Definition des Liberalismus

Neben den Begriffen des Kapitalismus und des Kommunismus ist in der Analyse der Ökonomie der Begriff des (Neo-) Liberalismus von Bedeutung. Das Mittelalter hindurch entwickelte das Kapital eine absolute Herrschaft über die Menschen. Die einzelnen Familien zugeordneten und über Jahrhunderte in zahlreichen Ausscheidungskämpfen integrierten Territorien bildeten feste Verwaltungsapparate aus, die in sich das Gewalt-, Steuer-, Gesetzgebungsmonopol und die Gerichtshoheit vereinten. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts beginnen sich Teile der in Ständen (Bauern, Bürgertum der Städte, Ritter/Adel und Klerus) organisierten Bevölkerung des Abendlandes gegen die absolute Herrschaft der weltlichen Eliten aufzulehnen. Der Geist dieser Bewegung wird als Liberalismus bezeichnet (das lateinische Wort liber bedeutet frei) gipfelte (vorläufig) in Frankreich in der französischen Revolution 1789, pflanzte sich im darauffolgenden Jahrhundert in Europa fort, kam dann unter französischer Besatzung nach Deutschland und gärte dann nach dem Wiener Kongress 1814/15, bei dem die Völker des Abendlandes wieder von ihren Eliten hingehalten wurden, im Vormärz, manifestierte sich in Deutschland in der März-Revolution 1848/1849 und erreichte schließlich Russland in der Februar-Revolution 1917, dem Sturz des Zaren und dem Zerfall der absolutistischen Ordnung Russlands. In Deutschland verlor die Monarchie, die emergente Ordnung des abendländischen Kapitalismus nach dem Zerfall des römischen Reiches erst mit dem Ende des ersten Weltkriegs 1914-1918 seine Legitimation.

Im Zuge der Entstehung des Liberalismus kam es zu einer Vergemeinschaftung der Verwaltungsapparate der Staaten. Die Verwaltungsämter und -posten der Staaten wurden durch die aufsteigenden Schichten des Bürgertums durchdrungen, die aristokratischen Eliten zurückgedrängt und in ihrer Machtfülle eingeschränkt[2, S. 265 ff., 277, 286]. Nur die Hofapparate blieben allein dem Adel, um den König mit Menschen seiner Schicht zu umgeben[2, S. 279].

Durch die Werke der Philosophen der Aufklärung (u.a. Thomas Hobbes, John Locke, Jean-Jacques Rousseau, Immanuel Kant) entwickelte sich ein aufgeklärte insbesondere ökonomisch geschulte geistige Elite, die darauf hinwirkte, den kapitalistischen Prozess von den starren Regelungen der absolutistischen Staaten zu befreien und seine gesellschaftlichen Begleiterscheinungen zu mildern. Die wirtschaftswissenschaftliche Dimension des Liberalismus' wird als klassische Nationalökonomie oder auch als politische Ökonomie (Begriffsprägung durch Karl Marx) bezeichnet. Als ihre Hauptvertreter gelten Adam Smith, David Ricardo, Jean-Baptiste Say, Thomas Malthus und John Stuart Mill.

Während die eine Hälfte der ökonomischen Aufklärer angesichts der damaligen (!) Unmöglichkeit der Durchsetzung negativer Geldmarktzinsen die Liberalisierung der kapitalistischen („Positiv-Zins“-) Ökonomie vorantrieben, um den niederen Schichten durch entsprechende charakterliche Schulung und Verhaltensbildung (aufklärerische „Morallehren“) eine der Religion alternativen „Bedienungsanleitung“ für den sich modernisierenden Kapitalismus und sein Geldsystem an die Hand zu geben, trachtete ein anderer Teil, die Physiokratie, danach, die wachstums- und entwicklungshemmende Einflussnahme des Staates, insbesondere die zu rigide und starre, der sich im Zuge der industriellen Revolution rasant entwickelnden dynamischen Wirtschaft nicht mehr angemessene absolutistische, starre Steuergesetzgebung, die starren und gegenüber dem Wirtsprozess gegenüber blinden Regelungen und Verordnungen wie auch die Zinsnahme des Kapitals auf die Wirtschaft und den Handel insgesamt zurückzudrängen.

Vertreter der Physiokratie waren neben ihrem Gründer François Quesnay, Richard Cantillon (1680–1734), Vincent de Gournay (1712–1759), Victor Riquetti (1715–1789), Mercier de La Rivière (1719–1801), Pedro Rodríguez de Campomanes (1723–1802), Paul Boësnier de l'Orme (1724–1793), Pablo de Olavide (1725–1803), Anne Robert Jacques Turgot (1727–1781), Guillaume-François Le Trosne (1728–1780), Nicolas Baudeau (1730–1792), Johann August Schlettwein (1731–1802), Pierre Samuel du Pont de Nemours (1739–1817) und Honoré Gabriel de Riqueti (1749–1791).

Im 19. und 20. Jahrhundert entwickelten sich die Ideen der Physiokraten weiter. Vertreter waren auch später im Zusammenhang mit der Freiland und Freiwirtschaftstheorie Theodor Hertzka (1845-1924), Silvio Gesell (1862-1930) und Georg Blumenthal (1872-1929).

Norbert Elias zur Entstehung der Physiokratie

Die folgenden Text-Passagen stammen aus Elias' Werk Über den Prozess der Zivilisation, Zweiter Teil: Zur Soziogenese des Begiffs »civilisation« in Frankreich, 2. Zur Soziogenese des Physiokratismus und der französischen Reformbewegung[1, S.139].

4. Man erinnere sich an die Situation Frankreichs nach der Mitte des 18. Jahrhunderts.

Die Grundsätze, nach denen Frankreich regiert und nach denen vor allem die Steuer- und Zollgesetzgebung gehandhabt wurde, waren im Großen und Ganzen noch die gleichen, wie zu den Zeiten Colberts (1619-1683). Aber die Macht - und Interessenverhältnisse im Inneren, der gesellschaftliche Aufbau Frankreichs selbst hatte sich in entscheidenden Punkten verschoben. Der strenge Protektionismus, der Schutz der nationalen Manufaktur - und Handelstätigkeit vor der ausländischen Konkurrenz hatte tatsächlich zur Entwicklung des französischen Wirtschaftslebens und damit zur Förderung dessen, worauf es dem König und seinen Vertretern vor allem ankam, zur Förderung der Steuerkraft des Landes, entscheidend beigetragen. Die Schranken des Getreidehandels, die Monopole, das Speichersystem, die Zollmauer zwischen den Provinzen hatten einen Teil der lokalen Interessenten geschützt, und sie hatten vor allem das für die Ruhe des Königs und vielleicht ganz Frankreichs wichtigste Gebiet, Paris, zuweilen vor den äußersten Folgen von Missernte und Teuerung, vor Hungersnot und Hungerrevolten bewahrt.

Aber inzwischen war die Kapitalkraft des Landes und die Bevölkerung gewachsen. Das Handelsnetz war dichter und ausgedehnter, die Industrietätigkeit lebhafter, die Verkehrswege besser, die wirtschaftliche Verflechtung und Interdependenz des französischen Gebiets - im Vergleich mit Colberts Zeit - enger geworden. Teile des Bürgertums begannen das traditionelle Steuersystem und das Zollsystem, unter dessen Schutz sie groß geworden, als störend und widersinnig zu empfinden. Fortschrittliche Landadlige und Gutsbesitzer, wie Mirabeau, sahen in den merkantilistischen Bindungen der Getreidewirtschaft mehr eine Schädigung, als eine Förderung der landwirtschaftlichen Produktion; sie profitierten dabei nicht wenig von den Lehren, die das freiere, englische Handelssystem dem Beobachter gab. Und vor allem erkannte ein Teil der höheren Verwaltungsbeamten selbst die Schäden des bestehenden Systems, an ihrer Spitze deren fortschrittlichster Typus, eine Reihe von Provinzintendanten, Vertreter der einzigen, modernen Form des Beamtentums, die das »ancien régime« hervorgebracht hat, der einzigen Beamtenfunktion, die nicht in der Art der übrigen käuflich und damit vererblich war. Diese fortschrittlichen Elemente der Verwaltung bildeten eine der wichtigsten Brücken zwischen dem Reformverlangen, das sich im Lande bemerkbar machte, und dem Hof. Sie spielten direkt oder indirekt in dem höfischen Cliquenkampf um die Besetzung der Posten, der politischen Schlüsselstellen, voran der Ministerstellen, eine nicht unbeträchtliche Rolle.

Dass diese Kämpfe noch nicht in dem gleichen Grade relativ unpersönliche, politische Auseinandersetzungen waren, wie später, wenn die verschiedenen Interessenrichtungen durch Parteien im Rahmen von Parlamenten vertreten werden, ist schon gesagt worden. Aber die höfischen Gruppen, die miteinander aus den verschiedensten Gründen und den Einfluss am Hof und um die Besetzung der Posten kämpften, bildeten zugleich gesellschaftliche Kernformationen, durch die Interessen breiterer Gruppen und Schichten bei der Zentrale des Landes Ausdruck finden konnten. Auf diese Weise waren auch die Reformtendenzen bei Hofe vertreten.

Die Könige waren in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts schon längst nicht mehr nach Gutdünken entscheidende Monarchen. Sie waren weit spürbarer als etwa Ludwig der XIV Gefangene der gesellschaftlichen Prozesse und abhängig von diesen Cliquen, diesen Fraktionen des Hofes, die z. T. weit ins Land und tief in mittelständische Kreise hineinreichten.

Der Physiokratismus ist eine der theoretischen Ausdrücke dieser Fraktionskämpfe. Er ist keineswegs nur ein ökonomisches, er ist ein groß angelegtes politisches und soziales Reformsystem. Er enthält zugespitzt, abstrakt und dogmatisch verfestigt, Ideen, die in weniger theoretischer, weniger dogmatisch und konsequenter Form, nämlich als praktische Reformforderungen für jene ganze Bewegung charakteristisch ist, als deren Exponent dann Turgot so eine Zeit lang an die Spitze der Finanzen trat. Man könnte sie, wenn man dem, was keinen einheitlichen Namen hatte, und kein einheitlich organisiertes Gebilde war, einen Namen geben will, die Richtung der Reformbeamten nennen. Aber diese Reformbeamten hatten ohne Zweifel auch Teile der Intelligenz und des kaufmännischen Bürgertums hinter sich.
Es sei hier angemerkt, dass zwischen dem Grundbegriff der Physiokratie und Elias' Physiokratismus ein wichtiger Unterschied besteht. Physiokratie bezeichnet die Ideologie einer bestimmten Reformbewegung in Folge der Aufklärung vor und während der französischen Revolution, während Elias den Begriff Physiokratismus anders verwendet. Elias schreibt, dass die Cliquen an den Höfen als Volksvertreter das politische Begehren von Teilen des Volks- und Wirtschaftskörpers abbilden. Mit Physiokratismus deutet Elias also den Disput und Diskurs der Cliquen, die Cliquenkämpfe, als Auseinandersetzungen in Folge der Natur des gesellschaftlichen Gesamtprozesses aufgrund des positiven Zinses. Diese Unterscheidung ist deswegen bedeutsam in der Auseinandersetzung und Kritik Elias' Werk, weil die Ideologie der Physiokratie die Errichtung einer mit den Naturgesetzen konformen Ökonomie nicht-positiver Zinsen anstrebt, Elias mit Physiokratismus jedoch lediglich die emergierende Stellvertreter-Streit-Kultur an den absolutistischen Höfen bei positivem Zins bezeichnet.

Übrigens gab es innerhalb der Reformwilligen und Reformverlangenden selbst erhebliche Meinungsverschiedenheiten über die Art der Reform. Es gab Männer darunter, die durchaus eine Reform des Steuersystems und des Staatsapparates wünschten, die aber zugleich in einem ganz anderen Maße protektionistisch eingestellt waren, als etwa die Physiokraten. Forbonnais ist einer der markantesten Vertreter dieser Richtung. Und man kann ihn, man kann seine Gesinnungsgenossen nicht ganz verstehen, wenn man sie wegen ihrer stärker betonten, schutzzöllnerischen Einstellung ohne Weiteres noch zu den »Merkantilisten« rechnet. In der Debatte zwischen Forbonnais und den Physiokraten kommt bereits die Differenz innerhalb der modernen, industriellen Gesellschaft zu einem frühen Ausdruck, die von nun ab immer von Neuem zu Kämpfen zwischen stärker freihändlerischen und stärker protektionistischen Interessengruppen geführt hat. Zu der mittelständischen Reformbewegung gehören beide.

Auf der anderen Seite verhält es sich keineswegs so, dass etwa das ganze Bürgertum reformwillig und die Aristokratie ausschließlich Gegnerin der Reform war. Es gab eine genau zu kennzeichnende Reihe von mittelständischen Gruppen, die jedem ernsthaften Reformversuch den stärksten Widerstand entgegensetzen, und deren Existenz in der Tat an die Konservierung des »ancien régimes« in seiner unreformierten Gestalt gebunden war. Zu diesen Gruppen gehörte vor allem der größere Teil der höheren Beamtenschaft, die noblesse de robe, deren Ämter in dem gleichen Sinne Familienbesitztum waren, in dem heute eine Fabrik oder irgendein Geschäft vererbliches Eigentum sind; dazu gehörte außerdem das Zunfthandwerk und ein guter Teil der Steuerpächter, der financiers. Und wenn die Reform in Frankreich tatsächlich scheiterte, wenn die Disproportionalitäten der Gesellschaft den institutionellen Bau des »ancien régime« schließlich gewaltsam sprengten, so hat der Widerstand dieser mittelständischen Gruppen gegen die Reform einen erheblichen Anteil daran.

Dieser ganze Überblick zeigt eines mit voller Klarheit, was für diesen Zusammenhang wichtig ist: In Frankreich spielten bürgerliche Schichten zu dieser Zeit bereits eine politische Rolle, in Deutschland nicht. Hier, in Deutschland, ist die Intelligenzschicht auf die Sphäre des Geistes und der Ideen beschränkt, dort, in Frankreich, bieten sich mit allen übrigen menschlichen Fragen zugleich gesellschaftliche, ökonomische, administrative und politische Fragen dem Nachdenken der höfisch-bürgerlichen Intelligenz. Die deutschen Gedankensysteme [z.B. das Hegel'sche System] sind in ganz anderem Maße reine Forschung. Ihr sozialer Ort ist die Universität. Der soziale Ort, aus dem der Physiokratismus hervorging, ist der Hof und die höfische Gesellschaft mit ihren spezifischen, auf konkreten Einfluss, etwa auf Beeinflussung des Königs und seiner Freundin, gerichteten Denkaufgaben.
Man sieht hier, dass nach Elias' Meinung in Frankreich die Nähe zu und die Verflochtenheit des Bürgertums mit der aristokratischen Oberschicht größer ist und sich deshalb die Reformbewegung sehr viel praktischer konkretisierte als in Deutschland, wo sich ökonomisches Nachdenken in den Universitäten und innerhalb der weltlichen Elite abspielte, doch aufgrund der Distanz zwischen den bürgerlichen Schichten und Ständen vorerst keine realen Folgen hatte. Dies mag auch eine Erklärung dafür sein, dass sich die liberale Revolution in Deutschland erst 60 Jahre später konkretisierte, obwohl sie unter der napoléonischen Besatzung von 1806 bis zum Wiener Kongress 1814/15 oktroyiert und von Freiherrn vom Stein künstlich stimuliert worden war. Die Deutschen musste man damals zur Freiheit regelrecht zwingen, doch ist das heute anders?

5. Die Grundideen Quesnays und der Physiokraten sind bekannt. Quesnay stellt in seinem »Tableau économique« das Wirtschaftsleben der Gesellschaft als einen mehr oder weniger selbsttätigen Prozess, als einen geschlossenen Kreislauf von Produktion, Zirkulation und Reproduktion der Güter dar. Er spricht von natürlichen Gesetzen des Zusammenlebens im Einklang mit der Vernunft. Von dieser Idee aus kämpft Quesnay dagegen, dass die Regierenden willkürlich in den ökonomischen Kreislauf eingreifen. Er wünscht, dass sie dessen Gesetzlichkeit kennen, um die Prozesse zu lenken, und er wünscht nicht, dass sie ahnungslos nach Gutdünken Verordnungen erlassen. Er verlangt Freiheit des Handels, besonders des Getreidehandels, weil die selbsttätige Regulierung, das freie Spiel der Kräfte, seiner Meinung nach eine für Konsumenten und Produzenten wohltätigere Ordnung schaffen als die traditionellen Regulierungen von oben und die unzähligen Handelsbarrieren zwischen Provinz und Provinz, zwischen Land und Land.

Aber er ist durchaus der Meinung, dass die selbsttätigen Prozesse von einer weisen und aufgeklärten Beamtenschaft gekannt und aus dieser Kenntnis heraus gelenkt werden müssen. Hier vor allem liegt der Unterschied zwischen der Art, in der die französischen Reformer und jener, in der die englischen Reformer die Erfahrung der selbsttätigen Regulierung des Wirtschaftslebens verarbeiten. Quesnay und die Seinen halten sich durchaus im Rahmen des bestehenden monarchischen Systems. An die Grundelemente des »ancien régimes« und seines institutionellen Gefüges rührt er nicht. Und das gilt erst recht von dem Teil der Beamtenschaft und der Intelligenz, die ihm nahe stehen, und die weniger abstrakt, weniger zugespitzt und stärker aufs Praktische ausgerichtet zu ähnlichen Resultaten kommen, wie die physiokratische Kerngruppe. Im Grunde ist die Erfahrung und der Gedankengang, der ihnen allen gemeinsam ist, höchst einfach: es stimmt nicht - so etwa kann man ihn formulieren -, dass die Regierenden allmächtig sind und nach Gutdünken alle menschlichen Verhältnisse regeln können. Die Gesellschaft, die Wirtschaft hat ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten, sie setzt den unvernünftigen Einflüssen der Regierung und der Gewalt Widerstand entgegen. Deshalb muss man eine aufgeklärte, eine vernünftige Verwaltung schaffen, die entsprechend den »Naturgesetzen« der gesellschaftlichen Prozesse und das heißt zugleich, entsprechend der Vernunft, verwaltet und regiert.
Schon damals wurde dem bestehenden System seine „Naturgesetzlichkeit“ abgesprochen, doch ausgerechnet von Leuten, deren gesellschaftlicher Stand eben auf genau dieser kritisierten Unnatürlichkeit des Zinses beruhte, der in den Jahrhunderten des Mittelalters und in den Anfängen des Abendlandes nicht als Geldmarktzins, sondern als Bodenpacht, Zehnt oder sonstige Steuer dem Lehens- bzw. Zentralherren für die Überlassung von Verfügungsrechten zukam. Die Kritik ist also zwar zielgerichtet und richtig, doch kommt sie von den Falschen.

6. Einer der Ausdrücke und ein deutliches Spiegelbild dieser Reformideen ist im Moment seiner Bildung der Begriff »civilisation«. Wenn hier der Gedanke an dem »homme civilisé« [ein Vorläufer des „Homo Oeconomicus“?] zur Konzeption eines Begriffs führt, der das Ganze der Gesittung und des bestehenden Gesellschaftszustandes bezeichnet, so ist das zunächst einmal Ausdruck für die spezifische Hellsicht des Oppositionellen, des Gesellschaftskritikers.

Aber es kommt etwas anderes hinzu, eben jene Erfahrung, dass die Regierung nicht nach Belieben Anordnungen treffen könne, sondern dass ihr anonyme, gesellschaftliche Kräfte automatisch Widerstand entgegensetzen, falls die Anordnungen nicht von einer genauen Kenntnis dieser Kräfte und Gesetzmäßigkeiten gelenkt sind; es ist die Erfahrung der Hilflosigkeit auch der absolutesten Regierungen gegenüber den Dynamismen der gesellschaftlichen Entwicklung und des Unheils, der sichtbaren Verwirrung, des Elends und der Not, die willkürgelenkte, »naturwidrige«, »unvernünftige« Regierungsmaßnahmen stiften. Diese Erfahrung findet, wie gesagt, ihren Ausdruck in der physiokratischen Idee, dass gesellschaftliche Vorgänge, wie Naturerscheinungen, in einem gesetzmäßigen Prozess verlaufen. Und dies ist zugleich die Erfahrung, die in der Fortbildung des älteren »civilisé« zum Substantiv »civilisation« Gestalt annimmt, und die dazu beiträgt, ihm über den individuellen Gebrauch hinaus Bedeutung zu geben.

Die Wehen der industriellen Revolution, die nicht mehr als Ergebnis einer Lenkung zu fassen waren, lehrten die Menschen, für eine kurze Zeit zum ersten Mal auch sich selbst, ihr eigenes gesellschaftliches Dasein, als Prozess zu sehen und zu denken. Wenn man den Gebrauch des Begriffs Zivilisation zunächst bei Mirabeau weiterverfolgt, sieht man deutlich, wie diese Erfahrung ihm die ganze Gesittung seiner Zeit in einem neuen Licht erscheinen lässt. Auch diese Gesittung, auch das »Zivilisiert-Sein« empfindet und erkennt er als Ausdruck eines Kreislaufs und er wünscht, dass die Regierenden diese Gesetzmäßigkeit sehen, um sie nutzen zu können. Das ist der Sinn des Begriffs »Zivilisation« in diesem frühen Stadium seines Gebrauchs.

Mirabeau spricht in seinem »Ami des hommes« einmal davon, wie ein Zuviel an Geld die Bevölkerung vermindere, und zwar in dem Maße, in dem sich der Verbrauch jedes einzelnen Individuums vermehrt. Dieser Überfluss an Geld, so ist seine Meinung,

»unterdrückt das Gewerbe und die Künste und stößt als Folge davon die Stände in Armut und Entvölkerung«

wenn er allzu groß wird. Und er fährt fort:

»Daraus würde sich ergeben, wie der Kreislauf von der Barbarei über die Zivilisation und den Reichtum hin zur Dekadenz durch einen tüchtigen und aufmerksamen Minister durchbrochen und der Mechanismus angehalten werden kann, bevor er sein Ende erreicht.«

In diesem Satz ist eigentlich alles beisammen, was dann ganz allgemein für die Grundhaltung der Physiokraten kennzeichnend ist: die Selbstverständlichkeit, mit der die Entwicklungsgänge der Wirtschaft, der Bevölkerung, schließlich der gesamten Gesittung als ein großer Zusammenhang betrachtet werden, die Konsequenz, mit der das alles als ein Kreislauf, ein ständiges Auf und Ab gesehen wird, und die politische Tendenz, der Reformwille, kraft dessen dieses Wissen letzten Endes für die Regierenden bestimmt ist, damit sie aus der Einsicht in diese Gesetzmäßigkeiten die gesellschaftlichen Prozesse besser, aufgeklärter, vernünftiger, zu regeln und zu lenken imstande seien als bisher.

In Mirabeaus Widmung seiner »Théorie de l'impôt« an den König vom Jahre 1760, mit der er dem Monarchen das physiokratische Projekt der Steuerreform anempfiehlt, findet sich noch ganz der gleiche Gedanke:

»Das Beispiel aller Reiche, die dem Ihren vorangegangen sind und die den Kreislauf der Zivilisation durchlaufen haben, wäre im Einzelnen ein Beweis dessen, was ich gerade vorgebracht habe.«

Der Kreislauf der zivilisatorischen Herrschaftsformen. Der (kapitalistische) Zeitfluss verläuft entgegen dem Uhrzeigersinn.
Die kritische Einstellung des Landedelmanns Mirabeau gegenüber Reichtum, Luxus und der ganzen herrschenden Gesittung, gibt seiner Konzeption eine besondere Färbung. Die echte Zivilisation, so meint er, steht im Kreislauf zwischen der Barbarei und der falschen, der »dekadenten« Zivilisation, die durch einen Überfluss an Geld erzeugt wird. Sache einer aufgeklärten Regierung ist es, diesen Automatismus so zu steuern, dass die Gesellschaft auf der mittleren Linie zwischen Barbarei und Dekadenz gedeihen kann. Die ganze Problematik der »Zivilisation« ist im Moment der Entstehung des Begriffs bereits spürbar. Schon damals verbindet sich mit diesem Begriff die Idee der Dekadenz oder des Untergangs, die seitdem offen oder verschleiert im Rhythmus der Krisenzyklen immer von Neuem auftaucht. Aber man sieht zugleich auch ganz deutlich: der Reformwille hält sich durchaus im Rahmen des bestehenden, von oben manipulierten Gesellschaftssystems, und er stellt dem, was er an der gegenwärtigen Gesittung als schlecht empfindet, nicht ein absolut neues Bild und einen neuen Begriff entgegen, sondern er knüpft an das Bestehende an, er wünscht es zu bessern: aus der »falschen Zivilisation« soll durch geschickte und aufgeklärte Maßnahmen der Regierung wieder eine »gute und wahre Zivilisation« werden.
Man sieht hier schon recht deutlich, dass schon vor der französischen Revolution den Eliten Frankreichs die Zusammenhänge und Wirkweisen der Zinsen bewusst waren und dass die Regierenden, ähnlich wie später der selbsternannte Führer der Deutschen Adolf Hitler, der auch Adressat von Reformforderungen in Bezug auf das Geldsystem war, nicht hören wollten.
  1. Und an ihnen wird die Weissagung Jesajas erfüllt, die da sagt (Jesaja 6,9-10): »Mit den Ohren werdet ihr hören und werdet es nicht verstehen; und mit sehenden Augen werdet ihr sehen und werdet es nicht erkennen.
  2. Denn das Herz dieses Volkes ist verstockt: Ihre Ohren hören schwer und ihre Augen sind geschlossen, damit sie nicht etwa mit den Augen sehen und mit den Ohren hören und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren, und ich ihnen helfe.«
Was bei solcher Ignoranz heraus kommt, das besagt der hier passende Spruch: Hochmut kommt vor dem Fall!

Zusammenfassung

Solange der Zins positiv ist, überwiegt in einer dieses Grundprinzip implementierenden, also kapitalistischen, Gesellschaft in Folge des Zins-Vorzeichens im Leihvertrag immer die Freiheit der Gruppe der Leihgeber gegenüber der Freiheit der Gruppe der Leihnehmer (vgl. Umverteilungskern der kapitalistischen Ökonomie). Der daraus resultierende Akkumulationsvorgang, der sich in Handlungszwängen, die als die Höhe der Zinsen entsprechend der Preise fremdbestimmter Arbeit (Löhne) messbar sind, darstellt, schränkt im Verlauf des Prozesses die Freiheit der relativ Ärmeren gegenüber der Freiheit der relativ Reicheren immer weiter ein. Es bilden sich in den Zweigen, den Organen, der Wirtschaft Monopole und im Gesellschaftssystem Formen von Leibeigenschaft (Feudalismus) und Einherrschaft (Monarchie). Im Verlauf des Mittelalters haben sich im Abendland durch die Monopolisierung starre, feststehende Verwaltungsstrukturen der Kapitale gebildet, die heute Staaten (lat. stare heißt stehen) genannt werden.

Im Zuge der Aufklärung entstanden im 17. Jahrhundert in England und Frankreich liberale Reformbewegungen. Der Geist dieser politischen Bewegungen, der Liberalismus, betreibt die Befreiung des wirtschaftlichen Handelns von willkürlichen und der Freiheit der realwirtschaftlichen Prozesse entgegenstehenden Eingriffen durch die starren Verwaltungsapparate der Kapitale. Die Hauptströmung des sich entwickelnden Liberalismus' war auf die Befreiung der gesamten ökonomischen und wirtschaftlichen Prozesse ausgerichtet mit dem Ziel, die Ständeordnung aufzubrechen, doch die Grundregel des Kapitalismus' mangels praktikabler Alternativen beizubehalten und jedem den Aufstieg im kapitalistischen System zu ermöglichen. Es zogen sich im Verlauf der Liberalisierung mehr Stufen in der Vermögenspyramide ein, deren Basis zudem noch im Zuge der Kolonialisierung und Globalisierung systematisch erweitert wurde.

Das Ergebnis der liberalen Reformbewegungen des 18., 19. und 20. Jahrhunderts war eine Abspaltung des kapitalistischen Kern-Prozesses von den Verwaltungsstrukturen der emergenten und dann erstarrten absolutistischen Ordnung, den Staaten. Die Staaten nahmen nach der Spaltung nur noch Steuern von den Vermögenszuwächsen, also den Einkommen, nicht hingegen von den Kapital-Vermögen, und das Kapital nahm Zinsen vom Wirtsprozess. Eine Konsequenz dieser Spaltung ist die wirtschaftspolitische Aufgabe der möglichst sozial-verträglichen Gestaltung der Zinsnahme durch das Kapital (sog. „soziale Marktwirtschaft“). Seit der französischen Revolution wird also der Kapitalismus sozial-verträglich moduliert, doch wird er bis heute noch nicht demokratisch gesteuert, denn die Zentralbanken und deren Leitzins-Führung ist bis heute nicht unter demokratischer Kontrolle!

Schematische Darstellung der Beziehung zwischen dem Kapital, dem Staat und der Real-Wirtschaft. Wie an der obigen Definition des Kapitalismus ersichtlich ist, ist im Zusammenspiel der Kräfte des Kapital, des Staates und der Real-Wirtschaft die Steuern, Abgaben, Zölle und Subventionen immer Eingriffe in die Märkte. Die Staats-seitigen Kontroll-Eingriffe dienen dem Zweck die Würde des Lebens vor dem Zugriff (dem Zwang) des Kapitals zu schützen.

Der historische Liberalismus hatte schon während seiner Entstehung eine rechte und eine linke systemische Hälfte, denn das Grundübel des Zinses wurde während seiner Entstehung erkannt, ohne jedoch einen Vorzeichenwechsel herbeiführen zu können. So ist der linke Liberalismus, der erst im 20. Jahrhundert u. a. mit den Geldreformern um Silvio Gesell zu seiner vollen Ausprägung kam, bis heute dem rechten Liberalismus, der am Prinzip des positiven Zinses festhält, unterlegen. Der linke Liberalismus, der das Prinzip negativer Geldmarktzinsen durchsetzen wird, ist hingegen ein echter und wahrer Liberalismus, denn auch wenn bei negativem Zins die Gruppe der Leihgeber den Zins zahlen, wird doch keine Arbeit von ihnen erpresst wie bei positivem Zins von den Leihnehmern. Diese Asymmetrie der beiden Hälften der Ökonomie spiegelt sich letztendlich in der Ungleichheit von Kapital und Arbeit und entlarvt die Falschheit des rechten Liberalismus.

Freiheit und materieller Aufstieg durch Etablierung einer bürgerlich-rechts-liberalen, „freiheitlich-konservativen“, gelb-blauen oder gelb-schwarzen Werte-Ordnung kann für die relativ Ärmeren einer kapitalistischen Gesellschaft nur über eine Anpassung des Verhaltens im Geld-Netzwerk geschehen und wird selbst dann nur für einzelne Innovative mit Erfolg belohnt, einer breiten Masse jedoch verwehrt bleiben. Zudem beförderte der rechte Liberalismus den Kolonialismus und später die Globalisierung, indem das Zins-Akkumulationsgebiet erweitert und Menschen der sog. „2.“ und „3.“ Welt durch ihre Einbindung in die globalisierten Wertschöpfungs/Lieferketten regelrecht versklavt wurden. Der rechte (Neo-) Liberalismus ist also an sich eine Lüge und dient in Wahrheit allein den Interessen des Kapitals. Der linke Liberalismus, dessen Grundsatz die negativen Geldmarkt-Zinsen sind, ist hingegen der Wegbereiter des Wandels der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung hin zum Kommunismus.

Referenzen / Einzelnachweise