Definition des Kapitalismus

Einleitung

Der Kapitalismus ist so alt wie die Jahrtausende alte Zivilisation und war schon immer ihr Kern, Antrieb und integrierendes Element. Nachdem die Menschen sesshaft wurden und begannen, Ackerbau und Vieh-Zucht zu betreiben und bevor es die Idee gab, eigentümliche Güter, wie eine Menge Nahrungsmittel, ein Stück Land oder vielleicht eine Behausung um Mehrung, also gegen Zins zu verleihen, hatten die Menschen einen bestimmten Grad von Arbeits-Teilung entwickelt und betrieben untereinander Tausch-Wirtschaft. Vorrats-Haltung war klug und sinnvoll, um sich gegen Ernte-Ausfälle aufgrund klimatorischer Schwankungen oder ähnlicher Natur-Ereignisse abzusichern, doch hatten alle natürlichen Vorräte die Eigenschaft, dass sie mit der Zeit verdarben, denn der natürliche Zins auf materielle Vorräte wie z.B. Nahrungsmittel ist negativ.

Geografische Zonen mit unterschiedlichen Zins-Niveaus. Die Pfeile symbolisieren eine aus der Zins-Differenz resultierenden Differenz im Güter/Stoffstrom über die Märkte. Der zusätzliche Stoff-Strom bezieht sich auf die Importe und ist gekoppelt an einen entsprechenden kleineren Geld-Strom, während der zusätzliche Geld-Strom sich auf die Exporte bezieht und an einen entsprechend großen Stoff-Strom aus dem Währungs-Raum hinaus gekoppelt ist. Details dazu hier.
Irgendwann entdeckten die Menschen, dass sie den natürlichen Zerfall der materiellen Dinge durch den Verleih gegen Zins nicht nur kompensieren, sondern sogar umkehren konnten. Zerfällt beispielsweise jährlich ein bestimmter Anteil einer Menge Nahrungsmittel NG mit einer Zerfalls-Rate λ, so entwickelt sich die verbleibende, unverdorbene Menge nach dem einfachen Gesetz Nnat.Gt = NGt0· exp -λ· t-t0 wobei G für das Gut steht, t für einen Zeitpunkt nach einer Anfangszeit t0, z.B. den Zeitpunkt der Ernte oder Herstellung des Guts und Nnat.Gt (nat. für natürlich) für die genieß- bzw. nutzbare (Rest-) Menge des Gutes G zum Zeitpunkt t. Wird die Menge durch Abschluss einer Leih-Vereinbarung zum Zeitpunkt t0 jedoch verliehen und verlangt man nach einem Jahr die gleiche Menge zurück (0% Zins), so hat man zumindest den Zerfall kompensiert. Leiht man sogar auf Zins z>0 und verleiht jeweils nach einem Jahr die verliehene Menge samt Zins erneut, so wächst die verfügbare Menge nach dem einfachen Gesetz Np.v.Gt = NGt0 · exp z · t - t0 exponenziell an (Zinses-Zins-Effekt). Anzumerken ist in Bezug auf das „moderne“ Geld, dass Np.v. (p.v. für positiv verzinst) die Höhe einer Forderung ist. Ob der Leih-Nehmer die Menge Np.v.Gt real (zurück-) geben kann und sie auch zurück gibt, ist eine andere Frage, denn es gibt ein gewisses Ausfall-Risiko beim Verleih.

Vergleicht man nun die Vorzeichen des Exponenten von Np.v.Gt und Nnat.Gt stellt man fest, dass durch die Gesetz-Mäßigkeit des positiven Zinses der Natur-gesetzliche Zerfall (Hauptsätze der Thermodynamik) in Höhe von Δ = λ + z „überlistet“ und regelrecht „auf den Kopf“ gestellt („pervertiert“) wird. Die Gegenleistung des Zinses ist immer irgendeine Form von Arbeit. Betrachtet man also die zur Aufhäufung von Np.v.Gt verrichtete Arbeit, so wurde also nicht nur gegen den natürlichen Zerfall mit der Rate λ an gearbeitet, sondern auch noch für der Zins des Leih-Gebers. Aus Sicht des Leih-Nehmers sind die Natur-Gesetze also quasi „überlagert“ von einem zweiten erosiven Prozess der Kapital-Akkumulation, dem sog. „Mammon“.

Definition des Kapitalismus

Es ist nun weiter relativ leicht, sich vorzustellen, dass eine Gruppe von Menschen, die Produzenten verleihbarer Güter sind und diese auch im Überschuss herstellen und verleihen durch den Zins exponenziell anwachsende Macht, Verfügungs-Gewalt oder auch Forderung erhält. Wie im Abschnitt über die Antinomie der Bestimmung (das nomische Gleichgewicht) gezeigt, gedeiht dieser Macht-Zuwachs in den gesellschaftlichen Beziehungen durch eine Zunahme der Fremd-Bestimmung der Leih-Nehmer, denn diese müssen nicht nur gegen den Zerfall der geliehenen Güter arbeiten, sondern auch noch den Zins abarbeiten. In den Handels-Beziehungen, über Märkte, breiten sich diese Zwänge zur Arbeit aus und erzeugen ein über (Zins-) Schuld - Beziehungen integriertes Gefolge (Volk).

Kapitalismus (vmtl. um 3760 v.Chr.[1][2])
Die zeitweilige Transaktion von Verfügungs-Rechten gegen Zins ist das Kernprinzip des Kapitalismus. Der Besitzer leiht ein Gut von einem Eigentümer und erwirbt so bestimmte Verfügungs-Rechte am Gut, z.B. die im Vertrag bestimmte Nutzung. Der Besitzer (bzw. Nutzer) zahlt den Zins an den Eigentümer.

Der positive Zins macht die Vorratshalter und Verleiher im sozial-ökonomischen System zum Parasiten des real-wirtschaftlichen Prozesses und zum schöpferischen Zerstörer.

Der Zins kann prinzipiell auch negativ sein, war aber in der Vergangenheit (vor 2015) in den eingehaltenen Verträgen nahezu immer positiv und führte daher zu einer Anhäufung von Kapital in der Hand von immer weniger werdenden Menschen. Es offenbaren sich deutliche Parallelen zwischen Kapitalismus und Feudalismus, denn die Vasallen (die heutigen Banker) welche das Lehen (die Einlage) von ihrem Herren erhalten, treiben den Fron (den Zins) ein, genau wie es auch im Feudalismus geschah. Allerdings ist die Herrschaft des „Unternehmerfürsten“ teilweise, nämlich durch das Kaufverhalten des Verbrauchers, demokratisch legitimiert.

Die Tabelle oben zeigt die tausende Jahre alten einfache Regel-Werk des Kapitalismus' der im Kern aus drei Spiel-Regeln besteht. Der Schutz des Eigentums und das Einhalten von Verträgen finden sich bereits in den 10 Geboten, „Du sollst nicht stehlen!“ (Schutz des Eigentums) und seit dieser Zeit wissen die Menschen auch, wie gefährlich der sich „wie ein Krebs-Geschwür“ ausbreitende kapitalistische Prozess ist. So finden sich in der Tora und im übrigen alten Testament für die Anwendung des Zinses folgenden Text-Stellen:

Exodus 22:

  1. Wenn du Silber leihst einem aus meinem Volke, dem Armen neben dir, sei gegen ihn nicht wie ein Schuldherr; legt ihm nicht Zins auf.
Leviticus 25 (Verbot des Zinsnehmens):
  1. Wenn dein Bruder neben dir verarmt und nicht mehr bestehen kann, so sollst du dich seiner annehmen wie eines Fremdlings oder Beisassen, dass er neben dir leben könne;
  2. und du sollst nicht Zinsen von ihm nehmen noch Aufschlag, sondern sollst dich vor deinem Gott fürchten, dass dein Bruder neben dir leben könne.
  3. Denn du sollst ihm dein Geld nicht auf Zinsen leihen noch Speise geben gegen Aufschlag.
  4. Ich bin der HERR, euer Gott, der euch aus Ägyptenland geführt hat, um euch das Land Kanaan zu geben und euer Gott zu sein.
Hesekiel 18:
  1. Wenn er aber einen gewalttätigen Sohn zeugt, der Blut vergießt oder eine dieser Sünden tut,
  2. während der Vater all das nicht getan hat: wenn er von den Höhenopfern isst und seines Nächsten Frau befleckt,
  3. die Armen und Elenden bedrückt, mit Gewalt etwas nimmt, das Pfand nicht zurückgibt, seine Augen zu den Götzen aufhebt und Gräuel begeht,
  4. auf Zinsen gibt und einen Aufschlag nimmt – sollte der am Leben bleiben? Er soll nicht leben, sondern weil er alle diese Gräuel getan hat, soll er des Todes sterben; seine Blutschuld komme über ihn.
Hesekiel 22:
  1. Und des HERRN Wort geschah zu mir:
  2. Du Menschenkind, willst du nicht richten die mörderische Stadt? Zeige ihr alle ihre Gräueltaten
  3. und sprich: So spricht Gott der HERRfr: O Stadt, die du das Blut der Deinen vergießt, damit deine Zeit komme, und die du dir Götzen machst, damit du unrein werdest!
  4. Durch das Blut, das du vergossen hast, wurdest du schuldig, und durch die Götzen, die du dir machtest, hast du dich unrein gemacht. Damit hast du deine Tage herbeigezogen und bewirkt, dass deine Jahre kommen müssen. Darum will ich dich zum Spott unter den Heiden und zum Hohn in allen Ländern machen.
  5. In der Nähe wie in der Ferne sollen sie über dich spotten; befleckt ist dein Name und groß die Verwirrung.
  6. Siehe, die Fürsten in Israel, ein jeder in dir pocht auf seine Macht, Blut zu vergießen.
  7. Vater und Mutter verachten sie, den Fremdlingen tun sie Gewalt und Unrecht an, die Witwen und Waisen bedrücken sie.
  8. Du verachtest, was mir heilig ist, und entheiligst meine Sabbate.
  9. Verleumder trachten bei dir danach, Blut zu vergießen. Sie essen von den Höhenopfern und treiben Schandtaten in deiner Mitte.
  10. Sie decken die Blöße der Väter auf und nötigen Frauen während ihrer Unreinheit.
  11. Sie treiben Gräuel mit der Frau ihres Nächsten; sie entehren ihre eigene Schwiegertochter durch Schandtat; sie tun ihren eigenen Schwestern Gewalt an, den Töchtern ihres Vaters.
  12. Sie lassen sich bestechen, um Blut zu vergießen. Du nimmst Zinsen und Aufschlag und suchst unrechten Gewinn an deinem Nächsten mit Gewalt – und mich vergisst du!, spricht Gott der HERR.
  13. Siehe, ich schlage meine Hände zusammen über den unrechten Gewinn, den du gemacht hast, und über das Blut, das in deiner Mitte vergossen ist.
  14. Meinst du aber, dein Herz kann standhalten oder deine Hände werden festbleiben zu der Zeit, wenn ich an dir handle? Ich, der HERR, habe es geredet und will's auch tun
  15. und will dich zerstreuen unter die Heiden und dich verstoßen in die Länder und will mit deiner Unreinheit ein Ende machen;
  16. und du wirst bei den Heiden als verflucht gelten. Dann wirst du erfahren, dass ich der HERR bin.
Schon die zuletzt zitierte Text-Stelle verdeutlicht also, dass der Zins seit jeher kritisch beurteilt wurde. Für eine ausführlichere Beschreibung der Rolle des Zinses aus Sicht von jüdischen Rabbinen verweise ich auf einen Artikel in der jüdischen Allgemeinen vom 12.01.2012 aus der Rubrik Wirtschaftsethik mit dem Titel „Geld und gute Worte - Markt, Zins und Finanzkrise aus Sicht der Rabbinen“ [2] von Abraham de Wolf und Rabbinerin Elisa Klapheck.

Zins m. 'Abgabe, Steuer', landschaftlich (bes. südd. öst. schweiz.) 'Miete, Pacht', ahd. (8. Jh.),

mhd. zins 'Abgabe, Tribut, Pachtgeld, Miete' und (nd. Lautverhältnissen angeglichenes) asächs. mnd. tins sind entlehnt aus lat. cēnsus 'Vermögensschätzung, Steuerliste, Vermögen, Besitz, Vermögenssteuer', spätlat. auch 'Grundsteuer'; zu lat. cēnsēre (cēnsum) 'begutachten, schätzen, taxieren, (nach Prüfung aller Umstände) der Meinung sein, (an)raten, beschließen'.

Im mittelalterlichen Feudalsystem bezeichnet Zins 'die dem Lehnsherrn zu leistenden Abgaben an Vieh, Ernteerträgen und (Pacht)geld'.

Die finanzwirtschaftliche Bedeutung 'Entgelt für die Überlassung von Kapital' (vereinzelt im 14. Jh.) wird im 16. Jh. allgemein; die heute dafür übliche Pluralform Zinsen setzt sich im 18. Jh. durch. - verzinsen Vb. 'Zinsen zahlen', refl. 'Zinsen einbringen, abwerfen', mhd. verzinsen 'den Zins wovon oder wofür bezahlen', präfigierte Bildung zu heute nur noch im historischen Sinne gebrauchtem zinsen Vb.

'Steuern, Abgaben, Zins entrichten', ahd. (9. Jh.), mhd. zinsen 'den Zins geben, zahlen', refl. 'Zinsen (ein)bringen', trans. 'als Zins geben, hin-, preisgeben'.

Zinseszins m. 'Verzinsung von Zinsen' (2. Hälfte 18. Jh.), Zinsenzins (Ende 17. Jh.); vorauf gehen Umschreibungen wie Zins von Zinsen (16. Jh.), Zinß und Zinß Zinsen (Anfang 17. Jh.); in fester Fügung mit Zins und Zinseszins (Mitte 19. Jh.).

Bevor die Zinsnahme in der Folge der französichen Revolution liberalisiert wurde und sich in den im Vergleich zu heute ehemals relativ flachen pyramidialen Herrschaftssystemen durch den Aufstieg des Bürgertums im nunmehr freien Kapitalismus mehr Schichten bzw. Treppenstufen einzogen, war das gegen die Zahlung von Zinsen (im Mittelalter hießen Zinsen Steuern) übertragene Verfügungsrecht die Verfügungsgewalt über Grund und Boden, insbesonder das Recht (Grund-) Steuern oder Zinsen einzutreiben, das Zehnt. Der Soziologe Norbert Elias beschreibt die Fortpflanzung des kapitalistischen Grundprinzips, die Bildung hierarchischer, pyramidialer Herrschaftsstrukturen im Mittelalter Europas und den im Grundprinzip des Kapitalismus enthaltenen Konflikt um das nomische Gleichgewicht folgendermaßen, wobei die zentralisierende Kräfte den Konstrahierungszwängen entsprechen und die dezentralisierenden Kräfte in Autonomiebestrebungen gegenüber der Zentralgewalt darstellten[7]:

Über Jahrhunderte hin zeigen sich immer wieder die gleichen Tendenzen und Figuren in dieser Herrschaftsapparatur: die jeweils vorhandenen Herren über ein Teilgebiet des Zentralherren, die Stammesherzoge oder Stammeshäuptlinge sind jederzeit der Zentralgewalt gefährlich. Erobernde Fürsten und Könige, stark als Heerführer und Schützer gegen äußere Feinde, suchen zunächst mit Erfolg dieser Gefahr im Inneren ihres Herrschaftsgebiete zu begegnen. Sie setzen nach Möglichkeit anstelle der vorhandenen Stammesfürsten ihre eigenen Vertrauten, Verwandten oder Diener, als Herrschaftsrepräsentanten über die Teilgebiete ihres Reiches.

[...]

In immer neuen Schüben schicken kriegsstarke Erobererkönige ihre Vertrauten, Verwandten, Bediensteten als Beauftragte ins Land, und in immer neuen Schüben kämpfen die Beauftragten von ehemals oder deren Nachkommen als Stammesfürsten oder Territorialherren gegen die Zentralgewalt um die Erblichkeit und die faktische Unabhängigkeit ihres Gebietes, das ursprünglich eine Art von Lehen war.
Die Könige auf der einen Seite waren gezwungen, die Verfügungsgewalt über die Teilgebiete ihrer Herrschaft an einzelne Andere zu delegieren. Der Stand der Kriegs-, Wirtschafts- und Transportorganisation ließ ihnen keine andere Wahl. Die Gesellschaft bot Ihnen keine Geldsteuerquellen von solchem Ausmaß, dass sie ein besoldetes Heer oder die delegierten Beamten auch in ferneren Gebieten durch ein Geldgehalt von sich abhängig zu halten vermocht hätten. Sie konnten Ihnen zur Besoldung, als Belohnung oder Belehnung nur Boden zuweisen, und sie mussten ihnen viel Land zuweisen, damit sie als Repräsentanten der Zentralgewalt in ihrem Gebiet auch tatsächlich mächtiger waren, als alle anderen Krieger oder Gutsherren dieses Gebiets.
Die Belehnten, die Repräsentanten der Zentralgewalt, auf der anderen Seite hielt kein Lehnseid und keine Vasallentreue von dem Kampf um die Selbständigkeit des Gebietes, über das sie verfügten, zurück, wenn sich die wechselseitige Angewiesenheit des Zentralherren und seiner ehemaligen Delegierten zu deren Gunsten verschoben hatte. Sie, die Territorialherren oder Stammesfürsten, haben das Land, über das ehemals der König zu ihren Gunsten verfügte, tatsächlich zu eigen. Sie brauchen, von bestimmten Fällen der äußeren Bedrohung abgesehen, den König nicht mehr. Sie entziehen sich seiner Gewalt. Wenn Sie ihn brauchen, wenn die Funktion des Königs als Kriegsherr in Erscheinung tritt, wird die Bewegung wieder rückläufig, und das Spiel fängt unter Umständen von Neuem an, vorausgesetzt, dass der Zentralherr im Kriege erfolgreich ist. Dann erhält er durch die Kraft und Bedrohung, die von seinem Schwert ausgeht, wieder die tatsächliche Verfügung über die Böden des ganzen Gebiets und kann eine Neuverteilung dieser Böden vornehmen. Das ist eine der stehenden Figuren oder Prozesse im Entwicklungsmechanismus der abendländischen Gesellschaft im frühen Mittelalter und, etwas modifiziert, auch noch gelegentlich in der späteren Zeit.
Auf Seite 40[8] schreibt Elias weiter:

Was im Aufbau der Gesellschaft begünstigt die Zentralisierung, hier die der Zentralisierung entgegenwirkende Kräfte?

[...]

Was den dezentralisierenden Kräften in der mittelalterlichen, besonders in der frühmittelalterlichen Gesellschaft beständig von Neuem ein Übergewicht über die zentralisierenden gab, ist nicht schwer zu sehen, und es ist von den Historikern dieser Epoche zuweilen in dieser oder jener Form hervorgehoben worden. »Die Feudalisierung der Staatenwelt« sagt z.b. Hampe bei der Darstellung des abendländischen Hochmittelalters, »zwang allenthalben die Herrscher, ihre Truppführer und Beamten mit Grundbesitz auszustatten; wollten sie darüber nicht in Armut versinken und die militärischen Gegenleistungen der Vasallen ausnutzen, so wurden sie zu kriegerischen Ausdehnungsversuchen geradezu getrieben, die sich fast zwangsläufig gegen die machtleeren Räume der Nachbarschaft richteten. Für eine Überwindung solcher Gebundenheit durch die Ausbildung des modernen Beamtentums fehlte damals vor allem die wirtschaftliche Voraussetzung.«
Diese Sätze zeigen in der Tat Implizite so gut, wie alles Wesentliche, was sich über das Zwingende jener zentrifugalen Kräfte und zugleich über die Mechanismen, in die das Königtum dieser Gesellschaft verstrickt war, sagen lässt, vorausgesetzt, dass man die »Feudalisierung« nicht als außenstehende »Ursache« aller dieser Veränderungen begreift; diese Verstrickungen: Zwang zur Ausstattung der Krieger und Beamten mit Böden, zwangsläufige Verringerung des Königsbesitzes, solange nicht neue Eroberungszüge stattfanden, Tendenz zur Schwächung der Zentralgewalt in Friedenszeiten, alles das sind Teilprozesse in dem großen Prozess der »Feudalisierung« selbst. Die angeführten setze weisen zugleich darauf hin, wie unablösbar diese spezifische Herrschaftsform und ihr Herrschaftsapparat mit einer bestimmten Wirtschaftsform verbunden war.
In dieser Beschreibung Elias' erkennt der aufmerksame Leser schon deutlich den Mechanismus der Kolonialisierung, der späteren Globalisierung: Dem Stammgebiet wurden durch Eroberungen neuer „Claims“ Stammkapital hinzugefügt, von dem die Zentralgewalt dann auch Zinsen (anfangs Kriegs-Steuern, dann Steuern zur Subsistenz des Verwaltungsapparats) nahm. In der Kolonialzeit und in der Globalisierung wurden die Zinsen über den sog. „freihen“, in Wahrheit jedoch erzwungenen und (Kontrahierungs) Zwänge vermittelnden Handel (die unsichtbare Hand) von den Akkumulationsgebieten der Zollunion erpresst.

Die Umverteilung im Kapitalismus von fleißig zu reich. Die Zins-Ausgaben im Konsum stecken im Kapital-Kosten-Anteil der Preise.

Das Thema des Zinses und seiner sozialen Wirkung ist historisch bedingt äußerst heikel, da es zuletzt in vollem Umfang von den Nationalsozialisten Anfang des 20. Jahrhunderts untersucht und teilweise an das Licht der Öffentlichkeit gebracht wurde. Mit Aussagen zur Wirkung des Zinses wiederholt man nur allzuleicht Aussagen z.B. des NS-Ökonomens Gottfried Feder von 1919 in „Aufruf zu Brechung der Zins-Knechtschaft!“[3] und wird deswegen und trotz einer sachlich geführten Diskussion schnell als anti-semitisch diffamiert. Angesichts der mittlerweile unübersehbaren Auswirkungen des Zinses erscheint es mir jedoch äußerst schwierig, keine Bewertung des Zinses vorzunehmen und auch ein Blick auf die Zins-Kritik insbesondere des jüdischen Propheten Hesekiels beweist, dass Zins-Kritik nicht anti-semitisch ist.

Phasen des Kapitalismus

Wie die Urzeit des Kapitalismus genau ablief, bevor die Menschen verstanden, diesen gewaltigen Prozess zu kontrollieren, ist in der Bibel mit der Metapher des Turmbaus zu Babel beschrieben. Wir bauen nach fast 6.000 Jahren Kapitalismus immer noch solche Türme, und immer noch brechen sie ständig zusammen. Sie werden immer größer, und mit immer lauterem Getöse brechen sie zusammen, zuletzt 1789, 1914-1918, 1939-1945, und nun wieder 2017?

Motiv und Metapher des Turmbaus zu Babel von Gustave Doré (1832–1883).
  1. Ur-Kommunismus
  2. Sündenfall (Beginn der Zins-Nahme) und Entstehung der Ur-Sekte der Menschheit: die (kapitalistische) Zivilisation
  3. Ur/Anarcho-Kapitalismus: Turm-Bau zu Babel
  4. Entwicklung und Erlernen der Kontrolle des Prozesses
  5. soziale Marktwirtschaft
  6. erste lokale Monopol-Bildungen unter demokratischer und geistlicher Kontrolle (Saul-David)
  7. Finanz/Wirtschafts-Diktatur
  8. Finanz/Wirtschafts-Feudalismus und Finanz/Wirtschafts-Fürstentümer
  9. Ein-Herrschaft Monarchie, totales Monopol, Zaren- und Kaisertum (Salomon)
  10. Apokalypse und dann
Der Zyklus der Staatsformen. Der (kapitalistische) Zeitfluss verläuft entgegen dem Uhrzeigersinn.

Betrachtet man eine Welt-Karte mit Währungs-Räumen, dem Zins-Niveau, dem NETTO-Privat-Vermögen und der Staats-Verschuldung (für die Bestimmung der Phase), dann bekommt man einen Überblick über die monetären Kraft-Felder im Netzwerk der globalen Wirtschaft.

Anscheinend lassen sich die sog. BRICS-Staaten, vorneweg Russland nicht auf dem Weg des Kapitalismus in Richtung einer eigenen Apokalypse beirren. Russland entwickelt sich gemäß der bisherigen Stadien und Phasen des Kapitalismus in einen Monarchie zurück. Die Russen müssen selbst wissen, wann sie wieder bei 1917 angekommen sind und den „Neo-Zaren Putin“ stürzen. Man kann sie weder zwingen noch sind sie anscheinend gewillt der Vernunft der Elmau-G7 zu folgen.

Gegenwart: Die Rezeption des Kapitalismus und die seiner einzigen Alternative in Wissenschaft und Praxis

In 2017 haben die reichsten und wohlhabendsten Länder der Welt einen volkswirtschaftlichen Zustand sehr niedriger Zinsen erreicht. In den Ländern der ersten Welt spricht von der Krise des Kapitalismus als einer „säkularen Stagnation aufgrund eines weltweiten Überhangs an Ersparnissen“ auch Sparschwemme, weswegen die Volkswirtschaften der sog. „1. Welt“ bereits negative Geld-Markt Zinsen auf ihren Geld-Märkten entwickeln. Die übrigen Länder, darunter auch muslimische Länder, „verharren“ noch im Kapitalismus.
Der Geld-Markt-Zins ist der fundamentalste aller ökonomischen Parameter. In „orthodoxen Lehr-Büchern” über Geld-Theorie liest man, dass es „unmöglich“ sei, etwas am Zins-Vorzeichen zu ändern bzw. dass der Zins-Satz im Gleichgewicht immer positiv sein müsse[4]. Zu den Nominal-Zinsen heißt es:

Die Nicht-Negativität des nominalen Zinssatzes. Wir wollen nun der Frage nachgehen, welche Beziehung im Gleichgewicht zwischen der Verzinsung festverzinslicher Wertpapiere und der Eigenverzinsung des Geldes besteht. Wir haben in unserem Modell nicht ausgeschlossen, dass sich die Haushalte zum Zins-Satz Rt verschulden können, d.h. dass bt negativ werden kann (Leih-Kapital, Kredit). Wenn nun dieser Zinssatz Rt kleiner als die Eigenverzinsung des Geldes wäre, dann wäre die Nachfrage nach Geld unbegrenzt. Die Haushalte hätten einen Anreiz, sich zum Zinssatz Rt zu verschulden, Geld zu halten und die Verzinsung des Geldes Rmt abzüglich Rt als Gewinn zu erzielen. Ein Gleichgewicht kann nur zustande kommen, wenn die Geld-Haltung tatsächlich mit Opportunitätskosten verbunden ist, d.h. wenn Rt Rmt Daraus folgt unter Verwendung der Beziehung zwischen Eigenverzinsung des Geldes und Inflationsrate: Rt - πt+1 bzw. Rt + πt+1 it 0 Im Gleichgewicht muss der nominale Zinssatz immer nicht-negativ sein.
In dem Text sind Rt der Real-Zins (also die Kaufkraft-Entwicklung des Geldes), πt die Inflations-Rate und it der nominale Spar-Zins. Die Ungleichung leitet sich aus der sog. Fisher-Gleichung ab und besagt, dass die Spar-Zinsen im Gleichgewicht immer mindestens die Inflation ausgleichen „müssen“. Die ganze „linke Hälfte der Ökonomie“ soll also ausgeschlossen sein.

Diesem Zitat aus einem Lehrbuch über Geld-Politik, wie auch vielen Presse-Meldungen[5] z.B.

Tiefer als null, sind Ökonomen überzeugt, können Leitzinsen nicht fallen. Prominente Forscher stellen dieses Dogma jetzt Frage. Negative Leitzinsen seien sehr wohl möglich, betont Harvard-Professor Greg Mankiw. Die konkreten Vorschläge wirken auf auf den ersten Blick bizarr. Sie würden die Mechanismen der Bankenwelt komplett verändern.
ist zu entnehmen, dass es nach gängiger Lehr-Meinung keine Ökonomie basierend auf negativen Nominal-Zinsen geben könne. Dass jedoch die fundamentalsten Natur-Gesetze (insb. die ersten beiden Hauptsätze der Thermodynamik) unmittelbar den natürlichen negativen Zins beschreiben und dass die gesamte Natur nach dieser „Spiel-Regel“ funktioniert, wird völlig unberücksichtigt gelassen.

Die europäische Zentral-Bank unter der Führung Mario Draghis richtet sich mit ihrer Geldpolitik hingegen klar gegen die orthodoxe Lehrmeinung. So heißt es in einer Presse-Mitteilung des EZB Rats[6], wie auch auf explizite Nachfrage von Vertretern der Presse:

Presse-Mitteilung, EZB-Rat zu geld-politischen Beschlüssen, 27. April 2017:
„Auf der heutigen Sitzung hat der EZB-Rat beschlossen, den Zinssatz für die Hauptrefinanzierungsgeschäfte sowie die Zinssätze für die Spitzenrefinanzierungsfazilität und die Einlagefazilität unverändert bei 0,00 %, 0,25 % bzw. -0,40 % zu belassen. Der EZB-Rat geht weiterhin davon aus, dass die EZB-Leitzinsen für längere Zeit und weit über den Zeithorizont des Nettoerwerbs von Vermögenswerten hinaus auf dem aktuellen oder einem niedrigeren Niveau bleiben werden.

Was die geldpolitischen Maßnahmen betrifft, so bestätigt der EZB-Rat, dass der Nettoerwerb von Vermögenswerten, im neuen Umfang von monatlich 60 Mrd €, bis Ende Dezember 2017 oder erforderlichenfalls darüber hinaus erfolgen soll und in jedem Fall so lange, bis der EZB-Rat eine nachhaltige Korrektur der Inflationsentwicklung erkennt, die mit seinem Inflationsziel im Einklang steht.

Der Nettoerwerb von Vermögenswerten wird parallel zur Reinvestition der Tilgungszahlungen für im Rahmen des Programms zum Ankauf von Vermögenswerten erworbene und fällig werdende Wertpapiere durchgeführt.

Sollte sich der Ausblick eintrüben oder sollten die Finanzierungsbedingungen nicht mehr mit einem weiteren Fortschritt hin zu einer nachhaltigen Korrektur der Inflationsentwicklung im Einklang stehen, so ist der EZB-Rat bereit, das Programm im Hinblick auf Umfang und/oder Dauer auszuweiten.“
Wie die letzte Aussage der EZB Rates belegt, kommen wir also in eine sozio-ökonomische Phase, in der sowohl Spar- als auch Kredit-Zinsen negativ werden und für die es weder Lehr-Bücher noch Lehr-Inhalte noch Erfahrung gibt. Es wäre jedoch pure Heuchelei zu behaupten, diese Lösung wäre irgendeine fantastische Erfindung der Neuzeit. Seit über 2.000 Jahren kennen wir die Alternative zum Kapitalismus, die jedoch bisher nicht realisiert werden konnte. Heute ist das anders, und es geht auch gar nicht anders, sonst stirbt der Wirts-Prozess, der die kapitalistische Menschheit beherbergt.

Referenzen / Einzelnachweise