Zins-induziertes-Verhalten

Gesellschaft ist ein Beziehungsphänomen. Man kann eine grobe Trennung (Differenz) zwischen inneren und äußeren Beziehungen, zwischen den Beziehungen zu sich selbst und zu anderen ziehen, doch sind innere Beziehungen nicht unbeeinflusst von äußeren und äußere Beziehungen nicht von inneren. Die Behandlung von Beziehungspartnern hängt vom eigenen Zustand ab, und umgekehrt beeinflusst die Beziehung zu anderen den inneren Zustand. Wonach ein Einzelner handelt, ist eine Frage seiner Werte, und wenn in und durch Beziehungen gemeinsam, getrennt oder gegeneinander gehandelt wird, ist die Frage nach der Ursache hinsichtlich der Kausalität von Handlungsverläufen und ihrer Folgen die Frage danach, wer eigentlich bestimmt, was getan wird.

In reifen Kapitalismen wird beobachtet, dass ein überwiegender Anteil der Erwerbstätigen nicht-selbstständig beschäftigt ist, also von einer kleinen Minderheit geführt wird und sich also das Wertesystem der kleinen führenden, bestimmenden Minderheit über das der großen Mehrheit legt und es in eine bestimmte Richtung formt und gestaltet[2]. Die seelische Prägung der Menschen geht jedoch nicht allein von einer kleinen Minderheit aus, sondern auch von der Beschaffenheit und den Regeln des Geldsystems, in das die Menschen zur Hälfte eingekoppelt sind und das alle Menschen unterschiedlich prägt und konditioniert, die Einen durch Strafe und Zwang (weniger Freiheit), die Anderen durch Ausweisung von Belohnung und Anreize zu noch mehr Freiheit und Dritte auf eine gemischte Art und Weise.

Werte regeln den Umgang mit Affekten. Eine Analyse der Beziehungen der Menschen und ihrer Affekte und Werte, die darin auftreten, kann daher nicht ohne die Berücksichtigung fundamentaler ökonomischer Zusammenhänge geschehen, weil ein wesentlicher und bestimmender Teil der Beziehungen die Beziehungen des Geld-Netzwerks sind und die übrigen Nicht-Geld-Beziehungen davon beeinflusst werden.

Die Grafik oben zeigt eine stark vereinfachte Darstellung der öko-sozialen und des Geld-Netzwerks. Die Knoten der Netzwerke sind die Menschen, die Kanten des Netzwerks sind die Beziehungen und Verträge. Im Geld-Netzwerk heißen die Kanten Verträge. Der Mensch im Kapitalismus ist Teil beider Netzwerke.
Die Menschen sind für gewöhnlich Teil beider Netzwerke und müssen zwischen den Einflüssen beider Netzwerke balancieren. Die Seele eines Menschen kann die Einflüsse von Beziehungen für gewöhnlich nicht scharf trennen. Die in einem Netzwerk erlebten Spannungen und Konflikte wirken sich unweigerlich auf das andere aus, wenn die Seele ganz, also kohärent und konsistent (siehe auch Konsistenz in der Logik) ist und der Mensch nicht zwei Gesichter entwickelt hat, eins für das Geldnetzwerk und eins für außerhalb.

In der Regel ist es möglich, die gesamte Lebenszeit eines Menschen in die Bereiche der Berufstätigkeit (der Arbeit, im reifen Kapitalismus für die Mehrheit die fremdbestimmte Lebensszeit) und des freien Lebens (selbstbestimmte Lebensszeit) aufzuteilen. Die Arbeit ist diejenige Handlung eines Menschen, die in der Regel dem Gelderwerb dient. Aus der Arbeit bezieht der Mensch sein Einkommen. Die Hingabe der Arbeit an Andere des Geldnetzwerks bildet die hingebende Beziehung zum Geldnetzwerk.

Die andere Art von Beziehung zum Geldnetzwerk ist der Konsum bzw. die Investition. Wenn der Mensch konsumiert, dann nimmt er etwas vom Geldnetzwerk, das der Stillung seiner Bedürfnisse dient. Wir kaufen Nahrung, Kleidung, (Nutzung von) Wohnraum, Mobilität, bestimmte Dienstleistungen usw. und bezahlen diese Güter mit den Einnahmen aus der Arbeit. Der Unternehmer kauft Investitionsgüter also Werkzeuge, Maschinen, Patente, technische Anlagen für Kommunikation und Produktion, andere Produktionsmittel und Anlagen.

Im Geldnetzwerk, im Umgang mit Geld, werden bestimmte soziale Verhaltensweisen und Werte ankonditioniert bzw. internalisiert. Diese seelische Prägung kann bewusst oder unbewusst auch in das Leben außerhalb der Arbeit hinein wirken, wenn das Verhalten nicht reflektiert wird.

Monetäre Schuld, Zwang und Selbstbestimmung

Autonomie bedeutet Selbstbestimmung oder auch Eigengesetzlichkeit und ist ein wesentlicher Teil der Würde eines Lebewesens. Die Gesetze, Regeln und Normen, die Werte, für das Selbst kommen also bei der Selbstbestimmung aus dem Selbst. In allen Beziehungen finden wir ein Gleichgewicht der Bestimmung, das widerspiegelt, wessen Selbstbestimmung in der Beziehung wann und wie überwiegt. In den Arbeitsbeziehungen des Geldnetzwerk ist die Bestimmung und ihr Gleichgewicht in der Regel geordnet, so dass jederzeit klar ist, wer wem etwas zu sagen hat und wer sich anderseits nach wem zu richten hat. Die Nichteinhaltung der Ordnung der Bestimmung wird in der Regel in irgendeiner Form bestraft oder sanktioniert. Hinsichtlich ihrer „Führbarkeit“ und ihrer sozialen Qualitäten im Geldnetzwerk bekommen Menschen ein Arbeitszeugnis ausgestellt.

Großräumig (makroökonomisch) betrachtet bewirkt der Kapitalismus im Geldsystem die Entstehung und Verteilung von Geldschulden. Eine monetäre (Geld-) Schuld ist eine Einschränkung der Selbstbestimmung bzw. ein Zwang durch die Hingabe von Arbeit oder etwas ähnlich Geltendem die Schuld zu tilgen. Schulden verursachen also Handlungs- und/oder Anpassungzwänge, denen bestimmte Werte zugrunde liegen. Dies, das „zugrunde Liegen“ bedeutet hier, dass beim Tilgen (oder Sühnen) einer Schuld das selbe Verhalten durch die Einhaltung eines entsprechenden Wertes verursacht wird. Der Mensch gewöhnt sich gewissermaßen an die Schuldzuweisung und nimmt diese als Wert an. Die angenommene Schuld, das Fehlen von etwas, das gegen den Betrag der Geldschuld eintauschbar wäre, bildet also den Wert.

Schuld f. 'Zahlungsverpflichtung, Vergehen, Unrecht, Ursache (von etw. Bösem), Verantwortung (für etw.)',
ahd. sculd '(Zahlungs)verpflichtung, Vergehen, Missetat, Buße, Verdienst, Ursache' (8. Jh.),
mhd. schulde, schult, scholt, asächs. skuld, mnd. schult, mnl. scult, nl. schuld, aengl. scyld, anord. schwed. skuld (germ. *skuldi-) ist ein mit ti- Suffix zu dem unter sollen (s. d.) behandelten Präteritopräsens gebildetes Abstraktum.
Verwandt sind lit. skolà und kalt?? 'Schuld', apreuß. skall?snan (Akk. Sing. Fem.) 'Pflicht'.
Schuld bezeichnet zunächst eine 'Verpflichtung oder Leistung', die einem obliegt, dann speziell die 'Verpflichtung zu einer Geldzahlung, die aus einem Darlehen erwächst' und steht sowohl für 'entliehenes, zurückzuzahlendes Geld' als auch (vom Gläubiger her gesehen) für 'verliehenes Geld, Guthaben'.
Bereits im Ahd. nimmt Schuld (unter kirchlichem Einfluß) über 'Verpflichtung zur Buße' die Bedeutung 'Missetat, Vergehen, begangenes Unrecht' an.
Daraus entwickelt sich in rechtssprachlicher Verwendung 'Anklage, Anschuldigung, zur Last gelegtes Verbrechen, Beschuldigung' (vgl. mhd. schult geben), 'Ursache, Grund' (für die Konsequenzen und Folgen eines Vergehens,
vgl. mhd. einer sache schulde h?n, nhd. Schuld haben an etw., mhd. einem schulde geben, nhd. die Schuld geben).
Aus Wendungen wie er hat (die) Schuld entwickelt sich (etwa im 16. Jh.) prädikatives schuld Adj. Adv. 'schuldig'. schulden Vb. 'jmdm. zu einer Leistung, bes. zur Rückzahlung eines Geldbetrags, verpflichtet sein, jmdm. etw. verdanken', ahd. sculd?n 'verschulden, verdienen' (10. Jh., gisculd?n, 9. Jh.), sculden 'verschulden, verdienen, schuldig sprechen' (9. Jh.), mhd. schulden 'schuldig sein, bleiben, sich schuldig machen, verpflichtet sein, beschuldigen, anklagen'. schuldig Adj. 'verpflichtet (etw. zu leisten oder zu zahlen), Urheber, Ursache, Anlaß für etw. darstellend', ahd. sculd?g 'schuldend, verpflichtend, verpflichtet, zugehörig, geeignet' (8. Jh.), mhd. schuldic, schuldec. beschuldigen Vb. 'die Schuld geben, anklagen, bezichtigen', mhd. beschuldigen 'anklagen'; vgl. ahd. sculd??g?n 'beschuldigen' (um 1000).
anschuldigen Vb. 'die Schuld geben, bezichtigen', mhd. aneschuldigen.
entschuldigen Vb. 'verzeihen, erklären und damit um Verständnis bitten', mhd. entschuldigen 'von der Schuld befreien, lossagen, freisprechen'. Schuldner m. 'wer einem Gläubiger Geld zurückzahlen muß', frühnhd. schuldener 'Schuldner' und 'Gläubiger' (15. Jh.). Unschuld f. 'Schuldlosigkeit, moralische Reinheit', ahd. unsculd (8. Jh.), mhd. unschult, -schulde. unschuldig Adj. 'schuldlos, moralisch untadelig', ahd. unsculd?g (8. Jh.), mhd. unschuldic, -schuldec 'frei von Schuld, schuldlos, unverschuldet, nicht gebührend'.
Quelle: Wörterbuch der deutschen Sprache

Über das Tilgen der Schulden werden einem Teil der Menschen bestimmte Werte (Regeln, Gesetze, Normen, ...) eingeprägt. Im Zentrum dieses Abschnitts steht die Frage, wie die kapitalistischen Regeln, die Teil unserer Werte sind, und darin vor allem die Regel „der Zins ist positiv“ die Seelen der Menschen, ihre Beziehungen untereinander, ihr Verhalten und die Gesellschaften als Ganzes beeinflusst haben. Von besondererm Interesse sind also unsere Werte einerseits und die Bestimmung / Nomie (griech. nomos), enthalten in den Worten Selbstbestimmung, Autonomie, Würde (lat. dignitas), Privatautonomie, Art. 1+2 sowie in den dazu gegensätzlichen Worten Fremdbestimmung, Heteronomie, Kontrahierungsrecht/pflicht, §241 BGB, pacta sunt servanda andererseits.

Als Grundlage zum Verständnis bietet sich das sozial-psychologische Modell des Psychoanalytikers Fritz Riemann an, der in seinem Hauptwerk Grundformen der Angst (1961) vier Persönlichkeitstypen mit jeweils einer spezifischen Grundangst definiert. Die Persönlichkeit von Menschen und ihr Verhalten lassen sich dann durch Überlagerungen der 4 Grundtypen (Schizoide, Depressive, Zwanghafte und Hysterische) darstellen. Es sei hier der Vorsicht halber angemerkt, dass es sich beim Modell Riemanns lediglich um eine spezielle Perspektive der Betrachtung handelt, welche sich aufgrund der Regeln des Kapitalismus anbietet. Speziell sei gesagt, dass sich lebendige Menschen nur schlecht in solche „Kisten“ packen lassen.

In diesem Abschnitt wird das Modell Fritz Riemanns verallgemeinert um einen Bezug zu den Werten und Beziehungsmustern des ökonomischen Systems herzustellen. Es wird im Folgenden gezeigt, wie unsere Geld-Beziehungen und der Zins unsere Seele formt und ein Teil unserer Werte unsere Geld- und Nicht-Geld-Beziehungen auf eine bestimmte Art und Weise verzerrt. Wie ein roter Faden durchzieht z.B. die Soziologien Norbert Elias' und Georg Simmels die Frage, in welcher Richtung psychische und soziale Entwicklungen verlaufen, die unmittelbar mit dem Geldsystem in Verbindung stehen.

Spricht man von Störungen, Verzerrungen und Ausgangspunkten für Entwicklungen so ist es zwingend eine Referenz zu definieren. Als Referenz dient in diesen „differenziellen“ Betrachtungen der Begriff der natürlichen Persönlichkeit. Aus den Zins induzierten Verzerrungen der natürlichen Persönlichkeit entstehen Störungen, die sich in der Psyche festsetzen. Diese Festsetzungen sind internalisierte Bestimmungen, Gewohnheiten, individuelle Denkmuster und Perspektiven der Betrachtung, innere Standpunkte, die in der Psychologie als Neurosen bezeichnet werden. Neurosen kann man auch als Formen der Seele bezeichnen, und es gibt nicht nur pathologische Neurosen, sondern auch gesunde. Neurosen werden mit Zwängen und der Abwehr von Ängsten in Verbindung gebracht. Die Struktur von Neurosen bildet sich also auf das seelische Gehege von Ängsten ab.

Diese (neurotischen) Persönlichkeitsstörungen sind Anpassungsreaktionen der Seele, um dem vom Kapitalismus Betroffenen ein Leben in einer gewissen psychischen Stabilität sichern zu können. Es wird gezeigt werden, dass es im Gegensatz zur natürlichen Persönlichkeit einen systemischen Idealtypus gibt, den sog. „Homo-Oeconomicus“, den „neuen Menschen“, den Homunkulus bei Goethe, der den kapitalistischen Idealtypus verkörpert und sich wie ein Pharao benimmt: er arbeitet im Leben für den Tod, arbeitet nicht um zu leben, sondern lebt zum Arbeiten für das Tote. Bei allem, was er tut, verschiebt er die Belohnung, den von den gegenwärtigen Mängeln erlösenden Konsum im Diesseits (die Zeit in der gearbeitet wird, stündlich, täglich, wöchentlich, jährlich, in einem Menschenalter, während der Dauer des Kapitalismus) auf die Zukunft, das Jenseits (die Pause, den Feierabend, das Wochenende, den Urlaub, die Rente, die dem Kapitalismus folgende Phase der Zivilisation).

Als Ausgangspunkt für die folgenden Überlegungen dient das Strukturmodell der Psyche von Sigmund Freud.

Entstehung des Über-Ichs im Prozess der Zivilisation nach Norbert Elias

Die (heute beobachtbaren) Strukturen des Über-Ichs, die korrespondierenden Elemente in psychischen und sozialen Systemen, dienen der Regulation der Impulse des Es (das Begehren, die Wut und andere Affekte) und haben sich im Verlauf des Kapitalismus der Neuzeit ab der Renaissance (Wiedergeburt) im Zuge der Reformation („Neubildung“) neu gebildet. Elias beschreibt die Wirkung des Zerfalls des geozentrischen Weltbilds als eine Art narzistische Frustration, aus der heraus der moderne Mensch anfing, durch Reflektion der (bzw. über die) Funktionsweisen und Gesetzmäßigkeiten (Gesetze sind Bestimmungen !) der Objekte seiner Umwelt und durch zielgerichtete Forschung daran selbst Kontrolle über die Natur auszuüben, nachdem ihm gewahr worden war, dass die Welt, entgegen der vermeintlichen religiösen Verheißung, Gott habe dem Menschen die Welt zu Füßen gelegt (Genesis 2:15) eben nicht so gebaut ist, dass sie sich allein um ihn drehte. In der Renaissance wurden die Grundlage für den „neuen, systematisierten Sündenfall“ (die Ausbreitung der Zinsnahme) geschaffen mit dem Ziel, sich die Welt und die Natur nun wirklich vollständig untertan zu machen.

Im Vorwort des Buches Über den Prozeß der Zivilisation schreibt Norbert Elias zu den Anfängen und Ursachen dieser Entwicklung, eine Art „Spaltung“ oder seelische Trennung von Subjekt und Objekt:

Der Akt des gedanklichen Abstandnehmens von den Objekten des Nachdenkens, den jede in höherem Maße geführt kontrollierte Reflexion einschließt, den insbesondere die wissenschaftliche Denk- und Beobachtungsarbeit verlangt - und der sie zugleich möglich macht -, stellt sich in der Selbsterfahrung auf dieser Stufe als ein tatsächlich existierender Abstand des Denkenden von den Objekten seines Denkens dar; und die stärkere Zurückhaltung affektgeladener Impulse gegenüber den Gegenständen des Denkens und Beobachtens, die mit jedem Schritt auf dem Wege der stärkeren gedanklichen Distanzierung Hand in Hand geht, stellt sich in der Selbsterfahrung der Menschen hier als ein tatsächlich existieren- der Käfig dar, der das »Selbst« , das »Ich« oder je nachdem auch die »Vernunft« und »Existenz«, von der Welt »außerhalbx des Individuums ab, und ausschließt.

Laut Norbert Elias ging die Zunahme der Ausübung von Kontrolle über die Umwelt und der Bestimmung über die Natur einher mit einer Zunahme der Bestimmung und Kontrolle der eigenen Natur, dem Es Freuds. Die sich Über-Ich bildenden (formierenden, Information heißt Einbildung) Kontrollinstanzen äußerten sich in den so auftretenden Phänomenen der Ratio und des moralischen Gewissens, doch blieb laut Elias in dieser Entwicklung die Beobachtung dieses langfristigen Veränderungsprozesses an der Seele des gezähmten (zivilisierten) Menschen, die Selbstreflexion, auf der Strecke.

Daß und zum Teil auch warum vom späten Mittelalter und der frühen Renaissance an ein besonders starker Schub der individuellen Selbstkontrolle, und vor allem auch der von Fremdkontrollen unabhängigen, als selbsttätiger Automatismus eingebauten Selbstkontrolle auftrat, auf die man heute bezeichnenderweise mit Begriffen, wie »verinnerlicht« oder »internalisiert« hinweist, wird von anderen Seiten her in den folgenden Untersuchungen ausführlicher dargelegt. Diese nun in höherem Maße einsetzende Verwandlung zwischenmenschlicher Fremdzwänge in einzelmenschliche Selbstzwänge führt dazu, das viele Affektimpulse weniger spontan auslebbar sind. Die derart im Zusammenleben erzeugten selbsttätigen, individuellen Selbstkontrollen, etwa das »rationale Denken« oder das »moralische Gewissen«, schieben sich nun stärker und fester gebaut als je zuvor zwischen Trieb- und Gefühlsimpulse auf der einen Seite, die Skelettmuskeln auf der anderen Seite ein und hindern die ersteren mit größerer Strenge daran, die letzteren, das Handeln, direkt, also ohne Zulassung durch diese Kontrollapparaturen, zu steuern.

Die Verlauf des Prozesses hinzukommenden Über-Ich-Strukturen beschreibt Elias als schizoidisierende Elemente (altgriechisch schìzein = spalten) die sich als Mauern im zwischenmenschlichen Gefüge darstellen und zu einer Individualisierung und Vereinzelung der Menschen führen:

Das ist der Kern der individuellen Strukturveränderung und der individuellen Struktureigentümlichkeiten, die bei der reflektierenden Selbsterfahrung, etwa von der Renaissance an, ihren Ausdruck in der Vorstellung von dem einzelnen »Ich« im verschlossenen Gehäuse findet, von dem »Selbst«, das durch eine unsichtbare Mauer von dem, was »draußen« vor sich geht, abgetrennt ist.

Es sind die zum Teil automatisch funktionierenden zivilisatorischen Selbstkontrollen, die in der individuellen Selbsterfahrung nun als Mauer, sei es zwischen »Subjekt« und »Objekt«, sei es zwischen dem eigenen »Selbst« und den anderen Menschen, der »Gesellschaft«, erfahren werden.

Soziogenese und Psychogenese sind laut Elias miteinander verkoppelt. Wie in einem Zeitraffer durchläuft ein Kind während seiner Erziehung und Sozialisation bis zum Erwachsenenalter in einem Vorgang der übertragung die sozio-kulturelle Prägung, der die Eltern und vor ihnen die Eltern der Eltern, usw. während des jahrhundertelangen Zivilisationsprozesses unterworfen waren. Diese Prägung stellt sich in den über-Ich Strukturen des Erwachsenen dar:

Der spezifische Prozess des psychischen »Erwachsenwerdens« in den abendländischen Gesellschaften, der den Psychologen und Pädagogen heute oft genug Anlass zum Nachdenken gibt, ist nichts anderes als der individuelle Zivilisationsprozess, den jeder Heranwachsende in den zivilisierten Gesellschaften als Folge des jahrhundertelangen, gesellschaftlichen Zivilisationsprozess von klein auf automatisch in höherem oder geringerem Grade und mit mehr oder weniger Erfolg unterworfen wird. Man kann daher die Psychogenese des Erwachsenenhabitus in der zivilisierten Gesellschaft nicht verstehen, wenn man sie unabhängig von der Soziogenese unserer »Zivilisation« betrachtet. Nach einer Art von »soziogenetischem Grundgesetz« durchläuft das Individuum während seiner kleinen Geschichte noch einmal etwas von den Prozessen, die seine Gesellschaft während ihrer großen Geschichte durchlaufen hat.

Zum Begriff des »soziogenetischen Grundgesetzes« merkt Elias an:

Man darf diesen Ausdruck nicht dahin missverstehen, als fänden sich in der Geschichte des »zivilisierten« Individuums nun auch alle einzelnen Phasen der Gesellschaftsgeschichte wieder. Nichts könnte unsinniger sein als etwa nach einer »naturwirtschaftlichen Feudalzeit« oder nach einer »Renaissance« und einer »höfisch-absolutistischen Periode« im Leben des Individuums zu suchen. Alle Begriffe dieser Art beziehen sich auf die Struktur von ganzen Gesellschaftsgruppen. Worauf hier hingewiesen werden soll, ist die einfache Tatsache, dass auch in der zivilisierten Gesellschaft kein Menschenwesen zivilisiert auf die Welt kommt und dass der individuelle Zivilisationsprozess, dem es zwangsläufig unterliegt, eine Funktion des gesellschaftlichen Zivilisationsprozess ist. Wohl hat daher die Affekt- und Bewusstseinsstruktur des Kindes eine gewisse Verwandtschaft mit der von »unzivilisierten« Völkern und das Gleiche gilt von derjenigen Schicht in den Erwachsenen, die mit der fortschreitenden Zivilisation einer mehr oder weniger stark Zensur unterworfen ist und die sich dann z.B. noch in Träumen Ausdruck schafft. Aber da in unserer Gesellschaft jedes menschliche Wesen vom ersten Augenblick seines Daseins an den Einwirkungen und dem modellierenden Zugriff »zivilisierter« Erwachsener ausgesetzt ist, so muss es zwar in der Tat von neuem einen Zivilisationsprozess zu dem von seiner Gesellschaft im Laufe ihrer Geschichte erreichen Standard hin durchlaufen, aber keineswegs alle einzelnen, geschichtlichen Abschnitte des gesellschaftlichen Zivilisationsprozesses.

Ängste und Werte

Die heute beobachtbaren Elemente des sog. Über-Ichs im Strukturmodell der Psyche von S. Freud, sind also das Resultat eines jahrhundertelangen Erziehungs- und Konditionierungsprozesses, der Zähmung oder „Domestizierung“ des wilden Menschen, seiner Zivilisation. Wenn man also von der sozial-psychologischen Wirkung des Zinses spricht, dann spricht man vom Generator der Über-Ich-Strukturen der Seele.

Wie im Folgenden näher ausgeführt, sind die heute beobachtbaren Formen der Seele (Begriff der Neurosenstruktur) und Persönlichkeitstypen und -muster u.a. vergleichbar mit Gehegen aus Angst. Die systemisch vernünftige (Vernunft kommt von Vernehmung) und also sinnvolle Verhaltensweise dient der Abwehr bestimmter fundamentaler Ängste, z.B. die Angst vor Strafe. Die Anpassung des Sozialverhaltens in den sozialen Räumen dient dem Zweck, die jeweils zugrundeliegenden Ängste vor den Folgen des sich „Nicht-Danach-Verhaltens“ nicht haben zu müssen. Die Anpassung ist also ein seelischer Abwehrvorgang.

Als Modell zur Beschreibung der Erziehung bietet sich der Begriff der Werte, die Elemente des Über-Ichs, an. Das Über-Ich besteht in dieser Vorstellung aus einer Menge von Werten. Das Verhalten eines Menschen in den Beziehungen wird von seinen eigenen und den Werten des ökonomischen Systems bestimmt.

Entstehung von Wert nach Georg Simmel

Geld hat u.a. eine den Wert messende Funktion. Der Preis eines Gutes ist Ausdruck seines Wertes. Doch nicht nur handelbaren Gütern weisen wir einen Wert zu, sondern auch nicht handelbaren Gütern. Es gibt also Güter (im juristischen Sinn die Rechtsgüter), die uns „lieb und teuer“ sind doch einen in Geld unmessbaren Wert haben. In diesem Zusammenhang sprechen wir von kulturellen, religiösen, sittlichen, moralischen Werten und Wertvorstellungen.

Im menschlichen Gehirn gibt es kein Organ, dass allen Reizen, denen das Bewusstsein ausgesetzt ist eine ein- oder mehrdimensionale Zahl (also einen Wert oder einen „Vektorwert“) zuordnet, doch haben wir bei vielen Objekten, Geistesgegenständen, materiellen oder immateriellen Gütern das Gefühl, dass sie wertvoll sind, dass sie uns etwas bedeuten und sinnvoll sind.

In einem seiner Hauptwerke Die Philosophie des Geldes beschreibt der Soziologe Georg Simmel die Entstehung von Wert als eine Diskrepanz (Differenz, Distanz, Spaltung, Spannung, ein Abstand) von Haben und Wollen, Subjekt und Objekt (vgl. zu den Phasen kindlicher Entwicklung, Narzissmus) vor. Dinge, die ein Mensch nicht (mehr) hat aber haben will, haben für ihn Wert[1, S. 32 ff.]:

Dieser Prozess nun, der schließlich unser intellektuelles Weltbild zustande bringt, vollzieht sich auch innerhalb der willensmäßigen Praxis. Auch hier umfasst die Scheidung in das begehrende, genießende, wertende Subjekt und das als Wert beurteilte Objekt weder die ganzen seelischen Zustände noch die gesamte sachliche Systematik des praktischen Gebietes.

Insoweit der Mensch irgendeinen Gegenstand nur genießt, liegt ein in sich völlig einheitlicher Aktus vor. Wir haben in solchem Augenblick eine Empfindung, die weder ein Bewusstsein eines uns gegenüberstehenden Objektes als solchen, noch ein Bewusstsein eines Ich enthält, das von seinem momentanen Zustande gesondert wäre.

Hier begegnen sich Erscheinungen der tiefsten und der höchsten Art. Der rohe Trieb, insbesondere der von unpersönlich-genereller Natur, will sich an einem Gegenstande nur selbst los werden, es kommt ihm nur auf seine Befriedigung an, gleichviel, wodurch sie gewonnen sei; das Bewusstsein wird ausschließlich von dem Genuss erfüllt, ohne sich seinem Träger auf der einen Seite, seinem Gegenstand auf der anderen mit getrennten Akzentuierungen zuzuwenden. Andrerseits zeigt der ganz gesteigerte ästhetische Genuss dieselbe Form. Auch hier »vergessen wir uns selbst«, aber wir empfinden auch das Kunstwerk nicht mehr als etwas uns Gegenüberstehendes, weil die Seele völlig mit ihm verschmolzen ist, es ebenso in sich eingezogen, wie sie sich ihm hingegeben hat. Hier wie dort wird der psychologische Zustand von dem Gegensatz zwischen Subjekt und Objekt noch nicht oder nicht mehr berührt, aus seiner unbefangenen Einheit löst erst ein neu einsetzender Bewusstseinsprozess jene Kategorien aus und betrachtet nun erst den reinen Inhaltsgenuss einerseits als den Zustand eines dem Objekt gegenüberstehenden Subjekts, andrerseits als die Wirkung eines von dem Subjekt unabhängigen Objekts.

Diese Spannung, die die naiv-praktische Einheit von Subjekt und Objekt auseinander treibt und beides - eines am anderen - erst für das Bewusstsein erzeugt, wird zunächst durch die bloße Tatsache des Begehrens hergestellt. Indem wir begehren, was wir noch nicht haben und genießen, tritt dessen Inhalt uns gegenüber.
Die Trennung (Spaltung, Distanz, Abstand) von Subjekt und Objekt erzeugt nach Simmel den Wert.
In dem ausgebildeten empirischen Leben steht zwar der fertige Gegenstand vor uns und wird daraufhin erst begehrt schon, weil außer den Ereignissen des Wollens viele andere, theoretische und gefühlsmäßige, zu der Objektwerdung der seelischen Inhalte wirken; allein innerhalb der praktischen Welt für sich allein, auf ihre innere Ordnung und ihre Begreiflichkeit hin angesehen, sind die Entstehung des Objekts als solchen und sein Begehrtwerden durch das Subjekt Korrelatbegriffe, sind die beiden Seiten des Differenzierungsprozesses, der die unmittelbare Einheit des Genussprozesses spaltet. Man hat behauptet, dass unsere Vorstellung von objektiver Realität aus dem Widerstand entspränge, den wir, insbesondere vermittelst des Tastsinnes, seitens der Dinge erfahren. Dies ist ohne weiteres auf das praktische Problem zu übertragen.

Wir begehren die Dinge erst jenseits ihrer unbedingten Hingabe an unseren Gebrauch und Genuss, d. h. indem sie eben diesem irgendeinen Widerstand entgegensetzen; der Inhalt wird Gegenstand, sobald er uns entgegensteht, und zwar nicht nur in seiner empfundenen Undurchdringlichkeit, sondern in der Distanz des Nochnichtgenießens, deren subjektive Seite das Begehren ist. Wie Kant einmal sagt: die Möglichkeit der Erfahrung ist die Möglichkeit der Gegenstände der Erfahrung - weil Erfahrungen machen heißt: dass unser Bewusstsein die Sinnesempfindungen zu Gegenständen bildet - so ist die Möglichkeit des Begehrens die Möglichkeit der Gegenstände des Begehrens. Das so zustande gekommene Objekt, charakterisiert durch den Abstand vom Subjekt, den dessen Begehrung ebenso feststellt wie zu überwinden sucht - heißt uns ein Wert. Der Augenblick des Genusses selbst, in dem Subjekt und Objekt ihre Gegensätze verlöschen, konsumiert gleichsam den Wert; er entsteht erst wieder in der Trennung vom Subjekt, als Gegenüber, als Objekt. Die trivialen Erfahrungen: dass wir viele Besitztümer erst dann recht als Werte schätzen, wenn wir sie verloren haben; dass die bloße Versagtheit eines begehrten Dinges es oft mit einem Werte ausstattet, dem sein erlangter Genuss nur in sehr geringem Maße entspricht; dass die Entferntheit von den Gegenständen unserer Genüsse - in jedem unmittelbaren und übertragenen Sinne der Entfernung - sie in verklärtem Lichte und gesteigerten Reizen zeigt - alles dies sind Abkömmlinge, Modifikationen, Mischungsformen der grundlegenden Tatsache, dass der Wert nicht in der ungebrochenen Einheit des Genussmomentes entspringt, sondern indem dessen Inhalt sich als Objekt von dem Subjekt löst und ihm als jetzt erst Begehrtes gegenübertritt, das zu gewinnen es der Überwindung von Abständen, Hemmnissen, Schwierigkeiten bedarf. Um die obige Analogie wieder aufzunehmen: im letzten Grunde vielleicht drängten sich nicht die Realitäten durch die Widerstände, die sie uns leisten, in unser Bewusstsein, sondern diejenigen Vorstellungen, an welche Widerstandsempfindungen und Hemmungsgefühle geknüpft wären, hießen uns die objektiv realen, von uns unabhängig außerhalb unser befindlichen. So ist es nicht deshalb schwierig, die Dinge zu erlangen, weil sie wertvoll sind, sondern wir nennen diejenigen wertvoll, die unserer Begehrung, sie zu erlangen, Hemmnisse entgegensetzen.

Indem dies Begehren sich gleichsam an ihnen bricht oder zur Stauung kommt, erwächst ihnen eine Bedeutsamkeit, zu deren Anerkennung der ungehemmte Wille sich niemals veranlasst gesehen hätte.

Das Gefühl für diese Spaltung ist eine Art „Hunger“, der wie ein Antrieb ist. In anderen Kontexten nennt man es auch Begehren oder Gier, der Hunger nach Neuem ist Neugier. Die Psychoanalyse nennt den Trieb Libido, die Diskrepanz zwischen Haben und Wollen wird als eine Art seelische Anspannung erlebt. Eine andere bekannte Bezeichnung für eine Spannung, die aus der Verschiebung der Belohnung und der Stillung der unmittelbaren Bedürfnisse auf die Zukunft resultiert, lautet kognitive Dissonanz.

Physikalisch ist die Entstehung der kognitiven Dissonanz vergleichbar mit einer Art „Aufladung“, der Zustand der kognitiven Dissonanz stellt ein Handlungs/Aktionspotenzial dar, welches das Subjekt durch entsprechende Handlung abbauen will, indem es nach der Erreichung des Objekt strebt. Im Moment des Konsums wird das Potenzial abgebaut, der Wert verschwindet.

Nach Simmel sind Werte außerdem eng korreliert mit dem Begriff der Realität, die sich in Widerständen, Hemmnissen, Hindernissen und Behinderungen zwischem dem Subjekt und dem Objekt der Begierde darstellen. Wert ist so eine Begleiterscheinung der Realität, eine Verbegrifflichung des Widersetzlichen im Streben nach der erlösenden Belohnung.

Wertvoll ist nach Simmel also alles, dessen es bedarf und was nicht unmittelbar erreichbar ist. Die Stillung der Bedürfnisse, der Konsum, ist infolgedessen die Vernichtung des Werts einer begehrten Sache, denn im Moment des Konsums hat man sich das, was man will, einverleibt. Der satte Mensch will nichts, was er schon hat und dessen er nicht mehr bedarf.

Werte entstehen also aus Mängeln und aus Knappheit, die in den Wirtschaftswissenschaften gerne axiomatisch begründet sind, in Wahrheit jedoch zum großen Teil die Wirkung des positiven Zinsvorzeichens ist. Ein Geldsystem mit positivem Zins, das bei immer mehr werdenden Menschen Knappheit und Mängel verursacht, erzeugt also Werte, denn die Menschen wollen den Hunger stillen und streben in der Bewältigung und dem Wunsch nach Lösung der kognitiven Dissonanz nach dem Objekt der Begierde.

Demzufolge sind fundamentale Rechtsgüter, die Werte des Rechtssystems, z.B. die Menschenrechte, das deutsche Grundgesetz und die 10 Gebote Werte, die durch die Zinsnahme entstanden, die Schlange sagte, der Apfel mache klug, Genesis 3:[1-7]). Es sind diese, letztlich residualen, fundamentalen Güter, die der Kapitalismus angreift und um deren Erreichung und Erhalt der Mensch der (kapitalistischen) Zivilisation ständig kämpfen muss.

Nach der gleichen (pathologischen) Logik vernichtet ein zum Kapitalismus komplementäres Geldsystem mit negativem Zins, das Mängel beseitigt, Werte. Kapitalistische Ideologen sprechen angesichts des Zinsvorzeichenwechsels von Plus nach Minus von einem „Verlust der Moral“. Richtiger ist die Aussage, dass nur der Mechanismus der Prägung, der Konditionierungsmechanismus, verschwindet, nicht jedoch die Konditionierung, die sich gebildete Moral selbst. Der im Kapitalismus herangebildete Menschentypus, der Homo-Oeconomicus, ist unter einer Negativzins-Ökonomie ein leuchtender Träger von Tugend!

Die zentrale Konditionierung im Kapitalismus und Ursprung der Spaltung

Wie oben beschrieben entsteht das Phänomen des Werts aus der Trennung von Haben und Wollen. Um von einer Konditionierung sprechen zu können, braucht es ein Anreiz- und Bestrafungs- oder Belohnungssystem für das ankonditionierte Verhalten. Im Antriebssystem des Kapitalismus ist dieser Anreiz der Zins, den der Sparer für das Warten und die Zurückstellung seiner Bedürfnisse erhält. Die kognitive Dissonanz, die der Sparer erlebt, während er auf das Gesparte, Zurückgelegte verzichtet, löst „sich“ durch das Warten und wird durch den Zins belohnt. Die Belohnung, die der kapitalistisch Konditionierte (der Angepasste in der Sprache von Erich Fromm) erhält, ist der Geldgewinn und ursächlich der Zins auf das universelle Tauschgut Geld, welches gegen fast jedes andere Konsumgut ausgetauscht werden kann und welches also zu einer Ausschüttung von Dopamin im Gehirn führt. Der Zins ist also der Generator und Anreizgeber für die Entstehung von kognitiver Dissonanz, der Verursacher der Spaltung von Subjekt und Objekt, Bedürfnissen und der Stillung der Bedürfnisse.

Simmel schreibt dazu[1, S. 177]:

Wie in allen eben behandelten Fällen setzt sich der empfundene Wert der verwirklichten Funktion aus ihrem positiven inhalt und der mitwirkenden Verneintheit jener anderen, über deren Opfer sie sich erhebt, zusammen. Nicht dass diese anderen Funktionen wirken, sondern dass sie nicht wirken, ist hier das Wirksame. Wenn dies den Wert eines Objektes bestimmt, das um seinen Willen ein Opfer gebracht wird, so liegt der Wert der Geldsubstanz als solcher darin, dass ihre gesamte Verwendungsmöglichkeiten aufgeopfert werden müssen, damit sie Geld sei. Diese Wertungsart muss natürlich zweiseitig wirksam sein, das heißt der Geldstoff muss auch eine Werterhöhung seiner sonstigen Nutzbarkeit durch den Verzicht auf seine Verwertung als Geld erfahren.
Simmel spricht hier die drei Geldfunktionen an, nämlich die Wertaufbewahrungs-, die Mess- und die Tauschfunktion des Geldes. Unter positivem Zins steht die Wertaufbewahrungsfunktion in exklusiver Konkurrenz zu den übrigen Funktionen, denn man bekommt den Zins für das Sparen, also die Wertaufbewahrung und verzichtet damit auf den Konsum, der über die zwei anderen Geldfunktionen Messung und Tausch zugänglich wäre.

Das Geldkontingent, das Budget, zusammengesetzt aus Geldvermögen und Einkommen, steht den damit konsumierbaren Gütern gegenüber. Der Wert des Geldes, und damit die Spaltung von Subjekt und Objekt, welche das Geld letztendlich symbolisiert, verkörpert und misst, steigert sich also durch den Zins. Der Zins „treibt“ den Wert des Geldes und die Spaltung in die Seele, der Zins-Süchtige „opfert“ die gegenwärtige Konsummöglichkeiten zugunsten künftiger Konsummöglichkeiten und verstärkt damit seine Spaltung. Der nach der Sparstrecke erhaltene Zins ist jedoch „wieder nur Geld“ und somit gesteigerte Erwartung an einverleibbarer Zukunft.

Schauen Sie sich das Marshmallow Experiment an: Der Zins beträgt 100% für ein paar Minuten Warten. Woher kommt der Zins? Er kommt von Außerhalb. Was würde das Kind wohl am Ende der Sparzeit machen, wenn es wüsste, dass im Hinterzimmer eine Marshmallowfabrik steht in der andere Kinder arbeiten gehen müssen damit das geduldige „vernünftige“ Kind seinen Marshmallow bekommt? Es würde wohl ab einem bestimmten Alter im Angesicht der Bank (dem Versuchsleiter) mit seiner Scham konfrontiert werden, vernünftig sein und den zweiten Marshmallow zurückgeben.

Wie in dieser Zinskritik der libertären Ideologie Ludwig von Mises nachvollziehbar ist, wird die Zinsnahme von den kapitalistischen Ideologen als ein Akt der Vorsorge in der Gegenwart für die Zukunft gerechtfertigt. Das zugrundeliegende Motiv ist also eine Angst, nämlich die Abwehr der Nichtbewältigbarkeit von möglicherweise eintretenden unangenehmen, gefährlichen, existenzsbedrohenden Ereignissen und die Gier nach dem Zins, Angst und Gier.

Genau diese Tatsache legt vor dem Hintergrund der neurophysiologischen Anatomie des menschlichen Gehirns eine Verbindung des Sparens, des Antriebskerns des Kapitalismus, zu den Funktionen des limbschen Systems, speziell der Amygdala und dem Nucleus Abbumbens, nahe. Das Sparen ist eine Zurückstellung gegenwärtiger Bedürfnisse zum Zweck der Sicherstellung und Vermehrung der Möglichkeit der Stillung zukünftiger Bedürfnisse. Es wird also in der Gegenwart eine Erwartungshaltung an die Zukunft ankonditioniert.

Durch die Zurückstellung gegenwärtigen Konsums oder Investitionen entgehen dem Sparer in der Gegenwart Entfaltungsmöglichkeiten. Er verlernt den Umgang mit den gegenwärtig zugänglichen, im Kontengenzbereich seines Geldvermögens liegenden Gütern. Der Zins bietet Anreize, praktisches Handeln zu verlernen. Der entstehende Mangel äußert sich in einer Linkischkeit...

linkisch: unbeholfen und ungeschickt; ungewandt, hilflos, hölzern, plump, schwerfällig, tollpatschig, unbeholfen, ungeschicklich, ungeschickt, ungewandt, wie ein Stock/Stück Holz; (gehoben) ungelenk; (umgangssprachlich) tapsig, wie ein Elefant im Porzellanladen; (österreichisch umgangssprachlich) patschert; (meist abwertend) täppisch; (landschaftlich) tappig.

Quelle: Duden.
...und dem Verlernen elementarer praktischer Fähigkeiten. Der Mensch weiß immer weniger mit sich anzufangen, fühlt sich nutzlos und muss deswegen zur Abwehr des Minderwertigkeitsgefühls noch mehr sparen. Statt dass es zur Handlung eingesetzt wird, füllt das Geld immer mehr die Teile der Seele auf, die eigentlich den praktischen Fähigkeiten zugeordnet sind. Mit dem Verlernen der praktischen Fähigkeit steigt seine Abhängigkeit von alldenjenigen, die seine Zinsen in der Anwendung ihrer praktischen Fähigkeiten erwirtschaften.

Der Kapitalismus ist also eine Art „Psycho-Virus“, der auf einer Rückkopplung aus der Angst, nutzlos zu sein und einer Gier nach mehr zukünftigem Konsum und Investitionsmöglichkeiten als Antrieb beruht, ein böser Geist, der vom Mensch Besitz nimmt, der Mammon.

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