Zur Entwicklung des Über-Ichs im psycho-sozialen Strukturmodell

Innerlich betrachtet kann das Bewusstsein im Fluß der Zeit als ein „Balanceakt“ (das Denken) zwischen zwei fundamentalen seelischen Instanzen beschrieben werden. Sigmund Freud nennt diese zwei Instanzen in seinem Strukturmodell der Psyche das Es und das Über-Ich, wobei dem Es die unmittelbaren Sinnesreize und Gefühle (das Fühlen) zugeschrieben werden und das Über-Ich Regeln bzw. Aussagen „enthält“ nach denen das Individuum handeln soll. Das Handeln ist die Realisierung des Erdachten.

Handeln als Ergebnis von Denken und Fühlen
Das Struktur-Modell der Psyche nach Sigmund Freud.

Die (heute beobachtbaren) Strukturen des Über-Ichs dienen in der Gesellschaft der Regulation der Impulse des Es und haben sich im Verlauf des Kapitalismus der Neuzeit, in der Renaissance (Wiedergeburt) bzw. in der Reformation (Neubildung) gebildet. Doch auch im Zeitraum seit dem Beginn des kapitalistischen Prozesses, dem Sündenfall vor etwa 6.000, hat der Zins die Seele des Menschen und seine Sprache geformt.

Der deutsche Soziologe Norbert Elias und scharfer Kritiker der Systemtheorie (wie vermutlich auch des radikalen Konstruktivismus) beschreibt in seinem Buch Über den Prozess der Zivilisation die Wirkung des Zerfalls des geozentrischen Weltbilds als eine Art narzistische Frustration, aus der heraus der moderne Mensch anfing, durch Reflektion der bzw. über die Funktionsweisen und Gesetzmäßigkeiten (Gesetze sind Bestimmungen !) der Objekte seiner Umwelt und durch zielgerichtete Forschung daran selbst Kontrolle über die Natur auszuüben, nachdem ihm gewahr worden war, dass die Welt, entgegen der vermeintlichen religiösen Verheißung, Gott habe dem Menschen die Welt zu Füßen gelegt (Gen. 2:[15,16]), nicht so gebaut ist, dass sie sich allein um ihn drehte.

Für Norbert Elias ging die Zunahme der Ausübung von Kontrolle über die Umwelt und der Bestimmung über die / der Natur einher mit einer Zunahme der Bestimmung und Kontrolle der eigenen Natur, dem Es bei S. Freud. Die sich im Über-Ich bildenden (formierenden, Information heißt Einbildung) Kontrollinstanzen äußerten sich in den so auftretenden Phänomenen der Ratio und des moralischen Gewissens, doch blieb laut Elias in dieser Entwicklung die Beobachtung dieses langfristigen Veränderungsprozesses an der Seele des gezähmten (zivilisierten) Menschen, die Selbstreflexion, auf der Strecke.

Im Vorwort des Buches schreibt Norbert Elias[2]:

Der Akt des gedanklichen Abstandnehmens von den Objekten des Nachdenkens, den jede in höherem Maße geführt kontrollierte Reflexion einschließt, den insbesondere die wissenschaftliche Denk- und Beobachtungsarbeit verlangt - und der sie zugleich möglich macht -, stellt sich in der Selbsterfahrung auf dieser Stufe als ein tatsächlich existierender Abstand des Denkenden von den Objekten seines Denkens dar; und die stärkere Zurückhaltung affektgeladener Impulse gegenüber den Gegenständen des Denkens und Beobachtens, die mit jedem Schritt auf dem Wege der stärkeren gedanklichen Distanzierung Hand in Hand geht, stellt sich in der Selbsterfahrung der Menschen hier als ein tatsächlich existierender Käfig dar, der das »Selbst«, dass »Ich« oder je nachdem auch die »Vernunft« und »Existenz«, von der Welt »außerhalb« des Individuums ab, und ausschließt.
Daß und zum Teil auch warum vom späten Mittelalter und der frühen Renaissance an ein besonders starker Schub der individuellen Selbstkontrolle, und vor allem auch der von fremd Kontrollen unabhängigen, als selbst tätiger Automatismus eingebauten Selbstkontrolle auftrat, auf die man heute bezeichnenderweise mit Begriffen, wie »verinnerlicht« oder »internalisiert« hinweist, wird von anderen Seiten her in den folgenden Untersuchungen ausführlicher dargelegt. Diese nun in höherem Maße einsetzende Verwandlung zwischenmenschlicher Fremdzwänge in einzelmenschliche Selbstzwänge führt dazu, das viele Affektimpulse weniger spontan auslebbar sind. Die derart im Zusammenleben erzeugten selbsttätigen, individuellen Selbstkontrollen, etwa das »rationale Denken« oder das »moralische Gewissen«, schieben sich nun stärker und fester gebaut als je zuvor zwischen Trieb- und Gefühlsimpulse auf der einen Seite, die Skelettmuskeln auf der anderen Seite ein und hindern die ersteren mit größerer Strenge daran, die letzteren, das Handeln, direkt, also ohne Zulassung durch diese Kontrollapparaturen, zu steuern.
Das ist der Kern der individuellen Strukturveränderung und der individuellen Struktureigentümlichkeiten, die bei der reflektierenden Selbsterfahrung, etwa von der Renaissance an, ihren Ausdruck in der Vorstellung von dem einzelnen »Ich« im verschlossenen Gehäuse findet, von dem »Selbst«, das durch eine unsichtbare Mauer von dem, was »draußen« vor sich geht, abgetrennt ist. Es sind die zum automatisch funktionierenden zivilisatorischen Selbstkontrollen, die in der individuellen Selbsterfahrung nun als Mauer, sei es zwischen »Subjekt« und »Objekt«, sei es zwischen dem eigenen »Selbst« und den anderen Menschen, der »Gesellschaft«, erfahren werden.

Von Bedeutung ist das Strukturmodell für die Betrachtungen in diesem Buch, weil sich, wie auch der Soziologe Norbert Elias sagt, die seelische Struktur als eine Entgegnung, eine Spiegelung, der sozio-kulturellen und sozio-ökonomischen Struktur entwickelt hat[3]:

Der spezifische Prozess des psychischen »Erwachsenwerdens« in den abendländischen Gesellschaften, der den Psychologen und Pädagogen heute oft genug Anlass zum Nachdenken gibt, ist nichts anderes als der individuelle Zivilisationsprozess, den jeder Heranwachsende in den zivilisierten Gesellschaften als Folge des jahrhundertelangen, gesellschaftlichen Zivilisationsprozess von klein auf automatisch in höherem oder geringerem Grade und mit mehr oder weniger Erfolg unterworfen wird. Man kann daher die Psychogenese des Erwachsenenhabitus in der zivilisierten Gesellschaft nicht verstehen, wenn man sie unabhängig von der Soziogenese unserer »Zivilisation« betrachtet. Nach einer Art von »soziogenetischem Grundgesetz« durchläuft das Individuum während seiner kleinen Geschichte noch einmal etwas von den Prozessen, die seine Gesellschaft während ihrer großen Geschichte durchlaufen hat.
Soziogenese und Psychogenese sind laut Elias also miteinander verkoppelt. Wie in einem Zeitraffer durchläuft also ein Kind während seiner Erziehung und Sozialisation bis zum Erwachsenenalter in einem Vorgang der Übertragung die sozio-kulturelle Prägung, der die Eltern und vor ihnen die Eltern der Eltern, usw. während des jahrhundertelangen Zivilisationsprozesses unterworfen waren. Diese Prägung stellt sich in den Über-Ich Strukturen des Erwachsenen dar. Zum Begriff des »soziogenetischen Grundgesetzes« merkt Elias an:

Man darf diesen Ausdruck nicht dahin missverstehen, als fänden sich in der Geschichte des »zivilisierten« Individuums nun auch alle einzelnen Phasen der Gesellschaftsgeschichte wieder. Nichts könnte unsinniger sein als etwa nach einer »naturwirtschaftlichen Feudalzeit« oder nach einer »Renaissance« und einer »höfisch-absolutistischen Periode« im Leben des Individuums zu suchen. Alle Begriffe dieser Art beziehen sich auf die Struktur von ganzen Gesellschaftsgruppen.
Worauf hier hingewiesen werden soll, ist die einfache Tatsache, dass auch in der zivilisierten Gesellschaft kein Menschenwesen zivilisiert auf die Welt kommt und dass der individuelle Zivilisationsprozess, dem es zwangsläufig unterliegt, eine Funktion des gesellschaftlichen Zivilisationsprozess ist. Wohl hat daher die Affekt- und Bewusstseinsstruktur des Kindes eine gewisse Verwandtschaft mit der von »unzivilisierten« Völkern und das Gleiche gilt von derjenigen Schicht in den Erwachsenen, die mit der fortschreitenden Zivilisation einer mehr oder weniger stark Zensur unterworfen ist und die sich dann z.B. noch in Träumen Ausdruck schafft. Aber da in unserer Gesellschaft jedes menschliche Wesen vom ersten Augenblick seines Daseins an den Einwirkungen und dem modellierenden Zugriff »zivilisierter« Erwachsener ausgesetzt ist, so muss es zwar in der Tat von neuem einen Zivilisationsprozess zu dem von seiner Gesellschaft im Laufe ihrer Geschichte erreichen Standard hin durchlaufen, aber keineswegs alle einzelnen, geschichtlichen Abschnitte des gesellschaftlichen Zivilisationsprozesses.

Der Systemtheoretiker und Soziologe Niklas Luhmann drückt den gleichen Zusammenhang folgendermaßen aus[1]:

Psychische und soziale Systeme sind im Wege der Co-Evolution entstanden. Jeweils eine Systemart ist notwendige Umwelt der jeweils anderen. Die Begründung dieser Notwendigkeit liegt in der diese Systemarten ermöglichenden Evolution. Personen können nicht ohne soziale Systeme entstehen und bestehen, und das Gleiche gilt umgekehrt. Die Co-Evolution hat zu einer gemeinsamen Errungenschaft geführt, die sowohl von psychischen als auch von sozialen Systemen genutzt wird. Beide Systemarten sind auf sie angewiesen, und für beide ist sie bindend als unerlässliche, unabweisbarer Form ihrer Komplexität und ihrer Selbstreferenz. Wir nennen diese evolutionäre Errungenschaft Sinn.
Das der Systemtheorie Luhmanns und Parsons zugrundeliegende Prinzip der Differenzenbildung von System und Umwelt[4] gebietet es, psychische und soziale Systeme einander gegensätzlich als System/Umwelt-Paare zu betrachten, die einer Co-Evolution ausgesetzt sind. Die Bedeutung der gemeinsamen Errungenschaft »Sinn« ist eine individuelle Angelegenheit.

Den Ausführungen Elias' und Luhmanns zufolge bildet die Neurosenstruktur ein Regel- und Kontrollnetzwerk, das das Ego des Trägers dieser Struktur sie als »Mauer« zum Alter erleben lässt, die die Menschen voneinander trennt. In der Folge dieser Strukturbildung nehmen sich die zivilisierten Menschen in ihrer Selbsterfahrung und ihrem Erleben als Homines clausi wahr.

Riemann-Thomann-Modell
Sozio-ökonomische und sozial-psychologische Koordinaten des Riemann-Thomann-Modells. Der innerseelische Ich-Prozess betrifft den Umgang mit Werten (Transformations- / Werte-Achse in den Riemann Koordinaten). Dem Handeln des Ichs in Beziehung zu Anderen ist die Integrations- / Bestimmungs-Achse im Riemann-Thomann-Modell zugeordnet, auf der es zur Einstellung eines Gleichgewichts kommen soll.
Die einzelnen Instanzen dieser sich im Verlauf des Kapitalismus (also der Zivilisation) entwickelnden Impulskontrolle werden kulturell als Werte bezeichnet. In Hinblick auf diese Entwicklung ist das Riemann-Thomann'sche Koordinaten-System[5] als eine diese Neurosenstruktur an ihrer Grenze indizierendes Reflexionswerkzeug einordenbar, an dem sich sowohl Genese und Evolution als auch (zentrale) Auflockerung und Lösung katalysieren lassen. An der Grenze der Über-Ich-Struktur und im Kern dieses Zähmungs-, Konditionierungs- und Erziehungsvorgangs steht das Gleichgewicht der Bestimmung, welches in der sozio-kulturellen, über das Geld-System vermittelten Strukturänderung des (teils kollektiven) Über-Ichs der Menschen zentral ist.

Referenzen / Einzelnachweise