an nichtig anzusehen.

(2) Wer die Anfechtbarkeit kannte oder kennen musste, wird, wenn die Anfechtung erfolgt, so behandelt, wie wenn er die Nichtigkeit des Rechtsgeschäfts gekannt hätte oder hätte kennen müssen.

§ 143 Anfechtungserklärung

(1) Die Anfechtung erfolgt durch Erklärung gegenüber dem Anfechtungsgegner.

(2) Anfechtungsgegner ist bei einem Vertrag der andere Teil, im Falle des § 123 Abs. 2 Satz 2 derjenige, welcher aus dem Vertrag unmittelbar ein Recht erworben hat.

(3) 1Bei einem einseitigen Rechtsgeschäft, das einem anderen gegenüber vorzunehmen war, ist der andere der Anfechtungsgegner. 2Das Gleiche gilt bei einem Rechtsgeschäft, das einem anderen oder einer Behörde gegenüber vorzunehmen war, auch dann, wenn das Rechtsgeschäft der Behörde gegenüber vorgenommen worden ist.

(4) 1Bei einem einseitigen Rechtsgeschäft anderer Art ist Anfechtungsgegner jeder, der auf Grund des Rechtsgeschäfts unmittelbar einen rechtlichen Vorteil erlangt hat. 2Die Anfechtung kann jedoch, wenn die Willenserklärung einer Behörde gegenüber abzugeben war, durch Erklärung gegenüber der Behörde erfolgen; die Behörde soll die Anfechtung demjenigen mitteilen, welcher durch das Rechtsgeschäft unmittelbar betroffen worden ist.

§ 144 Bestätigung des anfechtbaren Rechtsgeschäfts

(1) Die Anfechtung ist ausgeschlossen, wenn das anfechtbare Rechtsgeschäft von dem Anfechtungsberechtigten bestätigt wird.

(2) Die Bestätigung bedarf nicht der für das Rechtsgeschäft bestimmten Form.

usw.

Zins und symbolische Gewalt im Mikrosozialen

Ein Beispiel für die Art von Gewalt, um die es nun geht, findet sich auch bei Simmel in Philosophie des Geldes:

Ja sogar als eine Art moralischen Verdienstes gilt der Reichtum; was sich nicht nur in dem Begriff der Respectability oder in der populären Bezeichnung wohlhabender Leute als »anständiger«, als »besseres Publikum« ausdrückt, sondern auch in der Korrelaterscheinung: dass der Arme behandelt wird, als hätte er sich etwas zuschulden kommen lassen, dass man den Bettler im Zorne davonjagt, dass auch gutmütige Personen sich zu einer selbstverständlichen Überlegenheit über den Armen legitimiert glauben.

Wenn für die Straßburger Schlossergesellen im Jahr 1536 bestimmt wird, der Montag Nachmittag solle für alle die arbeitsfrei sein, die über acht Kreuzer Lohn hätten, so wird damit den materiell besser Situierten eine Wohltat erwiesen, die nach der Logik der Moral gerade den Dürftigen hätte zukommen sollen.

Aber gerade zu so perversen Erscheinungen steigert sich mehr als einmal das Superadditum des Reichtums: der praktische Idealismus, etwa äußerlich unbelohnter wissenschaftlicher Arbeit, wird für gewöhnlich an einem reichen Manne mit größerem Respekt betrachtet, als ethisch hervorragender verehrt, als an einem armseligen Schulmeister!
Simmel beschreibt, wie aus der gesellschaftlichen Stellung, die durch Statussysmbole oder andere äußere Merkmale wie z.B. Einstellung, Sprache, Kleidung, Verhalten oder Lebensstil im Mikrosozialen (also in den Begegnungen vis à vis) sichtbar sind, bestimmte standeskonforme Ansprüche, Kleinstforderungen, Minizugeständnisse, „Selbstverständlichkeiten“ im sozialen Umgang abgeleitet werden, denen sich auch diejenigen fügen, zu deren Lasten sich diese Ansprüche auswirken. Die Symbole und Merkmale des Standes sind dann entsprechend die Symbole und Merkmale der Herrschaft(en).

In seiner Beschreibung, wie das Über-Ich und unsere heutigen Verhaltensweisen und Umgangsformen entstanden sind, verwendet Norbert Elias in Über den Prozeß der Zivilisation die Distinktion als differenzierendes Prinzip, demzufolge Menschen eines höheren Standes sich unterschieden (lat. distinguere) und gar unterscheiden müssen um daraus rückwirkend Macht- und Herrschaftsansprüche abzuleiten.

Pierre Bourdieu expliziert durch seinen Begriff der symbolischen Gewalt die Paradoxie der Unterwerfung und Akzeptanz von Herrschaft und definiert sie wie folgt:

[Symbolische Gewalt] ist eine sanfte, für ihre Opfer unmerkliche, unsichtbare Gewalt, die im Wesentlichen über die rein symbolischen Wege der Kommunikation und des Erkennens, oder genauer des Verkennens, der Anerkennens, oder äußerstenfalls, des Gefühls ausgeübt wird.

Wenn man ganz feinfühlig wird, dann können schon Gesten als Teil des Habitus, wie bestimmte Handbewegungen, Körperhaltungen, Themen und Wortwahl solche Symbole sein. Die Logik dieser subtileren, von der Bedeutung der Symbole, ihrer Semantik abhängigen Art der Herrschaft basiert auf der beidseitigen Kennung und Anerkennung eines symbolischen Prinzips:

Dabei kann es sich um eine Sprache (oder Aussprache), einen Lebensstil (oder eine Denk-, Sprech- oder Handlungsweise) und, allgemeiner, eine distinktive Eigenschaft, ein Emblem oder ein Stigma handeln, diese völlig willkürliche körperliche Eigenschaft ohne Voraussagekraft.

Eine zeitgemäße Benennung symbolischer Gewalt ist die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (GMF). Die Herrschaftsstrukturen stecken implizit und zumeist unreflektiert, also unbewusst in den Auffassungs- und Einteilungsprinzipien und -schemata, die von Herrschern und den Beherrschten geteilt werden. Im Speziellen passen die beidseitig geteilten Symbole wie Schlüssel in Schlösser oder fallen wie der Hammer auf den Amboss (vgl. zum Typus des Zwanghaften in Fritz Riemanns Modell der Grundformen der Angst).

Wenn die Beherrschten auf das, was sie beherrscht, Schemata anwenden, die das Produkt der Herrschaft sind, oder wenn, mit anderen Worten, ihre Gedanken und ihre Wahrnehmungen den Strukturen der Herrschaftsbeziehung, die ihnen aufgezwungen ist, konform strukturiert sind, dann sind ihre Erkenntnisakte unvermeidlich Akte der Anerkennung, der Unterwerfung.
... und das bezieht sich auch auf Erkenntnisse. Die wegen des kognitiven Rahmens systematisch eingeengten Erkenntnisse sind somit implizit systemkonform. Forschung über negative Zinsen wird verboten, die Erkenntnisse daraus werden unterdrückt.

Die patriarchaische Ausbeutung der Frau durch den Mann als Protoform symbolischer Gewalt

Die Frau gibt das Kind in einem Akt höchster Form friedlicher Hingabe, der Mann nimmt es. Nur dann ist dieser elementare Akt des Fortbestehens des Menschen kein biologisch konstituiertes Ausbeutungsverhältnis, wenn das, was die Frau von ihrer Substanz (Leben ist Liebe, Liebe ist am Anfang Nahrung, und diese Nahrung erzeugt der Körper der Frau) dem Kind gibt, der Mann der Frau durch seelische und körperliche Zuwendung, Beistand und Unterstützung zurückgibt und das Kind von beiden gleichberechtigt und gegenseitig als ein Gemeinsames und zunehmend für sich Stehendes anerkannt wird. Nur dann ist das Fortpflanzungsverhältnis von Mann und Frau eine ausgeglichene Austauschbeziehung.

Die patriarchaische Ausbeutung der Frau durch den Mann enthält genügend sprachliches Material, das zur Analogieübertragung auf die meisten Formen symbolischer Gewalt herhalten kann. Dem patriarchaischen Narrativ zufolge symbolisiert die Frau des Ausbeutungsverhältnisses die Rolle des unterworfenen, hingebungspflichtigen Partners, während dem Mann die herrschende, fordernde und nehmende Rolle zufällt.

Manifest wir der den Männern universell zuerkannte Vorrang zum einen in der Objektivität der sozialen Strukturen [über das Kapital verfügen überwiegend Männer!] und der produktiven und reproduktiven Tätigkeiten, die auf einer geschlechtlichen Arbeitsteilung der biologischen und sozialen Produktion gründen, welche dem Mann den besseren Part zuweist, und zum anderen in den allen Habitus immanenten Schemata. Durch gleichartige Bedingungen geprägt und daher objektiv aufeinander abgestimmt, funktionieren diese Schemata als Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsmatrizen aller Mitglieder der Gesellschaft, als historische Transzendentalien, die, da sie allgemein geteilt werden, sich jedem Akteur als transzendente aufzwingen. Dementsprechend kommt der androzentrischen Vorstellung von der biologischen und sozialen Reproduktion die Objektivität des Alltagsverstandes, eines praktischen Konsenses der Meinungen über den Sinn der Praktiken zu. Die Frauen selbst wenden auf jeden Sachverhalt und insbesondere auf die Machtverhältnisse, in denen sie gefangen sind, Denkschemata an, die das Produkt der Inkorporierung dieser Machtverhältnisse sind und die in den Gegensätzen, auf denen die symbolische Ordnung basiert, ihren Ausdruck finden. Ihre Erkenntnisakte sind eben dadurch Akte praktischer Anerkennung, einer doxischen Übereinstimmung, eines Glaubens, der sich nicht als solchen weiß und behaupten muss und der gleichsam die symbolische Gewalt »macht«, der er unterliegt.

Der Zins ist das Kind des Geldes mit demjenigen Menschen, der ihn durch seine Arbeitskraft gebärt

Wie kein anderes Symbol ist das Symbol einer Währung konstitutiv für die Formen symbolischer Gewalt, die direkt und indirekt aus ihrem zentralen Wirkmechanismus, dem Zins, abgeleitet sind. Im Mikrosozialen sind es die zwei Parteien des Leih- bzw Mietvertrags, Mieter und Vermieter, Pächter und Grundherr, Kreditnehmer und Sparer, Emittent von Anleihen und Obligationen und Käufer diese Wertpapiere, und im Makrosozialen sind es die Armen und die Reichen, die Beherrschten und ihre Herrscher, das Proletariat und die Bourgeoisie, die an der zinsneutralen Schicht in ihre sozialen Rollen getrennt sind, wie symbolisch die ausgebeutete Frau und der ausbeutende Mann des Narrativs. Entsprechend ist das Kind dieser Beziehung der Gewinnanteil in der Miete, der Pachtzins, der Geldmarktzins oder die Lizenz-, die Nutz oder die Leihgebühr im Allgemeinen.

Gewalt gegen die natürliche Semantik und Framing

Eine eher indirekt dem Zins zuzuschreibene Form der symbolischen Gewalt geht von der perversen sprachlichen Unterscheidung von Arbeit„gebern“ und Arbeit„nehmern” aus. Nicht allein, dass entgegen der Benennung beide auf je sehr unterschiedliche Weisen arbeiten, verzerrt und verletzt das abstrakte, schutzwürdige Gut, das Opfer dieser Form dieser Gewalt wird, nämlich die Wahrheit, sondern die Worte sind auch noch verkehrt herum zu ihren Bedeutungen, denn der, der seine Arbeit gibt und dafür am entsprechenden Markt Lohn nimmt soll Arbeit„nehmer“ heißen, während derjenige, der fremde Arbeitskraft nimmt und im Gegenzug dafür Lohn zahlt, Arbeit„geber“ genannt werden will.

Diese Art von Gewalt gegen die natürliche Semantik zu beschreiben, die aus der Verwendung dieser perversen Terminologie basiert, erfordert neurophysiologische oder psychologische Kenntnisse über das Zusammenspiel von Worten und Wortbedeutungen und darüber, wie das Gehirn mit den folgerichtigen (!) logischen Konstruktionen während der Verwendung der Begriffe umgeht. Es sollte jedoch zur Wirkung wenigstens gesagt werden können, dass die Verwendung eine Art Verwirrung stiftet und den normalen Menschenverstand gewissermaßen „aushebelt” (z.B. Eintrag vom 25.02.2019 zum Framing).

Den Begriff Framing, der auch im Arbeitsbereich des Psychologen Rainer Mausfeld liegt, übersetze ich mir am einfachsten mit kognitiver und affektiver Assoziationsrahmen oder -feld. Damit meine ich, dass bestimmte Begriffe sowohl informationell (kognitiv) als auch emotional (affektiv), mit bestimmten anderen Begriffen und Gefühlszuständen, also mit anderen Informationen und Emotionen verknüpft sind, also Assoziationen und Gefühle auslösen, dass sie also Konnotationen haben. Diese Konnotationen und Assoziationen gehören zu dem Rahmen (englisch. Frame) des Gesendeten, in dem etwas durch entsprechende Interpretation verstanden wird. Besonders sensible Reiz-Themen sind das Geld, soziale Sicherheit, Flüchtlinge und natürlich Kinder. Wenn über Solches gesprochen wird, dann befindet sich jedes Wort wie unter einer Fokus- oder Brennlinse der Aufmerksamkeit, weswegen die Worte klug und bedächtig gewählt werden sollten.

Reproduktion der vom Zins abgeleiteten Formen symbolischer Gewalt

Pierre Bourdieu beschreibt im Folgenden die Reproduktion der symbolischen Gewalt über Indokrination und suggestiv-semantische Manipulation. Allein durch das permanente Wiederaufrufen der Symbole verfestigen sich seine Konnotation, so dass die damit verbundene implizite Unterordnung akzeptiert wird.

Indes liegt es mir völlig fern, zu behaupten, dass die Herrschaftsstrukturen ahistorisch sind. Vielmehr versuche ich den Nachweis zu führen, dass sie das Produkt einer unablässigen (also geschichtlichen) Reproduktionsarbeit sind, an der einzelne Aktuere (darunter die Männer mit den Waffen der physischen und symbolischen Gewalt) und Institutionen, die Familien, die Kirche, die Schule, der Staat beteiligt sind.

Die Beherrschten wenden vom Standpunkt der Herrschenden aus konstruierte Kategorien auf die Herrschaftsverhältnisse an und lassen diese damit als natürlich erscheinen. Das kann zu einer Art systematischer Selbstabwertung, ja Selbstentwürdigung führen.
Schon an anderer Stelle habe ich ausgeführt, dass der Zins ein negativer Preis, eine Abwertung, von Arbeit ist. Wer ihn zahlt, der akzeptiert, dass etwas, das er zur Tilgung des Darlehenszinses befohlenermaßen hergibt, nämlich seine Arbeitskraft, also einen negativen Preis hat, denn der Zinsschuldner gibt seine Arbeitskraft und er gibt den Zins. Wenn jedes Sein irgendeine Form der Arbeit ist, weil Arbeit nur eine spezielle Form des Stoffwechselns ist, dann ist die Erweiterung vom negativen Preis der Arbeit über die Abwertung der Arbeit zur Selbstabwertung eine billige Übertragung.

Gewalt gegen die Wahrheit über das Zinsnehmen

Die symbolische Gewalt richtet sich mittels der Zustimmung ein, die dem Herrschenden (folglich der Herrschaft) zu geben der Beherrschte gar nicht umhin kann, da er, um ihn und sich selbst, oder besser, seine Beziehung zu ihm zu erfassen, nur über Erkenntnismittel verfügt, die er mit ihm gemein hat, und die, da sie nur die verkörperte Form des Herrschaftsverhältnisses sind, dieses Verhältnis als natürlich erscheinen lassen - oder mit anderen Worten: da die Schemata (hoch/niedrig, männlich/weiblich, weiß/schwarz usf.), von denen er Gebrauch macht, um sich selbst oder die Herrschenden wahrzunehmen und zu bewerten, das Produkt der Inkorporierung der damit naturalisierten Klassifikationen sind, deren Ergebnis sein soziales Sein ist.
Zum von den Lebenswirklichkeiten ausgehenden und in ihnen endenden Kausalnexus des Zinsmechanismus gehören Belohnungen und Belastungen, Begünstigungen und Schädigungen, Vor- und Nachteile. Das Wort 'Zins' ist jedem bekannt, doch seine Bedeutung und Wirkweise wird mit der Deutung in der Wirklichkeit der durch ihn Begünstigten aufgeladen und letztlich „überschrieben”. Die Aussagen zu den Belohnungen, Begünstigungen und Vorteilen des Zinsnehmens in den Lebenswirklichkeiten, und vor allem in den Lebenswirklichkeiten der durch das Zinsnehmen Begünstigten, werden zu allgemeinen Wahrheiten erklärt, während die Belastungen, Schädigungen und Nachteile, die sich vorwiegend in den Lebenswirklichkeiten der durch das Zinsnehmen Benachteiligten manifestieren, im Diskurs unterdrückt sind. Auch werden die Details des Kausalnexus im Diskurs und in der Tradierung des wirtschaftswissenschaftlichen, soziologischen und psychologischen Wissens verschwiegen oder gar unterdrückt. Über den Zins schweigt man sich beharrlich aus. Der Zins wird als conditio sine qua non, als gegeben, unabschaffbar, unvermeidbar oder gar natürlich bezeichnet, und genau dies verfestigt durch diese subtile diskursive Gewalt das ideologische Gebäude des Kapitalismus im Bewusstsein der Gesellschaften. Es wir nicht nicht nur verschwiegen, dass die vielen Krisensymptome des perversen Prozesses mit den verschwiegenen oder verklärten Nachteilen zusammenhängen, sondern es wird ganz unterdrückt, dass das Vorzeichen des Zinses auch negativ sein kann und also eine ganz andere Welt möglich ist.

Das affektive Ködern

Man kann folglich diese besondere Form von Herrschaft nur unter der Bedingung begreifen, dass man die Alternative von Nötigung (durch Kräfte) und Zustimmung (zu Gründen), von mechanischem Zwang und willentlicher, freier, überlegter, ja kalkulierter Unterwerfung überwindet. Ihre Wirkung entfaltet die symbolische Herrschaft (sei sie die einer Ethnie, des Geschlechts, der Kultur, der Sprache usf.) nicht in der reinen Logik des erkennenden Beusstseins, sondern durch die Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Handlungsschemata, die für die Habitus konstitutiv sind und die diesseits von Willenskontrolle und bewusster Entscheidung eine sich selbst zutiefst dunkle Erkenntnisbeziehung begründen.
[...]
Die symbolische Kraft ist eine Form von Macht, die jenseits allen physischen Zwangs unmittelbar und wie durch Magie auf die Körper ausgeübt wird. Wirkung aber erzielt diese Magie nur, indem sie sich auf Dispositionen stützt, die wie Triebfedern in die Tiefe der Körper eingelassen sind. Und da sie diese Dispositionen nur auszulösen braucht, die eine zielgerichtete Einprägungs- und Inkorporierungsarbeit in denjenigen angelegt hat, die infolgedessen für sie empfänglich sind, kann sie auch wie ein Auslöser mit einem äußerst geringen Energieaufwand operieren.
Zu den benannten Dispositionen zählen sicher auch Neigungen, Begierden, tiefsitzende, teils archaische Ängste wie Zukunftsangst oder das relativ natürliche Vorsorgebegehren sowie empfundene Vulnerabilitäten. Bestimmte Symbole entfalten ihre Wirkung auf der Grundlage der affektiv-semantischen Aufladung, die auf sie übertragen wurde. Dabei kann man z.B. an die Gegenstände ritueller oder kultischer Handlungen denken, die ihrer affektiven Aufladung gemäß bedeutsam sind, an die Waffe eines Polizisten oder den Hammer eines Richters. Zudem drängt sich manchem assoziativ vielleicht die Verfilmung des Romans Clockwork Orange auf, bei dem Beethovens Fünfte als Symbol mit Eindrücken exzessiver körperlicher Gewalt verknüpft wurde, wie beim Pawlow'schen Hund. Das Gehirn des so Konditionierten rief durch das Hören von Beethovens Fünfte die emotionalen Bewertungen der Gewaltexzesse auf, so dass der diesem Auslösereiz Exponierte Gefühle wie in der realen Gegenwart der Eindrücke durchlebte.

Anders gesagt, sie findet ihre Möglichkeitsbedingungen und ihr (im erweiterten Sinne) wirtschaftliches Gegenstück in der gewaltigen vorgängigen Arbeit, die für die nachhaltige Transformation der Körper und die Erzeugung der dauerhaften Dispositionen notwendig ist, welche sie auslöst und wachruft. Diese Arbeit ist umso wirksamer, als sie im Wesentlichen auf unsichtbare und heimtückische Art und Weise vonstatten geht, durch das unmerkliche Vertrautwerden mit einer symbolisch strukturierten physischen Welt und die frühzeitige und fortwährende Erfahrung von Interaktionen, die von den Strukturen der Herrschaft geprägt sind.
Spätestens hier darf man sich die Idee der Reformation wie ein Projekt zur Heranbildung eines neuen Menschen denken, des Homo-Oeconomicus. Der Zins dient darin als Werkzeug zur Konditionierung des Verhaltens.

[...]

Symmetrie-Vergleich der Störungen des Gleichgewichts der Bestimmung aufgrund des Zins-Vorzeichens

Hinsichtlich des Vorzeichens des Zinses können symmetrische und asymmetrische Wirkungen auf das Gleichgewicht der Bestimmung voneinander unterschieden werden. Wenigstens bei positivem Vorzeichen des Zinses kann seine Wirkung als Störung bezeichnet werden, die sich bei Umkehr des Vorzeichens von der einen Seite des Leihvertrags auf die andere Seite verlagert und sich dort gleichartig, also „symmetrisch“ zur Störung bei umgekehrtem Vorzeichen, darstellt oder ungleichartig, unterschiedlich, „asymmetrisch“.

Für die folgende Analyse ist bei negativem Zins das Verbot des Bargelds, seine nominelle Abzinsbarkeit oder seine Beschränkung vorausgesetzt.

Symmetrie der Störung: Vertragsabschlusszwang

Bei positivem Zins steht der Leihnehmer unter einem Vertragsabschlusszwang (vgl. zu einem Kontrahierungszwang in Kombination mit Verträge sind einzuhalten) von sich den Zins zu nehmen oder Verträge, also Kaufverträge (Eigentum), Arbeitsverträge (Arbeit) oder auch Leihverträge (Besitz und Nutzung), abzuschließen, die ihm einen Vorteil verschaffen, so dass er letztendlich nach Ausschluss vorheriger Möglichkeiten den (positiven) Zins von seinem Vertragspartner nimmt, um ihn dann dem Leihgeber hinzugeben (vgl. Abschnitt zur unsichbaren Hand). Die Aufnahme der Zinsschuld an sich selbst ist bei der Zins-Allokation dem Begriff der Absorption (Aufnahme) zugeordnet, die Übertragung der Zinsschuld auf Marktpartner heißt Dispersion (Streuung, Übertragung). In jedem Fall ist er dazu gezwungen, neue oder andere Verträge abzuschließen, um den Zins von dort nehmen und die Zinsschuld zu begleichen.

Auch bei negativem Zins entsteht ein Vertragsabschlusszwang (vgl. zu einem Kontrahierungszwang), diesmal jedoch auf der Seite der Leihgeber, der sich jedoch anders darstellt als bei positivem Zins. Steht überschüssiges, vorrätig gehaltenes Geldkapital unter einem negativen Zins, wird dem Geldkapital also eine Zinsschuld auferlegt, dann kann sein Eigentümer versuchen, Leihnehmer zu finden, die weniger Zins nehmen als die Institution, bei der das Geldkapital vorrätig gehalten wird (Wirkung des Antriebs der Negativ-Zins-Ökonomie). Auch hier kann durch entsprechenden Vertragsabschluss ein Teil der Zinsschuld „abgewehrt“ werden, präziser nämlich die Differenz vom Zins der Vorratslagerstätte und vom Zins des Leihvertrags. Schließt er einen für ihn günstigen Leihvertrag ab, dann verliert der Leihgeber also weniger Geldkapital als wenn er es untätig der Bank (die „Standard-Geld-Vorratshaltungs-Institution“) überließe.

Ein Vertragsabschlusszwang (wie ein Kontrahierungszwang), eine Einschränkung der Privatautonomie, ist also bei positivem Zins auf der Seite der Leihnehmer und bei negativem Zins auf der Seite der Leihgeber und ist also eine symmetrische Störung des Gleichgewichts der Bestimmung.

Asymmetrie der Störung: Arbeit und Kapital

Man könnte daher vielleicht meinen, dass sich bei einem Vorzeichenwechsel des Zinses gerade das Verhältnis von Ausbeutern und Ausgebeuteten, Herren und Knechten, Bourgeoisie und Proletariat, Hochstehenden und Untertanen, umkehrt, gemäß dem Satz „des Einen Freud ist des Anderen Leid“, doch ist das nicht so.

Die Störung der doppelten Kontingenz ist hinsichtlich des Vorzeichens des Zinses auch asymmetrisch. In Abhängigkeit vom Zinsvorzeichen werden Geldguthaben und Geldschulden auf Leihgeber und Leihnehmer verteilt. Der Zins ist für beide jeweils ein positiver oder negativer Geldbetrag. Doch muss dabei berücksichtigt werden, dass bei positivem Vorzeichen der Zins auf der Seite des Leihnehmers und auch im ganzen Geldsystem nicht vorhanden ist und letztendlich als Gegenwert irgendeiner Form von Arbeit (physische Arbeit, psychische Arbeit in Form einer Rationalisierung) abbezahlt werden muss, während bei negativem Vorzeichen der Zins einfach vom bestehenden Kapital genommen wird, wenn er nicht aus dem Nichts geschöpft (ist das noch Zukunftsmusik: Geldschöpfung aus dem Nichts bei negativem Zins?) ist. Das Genommene, Erzwungene, Geforderte ist also bei positivem Zins Arbeit, und bei negativem Zins ist es Kapital. Bei Ersterem ist es ein Teil der Stoffwechselleistung von Lebendigem, bei Letzterem etwas Totes.

Der Wechsel des Zinsvorzeichens und die Entstehung des Sozialismus: Schumpeter zu Marx

Die Störung des Gleichgewichts der Bestimmung bei positivem Zins äußert sich im Verhältnis zweier Klassen: einerseits die den Zins fordernden Leihgeber, die Kapitalisten und Finanz-„Unternehmer“ (analog Vermieter, Grundherren, Patenteigentümer, usw.), und andererseits die Gruppe der Menschen , die die Zinsschuld (durch „Absorption“) abarbeiten oder (durch „Streuung“) im Netzwerk der Real-Wirtschaft weiterreichen müssen inclusive des Leihnehmers, also realwirtschaftliche, irgendwie am gesamten Stoffwechsel beteiligte Unternehmer, Arbeiter und Angestellte. Die Klassengrenze (vgl. Begriff der zinsneutralen Schicht in der NETTO-Zinsbilanz) bleibt zwar bei einem Wechsel des Zinsvorzeichens zunächst bestehen, da immer noch Leihnehmer von Leihgebern unterschieden werden können, jedoch zwingt nicht mehr die eine Klasse die andere zur Arbeit, sondern beide nehmen Zins vom Kapital: Der Leihgeber nimmt von seinem Kapital Zins und gibt ihn dem Leihnehmer. Er nimmt den Zins nicht von sich oder von anderen, sondern von seinem Kapital. Im Verlauf des zur Negativ-Zins-Ökonomie gehörigen Prozesses bewegt sich die zinsneutrale Schicht in Richtung kleinerer Kapitalvermögen, bei positivem Zins verlagert sie sich aufwärts.

Ich vermute, dass Joseph Schumpeter noch zu Lebzeiten Irving Fishers und 15 Jahre nach dem Tod Silvio Gesells diese Folge des Vorzeichenswechsel bewusst war, als er den von Marx prophezeiten gewaltsamen Umsturz des kapitalistischen Systems durch das in der Krise der Massenarbeitslosigkeit und dem Endkampf aufbegehrende Proletariat kritisierte, diese Projektion also teilweise zurückwies und dennoch Marxens wissenschaftlichen Ansatz zur Begründung eines Sozialismus würdigte[3, S. 98 ff.]:

Während Marx selbst sich klugerweise enthielt, die sozialistische Gesellschaft im Einzelnen zu beschreiben, legte er den Nachdruck auf die Bedingungen ihrer Entstehung: einerseits das Vorhandensein von industriellen Riesenunternehmungen [Digitalisierung, Industrie 4.0] - die selbstverständlich die Sozialisierung sehr erleichtern würden -, und andererseits das Vorhandensein eines unterdrückten, geknechteten, ausgebeuteten, doch auch sehr zahlreichen, geschulten, geeinten und organisierten Proletariats. Dies gibt manche Andeutung hinsichtlich des Endkampfes, der das akute Stadium des jahrhundertelangen Kriegs zwischen den zwei Klassen sein wird, die dann das letzte Mal gegeneinander ausziehen werden. Es lässt noch Einiges von dem erraten, was folgen soll: es liegt die Vorstellung nahe, dass das Proletariat als solches die »Regierung übernehmen« und durch seine »Diktatur der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen« ein Ende bereiten und die klassenlose Gesellschaft herbeiführen wird. Wenn es unsere Absicht wäre, zu beweisen, dass der Marxismus ein Glied der Familie chiliastischen Glaubensbekenntnisse ist, würde dies gewiss reichlich genügen. Da wir uns nicht mit diesem Aspekt beschäftigen, sondern mit einer wissenschaftlichen Vorhersage, tut es das offensichtlich nicht.

[...]

Dies sollte auch das Problem lösen, das die Kinder gespalten hat: Revolution oder Evolution? Wenn ich die Meinung von Marx erfasst habe, ist die Antwort nicht schwer zu geben. Die Evolution war für ihn die Mutter des Sozialismus. Er war viel zu sehr erfüllt von einem Gefühl der inhärenten Logik der sozialen Dinge, um zu glauben, dass die Revolution irgendeinen Teil des Werkes der Evolution ersetzen könne. Die Revolution kommt dennoch. Aber sie kommt nur, um den Schlusssatz unter eine vollständige Reihe von Prämissen zu schreiben. Die Marxsche Revolution unterscheidet sich daher nach ihrer Natur und ihrer Aufgabe völlig von den Revolutionen sowohl der bourgeoisen Radikalen als der sozialistischen Verschwörer. Sie ist ihrem Wesen nach Revolution in der Fülle der Zeit. Es ist richtig, dass Jünger, die eine Abneigung gegen diesen Schluss und namentlich gegen seine Anwendung auf den russischen Fall haben, auf viele Stelle in der heiligen Schriften hinweisen können, die ihm zu widersprechen scheinen. Doch in diesen Stellen widerspricht Marx selbst seinem tiefsten und reifsten Gedanken, der unmissverständlich aus der analytischen Struktur des Kapitals spricht und der - wie notwendig jeder Gedanke, der durch ein Gefühl für die inhärente Logik der Dinge inspiriert ist - unter dem fantastischen Glitzern zweifelhafter Edelsteine zu deutlich konservativen Folgerungen führt. Und, schließlich, warum nicht? Kein ernsthaftes Argument unterstützt je bedingungslos irgendwelchen «ismus». Sagt man, dass Marx, von Phrasen entkleidet, eine Auslegung im konservativen Sinn zulässt, so besagt dies nur, dass er ernst genommen werden kann.

Referenzen / Einzelnachweise