Die Idealform der natürlichen Persönlichkeit

Wenn einer anfängt, im reifen Kapitalismus von „der“ natürlichen Persönlichkeit zu sprechen, dann sollten bei jedem Menschen mit Geschichtsbewusstsein und vor dem Hintergrund zahlreicher Ideologien und Glaubenssysteme die Alarmglocken schrillen, denn in dem Moment, in dem im Geistigen, denn Persönlichkeit ist auch etwas Geistiges (Überkörperliches, Metaphysisches), ein Bezugspunkt (hier „die“ natürliche Persönlichkeit) definiert wird, relativieren sich andere Punkte dazu und die Begriffe des Abstands, der Norm, des Durchschnitts und der Standardabweichung treten auf. Die über solchen absoluten Bezugspunkte und Intervalle definierten, in gewissem Abstand dazu außerhalb liegenden (i.d.R.) Minderheiten sind im Verlauf der Geschichte oft Opfer von Diskriminierungen geworden, wurden wegen ihrer Andersartigkeit ausgesondert, vertrieben oder gar ermordet.

Die Analyse der umgekehrten Vorgehensweise, bei der die eigene Persönlichkeit der absolute Bezugspunkt ist und von dem aus andere Persönlichkeitsformen und -strukturen über diskursiv oder verhaltensmäßig auftretende Unterschiede relativiert werden, liefert in vielen Bereichen des Seins Hinweise zu der Frage, ob es überhaupt einen absoluten Bezugspunkt geben kann. Dazu geht man also von Gegebenem, dem Selbst, aus und untersucht die Umgebung in den unterschiedlichen möglichen Richtungen (Dimensionen).

Diese differenzielle Vorgehensweise, bei der der Widerspruch, der Dissens, die persönlichen Unterschiede von Werten, Auffassungen, Perspektiven und Verhaltensweisen das Messergebnis im Umweltkontakt ist, ist zunächst scheinbar die einzig verlässliche Informationsquelle zu der Frage, ob es diese natürliche Persönlichkeit überhaupt geben kann.

Als Auffassungswerkzeug des Geistigen, um das es hier geht, werden in der Regel (das ist schon eine Einschränkung) die fundamentalst möglichen Begriffe hergenommen, denn nur so kann sich der Einzelne in seiner Konstruktion sicher sein, auch wirklich „alles zu erwischen“.

Ausgangspunkt der Betrachtung ist der Begriff der Persönlichkeit, zu dem analytische als auch synthetische Eigenschaften (Prädikate) gehören. Der anvisierte Gegenstand sind die analytischen Eigenschaften der Seele, die für ihre Existenz und ihr Fortbestehen notwendig sind, ohne die also weder Sein noch Werden möglich sind. Das Wort Analyse sagt es bereits, die natürliche Persönlichkeit findet sich durch Analyse, und Analyse bedeutet Zerlegung, Spaltung, Abtrennung von Teilen des Ganzen. Synthese, auf der anderen Seite, bedeutet Hinzufügung von Eigenschaften, die Zuweisung und Zuschreibung von Möglichem und nicht Notwendigem an das Untersuchte, Beobachtete.

Der Sinn und das Sinnliche

Es muss im Folgenden sorgsam zwischen beobachtendem und beobachtetem Subjekt unterschieden werden. Für je ein beobachtendes Subjekt ist das jeweils andere, beobachtete Subjekt Objekt. Beobachtet ein Subjekt ein anderes, so wird es für es zu einem Objekt, zu einer sinnlichen Darstellung und des dahinter liegenden, nicht direkt zugänglichen Subjekts. Die von dem Objekt ausgehenden Wirkungen erzeugen im Wahrnehmungsapparat des Subjekts (dem Gehirn) sinnliche Reize. Beobachtungen sind also zunächst Sinneseindrücke, die im Subjekt entstehen. Sie sind selbst eine Reaktion darauf, dass das beobachtende Subjekt dem Objekt physikalisch ausgesetzt ist.

Sinn erster und zweiter Ordnung

Unmittelbare Sinneseindrücke erster Ordnung sind das Optische (vom und durch das Sehen), das Akkustistische (vom und durch das Hören), das Thermo-Taktile (Tasten, Hautkontakt, Wahrnehmung von Temperaturunterschieden), das Olfaktorische (Riechen) sowie das Gustatorische (Schmecken). In der Weiterverarbeitung im Gehirn entstehen in Verbindung mit dem Gedächtnis im limbischen System dann Sinneseindrücke zweiter Ordnung, Bewertungen der sinnlichen Eindrücke, die Emotionen und Affekte.

Der Begriff der Ordnung ist hier eng verknüpft mit der Kausalität eines beobachtenden Bewusstseins. Die Sinneseindrücke erster Ordnung liegen dichter an der äußeren Ursache, die Affekte sind Wirkung und somit Sinn höherer Ordnung. Zeitlich folgt die Wirkung der Ursache und so gibt es aufgrund der Reizleitungseigenschaften des Gehirns eine pysikalische Verzögerung einen zeitlichen Abstand zwischen dem Entstehen von Sinneseindrücken erster und zweiter Ordnung.

Auf welche Weise Sinneseindrücke erster und zweiter Ordnung miteinander zusammenhängen, ist die Frage nach der Persönlichkeit, denn über die Sinne erster Art verfügen wir Menschen und die meisten Säugetiere alle, doch wie wir emotional darauf reagieren, ist eine individuelle Frage der Persönlichkeit.

Bewertung und der Sinn zweiter Ordnung

Die Persönlichkeit eines Menschen stellt sich anderen Beobachtern in Antworten und Reaktionen auf äußere Umweltreize (Fragen, Handlungen an und mit dem Subjekt) dar. Das Objekt antwortet auf Fragen, reagiert auf äußere Ereignisse. Bei der Einordnung all der Sinneseindrücke (Antworten und Reaktionen), die ein Beobachter von diesem Objekt erhält, greifen die meisten Menschen auf eigene sinnliche Kategorien die den sinnlichen Dimensionen zugeordnet sind zurück. Wir ordnen optische Sinneseindrücke nach Farbe, Fleckigkeit, der Art des Musters, Helligkeit usw. akkustische nach Lautstärke, Klang, usw. geschmackliches nach Süße, Säure, Schärfe usw.

Diese Begriffe zur „Sortierung“ der Sinneseindrücke sind bereits Teil der Persönlichkeit. Es sind Auffassungsdimensionen der Wirklichkeit, die zu dem persönlichen Raster/Schema/Kastensystem gehören, nach dem der Einzelne die Wirklichkeit wahrnimmt und den Reiz dann in eine Bewertung (Sinneseindruck zweiter Ordnung) überführt. In der nächsten, der dem ersten Sinneseindruck übergeordneten Verarbeitungsstufe von Umweltreizen steht die Quantität der Eigenschaft der Auffassungsdimension: wie laut, wie farbig, wie salzig ist das Objekt und aus alldem entsteht im Bewusstsein des Subjektes dann vielleicht eine komplexe Bewertung wie schmeckt, gefällt, fühlt sich gut, gerade noch gut, schlecht oder gar nicht (an).

Die Auffassungsdimensionen von Wirklichkeit sind also bereits Teil der Persönlichkeit und diese sollten einem bewusst sein, wenn man versucht, ein Gegenüber nach diesem subjektivem Schema einzuordnen. Das Beobachtete denkt, fühlt, handelt vielleicht gar nicht in den Auffassungsdimensionen, sieht die Wirklichkeit vielleicht ganz anders. Man ist mit dem anderen Selbst nicht physisch verbunden und so kann man es, wenn man es nicht kennt, eigentlich nur hinsichtlich der eigenen Auffassung einordnen und damit unter Umständen völlig falsch liegen.

Dichotomien der Auffassung und Persönlichkeitsstruktur

Differenzielle Betrachtungen