Das Geldsystem als Filter für und Erzeuger von Persönlichkeitsstrukturen

Wie einige Soziologen, u.a. Norbert Elias 1939 in Über den Prozeß der Zivilisation und Niklas Luhmann sehr allgemein 1984 in Soziale Systeme es darstellen, befinden sich die Entwicklung der Seele des Zivilisationsmenschen (psychisches System) und der Gruppenzusammenhang (soziales System) aufgrund ihrer Verkopplung im Menschen in einer Koevolution, hängen also voneinander ab und entwickeln sich aneinander.

Gesellschafts- und Individual-Charakter bei Erich Fromm

1941 schreibt der Psychologe Erich Fromm in Die Furcht vor der Freiheit in Bezug auf die Kopplung des Individuums mit dem Wirtschafts- und Gesellschaftsystem von einer Art äußeren „Hülle“, die er „Pseudo-Selbst” nennt, mit der und über die der Zivilisationsmensch mit seiner sozialen Umwelt in Beziehung tritt. So wie der Wirtschafts- und Gesellschaftsprozess in funktionale Bereiche unterteilt ist (funktionale Differenzierung), sind entsprechend auch die Seelen und das Verhalten funktional. Diese äußere Hülle, die mit den im Gesellschafts- und Wirtschaftssystem vorherrschenden Normvorstellungen konform geht, bildet eine Art Schnittstelle, entspricht seiner sozialen Rolle und Funktion, bildet eine Funktions- und Bedienoberfläche im Gesamtapparat und unterscheidet sich u.U. erheblich vom tiefer liegenden, verborgenen und evtl. unterdrückten Selbst.

Im Zusammenhang mit der Verfasstheit, der Gewohnheit oder Prägung (altgriechisch χαρακτήρ) der Denk-, Bewertungs- und Handlungsmuster der Gruppen spricht Fromm vom Gesellschafts-Charakter, der sich vom Individual-Charakter unterscheidet:

Untersucht man die psychologischen Reaktionen einer Gesellschaftsgruppe, so hat man es mit der Charakterstruktur der Mitglieder dieser Gruppe, das heißt mit individuellen Personen zu tun. Wir interessieren uns hier jedoch nicht so sehr für die Besonderheiten, durch welche sich diese Personen voneinander unterscheiden, sondern für den Teil ihrer Charakterstruktur, welcher den meisten Mitgliedern der Gruppe gemeinsam ist. Ich bezeichne diesen Charakter als Gesellschafts-Charakter (social character). Der Gesellschafts-Charakter ist notwendigerweise weniger spezifisch der Individual-Charakter. Beschreibt man letzteren, so befasst man sich mit der Gesamtheit der Wesenszüge, die in ihrer besonderen Konfiguration die Persönlichkeitsstruktur des betreffenden Menschen ausmachen. Der Gesellschafts-Charakter dagegen umfasst nur eine Auswahl aus diesen Wesenszügen, und zwar den wesentlichen Kern der Charakterstruktur der meisten Mitglieder einer Gruppe, wie er sich als Ergebnis der grundlegenden Erfahrungen und der Lebensweise dieser Gruppe entwickelt hat. Wenngleich es immer »Abweichler« mit einer völlig anderen Charakterstruktur geben wird, stellen doch die Charakterstrukturen der meisten Mitglieder der Gruppe Variationen dieses Kerns dar, wie sie durch die zufälligen Faktoren von Geburt und Lebenserfahrungen zustande kamen, die ja von Mensch zu Mensch verschieden sind. Wenn wir einen Einzelmenschen ganz verstehen wollen, sind diese Unterscheidungsmerkmale von größter Wichtigkeit. Wollen wir dagegen verstehen, in welche Kanäle die menschliche Energie geleitet wird und wie sie sich als Produktivkraft in einer bestimmten Gesellschaftsordnung auswirkt, dann gehört unser Hauptinteresse dem Gesellschaft-Charakter.

Der Begriff des Gesellschafts-Charakters ist ein Schlüsselbegriff für das Verständnis des Gesellschaftsprozesses überhaupt. Der Charakter ist im dynamischen Sinn der analytischen Psychologie die besondere Form, in welche die menschliche Energie durch die dynamische Anpassung menschlicher Bedürfnisse an die besonderen Daseinsformen einer bestimmten Gesellschaft gebracht wird. Der Charakter bestimmt dann seinerseits das Denken, Fühlen und Handeln des einzelnen Menschen.
Erich Fromm, Die Furcht vor der Freiheit, DTV 35024, Seite 200 ff,
So wie Fromm den Individual-Charakter und den Gesellschafts-Charakter voneinander trennt, liegen auch Selbst und Pseudo-Selbst als verschiedene und unterscheidbare seelische Phänomene vor. Zu der äußeren Hülle gehören das Pseudo-Selbst und der Gesellschafts-Charakter.

Im Zusammenhang mit dem Denken und der Bewertung von Reizen und Gedanken verwendet Fromm den Begriff der emotionalen Matrix. Dabei geht es in der Kommunikation um die emotionale Bedeutung von Begriffen, die Verknüpfung von Begriffen mit Affektzuständen, die im denkenden oder sprechenden Menschen entstehen, wenn er mit den Begriffen operiert.

In Bezug auf unser Denken können wir das nur schwer ansehen, da wir herkömmlicherweise alle zu der Überzeugung neigen, das Denken sei ein ausschließlich intellektueller Akt und sei von der psychologischen Struktur der Persönlichkeit unabhängig. Das ist jedoch nicht der Fall, und es trifft umso weniger zu, je mehr unsere Gedanken sich mit ethischen, philosophischen, politischen, psychologischen oder gesellschaftlichen Problemen befassen, statt mit konkreten Objekten empirisch umzugehen. Derartige Gedanken werden - soweit es sich nicht um die rein logischen Elemente des Denkaktes handelt - weitgehend durch die Persönlichkeitsstruktur des Denkenden bestimmt. Dies gilt für die ganze Doktrin oder für ein ganzes theoretisches System ebenso wie für einzelne Begriffe wie Liebe, Gerechtigkeit, Gleichheit oder Opfer. Ein jeder derartiger Begriff und eine jede Doktrin besitzt eine emotionale Matrix, und diese Matrix ist in der Charakterstruktur des einzelnen Menschen verwurzelt.
Erich Fromm, Die Furcht vor der Freiheit, DTV 35024, Seite 200 ff,
Fromm stellt hier fest, dass die Bedeutung abstrakter Begriffe (wie z.B. Liebe, Gerechtigkeit, Gleichheit oder Opfer) im Gegensatz zur Bedeutung konkreter Begriffe (Schwerkraft, Tisch, Baum, Haus) stark von der Persönlichkeits- und Charakterstruktur abhängt.

Emotionale Matrix und resultierende Ideen

Die Tatsache, dass Ideen eine emotionale Matrix besitzen, ist von größter Bedeutung, denn sie ist der Schlüssel zum Verständnis des Geistes einer Kultur. Verschiedene Gesellschaften oder Klassen innerhalb einer Gesellschaft besitzen einen spezifischen Gesellschafts-Charakter, und auf dieser Basis entwickeln sich unterschiedliche Ideen, die zu mächtigen Triebkräften werden.

[...]

Ideen werden oft von bestimmten Gruppen bewusst akzeptiert, aber aufgrund der Besonderheiten ihres Gesellschafts-Charakters von ihnen nicht wirklich angenommen. Für solche Menschen bilden derartige Ideen einen Vorrat an bewusst vertretenen Überzeugungen, aber in kritischen Augenblicken handeln sie nicht danach.

[...]

Ideen können zu mächtigen Kräften werden, jedoch nur in dem Maße, wie sie Antworten auf besondere menschliche Bedürfnisse eines speziellen Gesellschafts-Charakters sind.
Erich Fromm, Die Furcht vor der Freiheit, DTV 35024, Seite 200 ff,
Zu diesen Zeilen fallen mir zwei berühmte Zitate ein. Das erste stammt aus dem neuen Testament, aus Matthäus 13, Das Gleichnis vom Sämann, in dem Jesus beschreibt, wie sein Wort vom Reich, das Ausdruck und Darstellung seiner Idee des Himmelreichs ist, rezipiert wird. Es finden sich vier Charaktere, die auf sehr unterschiedliche Weise mit dem Wort umgehen:
  1. So hört nun ihr dieses Gleichnis von dem Säemann:
  2. Wenn jemand das Wort von dem Reich hört und nicht versteht, so kommt der Arge und reißt hinweg, was da gesät ist in sein Herz; und das ist der, bei welchem an dem Wege gesät ist.
  3. Das aber auf das Steinige gesät ist, das ist, wenn jemand das Wort hört und es alsbald aufnimmt mit Freuden;
  4. aber er hat nicht Wurzel in sich, sondern ist wetterwendisch; wenn sich Trübsal und Verfolgung erhebt um des Wortes willen, so ärgert er sich alsbald.
  5. Das aber unter die Dornen gesät ist, das ist, wenn jemand das Wort hört, und die Sorge dieser Welt und der Betrug des Reichtums erstickt das Wort, und er bringt nicht Frucht.
  6. Das aber in das gute Land gesät ist, das ist, wenn jemand das Wort hört und versteht es und dann auch Frucht bringt; und etlicher trägt hundertfältig, etlicher aber sechzigfältig, etlicher dreißigfältig.

Das zweite berühmte Zitat im Zusammenhang mit der charakterabhängigen Verknüpfung von Worten mit Bedeutung (»Sinn«) kommt aus dem kommunistischen Manifest und lautet:

Alle Einwürfe, die gegen die kommunistische Aneignungs- und Produktionsweise der materiellen Produkte gerichtet werden, sind ebenso auf die Aneignung und Produktion der geistigen Produkte ausgedehnt worden. Wie für den Bourgeois das Aufhören des Klasseneigentums das Aufhören der Produktion selbst ist, so ist für ihn das Aufhören der Klassenbildung identisch mit dem Aufhören der Bildung überhaupt. Die Bildung, deren Verlust er damit bedauert, ist für die enorme Mehrzahl die Heranbildung zur Maschine. Aber streitet nicht mit uns, indem ihr an euren bürgerlichen Vorstellungen von Freiheit, Bildung, Recht usw. die Abschaffung des bürgerlichen Eigentums messt. Eure Ideen selbst sind Erzeugnisse der bürgerlichen Produktions- und Eigentumsverhältnisse, wie euer Recht nur der zum Gesetz erhobene Wille eurer Klasse ist, ein Wille, dessen Inhalt gegeben ist in den materiellen Lebensbedingungen eurer Klasse. Die interessierte Vorstellung, worin ihr eure Produktions- und Eigentumsverhältnisse aus geschichtlichen, in dem Lauf der Produktion vorübergehenden Verhältnissen in ewige Natur- und Vernunftgesetze verwandelt, teilt ihr mit allen untergegangenen herrschenden Klassen. Was ihr für das antike Eigentum begreift, was ihr für das feudale Eigentum begreift, dürft ihr nicht mehr begreifen für das bürgerliche Eigentum.

[...]

Bedarf es tiefer Einsicht, um zu begreifen, dass mit den Lebensverhältnissen der Menschen, mit ihren gesellschaftlichen Beziehungen, mit ihrem gesellschaftlichen Dasein, auch ihre Vorstellungen, Anschauungen und Begriffe, mit einem Worte auch ihr Bewusstsein sich ändert? Was beweist die Geschichte der Ideen anders, als dass die geistige Produktion sich mit der materiellen umgestaltet? Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse. Man spricht von Ideen, welche eine ganze Gesellschaft revolutionieren; man spricht damit nur die Tatsache aus, dass sich innerhalb der alten Gesellschaft die Elemente einer neuen gebildet haben, dass mit der Aulösung der alten Lebensverhältnisse die Aulösung der alten Ideen gleichen Schritt hält. Als die alte Welt im Untergang begriffen war, wurden die alten Religionen von der christlichen Religion besiegt. Als die christlichen Ideen im 18. Jahrhundert den Aufklärungsideen unterlagen, rang die feudale Gesellschaft ihren Todeskampf mit der damals revolutionären Bourgeoisie. Die Ideen der Gewissens- und Religionsfreiheit sprachen nur die Herrschaft der freien Konkurrenz auf dem Gebiet des Wissens aus. Aber, wird man sagen, religiöse, moralische, philosophische, politische, rechtliche Ideen usw. modifzieren sich allerdings im Lauf der geschichtlichen Entwicklung. Die Religionen, die Moral, die Philosophie, die Politik, das Recht erhielten sich stets in diesem Wechsel.
Marx und Engels: Das Manifest der kommunistischen Partei, 1847/48 (pdf).

Schließlich betont Fromm, dass auch das (rationale) Verhalten charakterabhängig ist:

Nicht nur das Denken und Fühlen eines Menschen wird von seiner Charakterstruktur bestimmt, sondern auch sein Tun. Es ist Freuds Verdienst, dies nachgewiesen zu haben, wenn auch sein theoretischer Bezugsrahmen nicht richtig ist. Dass die Handlungsweise eines Menschen von den dominierenden Tendenzen seiner Charakterstruktur bestimmt wird, ist bei Neurotikern besonders deutlich zu erkennen. [...] Man kann jedoch mit Hilfe der neuen Beobachtungsmöglichkeiten, welche die Psychoanalyse bietet, erkennen, dass auch das sogenannte rationale Verhalten weitgehend von der Charakterstruktur bestimmt wird.

Reproduktion der Charaktere

Im nun Folgenden versucht Fromm die Entstehung, Bildung oder Formung der Charaktere zu erklären und argumentiert dabei mit der Funktion, die sich seelisch als Gesellschafts-Charakter einprägt:

Wir müssen uns jetzt fragen, welche Funktion der Charakter für den Einzelnen und für die Gesellschaft hat. Ersteres ist unschwer zu beantworten. Wenn der individuelle Charakter eines Menschen mehr oder weniger genau dem Gesellschafts-Charakter entspricht, veranlassen ihn die in seiner Persönlichkeit dominierenden Triebe, eben das zu tun, was unter den spezifischen gesellschaftlichen Bedingungen seiner Kultur notwendig und wünschenswert ist.

Funktionsteil der Seele bildet gesellschaftliche Erwartungen ab

In Soziale Systeme, stellt Luhmann die These auf, dass die sich bildenden Strukturen in den Systemen jeweils gegenseitige Erwartungen abbilden:

Der Strukturbegriff präzisiert, mit anderen Worten, die Relationen der Elemente über Zeitdistanzen hinweg. Wir müssen also vom Verhältnis zwischen Elementen und Relationen ausgehen und dies Verhältnis als konstitutiv ansehen für die Qualifizierung der Elemente, im Falle sozialer Systeme also für die Qualifizierung des Sinnes von Handlungen.
Niklas Luhmann, Soziale Systeme, Kapitel 8, Struktur und Zeit, Abschnitt II, S.383
[...]

Ereignis/Struktur-Theorie und Erwartungstheorie werden zusammengeführt mit der These, dass Strukturen sozialer Systeme in Erwartungen bestehen, dass sie Erwartungsstrukturen sind und dass es für soziale Systeme, weil sie ihre Elemente als Handlungsereignisse temporalisieren, keine anderen Strukturbildungsmöglichkeiten gibt.
Niklas Luhmann, Soziale Systeme, Kapitel 8, Struktur und Zeit, Abschnitt V, S.399
Wenn man sich nun klar macht, dass die wesentliche Funktion der Wirtschaft und des Marktes das Stillen gegenseitiger Bedürfnisse (also Erwartungen) ist, erscheinen die Worte Fromms und Luhmanns hier als logisch konsistent, kohärrent und also plausibel. Die Menschen dienen einander in der Stillung ihrer Bedürfnisse, und dieser Dienst aneinander formt ihre Charaktere.

Was hierbei jedoch unberücksichtigt bleibt ist der Grund des Einanderausgesetztseins. Wie an anderer Stelle und auch von Norbert Elias in Über den Prozess der Zivilisation ausgeführt, bewirkt das kapitalistische Geldsystem durch den positiven Zins Kontrahierungszwänge (Vertragsabschlusszwänge, obligatio ex inopia), also eine relativ zu einem Geldsystem ohne Zinsen oder mit negativen Zinsen übermäßige Bezogenheit der Menschen auf einander an Märkten. Es ist das resultierende, so künstlich erzwungene Übermaß der Bezogenheit, das die seelische Integrität verletzt, den Menschen zu Anpassungen zwingt und so seine soziale Hülle formt.

In den weiteren Ausführungen Fromms tritt dieser Zwangscharakter der Bezogenheit (Notwendigkeiten in Fromms Worten, siehe Einfluss des Zinses auf das Gleichgewicht der Bestimmung) hervor, ohne dass dieser mit der Ursache, dem Kapitalismus, in Beziehung gesetzt wird:

Außer dieser wirtschaftlichen Funktion haben die Charakterzüge auch noch eine rein psychologische Bedeutung, die nicht weniger wichtig ist. [...] Die subjektive Funktion des Charakters besteht bei einem normalen Menschen darin, dass er ihn veranlasst, so zu handeln, wie dies vom praktischen Standpunkt aus für ihn notwendig ist, und dass er ihm darüber hinaus bei seiner Betätigung noch eine psychologische Befriedigung gewährt.

Betrachten wir den Gesellschafts-Charakter im Hinblick auf seine Funktion im Gesellschaftsprozess, so müssen wir von der Feststellung ausgehen, die wir hinsichtlich seiner Funktion für den einzelnen Menschen machten: dass nämlich der Mensch, der sich den gesellschaftlichen Bedingungen anpasst, eben jene Charakterzüge entwickelt, aufgrund derer er so handeln möchte, wir handeln muss [!]. Wenn der Charakter der meisten Mitglieder einer bestimmten Gesellschaft - das heißt, wenn der Gesellschafts-Charakter derart an die objektiven Aufgaben angepasst ist, die der Einzelne in dieser Gesellschaft zu erfüllen hat, dann werden die Energien dieser Menschen so geformt, dass sie zu Produktivkräften werden, die für das Funktionieren eben dieser Gesellschaft unentbehrlich sind.

Nehmen wir noch einmal die Arbeit als Beispiel. Unser modernes Industriesystem macht es erforderlich, dass der größte Teil unserer Energie in die Arbeit hineingesteckt wird. Würden die Menschen nur unter dem Druck äußerer Notwendigkeiten [der Zwangscharakter der Bezogenheit] arbeiten, dann käme es häufig zu Reibereien darüber, was sie tun sollten und was sie lieber tun möchten, und das würde ihre Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Dagegen wird die menschliche Energie durch die dynamische Anpassung des Charakters an die gesellschaftlichen Erfordernisse in solche Formen gebracht, dass sie - anstatt Reibungen zu erzeugen - die Menschen dazu antreibt, sich den besonderen ökonomischen Notwendigkeiten entsprechend zu verhalten. Daher muss man den heutigen Menschen nicht mehr zwingen, möglichst hart zu arbeiten, sondern er wird durch einen inneren Zwang zur Arbeit getrieben, dessen psychologische Bedeutung wir zu analysieren versuchten. Oder anders gesagt: Er hat sich - anstatt äußeren Autoritäten zu gehorchen - eine innere Autorität in Gestalt von Gewissen und Pflicht aufgebaut, die ihn wirksamer unter Kontrolle hält, als das eine äußere Autorität jemals vermöchte. Kurz, der Gesellschaft-Charakter internalisiert äußere Notwendigkeiten und spannt auf diese Weise die menschliche Energie für die Aufgaben eines bestimmten ökonomischen und gesellschaftlichen Systems ein.
Erich Fromm, Die Furcht vor der Freiheit, DTV 35024, Seite 200 ff,
Die gegenseitige Trennung und Aufspaltung dieser beiden Bereiche der Seele, des fremdbestimmten Dieners am Nächsten in uns und des eigenen Ego und Selbst, beschreibt Norbert Elias in Über den Prozess der Zivilisation als die stetige Umwandlung von Fremdzwängen in Selbstzwänge. Genau in diesen internalisierten Fremdzwängen, den Selbstzwängen bestehen die Strukturen des Gesellschafts-Charakters, des gesellschaftlichen Wertesystems und des Über-Ich.
Eine Skulptur auf dem Gelände des Burning Man Festivals.

Rolle des Erziehungssystems

Nun folgt die Beschreibung der Reproduktion der Charaktere und der Rolle des Erziehungssystems dabei:

Wie wir bereits feststellten, ist jedes Verhalten, das gewissen Bedürfnissen entspricht, die sich zu einer Charakterstruktur entwickelt haben, sowohl psychologisch als auch vom Standpunkt des materiellen Erfolgs aus befriedigend. Solange eine Gesellschaft dem Einzelnen diese beiden Arten der Befriedigung gleichzeitig bieten kann, haben wir es mit einer Situation zu tun, in welcher die psychologischen Kräfte die gesellschaftliche Struktur zementieren.

[... ]

Wir haben noch nicht davon gesprochen, welche Rolle der Erziehungsprozess bei der Bildung des Gesellschafts-Charakters spielt. [... ] Die gesellschaftliche Funktion der Erziehung besteht darin, dass man den Einzelnen in die Lage versetzt, die Rolle auszufüllen, die er später in der Gesellschaft spielen soll, das heißt, dass man seinen Charakter so formt, dass er dem Gesellschafts-Charakter möglichst nahe kommt, dass seine persönlichen Wünsche mit den Erfordernissen seiner gesellschaftlichen Rolle übereinstimmen. Das Erziehungssystem einer jeden Gesellschaft wird durch diese Aufgabe bestimmt. Man kann daher die Struktur einer Gesellschaft oder die Persönlichkeit ihrer Mitglieder nicht mit dem Erziehungsprozess erklären. Wir müssen umgekehrt [auch] das Erziehungssystem mit den Erfordernissen erklären, die sich aus der sozialen und wirtschaftlichen Struktur der jeweiligen Gesellschaft ergeben. Die Erziehungsmethoden sind jedoch deshalb von größter Bedeutung, weil sie die Mechanismen darstellen, deren Hilfe der einzelne gewünschte Form gebracht wird. Man kann sie als die Mittel ansehen, mit deren Hilfe die gesellschaftlichen Erfordernisse in persönliche Eigenschaften umgewandelt werden. Die Erziehungsmethoden sind zwar nicht die Ursache für einen speziellen Gesellschafts-Charakter, aber sie begründen einen der Mechanismen, mit deren Hilfe der Charakter geformt wird. In diesem Sinn ist die Kenntnis der Erziehungsmethoden und das Verständnis dafür ein wichtiger Bestandteil der Gesamtanalyse der Funktionsweise einer Gesellschaft.

Das eben Gesagte gilt auch für einen speziellen Sektor des gesamten Erziehungsprozesses, für die Familie. Freud hat nachgewiesen, dass die frühen Kindheitserfahrungen auf die Bildung der Charakterstruktur einen entscheidenden Einfluss haben. Wenn das zutrifft, muss man sich fragen, wie es möglich ist, dass das Kind, das doch - wenigstens in unserer Kultur - kaum mit dem Leben in der Gesellschaft in Berührung kommt, von dieser geformt werden soll. Die Antwort lautet nicht nur, dass die Eltern - von gewissen individuellen Ausnahmen abgesehen - die Erziehungsmethoden der Gesellschaft anwenden, in der sie selbst leben, sondern dass auch deren eigene Persönlichkeit den Charakter ihrer Gesellschaft oder ihres Standes repräsentiert. Sie übermitteln dem Kind das, was man als die psychologische Atmosphäre oder den Geist einer Gesellschaft bezeichnen könnte, indem sie das sind, was sie sind, nämlich die Vertreter dieses Geistes. So kann man die Familie als die psychologische Agentur der Gesellschaft ansehen.
Erich Fromm, Die Furcht vor der Freiheit, DTV 35024, Seite 200 ff,

Querverweise auf 'Das Geldsystem als Filter für und Erzeuger von Persönlichkeitsstrukturen'