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21. Juli 2022

William N. Goetzmann zu Aristoteles, den Scholastikern und den italienischen Grundlagen des heutigen Kapitalismus

Am 28.01.2020 vergleiche ich den Reproduktionsprozess einer Sonnenblume mit dem (stark vereinfachten) kapitalistischen Zins[+]-Reproduktionsprozess des Geldes.

Beim Studium von William N. Goetzmanns[+] 'Money Changes Everything[+]' stoße ich auf das berühmte Aristoteles[+]-Zitat, das dem Zinsnehmen[+] die Natürlichkeit abstreitet, vgl. Aktuelles-Einträge vom 13.01.2017, 27.01.2017, 05.02.2018, 24.05.2018, 03.07.2018, 27.07.2018 und 13.03.2019:

Quelle: William N. Goetzmanns[+], 'Money Changes Everything[+]', Kapitel 12 'Venedig', Wucher und die Revolution im Denken, Seite 233, Princeton Press, 2016.

Ich übersetze die Textstelle mit Hilfe von Google translate[+] ins Deutsche und korrigiere die Ausgabe:

Das Geld als künstliche Lebensform

Die am meisten gehasste Art [des Geldverdienens], und das mit der größten Vernunft[+], ist Wucher [also das Zinsnehmen[+]], der aus dem Geld selbst einen Gewinn macht und nicht aus der natürlichen Verwendung desselben. Denn Geld sollte im Tausch verwendet, aber nicht durch Zinsen[+] vermehrt werden. Und dieser Begriff Wucher, der die Geburt von Geld aus Geld bedeutet, wird auf die Züchtung von Geld angewendet weil die Nachkommen den Eltern ähneln. Dabei ist dies von allen Arten des Geldverdienens die unnatürlichste.
Quelle: Aristoteles[+] 1. Buch, 1258b.
In dieser Passage ist das größte Übel der Finanzen nicht der Schmerz, den sie dem Kreditnehmer zufügt, sondern die Andeutung, dass Finanziers die Hybris haben, Gott bei der Erschaffung des Lebens herauszufordern. Ihr Geld zeugt Geld – es ist ein unbelebtes Ding, das Nachkommen hat, eine Art Automat; ein Monster, das von Menschen geschaffen wurde, die gegen göttliche Privilegien verstoßen. Geld, das "tot" ist, sollte sich nicht selbst reproduzieren. Diese Interpretation der Finanzen als ein unnatürliches Phänomen wurde von Philosophen namens 'Scholastiker[+]' aufgegriffen, die eine weitere Übertretung der Liste der Finanzübel hinzufügten: Es war der Diebstahl der Zeit[+] selbst [Goetzmann[+] verweist hier auf S.5 in William N. Goetzmann[+] und K. Geerts Rouwenhorst (Hrsg.), The origins of value: The Financial Innovations that Created Modern Capital Markets, Oxford University Press, 2005.]. Wilhelm von Auxerre schrieb 1220 "Der Wucherer handelt gegen das Naturrecht, denn er verkauft die Zeit[+], die allen Geschöpfen gemeinsam ist." [Goetzmann[+] bezieht sich auf John H. Munro "The Medieval origins of the financial revolution: Usury, rentes and negotiability.", International History Review 25(3), 505-562, 2003.] Durch die Erhebung regelmäßiger Zinsen[+] legen Finanzverträge einen Preis auf Zeit[+] fest, wird der Fluss der Existenz auf einen Geldstrom reduziert. In der Tat, die ewigen Anleihen[+] Venedigs erstreckten sich über Gottes eigene Zeit[+] – mit unendlicher Dauer. Investoren maßen den Zeitablauf[+] zwangsläufig anhand der Intervalle zwischen der Zahlung von paghe.
Quelle: William N. Goetzmanns[+], 'Money Changes Everything[+]', Kapitel 12 'Venedig', Wucher und die Revolution im Denken, Seite 233, Princeton Press, 2016. Korrigierte Übersetzung mit Google translate[+].

Die zitierte Passage beginnt mit einem berühmten Aristoteles[+]-Zitat zur Ethik des Zinsnehmens[+]. In seinen Aussagen verurteilt Aristoteles[+] das Zinsnehmen[+] als unvernünftig[+] und widernatürlich und überträgt Ideen bzw. Prinzipien der Fortpflanzung von Lebewesen auf das Zinsnehmen[+], das dann im übertragenen Sinn eine Züchtung von Geld ist. Insofern ist der Zins[+] das Kind des Geldes. Der Zins[+] ist geldartig, so wie die Nachkommen von gegensätzlich geschlechtlichen Individuen einer Spezies der gleichen Spezies angehören. Goetzmann[+] führt im Anschluss an das Zitat die von Aristoteles[+] verwendete Übertragung fort und interpretiert das Handeln von Finanziers als ein Nachahmen der göttlichen Schöpfung in der Züchtung des Geldes.

Der Mensch züchtet sich eine künstliche Spezies, füge ich hinzu, das Geld, gibt ihm die Fähigkeit zur Reproduktion. Am 05.01.2021 definiere und erläutere ich etwas genauer den von mir in diesem Zusammenhang schon länger verwendeten Begriff des „geltenden Toten[+]“ für zinsträchtiges Eigentum[+] bzw. Kapital. Ich sehe mich angesichts der Wortwahl des Finanzhistorikers Goetzmann[+] in dieser Auffassung des übernatürlichen Kausalzusammenhangs bestätigt.

Diebstahl von Zeit und eine verallgemeinerte Definition des Arbeitsbegriffs

Am 21.09.2016 schrieb ich zum ersten Mal über die künstliche Zeitverzerrung[+], die der Kapitalismus[+] verursacht, später, am 10.11.2018, erneut. Am 25.08.2018 erläuterte ich, dass das Zinsnehmen[+] der Wirkung des natürlichen Zahns der Zeit[+], also der natürlichen Zunahme der Entropie[+] aller geschlossenen Systeme, eine zweite, künstliche Form der Erosion oder der Dissipation[+] bzw. von Zeitstress[+] für die Einen und Relaxation für die Anderen überlagert. Denjenigen, die insgesamt die Zinsen[+] hergeben müssen, den NETTO-Zinsgebern[+], wird Zeit[+] genommen und den NETTO-Zinsnehmern[+] hingegeben, denn Geld ist (Arbeits[+]-) Zeit[+]. NETTO Zinsnehmer[+] und NETTO Zinsgeber[+] werden durch die zinsneutrale Schicht voneinander gertrennt, Eintrag vom 23.04.2021. Am einfachsten ist der Zusammenhang erläutert, wenn man sich bewusst macht, dass die durch die Tilgung von Schuldzinsen entstandene Geldmenge[+] der zur Tilgung der Schuldzinsen verrichteten Arbeitszeit[+] und Arbeit[+] (arbeitendes Sein im Gegensatz zu freizeitlichem Sein) proportional ist. Der Proportionalitätsfaktor ist der durchschnittliche Stundenlohn, bzw. das (Bewusst-) Sein pro Zeiteinheit[+], wenn man sich klar macht, dass das Arbeiten[+] "nur" ein spezieller Modus des Seins ist.


Zwei Ausschnitte aus der Verfilmung von Michael Endes berühmtem Werk Momo. Darin werden Banker[+] als Zeitdiebe[+] dargestellt.
Die Verbindung zwischen Geld und Zeit[+] wurde von modernen Gelehrten als Revolution im Denken angesehen, genauso wichtig wie die damit einhergehende Revolution in der Handelspraxis. Jacques le Goff, der französische Historiker und Dekan der Mittelalterlichen[+] Wissenschaft argumentiert, dass die scholastische[+] Haltung gegenüber Wucher Beweis ist für einen großen Wandel in der Art und Weise, wie Zeit[+] selbst vorgestellt wurde. Aus der Sicht von Le Goffs kollidierte die Zeit[+] des Kaufmanns mit der Zeit[+] der Kirche, und der Darlehensvertrag oder allgemeiner die Aufteilung des Kapitals in die Dimension der Zeit[+] veränderte die Art und Weise, wie die Menschen die Welt erlebten [Goetzmann[+] verweist auf Jacques Le Goff, From Heaven To Earth: The Shift in Values ​​between the 12th and the 13th Century in the Christian[+] West, A.H. Heinecken Preis für Geschichtsvortragsreihe. Amsterdam: Königlich Niederländische Akademie der Künste und Wissenschaften, 2004.]. Natürliche Zeit[+], so heißt es, ist die Zeit[+], die im Schweiße des Angesichts gemessen wird, landwirtschaftliche Arbeit[+] gemessen am Zyklus der Jahreszeiten und der Festtage der Heiligen. Wenn ein Bauer einen Kredit aufnimmt, setzt er oder sie Arbeit[+] mit dem Geld gleich, das er vom Kreditgeber erhält – denn das ist der Arbeitsertrag[+], mit dem das Darlehen zurückgezahlt wird.
Quelle: William N. Goetzmanns[+], 'Money Changes Everything[+]', Kapitel 12 'Venedig', Wucher und die Revolution im Denken, Seiten 233f, Princeton Press, 2016. Korrigierte Übersetzung mit Google translate[+].

In diesen Worten, die an die Idee des Flusses der Existenz anschließen, die sich in einen Geldstrom verwandelt, der auch nur aus Zinsen[+] zusammengesetzt sein kann, schwingt ein wenig mit, bzw. ist dem Geschriebenen kontingent, dass sich ein Teil des Stoffwechselprodukts[+], das notwendiges Korrelat jedes Seins ist, über den marktwirtschaftlichen[+] Austausch in Zinszuw[+]ächse des Eigentums[+] wandelt, wobei der Arbeitende[+] jenen Teil seiner Arbeitskraft[+] gibt, der an der Tilgung des Zinses[+] beteiligt ist, und der Zinsnehmer[+] (der Eigentümer[+] und Leihgeber) Verfügungsrechte[+] gegen Zins[+] dafür gewährt, dass der Arbeitende[+] im Auftrag seines Vorgesetzten die fremde Sache nutzen und besitzen darf.

In dieser verborgenen Weise ist das Sein der Arbeitenden[+] geknüpft an die Zahlung der Zinsen[+]. Könnten Unternehmen und Betriebe nicht fremdes Eigentum[+] nutzen, mieten, pachten oder Lizenzen nehmen, nachdem Verfügungsrechte[+] daran erworben wurden, könnten Arbeitende[+] nicht so sein. Was der Mensch aber tut, während er ist, ist sein Stoffwechselprodukt[+], eine Form des Naturalzinses, wenn der Mensch als Nutzwesen existiert, verrichtet als seine Arbeit[+].

Meinen Arbeitsbegriff[+] definiere ich hier.


Peter Wenzel, Karlsbad 1745 - Rom 1829: „Adam and Eva im Garten Eden“, Öl auf Leinwand, 336 x 247 cm. Man sieht hier die Textstelle Genesis 3 dargestellt durch einen Künstler. Da steht der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, um den sich die Schlange wickelt, die Eva verführt, die verbotene Frucht zu kosten. Links ist wahrscheinlich der Baum des Lebens dargestellt, der zweite Baum, der im Zentrum des Garten Eden steht.

Genesis 3:[1-7]:

  1. Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?
  2. Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten;
  3. aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet!
  4. Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben,
  5. sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.
  6. Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß.
  7. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.

Le Goff und andere Gelehrte sehen den Konflikt zwischen Kirche und Handelsgesellschaft, am deutlichsten verkörpert durch die Finanzen, als Beginn der sozialen Dynamik, die die Europäer aus der Leibeigenschaft des Mittelalters[+] befreite und sie auf den Weg zum Kapitalismus[+] brachten. Während Le Goff die Vorteile dieser Entwicklung anerkennt und äußert er sich zweideutig über den Fortschritt. Er argumentiert, dass Finanzen ein Sündenfall[+] sind. Le Goffs Meinung ist klar. Die Revolution, die im Mittelalter[+] begann, ist im zwanzigsten Jahrhundert zu weit gegangen. Vielleicht kommt bald eine Zeit[+], in der sich die Kultur vom säkularen, empirisches Wertesystem – These, Antithese, Synthese – wegbewegt.
Quelle: William N. Goetzmanns[+], 'Money Changes Everything[+]', Kapitel 12 'Venedig', Wucher und die Revolution im Denken, Seiten 233f, Princeton Press, 2016. Korrigierte Übersetzung mit Google translate[+].

Moderne Leibeigenschaft

Widersprechen muss ich der Behauptung, dass Leibeigenschaft infolge der von Goetzmann[+] erwähnten sozialen Dynamik vollständig verschwunden sei. Stattdessen hat die Leibeigenschaft damals ein neues Gewand bekommen, das auch heute in seiner dezentesten Form, als Zeit[+]- oder Leiharbeit bezeichnet, existiert.

Es ist für die Ausbeutung von Menschen gar nicht notwendig, ihrer Körper ganz habhaft zu sein. Es genügt schon, ihren Willen unter Kontrolle zu haben und, vertraglich geregelt, über ihre Fähigkeiten verfügen zu können. Ein geeignetes Bildungssystem und eine kapitalophile Arbeitsmarktpolitik[+] sorgt für die Gefügigkeit in den Arbeitsmarkt[+]. Es sind gerade die gegen den Grundsatz der Privatautonomie[+] verstoßenden Sanktionen, die den Preis für die Arbeitskraft[+] niedrig halten, indem der Anbieter von Arbeitskraft[+] existenziell bedroht wird, wenn er die Vertragskonditionen nicht akzeptiert. Es bestellt also heute noch die staatliche Nötigung den Arbeitsmarkt[+] nach den Vorstellungen der Käufer von Arbeitskraft[+]. Mit seiner Sanktionspolitik verschiebt der Staat das Verhältnis der Privatautonomien[+] zwischen den Käufern und Verkäufern von Arbeitskraft[+] auf die Seite der Käufer. Dazu passend sagt Schumpeter[+] in 'Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung[+]' sinngemäß, dass im Kapitalismus[+] die Nachfrage das Angebot beherrscht. Das heutige Arbeitsmarktmodell[+] ermöglicht es den Nutznießern käuflich erworbener Arbeitskraft[+] zudem, und auch darin besteht ein "Fortschritt", sich nicht auch noch um körperliche Belange der Arbeitenden[+] kümmern zu müssen.

Was man zuletzt niemals vergessen darf, wenn man in der Politik die pseudo-moralische Kritik an arbeitsscheuen Leistungsempfängern verfolgt, ist, dass nicht alleine die Arbeitslosen[+] auf Kosten der Allgemeinheit leistungslose Einkommen beziehen, sondern auch und gerade Sparer, Vermieter, Grundherren und andere zinsnehmende Eigentümer[+] von Leihkapital. Ich für meinen Teil zähle ausschließlich die Letztgenannten zu den Sozialschmarotzern, denn die bloße Existenz kann keine Schmarotzertum sein und die leistungslosen Zinseinkommen[+] der Eigentümer[+] sind eben keine Leistung, sondern eine faule und primitive Art auf Kosten Anderer aus Geld mehr Geld zu machen.

Der Justinianische Codex für Kredite und die Textstelle Lukas 6:35 in der Vulgata

Die Textstelle Lukas 6:[33-35] wird oft in Texten diskutiert, die sich mit dem Zusammenhang zwischen Religion und Ökonomie[+] beschäftigen. In Max Webers[+] 'Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus[+]' findet sie sich versteckt in den Fußzeilen. Ich selbst habe mich am 22.08.2016, 16.09.2016, 27.09.2016, 15.02.2017, 15.01.2018, 23.01.2018, 20.02.2018, 14.03.2018, 31.03.2018, 24.05.2018, 22.08.2018, 02.10.2018, 09.10.2018, 20.11.2018, 28.11.2018, 20.03.2019, 25.03.2019, 04.06.2019, 11.08.2019, 13.08.2019, 06.09.2019, 08.09.2019, 15.11.2019, 12.02.2020, 17.04.2020, 19.06.2020, 16.10.2020, 27.04.2021, 28.04.2021, 11.05.2021, 22.07.2021, 25.10.2021 und 22.04.2022 damit befasst.

Lukas 6:[33-35] lautet in der Vulgata:

Wie William N. Goetzmann[+] ausführt, handelt es sich beim 'Mutuum[+]' um ein zinsloses Darlehen:

Quelle: William N. Goetzmanns[+], 'Money Changes Everything[+]', Kapitel 12 'Venedig', Begriffe definierend, Seite 235, Princeton Press, 2016.
Von besonderer Bedeutung für die Anleihe- und Darlehensfinanzierung ist, dass der Justinianische Codex Regeln gegen Wucher enthalten. Das römische Recht[+] definierte ein Darlehen als einen Vertrag namens "Mutuum": ein einem Kreditnehmer gewährter Geldbetrag, der dann in gleicher Höhe an den Kreditgeber zurückgezahlt wurde. Das Hauptmerkmal ist, dass das Eigentum[+] an dem Kapital übertragen wurde – der Kreditgeber hatte nicht länger Anteil am Eigentum[+] am Kapitals, sobald es verliehen wurde. [Anmerkung: Gemeint ist hier wohl, dass der Leihgber im Mutuum nach Überlassung des Kapitals zur Nutzung kein Anrecht an den Früchten hatte, vgl. BGB §§ 99, 100, 101.] Die Rückzahlung einer größeren Summe als der ursprüngliche Betrag wurde als rechtswidrig erachtet. Nach der Wiederbelebung des Codexes wurden Geschäftsverträge mit dem Modell[+] des Mutuum verglichen, um festzustellen, ob sie Wucher und damit illegal waren. Als Folge davon waren ab dem elften Jahrhundert sowohl das römische Recht[+] als auch die scholastische[+] Philosophie und Religionslehre finanzkritisch.
Quelle: William N. Goetzmanns[+], 'Money Changes Everything[+]', Kapitel 12 'Venedig', Begriffe definierend, Seite 235, Princeton Press, 2016. Korrigierte Übersetzung mit Google translate[+].

Nimmt man an, dass es sich bei dem in der Vulgata in den Versen 34 und 35 verwendeten Begriff 'mutuum[+]' um ein Darlehen handelt, wie es im Justinianischen Kodex[+] festgelegt ist, dann könnte man das Rechtsgeschäft[+] als einen Handel mit Verfügungsrechten[+] an Geld im Sinne eines quid pro quo betrachten, wobei der Gläubiger nichts dafür nimmt, dass er dem Schuldner die Leihsache zu Besitz[+] und Nutzung überlässt. Dem entsprechend wäre die Interpretation der Verse 34 und 35, dass Darlehen in Geld nicht mit Geld bezahlt werden dürften, ganz im Sinne des Justinianischen Codes[+] und ebenfalls im Sinne Aristoteles[+]'. Nach dieser Interpretation stünde die christliche Ökonomie[+] also für 0 % Zins[+] und also zinslose Darlehen.

Wie ist dann aber der Vers Lukas 6:30 zu interpretieren?

[Lukas 6:30] omni autem petenti te tribue et qui aufert quae tua sunt ne repetas

Die deutsche Übersetzung von Lukas 6:[30-35] lautet nach Hermann August Menge[+]:

  1. Jedem, der dich (um etwas) bittet, dem gib, und wer dir das Deine nimmt, von dem fordere es nicht zurück!
  2. Und wie ihr von den Leuten behandelt werden wollt, ebenso behandelt auch ihr sie!
  3. Denn wenn ihr (nur) die liebt, die euch lieben: welchen (Anspruch auf) Dank habt ihr dann? Auch die Sünder lieben ja die, welche ihnen Liebe erweisen.
  4. Und wenn ihr (nur) denen Gutes erweist, die euch Gutes tun: welchen (Anspruch auf) Dank habt ihr dann? Auch die Sünder tun dasselbe.
  5. Und wenn ihr denen leiht, von denen ihr (das Geliehene) zurückzuerhalten hofft: welchen (Anspruch auf) Dank habt ihr dann? Auch die Sünder leihen den Sündern, um ebensoviel zurückzuerhalten.
  6. Nein, liebet eure Feinde, tut Gutes und leihet aus, ohne etwas zurückzuerwarten! Dann wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn er ist gütig (auch) gegen die Undankbaren und Bösen.

Es ist nicht zu leugnen, dass einzelne Verse für sich genommen den Geist von Reziprozität, also Gegenseitigkeit im Sinne des Grundsatzes quid pro quo widergeben, Nimmt man jedoch an, dass die den Versen 33-35 vorweg gehenden Verse einleitend sind und als Grundlage einer Analogie[+]übertragung dienen sollen, so ergibt sich als mögliche Interpretation, dass Christus[+], wie die Übersetzung Hermann August Menges[+] es widergibt, verlangte, dass etwas, das hingegeben werde, nicht zurück verlangt werden solle und dass daher der Zins[+] beim Darlehen und Leihen allgemein negativ sein solle.

Beim Geld ist dieser Gedanke grundsätzlich nachvollziehbar. Bei anderem Leihkapital, z.B. bei Miet- und Pachtsachen, ist die Sache jedoch schwieriger, denn man kann ja schlecht 95 % einer Wohnung zurückgeben oder zwei Drittel eines Autos. 80 % eines Ackers sind hingegen denkbar.

Uneingeschränkte Kaufempfehlung: Money Changes Everything (2016) von William N. Goetzmann.

An dieser Stelle möchte ich demonstrieren, wie man aus den in Goetzmanns[+] Buch zu findenden Aussagen zu den Wirkungen von positiven Zinsen[+] die entsprechenden Aussagen für die Wirkungen einer Negativzins-Ökonomie[+] ableiten kann. Ich setze dabei eine Umlaufsicherung[+] voraus, sowie ein Vollreservesystem[+] und intakte Transmission geldpolitischer[+] Entscheidungen zur Einstellung des Zinsniveaus[+], insbesondere eine Beherrschung der beim Übergang zu Negativzinsen einsetzenden Fluchterscheinungen ("Das Kapital, das scheue Reh.").

Was bewirken also negative Zinsen[+]?

Kausalketten in den zwei möglichen Realitäten, jeweils verursacht durch positive (rechts) und negative (links) Zinsen[+]. Kausalzusammenhänge im ökonomischen Jenseits (Staat, Wirtschaft und Gesellschaft unter einer Negativzins-Ökonomie[+]) werden durch logische Umkehr aus den Kausalzusammenhängen des kapitalistischen Diesseits, unserer derzeitigen Realität, gewonnen.

Wie man die Wirkungen von Negativzinsen aus den Wirkungen positiver Zinsen ableitet

Als Erstes verhält sich gammelndes Geld bestenfalls wie eine tote Lebensform, dessen Körper den Zersetzungsmechanismen dieses Universums unterworfen ist. Es reproduziert und erhält sich nicht mehr, sondern sein Menge-Zeit[+]-Gesetz enthält in exponenzieller Schreibweise einen negativen Wachstumexponenten[+]. Wie überschüssige Wärme oder die überhöhte lokale Konzentration einer löslichen Substanz in einer räumlich unbegrenzten Flüssigkeit verteilt sich seine Substanz über das Austauschmedium. Es häuft sich nicht mehr von alleine auf, sondern wird zersetzt und von großen Aufhäufungen weg umverteilt. Aus Akkumulation[+] bei positivem Zins[+] wird bei negativem Zins[+] Dissipation[+].

Der zweite oben angesprochene Aspekt des Zinsmechanismus[+] ist der Zeitaspekt[+]. So wie bei positivem Zins[+] den Leihnehmern und Besitzern[+] die Zeit[+] zur Tilgung der Schuldzinsen ihrer übrigen Zeit[+] entnommen wird, wird Zeit[+] bei negativem Zins[+] den Leihgebern und Eigentümern[+] genommen und den Leihnehmern, Besitzern[+] und Nutzern fremden Eigentums[+] gegeben. Insgesamt wird die in bestehenden Geldvermögen akkumulierte[+] Lebenszeit und die über die Zeit[+] integrierte Arbeitsleistung[+] freigesetzt. Nun ist es aber nicht so, dass die Eigentümer[+] des Geldes in eine der kapitalistischen spiegelgleiche Knechtschaft geraten, sondern nur ihr vorrätig gehaltenes Geld. Die gestohlene und geraubte Lebenszeit wird zu Arbeitenden[+] hin umverteilt, wandelt sich dort in Relaxation der Arbeitsanforderungen[+] und -leistungen oder in höhere Löhne.

Soweit ich es überblicke, haben alle kapitalistischen Phänomene Spiegelbilder unter einer Negativzins-Ökonomie[+]. Das Spiegelbild-Phänomen, die Reziprozität kapitalistischer Kausalketten in Bezug auf die Umkehr des Zinsvorzeichens[+], zeigt sich, wie eben skizziert bei der Zeit[+].

Wenn man den Spiegel in das Verhältnis zwischen zinstragendes Eigentum[+] bzw. Kapital und Arbeitskraft[+] setzt, so entspricht der Akkumulation[+] von Kapital bei positivem Zins[+] die Akkumulation[+] von Arbeit[+] bei negativem. Besteht ein geldpolitisches[+] Regime, demzufolge die Zinsen[+] auf Guthaben und bei Krediten negativ sind, so fließt systematisch zinsartiges Geld dort hin, wo schon gearbeitet wird mit dem Effekt, dass sich dort noch mehr Arbeitende[+] ansiedeln, denn wo hohe Löhne bezahlt werden, wird bevorzugt gearbeitet.

Das dritte kapitalistische Phänomen, das sich unter einer Zinsvorzeichen[+]-Umkehr in sein Spiegelbild verkehrt, ist das Phänomen der kapitalistischen Macht oder Eigentumsherrschaft[+]. In meinem Artikel über das Zinsvorzeichen und das Gleichgewicht der Bestimmung zeige ich die Umkehr des Gleichgewichts der Privatautonomien[+] (der Selbstbestimmungen in geldartigen Rechtsgeschäften[+]) zwischen Gläubigern und Schuldnern, bzw. Eigentümern[+] und Besitzern[+] bzw. Leihgebern und Leihnehmern infolge der Umkehr des Zinsvorzeichens[+]. Ebenso zeige ich die Grenzen der Spiegelung und Abweichungen der Spiegelbilder von der einfachen Erwartung auf.

Am 23.10.2018 diskutiere ich weitere, makroskopische Effekte der Zinsvorzeichenumkehr[+] im Zusammenhang mit der Entstehung einer Kreislaufwirtschaft[+], deren notwendige Entstehung das Spiegelbild des Akkumulationstriebs[+] erweist. An Stelle der Gewinnmaximierung tritt infolge der Zinsvorzeichen[+]-Umkehr Verlustminimierung.

Querverweise auf 'William N. Goetzmann zu Aristoteles, den Scholastikern und den italienischen Grundlagen des heutigen Kapitalismus'

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