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22. August 2022

Kommentierung: Thema 'Ungleichheit und Wirtschaftswachstum' bei 'Jung und Naiv' mit Maurice Höfgen, Martyna Linartas, Marcel Fratzscher und Silja Graupe

[...]

Diskussion über Erscheinungsformen von Ungleichheit

12:07: Zu den größten Problemen der ökonomischen Ungleichheit zähle ich im Bereich der Privatautonomie[+] die Konzentration ökonomischer Handlungsmöglichkeiten (sog. Freiheiten[+]) einerseits und die existenziellen (vertraglichen) Zwänge[+] andererseits. Nicht nur ist "ohne Moos nix los", haben Menschen also nur einen sehr kleinen Handlungsspielraum, wenn sie unvermögend sind und nur kleine Einkommen haben, Thema Budgetrestriktion[+], sondern sind sogar gezwungen Verträge zu unterschreiben, die sie nicht eingehen wollen, Thema Kontrahierungszwang[+].

Konkret sind Menschen wohnabhängig und lohnabhängig, leben also zur Miete (über 56 %) oder sind nicht selbstständig beschäftigt (90 %), können also ohne das Einverständnis des Eigentümers[+] ihrer Wohnung oder ihres Betriebes nichts an der Substanz ändern oder im Erwerbsleben relativ selbstbestimmt handeln. Es kommt erschwerend hinzu, dass die betroffenen Menschen die Einschränkungen ihrer Selbstbestimmung hingenommen haben und als "normal" akzeptieren.

Diese Gewöhnung an die Fremdbestimmtheit ist regelrecht fatal in einer Situation enormen Wandlungsdrucks, in der diejenigen, die aufgrund ihrer teils exorbitant großen finanziellen Handlungsmöglichkeiten prinzipiell noch handeln können, weil sie vermögend sind, die aber tatsächlich nicht handeln können, weil sie angesichts der Komplexität des Problems völlig überfordert sind. Man erkennt hier, dass materielles Vermögen bis heute nur ökonomische Möglichkeiten[+] bemisst, nicht Notwendigkeit[+] im Sinne einer Gemeinwohlverpflichtung nach Grundgesetz Artikel 14.

13:37, in Bezug auf die vier grundlegenden Bedeutungen von Gerechtigkeit: Leistungsgerechtigkeit kann so definiert werden, dass das körperliche und geistige, also das reale, Geben und Nehmen in einem annehmbaren Verhältnis zueinander stehen müssen. Dabei sind insbesondere leistungslose Einkommen von Interesse und also alle Arten von Zinsen[+], denn der Leihgeber leistet (gibt) nichts selbst dafür, dass er den Zins[+] nimmt. Er ermöglicht lediglich die Nutzung der Leihsache. Ich kritisiere, dass der Ökonom Fratzscher nicht sauber zwischen Einkommens- und Vermögensungleichheit trennt!

Die Schichten A, M und K in der Einkommens- und Vermögenspyramide. Links von der vertikalen Koordinatenachse ist eine Einteilung in NETTO Zinsnehmer[+] und NETTO Zinsgeber[+] gezeigt. Oberhalb der zinsneutralen Schicht, die sich im Drei-Schicht- oder AMK-Modell[+] in der Mittelschicht[+] M befindet, nehmen die Menschen insgesamt mehr Zinsen[+] als sie geben. Voraussetzung dafür ist eine entsprechende Menge des Eigentums[+]. Unterhalb der zinsneutralen Schicht sind die Menschen NETTO Zinsgeber[+]. Die NETTO Zinsnehmer[+] und NETTO Zinsgeber[+] entsprechen der Bourgeoisie[+] (vgl. Patrizier[+]) und dem Proletariat[+] (vgl. Plebejer[+]) der marxistischen Terminologie. Rechts[+] von der Pyramide ist die Aufteilung der Einkommen in Einkommen aus Arbeit[+] (rot) und Einkommen aus Eigentum[+] bzw. Kapitaleinkommen gezeigt. Die Spitzen der beiden Keile definieren die Trennlinien A/M und M/K zwischen den Schichten A, M und K. Menschen oberhalb von M/K leben gar nicht von Arbeitseinkommen[+], Menschen unterhalb von A/M leben gar nicht von Kapitaleinkommen. Die Mittelschicht[+] hat gemischte Einkommen.

14:00 Mitnichten spiegelt daher die gegenwärtige Vermögensverteilung die Verteilung der Leistungsfähigkeit wider, denn einige Vermögen sind auch durch leistungslose Einkommen entstanden. Vielmehr ist die Vermögensverteilung höchstens ein extrem verzerrtes Bild der Verteilung der Leistungsfähigkeit, wahrscheinlicher jedoch sind Leistung und Vermögen in kapitalistischen Kulturen tendenziell immer schwächer korreliert, weswegen Vermögende i.d.R. nicht zu den Leistungsträgern zählen, sondern der arbeitende Unterbau der Pyramide!

Ganz anders verhält es sich in einer Negativzins-Ökonomie[+], vgl. Vermögensdynamik bei positivem und negativem Zins. Nur im Gleichgewichtszustand einer Negativzins-Ökonomie[+] spiegelt sich die einer sozialen Wertung und Zuschreibung unterliegende Leistungsfähigkeit im Vermögen wider!

Eine berühmte Karrikatur kapitalistischer Währungsräume.

18:00 Die letzten 250 Jahre biete der Liberalismus[+] die immer gleichen Narrative, dass sich Leistung auszahle, "Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied". Doch der Liberalismus[+] ist an sich nicht das Problem. Stattdessen muss hier wieder gründlich unterschieden werden zwischen sozialem und kapitalophilem Liberalismus[+]. Insbesondere darf dem sozialen Liberalismus[+], zu dem selbstverständlich auch die Pflege der Privatautonomie[+] zählt (!), nicht die Schuld am Nichteintreten der Prophezeiungen des kapitalophilen Liberalismus[+]' in die Schuhe geschoben werden. Außerdem ist die Aussage, dass sich die Leistung des Arbeitenden[+] [für den Eigentümer[+] von Kapital] auszahle, nicht absolut falsch, sondern eben nur für eine immer kleiner werdende, vermögende Minderheit zutreffend.

19:17 Für interessant und erwähnenswert halte ich die Idee von kognitiven Blindheiten, die relativ nahe an Luhmanns[+] Latenzbegriff[+] liegt, vgl. 09.10.2018.

Bei 19:44 erwähnt Graupe dann den Begriff 'Chancenarmut', den ich mit den Zwängen[+] in Verbindung stehen sehe, denen die Menschen im Unterbau der Pyramide ausgesetzt sind: Sie bekommen keine Chance und müssen sich fügen. Richtig ist insbesondere auch, dass es in der Frage nach der Gerechtigkeit der Vermögensverteilung darauf ankommt, auf welche Weise das Vermögen entstanden ist: waren es realwirtschaftliche Unternehmer-, freiberufliche Tätigkeit oder nicht-selbstständige Beschäftigung, wie bei den meisten Menschen, oder war es das Nichtstun derjenigen Eigentümer[+] und Angehörigen der Nominalwirtschaft[+], die Nutzung und Besitz[+] ermöglichten und daraus leistungslos Einkommen bezogen?

24:46 Linartas spricht von einer inhärenten Logik unseres Systems und exponenziellem Wachstum[+], aber nicht den Zinsmechanismus[+] an. Unterstellt sie, dass jeder Mensch weiß, worum es geht, hat sie es gelesen und nicht oder nur phänomenologisch verstanden, oder hält sie sich vielleicht (bewusst oder unbewusst) an das Gebot, (bewusst) nicht direkt den Zins[+] anzusprechen? Denn nicht alle Vermögen wachsen[+] "von allein". Immerhin erwähnt sie, dass wir keine Vermögenssteuern haben und also nichts, was der Zunahme der Vermögensungleichheit entgegen steht.

Ab 27:32 nimmt Linartas Stellung zur Frage, warum "es" die Logik unseres Systems sei [, dass die Vermögensungleichheit wächst[+]] und nennt Pikettys berühmte Formel $r\gt g$, dass also die Rendite größer sei als das Wirtschaftswachstum. Sie beantwortet die Frage also nicht wirklich. Stattdessen will sie anscheinend auf Pikettys Lösung eines progressiven Einkommenssteuersatzes zur Bewältigung der Einkommensungleichheit hinaus, löst damit aber nicht das Problem der Vermögensungleichheit. Sie verwechselt hier also Einkommen und Vermögen, Flussgrößen mit Bestandsgrößen, wie Lukas Scholle evtl. sagen würde.

Bei 30:00 geht dann die Frage an Höfgen, warum Vermögenssteuern unter Ökonomen, zu denen ich auch Politiker zähle, unpopulär sind. Er gibt die richtige Antwort, dass kapitalophile Konservative[+] und kapitalophile Liberale im Bundestag (Schwarz, Gelb und Blau) die Mehrheit hätten und somit Erbschaftssteuern politisch nicht durchsetzbar sind. Die Argumentation dieser politischen Kräfte stelle auf Kapitalflucht in Verbindung mit Arbeitsplatzverlusten[+] ab und auf Gerechtigkeit für die sog. "Leistungsträger".

34:35: Fratzscher spricht passives Vermögen an, vermeidet also den Begriff der passiven Einkommen, zu denen auch die Zinsen[+] und Dividenden[+] gehören. Passive Vermögen könnten z.B. Grund und Boden sein. Es gebe unterschiedliche Arten, wie man Vermögen besteuern könne. Linartas hätte von der Besteuerung von Finanzvermögen gesprochen. Wir hätten in Deutschland eine im internationalen Vergleich relativ geringe Grundsteuer. Passive Vermögenszuwächse sind demnach Steigerungen, die sich nicht durch das aktive Zutun des Eigentümers[+] ergeben hätten, sondern z.B. durch eine Änderung der Marktwerts wie bei Wertzuwächsen von Immobilien aufgrund steigender Nachfrage.

Anschließend macht Graupe den Vorschlag, das Vereinigte Königreich zum Vorbild zu nehmen und den Staat als universellen Erben einzusetzen, wenn nichts anderes verfügt wird.

Bei 52:15 beginnt Fratzscher mit der Ausführung eines Einwands, in dessen Zuge er etwas Irritierendes sagt: Er behauptet, es gebe keinen Automatismus, wie z.B. eine Vermögensbesteuerung von 5 %, demzufolge die unteren 30 - 40 % automatisch bessere Chance hätten. Diese Aussage ist auf eine krasse Weise falsch! Beweis: Man denke an ein umlaufgesichertes Vollreservesystem[+] in Verbindung mit einer Anhebung der Verwahrentgelte[+] auf eine Höhe, so dass Schuldzinsen auf durchschnittlich - 5 % (minus fünf Prozent!) absinken. Dieser Mechanismus bewirkt sofort und unmittelbar eine Umverteilung von Möglichkeiten[+] ("Chancen") von Geldvermögenden weg zu Geldunvermögenden hin!

Um 57:45 wird Horst Seehofer zitiert, der fordert, dass man die Ungleichheit mit Bildung bekämpfen solle. Was für eine Art von Bildung in welchem Bereich kann er denn aber nur meinen? Der Moderator gibt einen Hinweis: Es gehe dabei auch um Aufklärung. Angesichts des brüllenden Schweigens[+] der Diskutanten zum Zinsmechanismus[+] erscheint die Äußerung des Moderators als zynisch, denn auch er erwähnt dabei nicht die Zinsen[+].

Linartas beklagt sich um 59:39 darüber, dass aus neo-liberaler[+] Ecke immer wieder Kritik zu hören sei auf linke Forderungen nach Eingriffen in die Marktwirtschaft[+]. Sie fühle sich immer gleich in die Ecke der Sozialisten[+] verschoben. Leider versäumt es Linartas zu erörtern, warum es zu einem Versagen marktwirtschaftlicher[+] Prinzipien kommt, die Folge der Privatautonomie[+] sind. Es fehlt die Diskussion über die Ursachen[+] des im Kapitalismus[+] zunehmenden Gegensatzes zwischen Freiheit[+] und Gerechtigkeit, vgl. Supplement.

Kurzer Abriss des Spannungsverhältnisses zwischen marktwirtschaftlichen[+] und zentralverwaltungswirtschaftlichen Politiken innerhalb der Ordnungspolitik[+].

Es fehlt bei Linartas, wie bei vielen PolitikwissenschaftlerInnen[+], die saubere Unterscheidung zwischen Kapitalismus und Neo-Liberalismus und die Erörterung der Wechselbeziehung zwischen ihnen. Um es ganz klar zu sagen: Der Kapitalismus[+] ist ein Teil der Wirtschaft, den ich 'Nominalwirtschaft[+]' nenne. Die Nominalwirtschaft[+] ist die Finanz- und Leihwirtschaft. Sie steht damit im Gegensatz zur Realwirtschaft (Grafik).

Überblick über die Architektur heutiger Staaten.

Ab 1:05:58 sagt Graupe einige höchst bemerkenswerte Sätze, die ich hier hervorheben möchte:

„Ich erzähle das immer wieder gerne ohne den Namen zu nennen, als ich Werbung bei Reichen und Superreichen für meine Hochschule gemacht habe sagen [ ? sagte ich ? ]: Wir bringen Leuten jeglicher Klasse und Schicht bei, an ihrer und seiner Stelle bei aktiv zu werden, und sagen [ihnen]: Du verhinderst also, dass die junge Generation mich aufhängen wird und meine Kinder. Da sage ich: Ja, das nennt man sozialen Frieden.“

Wenn ich das richtig interpretiere, dann will Graupe offenbar Pogrome an Reichen verhindern, wie es sie z.B. in exzessivem Umfang im Verlauf der Französischen Revolution gab. Es ist also m.m. ihrer Auffassung nach bereits soweit gekommen, dass man die Reichen vor sich selbst schützen muss. Sie sieht also offenbar den gesellschaftlichen Frieden soweit bedroht, dass Gräueltaten bereits denkbar geworden sind. Eine höchst erschreckende Vorstellung!

Bei 1:24:23 kommt eine intelligente, messerscharfe Frage aus dem Publikum, die auf Fratzschers rechts-lastige und geradezu rechts-polemische Forderung abzielt, das Ziel von Politik dürfe oder solle nicht an sich die Verringerung der Ungleichheit sein, sondern das Lebensglück der Menschen zu erhöhen. Der Zuschauer fragt mit Hinweis auf "Tax the rich, lift the poor!" (Engl. "Besteuert die Reichen, unterstützt die Armen!"), ob nicht der Zuwachs bei den Reichen die Verarmung der Übrigen bewirke, ob es sich nicht um ein Nullsummenspiel handele. Die zweite Frage ist die nach den Grenzen des Wachstums[+], ob nicht bei einer "Vergrößerung des Kuchens" zugunsten des sozialen Zusammanhalts die ökologischen Grenzen verletzt werden, Stichworte Ressourcenverbrauch und Erdüberlastungstag.

Die Fragen werden zunächst weder von Höfgen noch von Fratzscher beantwortet. Die Frage nach dem Nullsummenspiel wird gar nicht beantwortet. Damit stellen sich beide Fragen aus meiner Sicht als zu brisant heraus. Fratzschers Versuch die einfache Logik zu zerstören, ist entlarvt. Brecht hat also Recht[+] mit seinem Bild "Sagt der Arme zum Reichen: Wärst Du nicht reich, wär' ich nicht arm.".

Bei 1:28:58 stellt Graupe eine Forderung auf, die ich im Hinblick auf die sich selbst blockierende, herrschende Ideologie zu 100 % teile:

„Wir brauchen eine Diskussion über implizite Werturteile.“

Wachstumsdiskussion

Ab 1:34:40 geht es dann um die Frage, warum Volkswirtschaften eigentlich wachsen[+] müssen, wobei mir Fratzschers Kuchen einfällt.

Von Graupe bis 1:40:43 kein einziges Wort zu den Zinsen[+] im Zusammenhang mit Wachstum[+]! Stattdessen erschlägt Graupe den Zuschauer mit einem Schwall betriebs- und volkswirtschaftlicher Ideen und Entwicklungen der letzten 200 Jahre. Wie soll da jemand, der keine Ahnung vom Geldsystem hat, verstehen, wie wichtig und zentral die Zinsen[+] sind?

Dann kommt vom Moderator der Hinweis, dass Keynes[+] und J.S. Mills eine Wirtschaft ohne Wachstum[+] angestrebt hätten. Es kann mit einfachen mathematischen Mitteln[+] gezeigt werden, dass eine Negativzins-Ökonomie[+] eine der Sättigung zustrebende Vermögensdynamik bewirkt, wie man hier nachvollziehen kann. Diese Vorstellung sei dann neo-liberal[+], sagt Graupe. Sie rahmt ("framed" von Framing[+]) also die Idee mit dem Hassattribut 'neo-liberal[+]', obwohl ihre Umsetzung negatives Wachstum[+] für die größten Vermögen bedeutet und zu einer Abnahme der Ungleichheit führt!

1:42:00 Warum ignorieren wir die Schattenseiten des Wirtschaftswachstums? Graupe beklagt, dass es dem orthodoxen[+] Hauptstrom immer wieder gelungen sei, die Öffentlichkeit von der Vorrangigkeit der Wirtschaftswachstums vor allen anderen Problemen zu überzeugen. Sie verschweigt[+] dabei, dass es dabei im Kern letztlich immer um die Vorrangigkeit der Zinseinkommen[+] geht, die für die Schicht, die nur noch Einkommen, das aus ihrem Eigentum[+] oder dem Verkauf von Verfügungsrechten[+] daran abgeleitet oder erzielt werden, von existenzieller Bedeutung sind. Es gibt eine reiche Schicht, die effektiv fast ausschließlich von Zinsen[+] aller Arten und Eigentum[+] an Produktionsmitteln lebt, für die also Wirtschaftswachstum gleichbedeutend ist mit Einkommen. Diese Schicht ist ökonomisch sehr mächtig und einflussreich und wird sich mit aller Kraft gegen eine Abkehr vom Primat des Wirtschaftswachstums wehren. Diese reiche Schicht ist seit dem Absenken der Zinsen[+] im €-Raum ab 2012 nach der letzten Finanzkrise 2007/2008 direkt oder indirekt über ihre politischen Anwälte, nämlich die AfD, große Teile der beiden 'C' Parteien, die FDP, sowie Teile von SPD, Linkspartei und Grünen, in Erscheinung getreten und hat gegen die EZB[+]-Geldpolitik[+] Stimmung gemacht. Schumpeter[+] schlug 1942, noch zu Lebzeiten Keynes[+] vor, wie mit diesen Schichten umzugehen sei, Einträge vom 02.02.2022, 09.12.2021, 23.08.2019, 02.11.2018 und 05.02.2018. Von den Diskutanten kein Wort zu diesen elementaren Zusammenhängen und der fatalen Abhängigkeit der Bezieher passiver Einkommen vom Wirtschaftswachstum und also den Zinsen[+]!

Bei 1:52:49 sagt der Moderator zurecht, dass das Wachstum[+], das den Planeten zerstöre, aufhören müsse, dass eine Möglichkeit[+], wie man aus der Wachstumsspirale[+] heraus komme, noch nicht gefunden sei. Zuvor hatte Höfgen behauptet, die Diskussion darüber, ob es mehr oder weniger Wachstum[+] brauche, sei überflüssig. Mit drängt sich hier der Eindruck auf, dass versucht wird die Zuschauer zu deprimieren, denn der Tenor des Gesagten lautet: Es gibt keine Alternative zum Wachstum[+], also geht die Zerstörung der Welt weiter. Doch auch dieser Tenor ist eine krasse Lüge. Ich wiederhole es noch einmal: Ein umlaufgesichertes Vollreservesystem[+] mit negativen Zinsen[+] auf Guthaben und bei Krediten bewirkt sowohl ein Schrumpfen der Geldmenge[+] und in der Folge negatives Wachstum[+] als auch Umverteilung von Reich nach Fleißig über negative Kredit- und Darlehenszinsen und Staatsanleihenrenditen[+]. Außerdem werden Negativzinsen die Inflation[+] dämpfen, wie ich in folgendem Video noch einmal etwas ausführlicher erläutere:

Zu Beginn der offenen Diskussion breche ich die Kommentierung des Video-Beitrags ab. Auch in diesem Teil werden die Zinsen[+] noch nicht einmal ansatzweise mit dem Thema der Diskussion in Verbindung gesetzt. Es kommt mir vor als verhöhnten die Diskutanten passend zum Namen der Sendung das Publikum: jung & naiv.

Fazit

Die teilweise mit Abstand besten Beiträge kamen aus meiner Sicht von Silja Graupe, die immer wieder wichtige Nebenaspekte orthodoxer[+] und neo-liberaler[+] Theorien und Handlungsweisen im öffentlichen Raum ansprach, z.B. die Technik des Schweigens[+], Framing[+] und Nudging[+], und damit über die Bewusstseinsschwelle hebt. Mir ist aufgefallen, dass sie beim Thema Vererbung immer wieder auf die Bedeutung von Blutsverwandschaften hindeutet. Ich sehe darin einen Hinweis auf die durch den Zinsmechanismus[+] bewirkte Stabilität der Eigentumsverh[+]ältnisse, die tendenziell abnehmende vertikale Mobilität innerhalb der Einkommens- und Vermögenspyramide.

Auch Marcel Fratzscher sagte an einigen Stellen, dass es darauf ankomme, in welche Familie und sozialen Verhältnisse ein Mensch hinein geboren werde. Auch zu anderen Anlässen umschreibt Fratzscher das Phänomen mit den Worten "Wer arm geboren wird, bleibt arm.". Mich erinnert das Phänomen an das indische Kastensystem und an die vertikale Mobilität im Feudalismus, vgl. 21.07.2022. Wie es zustande kommt, wird in einem einfachen mathematischen Modell der kapitalistischen Vermögensdynamik erkennbar.

Insgesamt betrachtet deckt die Diskussion zwar große Teile der Erscheinungsformen von Ungleichheit in Wirtschaft und Gesellschaft ab, bleibt aber bei der Analyse der Ursachen[+] im Oberflächlichen. Auch werden gravierende Begleiterscheinungen der Ungleichheit, allem voran der Einfluss auf das Gleichgewicht von Freiheiten[+] und Zwängen[+], die mit Verfügungs- und Handlungsmöglichkeiten im Rahmen der Ausübung der Privatautonomie[+] einhergehen, verschwiegen bzw. gar nicht adressiert, möglicherweise, weil sie auch den Diskutanten nicht bewusst sind. Es werden leider viele Dinge nicht richtig ergründet, z.B. warum eigentlich die Vermögensverteilung nicht die Leistungsverteilung wider spiegelt oder was eigentlich die Ursachen[+] für die Vermögensungleichheit sind. Es werden noch nicht einmal die Wege besprochen und analysiert, auf denen Vermögende reich und Unvermögende arm geworden sind. Auch hier liegt bei mir die Vermutung nahe, dass auch diese Diskutanten an den Ursachen[+] von Einkommens- und Vermögensungleichheit eigentlich nichts ändern, sondern nur die Symptome mildern wollen. Doch das muss eine Sisyphosarbeit sein, denn solange die Ursache[+] nicht wirksam bekämpft ist, wird sich die Ungleichheit auf anderen Wegen manifestieren.

Immer wieder gibt es Erwähnungen sogenannter Narrative. Schlagen die Diskutanten vor, die für die Ungleichheit verantwortlichen Mechanismen umzubenennen?

Jedes Mal, wenn ich damit beginne, so ein Video zu schauen, hoffe ich, dass es vielleicht irgendwann den Zinsmechanismus[+] beleuchtet. Doch auch dieses Mal bin ich enttäuscht. Ich bin aufgrund meiner Berufstätigkeit leider dazu aufgefordert, mir diese drei Stunden einer weitgehend substanz- und bodenlosen Scheindebatte anzuhören, in der systematisch an den eigentlichen und zentralen Ursachen[+] der Zunahme der Ungleichheit vorbei geredet wird. Man will sich nicht zu den Zinsen[+] äußern.

Querverweise auf 'Kommentierung: Thema 'Ungleichheit und Wirtschaftswachstum' bei 'Jung und Naiv' mit Maurice Höfgen, Martyna Linartas, Marcel Fratzscher und Silja Graupe'

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