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12. Januar 2022

Kommentierung der Weihnachtsvorlesung von Hans-Werner Sinn

Ich kommentiere die Weihnachtsvorlesung von Hans-Werner Sinn[+] über die Inflation[+], in der es im Metaphysischen[+] knallt, raucht und stinkt, so wie in den Weihnachtsvorlesungen der physikalischen und chemischen Institute.

Hans-Werner Sinn[+] erläutert seine Position zu den Inflationserwartungen[+] im €-Raum.

2:59 : Das Zitat von Kopernikus passt wirklich perfekt.

"Die wundersame Geldvermehrung" bei 3:24 : Der Begriff ist bezogen auf die Bilanzverlängerung[+] durch die Zentralbanken[+]. Der Begriff verdeckt die Geldvermehrung durch die positiven Zinsen[+]. Hans-Werner Sinn[+] macht sich über das Forward Guidance[+] lustig.

4:36 : Der Begriff der Geldmenge[+] wird nicht ausreichend erläutert. Durch die fehlende Griffigkeit der verwendeten Begriffe wird der Interpretationsspielraum geöffnet für die Behauptung, die Inflation[+] sei durch die Ausweitung der Geldmenge[+] verursacht.

6:05 : Hier wird eingeräumt, dass ein Teil der Geldmengenausweitung[+] auf die Erweiterung der EU um neue Mitgliedstaaten und auf das Wachstum[+] der Wirtschaft zurückzuführen ist und nicht allein auf die Bewältigung der Eurokrise und der Pandemie, die jedoch wesentliche Ursachen[+] der Bilanzverlängerung[+] sind.

7:00 : Das Geld ist entstanden durch Kreditvergabe der Zentralbank[+] an die Geschäftsbanken[+] und durch den Aufkauf von Wertpapieren durch die Zentralbank[+] im Rahmen der QE[+] / OMT[+] - Programme zur Bewältigung der Eurokrise und der Pandemie. Der Staat hat das Geld dann weitergeleitet in die Wirtschaft. Er spricht hier nicht über die exakt gleich großen Schulden, die durch die Bilanzverlängerung[+] entstanden sind. Damit kaschiert er den Unterschied zu der Geldvermehrung durch die Tilgung von positiven Zinsen[+].

7:37 : zum "stehenden Begriff" der Liquiditätsfalle[+] (Zitat):

"Wenn die Zinsen[+] am Anschlag sind, bei 0, dann ist es den Leuten eigentlich egal, ob sie Geld halten oder Wertpapiere, und sie sind bereit [dazu], praktisch beliebige Erhöhungen der Geldmenge[+] durch Vergabe von marktfähigen Schuldtiteln zu absorbieren, ohne dass dieses zusätzliche Geld inflationär ist."

Die hier gegebene Definition der Liquiditätsfalle[+] überdeckt die entscheidende Thematik, die mit der Liquiditätsfalle[+] verbunden ist, nämlich die Ausweglosigkeit konventioneller Geldpolitik[+] in der terminalen Krise des kapitalistischen Prozesses, ohne dass es zum Bruch von Verträgen kommt (das Platzen von Blasen) aufgrund der Präsenz und Verfügbarkeit von Bargeld. Die Zentralbanken[+] können die Zinsen[+] nicht weiter absenken, weil sonst in einem Bankansturm[+] die Menschen ihr Geld von den Konten holen und dem Bankensystem[+] die Liquidität entziehen. Auf diese Weise würde das Finanzsystem kollabieren.

Die orthodoxen[+] Theorien der Wirtschaftswissenschaften ziehen aufgrund dieses Phänomens bei 0 % die Zinsuntergrenze[+] geldtheoretischer Modelle[+], Vergleich zum Begriff Zero Lower Bound - Dogma. Zur Überwindung der Liquiditätsfalle[+] wird über umlaufsichernde[+] Maßnahmen, wie z.b. der Verbot des Bargeldes oder eine Bargeldparallelwährung nachgedacht.

8:16 : "Das zusätzliche Geld könne inflationär werden, wenn es ausgegeben wird."

Damit schlägt er die Brücke in die orthodoxe[+] Inflationstheorie[+], nach der eine Erhöhung der Geldmenge[+] potenziell eine Steigerung der Nachfrage nach sich zieht. Die wichtige Frage ist dann aber, in welchen sozialen Schichten und bei welchen Gütern die Nachfrage anzieht, denn nur solche Märkte werden von einem Anstieg der Nachfrage betroffen sein, deren Konsumenten infolge der Ausweitung der Geldmenge[+] indirekt mit zusätzlichem Geld versorgt worden sind. Daher ist zu analysieren, wohin denn genau das Geld geflossen ist, welches die Zentralbank[+] über ihr OMT[+] - Programm in den Umlauf gebracht hat.

Auch an dieser Stelle geht Hans-Werner Sinn[+] nicht auf den zweiten Zweig der Erklärung der Inflation[+] ein, dessen Ursache[+] auf der Angebotsseite des Marktes liegt und mit den Fremdkapitalkosten zusammenhängt. So diskutiert er auch nicht, dass ein Anstieg der Schuldzinsen für die Unternehmen, den Staat und die privaten Haushalte in ihren Rollen als Schuldner zusätzliche Kosten bedeuten, die sich ebenfalls auf die Preise auswirken können. Private Haushalte und der Staat würden sicher sparen, also ihre Ausgaben senken, hätten sie es mit höheren Kosten zu tun, während Unternehmen die höheren Schulden, wenn sie sie nicht durch Rationalisierungen einsparen können, an andere Marktpartner (u.a. die Zulieferer) oder die Verbraucher weitergeben, wobei Letzteres eben insbesondere in Zeiten[+] hoher Zinsen[+] einen signifikanten Teil der Inflation[+] ausmacht.

Ein einzelnes Unternehmen. Auf der Kostenseite stehen die Ausgaben für Rohstoffe und Betriebsmittel, Arbeit[+], Abfallbeseitigung und Fremdkapital. Die Verfügung über Fremdkapital ist bei positivem (Schuld-) Zins[+] mit Kosten verbunden.

8:44 : Hier erläutert er nun ein bisschen die Geldmengenaggregate[+]. Er versäumt es jedoch, die Rolle dieser Geldmengenaggregate[+] M0[+], M1[+], M2[+], ... im Geldumlauf darzustellen, sodass die zusätzlichen Informationen, wie die Geldmengenaggregate[+] benannt werden, nicht zu einem höheren Verständnis führt, sondern eher Verwirrung stiftet.

Anstelle der Aufklärung der Geldmengenaggregate[+] führt er nun den reißerisch erscheinenden Begriff eines "ungezündeten Pulverfasses" ein. Die Inflation[+] könne irgendwann "zünden", so seine Suggestion[+]. Es kommt bei mir aufgrund des Schwefelgeruchs im übertragenen Sinne die komische Assoziation mit Weihnachtsvorlesungen der physikalischen oder chemischen Fakultäten auf, in denen es regelmäßig knallt, raucht und stinkt.

9:45 : In der Folie wird der Begriff Kassenhaltungskoeffizient[+] verwendet, nur am Rande definiert (M0[+]/BIP[+]), aber nicht interpretiert.

11:26 : Das Target-System sei im Hinblick auf den Finanzierungsbedarf der €-Südstaaten ein "Fass ohne Boden". Dabei unterschlägt er natürlich, dass in der Vergangenheit die Käufer von Staatsanleihen[+] von der Kreditvergabe profitierten, indem sie positive Zinsen[+] kassierten. Hans-Werner Sinn[+] scheint sich daher nur deswegen am Finanzierungsbedarf zu stören, weil es dafür keine Zinsen[+] gibt, wie noch vor 2012.

Nun wird es noch komischer. Das jederzeit zünden könnende Pulverfass hat Räder und nun aber auch keinen Boden. Da geht wohl ein bisschen etwas nicht ganz zusammen.

12:00 : "Die Zerstörung der Inflationsbremse[+]": Hier kommt Hans-Werner Sinn[+] nun auf die eigentliche Problematik der Liquiditätsfalle[+] zu sprechen. Die konventionelle Geldpolitik[+] ist durch die Zinsuntergrenze[+] von 0 % begrenzt und nach unten beschränkt, das oben genannte Zero-Lower-Bound-Dogma, und kann diese Grenze nur durch umlaufsichernde[+] Maßnahmen zur Überquerung der Nullzinsgrenze, der Systemschwelle des Kapitalismus[+], überwinden, die Hans-Werner Sinn[+] jedoch leider nicht zur Sprache bringt.

Hans-Werner Sinn[+] beschreibt das Problem der Liquiditätsfalle[+] in den Worten, dass das überschüssige Geld nicht einfach wieder eingesammelt werden könne. Die bisherigen Instrumente zur Geldmengensteuerung[+] fasst er in im Wesentlichen zwei Möglichkeiten[+] zusammen:

  1. Refinanzierungskredite und
  2. Wertpapierkäufe (SMP 2010, QE 2015, PEPP 2020, ANFA)

Das Problem der Inflation[+] bestünde aufgrund der Verwendung der genannten Instrumente.

Hinter dieser impliziten Aussage schwebt die Suggestion[+], dass die Inflation[+] durch die Ausweitung der Geldmenge[+] erzeugt sei. Er geht bis jetzt nicht auf die angebotsseitigen Ursachen[+] der Inflation[+] ein (die Wirkung der Schuldzinsen).

15:16 : Ab hier erläutert er den Fallencharakter der geldpolitischen[+] Situation, der allerdings nicht aus seiner Definition der Liquiditätsfalle[+] hervor geht. Er beginnt mit der Erläuterung, warum ein Verkauf der zuvor im Rahmen der OMT-Programme[+] erworbenen Staatsanleihen[+] durch die Zentralbanken[+] zu einem Anstieg der Staatsanleihenzinsen[+] führen würde.

Ist das jedoch so?

Der Zinskupon[+] wird am Primärmarkt[+] bestimmt. Gehandelt würden die Staatsanleihen[+] im Verkauf durch die Zentralbank[+] jedoch auf den Sekundärmärkten[+]. Die Staatsanleihen[+] haben alle einen Zins[+] von 0%. Sie werden nur dann gekauft, wenn ihre Rendite oberhalb des Zinsniveaus[+] liegt, weil es nur so wirtschaftlich wäre, diese Papiere zu halten. Aufgrund der Staatsverschuldung ist aber ein Anstieg der Zinsen[+] undenkbar, sodass die Staaten ihre Schulden nur dadurch loswerden können, dass das Zinsniveau[+] weiter abgesenkt wird. Dann, und nur dann, werden sich Käufer für die Staatsanleihen[+] Papiere mit 0 % Zinskupon[+] finden lassen!

Wenn das Steueraufkommen aufgrund der negativen Guthaben- und Schuldzinsen steigt, dann wird der Staat mit der Zeit[+] selbst seine Schuldtitel wieder aufkaufen und so die Schulden loswerden.

16:10 : Ich teile mit Hans-Werner Sinn[+] und den ehemaligen Gouverneuren die Einschätzung, dass die Staaten vor einen Zinsanstieg[+] geschützt werden sollen, denn ein Bankrott[+] von €-Staaten wäre politisch nicht verkraftbar. Ebenso stimme ich darin überein, dass die Geldpolitik[+] seit 2012 die Staaten finanziert. Dies geschieht jedoch immer unter dem Hinweis der Zentralbank[+], dass die Schulden zurückgezahlt werden müssen. Es wird also nicht einfach nur Geld in den Umlauf gebracht, sondern ein jeweils gleich großer Schuldbetrag erzeugt, der irgendwann ausgeglichen werden muss und wird. Auf welche Weise die Schulden getilgt werden, darüber möchte Hans-Werner Sinn[+] offenbar nicht sprechen, obwohl es offensichtlich ist, denn nicht umsonst haben die Geschäftsbanken[+] des Euroraums ihre AGB[+] um die Möglichkeiten[+] von Verwahrentgelten[+] erweitert. Die Negativzinsen sind also technisch verfügbar geworden.

17:02 : hier geht Hans-Werner Sinn[+] in seiner Argumentation implizit davon aus, dass ein Ausstieg aus dem OMT-Programm[+] mit einem Zinsanstieg[+] einhergehen würde. Damit würden die Schuldtitel, die durch die Eurokrise und die Pandemie durch Zahlungsausfall der Schuldner entstanden sind und niedrigen Zins[+] haben, am Markt unlukrativ sein, so dass sie niemand kauft, so dass die Banken[+] auf den Schulden sitzen bleiben und in Zahlungsschwierigkeiten gerieten, so die implizite Aussage von Hans-Werner Sinn[+].

18:27 : Zusammenfassend sieht Hans-Werner Sinn[+] zwei Probleme beim Ausstieg aus der gegenwärtigen Geldpolitik[+]: Staaten und Banken[+] kämen aufgrund der steigenden Zinsen[+] in Schwierigkeiten. Daher sieht auch Hans-Werner Sinn[+] einen Anstieg der Zinsen[+] als unwahrscheinlich an.

22:03 : Ich würde die Geldpolitik[+] seit 2012 anders einordnen: die Zentralbank[+] hat die Staaten durch das Absenken des Zinsniveaus[+], wie die gesamte Wirtschaft, von Zinslasten[+] befreit und so insbesondere die Staaten in der terminalen Krise des kapitalistischen Prozesses der Eurozone handlungsfähig gehalten. Nur im orthodoxen[+] Denken stellt die geldpolitische[+] Situation eine Falle dar. Verlässt man diesen Rahmen jedoch, indem man eine Umlaufsicherung[+] einführt, dann ist die Situation durch negative Zinsen[+] lösbar. Dies ist jedoch eine Möglichkeit[+], die erst jetzt zur Verfügung steht, weil erst jetzt die Hoheit über die Währung Ausmaße erreicht hat, die diesen revolutionären Schritt technisch ermöglichen.

Insbesondere geht Hans-Werner Sinn[+] leider auch nicht auf die Wirkungen von negativen Zinsen[+] ein. Eine der Wirkungen ist eine Bilanzverkürzung, denn aufgrund der negativen Zinsen[+] auf Guthaben und bei Krediten, Darlehen und Anleihen[+] wird Geld von Guthaben in Schulden umverteilt, sodass sich die Bilanzsumme wieder verkürzt. Die Blasen sowie die dramatische Überzeichnung der Situation werden sich infolge des entstehenden wirtschaftlichen Prozesses zurückbilden.

23:00 : Ab hier macht Hans-Werner Sinn[+] keinen Hehl aus seinem radikalen Wunsch, die Zinsen[+] mögen wieder steigen. Die Amerikaner seien wahrscheinlich radikaler als die Europäer.

Er fragt sich, ob bereits eine Verknappung der Refinanzierungskredite für eine gewisse Erhöhung der Zinsen[+] ausreichend ist. Er wünscht sich daher offenbar einen Zusammenbruch der Eurozone, denn er weiß ja selbst, welche Folgen ein Zinsanstieg[+] haben würde.

Dann überlegt er, ob die Zentralbank[+] selbst die Zinsen[+] anheben könnte, indem sie Geld bei Geschäftsbanken[+] nachfragt, wenn doch die Staaten aufgrund der Stabilitätsmechanismen, die in Maastricht beschlossen wurden, dieses nicht erreichen können. Deutschland hat z.b. die Schuldenbremse[+] beschlossen, die Schwarze Null[+]. Demzufolge kann der Bund nicht wie zuvor durch Aufnahme neuer Schulden die Zinsen[+] nach oben ziehen. In anderen Staaten ist es ähnlich und es wäre auch politisch nicht verkraftbar, dass die Bewältigung der gegenwärtigen Situation weiter den nachwachsenden[+] Generationen angelastet würde. Politisch unhaltbar wäre ein solches Vorgehen der Staaten alleine schon deswegen, weil das Privatvermögen der Europäer die Staatsschulden signifikant übersteigt, in Deutschland z.b. gibt es über 7 Billionen € private Geldvermögen im Vergleich zu 2,3 Billionen € Staatsschulden. Es ist also genügend Geld bei Nichtbanken vorhanden. Die Negativzinsen werden es in den Umlauf bringen, sodass die Staaten über das erhöhte Steueraufkommen entschulden können.

24:46 : Ich interpretiere das Urteil[+] des Bundesverfassungsgerichtes zum OMT-Programm[+], das infolge der Klagen von u.a. Gregor Gysi (DIE LINKE[+]) und Peter Gauweiler (CSU) erlassen wurde, so, dass auch für das Bundesverfassungsgericht die geldpolitische[+] Bewältigung der Situation möglicherweise durch ein Absenken der Zinsen[+] erfolgen soll, denn anders sind die Vorgaben des Urteils[+] nicht zu erfüllen.

26:06 : Ich teile die Schlussfolgerung, dass die konventionelle Inflationsbremse[+] nicht mehr zur Verfügung steht. Diese würde jedoch auch in anderen Zeiten[+] nicht funktionieren, denn die steigenden Schuldzinsen würden, wie in Zeiten[+] hoher Zinsen[+] beobachtbar ist, zwar den Konsum dämpfen, aber eben auch die Kosten der Unternehmen und damit auch die Inflation[+] in die Höhe treiben. Das Bild, dass wir ein Auto ohne Bremse fahren würden, ist nicht zutreffend, denn der absehbar eingeschlagene Weg, die Negativzinsen, die steigenden Verwahrentgelte[+], werden die Kosten in den Unternehmen und damit auch die Inflation[+] senken, weil sie rechnerisch gegen die Mechanismen wirken, die aktuell die Inflation[+] verursachen, nämlich die Störungen in den Lieferketten, der Chip-Mangel und die steigenden Energiekosten samt Implikationen in den Lieferketten.

Das Pulverfass mit Lunte und ohne Boden sitzt auf Rädern und hat keine Bremsen. Das hört sich fast wie in einem Western an.

26:31, die Anstoßeffekte für eine Inflation[+]:

1. In der Liquiditätsfalle[+] ist die Geldpolitik[+] nicht ursächlich für die Inflation[+]. Sie erschwert aber die Bremsung.

Wenn die Geldpolitik[+] nicht ursächlich ist, dann bringt es auch nichts, die Zinsen[+] anzuheben. Das ergibt sich aus dem Satz selbst.

2. Ausgelöst wird die Inflation[+] durch einen an derweitig verursachten Übergang der Nachfrage über das Angebot.

Dies ist nun die nachfrageseitige, orthodoxe[+] Inflationstheorie[+]. Es gibt aber zwei Mechanismen, wie Preise steigen können: Preise steigen aufgrund einer relativen Vergrößerung der Nachfrage oder aufgrund einer relativen Verkleinerung des Angebots. Relativ beziehe ich auf das Marktgleichgewicht, bei dem sich Angebot und Nachfrage treffen.

Bei Hans-Werner Sinn[+] sind es hier offensichtlich die Unternehmen, die die Nachfrage verursachen. Dabei geht es doch um die Konsumenten.

Da die Ausgaben der durch die Zentralbank[+] mit geliehenem Geld versorgten Staaten den Unternehmen nicht über die Situation vor Corona[+] hinausgehende Konsummöglichkeiten beschafft haben, sondern infolge der Bekämpfung der Pandemie strauchelnde Unternehmen durch finanzielle Unterstützung, wie z.b. das Kurzarbeitergeld oder Notkredite, über Wasser gehalten haben, kann nicht von einem Übersteigen der Nachfrage über das Angebot die Rede sein, sondern von einer Grundsicherung der systemrelevanten Zweige der Wirtschaft. Daher kann diese Erklärung nicht für den Anstieg der Inflation[+] herhalten.

Anschub- und Selbstverstärkungseffekte der Inflation

3. Hat die Inflation[+] erst einmal begonnen, kann sie sich selbst verstärken.

Dieser Aussage stimme ich natürlich zu, denn Unternehmen und andere Wirtschaftssubjekte können immer versuchen, Kosten an ihre Marktpartner weiter zu reichen. Z.B. können die Arbeitskosten[+] steigen, wenn höhere Tarifabschlüsse mit Inflationsausgleich[+] erzielt werden. Die höheren Arbeitskosten[+] können die Unternehmer dann eventuell wieder an die Konsumenten weiterreichen, sodass sich die Inflation[+] selbst verstärkt.

Es gibt es eine Ausweichbewegung aufgrund der niedrigen und negativen Zinsen[+].

Die Flucht in das Betongold

Ab 29:00 : Die Preise für Reihenhäuser, Eigentumswohnungen[+] und Einfamilienhäuser sind seit 2008 auf dem Land um 83 %, in 127 Städten um 107 % und in sieben Großstädten um 136 % gestiegen. Quelle: Statistisches Bundesamt[+], Bundesbank[+].

Die Preissteigerung ist nicht Teil der Konsumpreisinflation, weil Wohnimmobilien nicht im Warenkorb[+] enthalten sind. Die Bauindustrie kam in einen Boom, wodurch die Preise von Baumaterialien gestiegen sind. Auch hier werden negative Schuldzinsen für Bauindustrie und Bauherren, gegen die steigenden Kosten für Baumaterialien und damit der Inflation[+] entgegen wirken.

Die Finanzierung der Staaten und der EU mit billigen EZB-Krediten

Nicht die Erhöhung der Geldmenge[+] für sich genommen erzeuge die Inflation[+], sondern die "Lust der Staaten", sich zu verschulden und zu investieren treibe die gesamtwirtschaftliche "keynesianische" Nachfrage nach oben.

Für die Ausgabenpolitik der Staaten verwendet Hans-Werner Sinn[+] das auf Michel Friedman zurückgehende Wort "Helikoptergeld", welches ein Ersatzeinkommen aus der Druckerpresse sei. Dieser Aussage ist nicht zuzustimmen, denn die geliehenen Gelder wurden fast ausnahmslos zur Abstützung der Wirtschaft verwendet, nicht zur Ankurbelung der Nachfrage à la Keynes[+]. Das gibt er ja auch selbst zu, denn er erwähnt die gestiegenen Sozialausgaben, das Kurzarbeitergeld und die Überbrückungshilfen und Notfallkredite für die Wirtschaft.

Die Nachfrage ist also infolge der Bekämpfung der Pandemie eingebrochen und trotz der staatlichen Grundsicherung für Privatleute und die Wirtschaft nicht auf das Vorkrisenniveau zurückgekehrt. Es kann also nicht von einer Erhöhung der Nachfrage über das Vorkrisenniveau die Rede sein.

Diese Erklärung der Inflation[+] scheidet also auch aus.

Ab 36:35 : Er zeigt die Überschreitungen der 1996 im Stabilitäts- und Wachstumspakts beschlossenen Defizitgrenzen vor dem Beginn der Pandemie. Nur Schweden, Finnland, Luxemburg, Estland und Dänemark hielten bis zum Pandemiejahr 2020 die Defizitgrenze ein. Alle anderen Länder lagen teils zweistellig darüber, so z.b. Griechenland mit 18 %, Portugal mit 16 %, Frankreich 15 %, Vereinigtes Königreich 12 %, Polen 11 % und Spanien 10 % Defizit.

Von 195 Überschreitungen waren nur 75 erlaubt. Die EU-Kommission hat jedoch keine Strafen ausgesprochen.

38:11 : Er zeigt die Schuldenquoten der Nationalstaaten mit der Maastricht Grenze von 60% des Bruttosozialproduktes[+]. Die Schuldenquote der Eurozone liegt bei 100 % des Bruttosozialproduktes[+]. Einige bis 2023 projizierte Schuldenquoten in Prozent: Griechenland: 192, Italien: 151, Portugal: 123, Spanien: 117, Frankreich : 113, Österreich: 78, Deutschland: 68, Niederlande: 56.

Hans-Werner Sinn[+] betont, dass der geldpolitische[+] Anreiz stärker war als die Einhaltung der freiwilligen Selbstverpflichtung durch den Stabilitäts- und Wachstumspakt 1996/97. Anmerkung: Die implizit dahinter stehende wirtschaftsethische Aussage lautet, dass das Schuldenmachen unmoralisch sei.

42:02 : Hans-Werner Sinn[+] kommt auf die nicht-staatlichen Begünstigten des Anleihenkaufprogramms[+] zu sprechen. Er erwähnt den Wiederaufbaufonds vom Juli 2020 mit 750 Milliarden €, das Solidaritätspaket vom April 2020 mit 540 und das Soforthilfeinstrument vom April 2020 mit vier Milliarden €, insgesamt 1.294 Milliarden €. Die Summe der Soforthilfen beträgt etwa 9,7% des Bruttoinlandsproduktes[+] in der EU.

Lockdowns und Quarantäne

Um 46:00 : Er spricht die Störungen der Lieferketten an, die sich seit dem Beginn der Pandemie weltweit ereignen.

Ein größerer Ausschnitt und Teil einer Lieferkette. Es sind vier Unternehmen gezeigt, die miteinander verknüpft sind.

46:36 : Er zeigt eine Grafik zur Welt-Industrieproduktion. Zwischen Dezember 2019 und Januar 2021 ist ein massiver Einbruch mit Tiefstwert von um die 87 % im April 2020 zu verzeichnen. Die Referenz ist Dezember 2019. Im September 2021 liegt die Welt-Industrieproduktion jedoch wieder über dem Niveau vor der Pandemie, da China schnell wieder auf Trab gekommen wäre.

Ein großes Problem sei, dass Häfen geschlossen würden. Das führe zu Lieferengpässen bei Stahl, Holz, Chips, Magnesium und Aluminium, also zu einem Einbruch des Angebotes. Er geht näher auf das Problem mit den Häfen ein, zeigt einen Containerfracht-Preisindex, der sich zwischen August 2019 bei 1350 und August 2021 bei 10839 verachtfacht hat.

Er benennt also wieder Gründe für die Inflation[+], erklärt aber nicht, wie denn ein Anheben der Zinsen[+] diese Ursachen[+] für die Inflation[+] beseitigen könnte.

Bei 51:20 zeigt er den Materialmangel im Bausektor in Form von vom Materialmangel betroffenen Unternehmen in Prozent. 2021 ist eine Spitze zu sehen, die von 0 auf 40,5 geht. Im Hochbau sind sogar 50 % der Unternehmen vom Materialmangel betroffen. Es kann also nicht weiter gebaut werden, ohne enorme Preissteigerungen hinnehmen zu müssen, sondern die Eigentumsquote beim Wohnen[+] muss auf andere Weise erhöht werden, wie z.B. am 14.07.2021 beschrieben. Im verarbeitenden Gewerbe verzeichnen heute 74,4 % der Unternehmen Materialmangel. Seit 1991 gab es immer mal wieder Spitzen, die sich auf lediglich bis zu 20 % in 2011 und in 2019 beliefen.

Anscheinend möchte er über ein Anheben der Zinsen[+] die Unternehmen zum Sparen zwingen.

53:35 : Die Wachstumsprognose[+] für die Welt, die EU und Deutschland sieht mit 5,7, 4,9 und 2,5 in 2021 relativ gut aus.

Die Lieferengpässe verursachten laut Ifo-Institut[+] einen Rückgang des Bruttosozialproduktes[+] um 40 Milliarden €, was er "die neue Stagflation" nennt, also die Kombination von angebotsseitiger Verknappung und der hohen Nachfrage aufgrund der Geldmengenexpansion[+].

55:00 : Die Inflation[+] sei schon da, wobei er sich auf seine orthodoxe[+] Inflationstheorie[+] bezieht, derzufolge die Ausweitung der Geldmenge[+] die Ursache[+] für die Inflation[+] sein. Die aktuelle Inflation[+] betrage im Euroraum 4,9, in Deutschland 5,2 und in den USA 6,9 % von November 2020 zum November 2021.

56:36, die Rolle der Erhöhung der Mehrwertsteuer: Auf die Mehrwertsteuer gingen lediglich 1 bis 1,5% Inflation[+] zurück.

Bei 57:40 zeigt er Inflationsraten[+] der €-Länder.

58:30, Erzeugerpreisindizes: Beim Preisindex für die Konsumgüter nehme man die fertigen Endprodukte, die an den Konsumenten gehen, der Preisindex für die Erzeugerpreise beziehe sich auf die Einkaufspreise der Unternehmen in den Lieferketten. Da finden sich (Quelle: Eurostat) ab 2020 an Inflationsraten[+] in % Schweiz: 3,4, Frankreich: 14,9, Österreich: 16,9, Deutschland: 17,5, Finnland: 19,0, Italien 25,3, Niederlande: 27,7, Spanien: 31,8. Es sei laut Hans-Werner Sinn[+] nur eine Frage der Zeit[+], bis die Erzeuger die Vorproduktpreissteigerungen an die in den Lieferketten nachgelagerten Unternehmen und schließlich an die Endverbraucher weiterleiten.

1:01:50 : Es gebe eine Inflation[+], wie sie innerhalb einer Generation seit den 1950er Jahren nicht mehr vorgekommen sei, die selbst die Ölpreisschocks der 1970er Jahre übersteige.

1:03:28, die Schuldenquote der sozialliberalen[+] Koalition : Gezeigt ist die Staatschuldenquote seit 1950. Ab 1975, dem Ende der Regierung Brandt, steigt die Quote von etwa 20 % auf ca 80 % in 2012 an. Er zeigt aber nicht zeitgleich den Verlauf der Inflation[+], so dass der durch die orthodoxe[+] Inflationstheorie[+] nahegelegte Zusammenhang zwischen Inflationsrate[+] und Geldmenge[+] nicht erkennbar ist. Die Aussagen an dieser Stelle riechen nach billiger Kritik am Sozialliberalen[+] und schürt das Klischee des "linken Schuldenmachens", dass also die Linken[+] nicht richtig wirtschaften (sparen) könnten.

Verschwiegen wird auch, warum man in den 1970er Jahren dazu übergegangen ist, die Staatsausgaben durch die Aufnahme von Schulden zu finanzieren. Bei 1:04:57 räumt er dann ein, dass es 1967 die Regierung Kiesinger war, die durch den Stabilitäts- und Wachstumspakt die Möglichkeit[+] dazu geschaffen hat, um es Privatanlegern zu er möglichen, durch den Kauf von Staatsanleihenpapieren[+] mit positivem Zins[+] direkt vom Staat profitieren zu können. Seitdem zahlen Steuerzahler einen immer höheren Anteil ihrer Steuern an die Käufer dieser Anleihen[+]. So belief sich bis 2012 der Schuldendienst im Haushalt auf eine Höhe von 13 %, laut F.A.Z.[+] rund 38,3 Milliarden €!

Die Positionen des Bundeshaushalts 2012. Quelle: allmystery.de.

Die ökonomischen Gefahren der Inflation

1:06:45 : Er nennt bei den aufgrund der Inflation[+] Realeinkommenversluste Erleidenden zuerst Lohnbezieher, Rentner und Sozialleistungsbezieher, dann erst nennt er Sparer und Lebensversicherte. Das erweckt zumindest bei mir die Hoffnung, dass er nicht allein an das Geld denkt, denn er nennt die Bezieher leistungsloser Einkommen zuletzt. Aber warum werden denn langfristige Investitionen aufgeschoben, wenn doch die Kaufkraft der Ersparnisse sinkt? Das ist nicht schlüssig. Es wird doch eher das Gegenteil eintreten: Die Leute tauschen zwar nicht nominal, aber eben real gammelndes Geld (Fisher-Gleichung[+]) gegen nicht so schnell im Wert zerfallendes Reales, um den realen Wert zu erhalten, und selbstverständlich investieren sie dann und deswegen.

Eher hinderlich dabei wären allerdings Aussichten, dass die Zinsen[+] wieder steigen, denn wer würde denn sein Geld zur Vefügung stellen, wenn die Aussicht bestünde, dass es in unmittelbarer Zukunft doch wieder höhere Zinsen[+] gäbe? Auf mich machen die Aussagen von Hans-Werner Sinn[+] eher den Eindruck, als wolle er auch an dieser Stelle bewirken, dass die Zinsen[+] wieder steigen, denn auch wenn Kreditnehmer zu glauben beginnen, dass die Zinsen[+] wieder steigen, dann werden sie noch schnell bei den aktuell günstigen Kreditzinsen versuchen einen Kredit zu bekommen, weil das Borgen in Zukunft ja wieder teurer würde. Im Ergebnis stiege die Nachfrage nach Krediten und also auch wieder die Zinsen[+]. So würden sich wieder mehr Leute verschulden und gerieten dann bei tatsächlich steigenden Zinsen[+] in Zahlungsschwierigkeiten, so dass evtl. eine noch größere als die Subprime-Krise 2007/08 entstehen könnte.

Insgesamt kann ich also der Argumentation von Hans-Werner Sinn[+] an dieser Stelle nicht folgen, sondern erinnere daran, dass er selbst zuvor wieder steigende Zinsen[+] als unwahrscheinlich ansieht. Wahrscheinlich ist, dass die Zinsen[+] weiter sinken, und auch das, neben dem realen Negativzins von Ersparnissen, wird die Investitionstätigkeit anregen und genau das bewirken, was schon Mario Draghi[+] erreichen wollte: die Ermöglichung der ökologisch-sozialen, der großen Transformation!

Vermögensportfolio der Deutschen im Jahr 2017. Quelle: DIW.

Schließlich darf man bezüglich seines vorletzten Punktes auch nicht den Charakter der Wirkung der gegenwärtigen Situation in der Anlegerperspektive vergessen: die Investitionstätigkeit ist im Falle negativer Realzinsen, ob nominal negativ oder nicht, nicht von einem Wollen getrieben, sondern eher von einem Müssen, wenn der reale Wert erhalten bleiben soll. Investitionen werden daher nicht deswegen unterbleiben, weil die Anleger nicht wollen - sofern sie sich im kaptialistischen Sinne rational verhalten und wenigstens den Verlust begrenzen wollen, wenn es schon nicht mehr darum gehen kann, die Gewinne zu maximieren. Ich sehe also auch hier wieder die These bestätigt, dass das Vorzeichen der (nominalen, aber letztlich der realen) Zinsen[+] in das Gleichgewicht der Bestimmung (der Privatautonomien[+]) zwischen Gläubigern und Schuldnern, Eigentümern[+] und Besitzern[+] und Leihgebern und Leihnehmern eingreift, wie ich es hier (Das Zinsvorzeichen und das Gleichgewicht der Bestimmung) bereits beschrieben habe. Der durch das negative Zinsvorzeichen[+] ausgelöste Kontrahierungszwang[+] (Achtung: leicht von der juristischen Terminologie abweichender Begriff) auf Seiten der Eigentümer[+] von Geld wird als finanzielle oder als Finanz- Repression bezeichnet.

Vor der Rückkehr zum Realtausch, weil die Leute das Vertrauen in die Währung verlieren und wieder in Zigaretten, Kaffee, Bitcoin oder Ähnlichem tauschen, stehen wir noch lange, lange nicht.

1:11:11 : Wenig bis gar nicht geht Hans-Werner Sinn[+] auf die Änderung des Mandats der EZB[+] hinsichtlich der Preisstabilität zwischen 2003 und 2011 ein. Es ist doch wohl beachtlich, dass es, wo es zuvor, in Zeiten[+] hoher Zinsen[+] wohlgemerkt, um eine Absenkung der Inflation[+] auf unter, aber nahe bei 2 % gelautet hatte, auf einmal um eine Anhebung auf die selbe Höhe ging. Was hat diese Veränderung zu bedeuten? Sie bedeutet doch wohl eindeutig, dass es die Währungshüter schon 2011 mit deflationären Tendenzen zu tun hatten, die außerhalb von pandemischen Zeiten[+] oder solchen, in denen es (staatlich verordnete) Nachfragehemmnisse gibt, ein sicheres Zeichen für die krisenhafte Terminalität des kapitalistischen Prozesses sind, denn wenn die Leute kein Geld mehr herzugeben haben, weil sie schon von der Hand in den Mund leben, dann bricht die Nachfrage ein. Kein Wort dazu. Wie soll ich diesen Mann bei dem, was ich über den Mechanismus der Zinsen[+] weiß, ernst nehmen können?

Es ist doch wohl auch in der gegenwärtigen Situation, selbst falls die Inflation[+] ausgleichende Lohnanpassungen erfolgen, davon auszugehen, dass sich nach Abklingen der Störungen durch die Pandemie und deren Bewältigung wieder genau die selben deflationären Tendenzen einstellen werden, wie zuvor, wenn der Staat nicht für Nachfrage à la Keynes[+] sorgt und die Portmonaies und die finanzielle Freiheit[+] unserer Kinder und Kindeskinder belastet! An künftige Generationen denkt Hans-Werner Sinn[+] also anscheinend nicht, sondern nur an diesen vorübergehend unangenehmen Moment.

1:13:00 : Der Vergleich der Inflationsraten[+] der Erzeuger- und der Verbraucherpreise zeigt, dass die Unternehmen offenbar bis zu einem gewissen Grad dazu in der Lage sind, Kostensteigerungen, zu denen wohlgemerkt auch Fremdkapitalkosten gehören, durch Rationalisierungen zu absorbieren. Übersteigt der Kostendruck jedoch gewissen Grenzen, dann geben die Unternehmen den Kostenüberschuss an ihre Marktpartner und gar die Kunden weiter, wodurch insbesondere in Zeiten[+] hoher Erzeugerpreisinflation eine gut erkennbare Korrelation zur Verbraucherpreisinflation besteht.

Allerdings fällt auf, dass die Unternehmen offenbar weniger geneigt sind, Einkaufspreissenkungen an die Verbraucher weiter zu leiten. Man kennt das, wenn vor Ostern die Benzinpreise anziehen und nach Ostern nicht richtig auf das ursprüngliche Niveau zurückkehren wollen. Offenbar sind ihnen Marktanteile und Kundenbindung dann doch nicht so wichtig wie Gewinne. Wie ändert sich das aber, wenn durch negative Kreditzinsen Konkurrenz entsteht und Gewinne nicht ohne Verluste aus dem Unternehmen abgezogen werden können, weil die Guthabenzinsen negativ sind? Ich für meinen Teil rechne damit, dass dann die Unternehmen in Wachstum[+] investieren und dass in der Folge die Löhne steigen werden.

Inflationswellen

1:13:26, die Preis-Lohn-Spirale: Klar ist, dass wenn zum Ausgleich der Inflation[+] im Arbeitskampf[+] höhere Löhne erzielt werden, Arbeitskosten[+] in den Unternehmen steigen, die sich wiederum, wenn die Unternehmen sie nicht durch Rationalisierungen absorbieren können, preissteigernd und also treibend auf die Inflation[+] auswirken, siehe Rechnung zur Zusammensetzung von Preisen. Diesen zirkulären Zusammenhang erläutert er jedoch leider nicht, obwohl er die Dynamik entsprechend der Zirkularität („Lohn-Preis-Spirale”) benennt.

1:15:24, Inflationserwartungen[+], Vorziehkäufe: Hier an dieser Stelle nun widerspricht sich Hans-Werner Sinn[+] selbst, denn zuvor noch hatte er behauptet, dass mit Investitionen und privaten Anschaffungen aufgrund der unsicheren Zukunftsaussichten gewartet würde. Stattdessen würde im Falle eine Deflation unter bestimmten Voraussetzungen, die aber bei negativen Guthabenzinsen nicht gegeben sind, gewartet werde, bis die Preise nicht weiter fallen.

1:16:05 : Man müsse das Feuer der Inflation[+] sofort austreten, sagt er. Wenn man die Inflation[+] senken will, dann dämpft man die Kostentreiber. Wenn das Geld gammelt, dann werden es die vielen Leute, die sonst nichts anderes damit anzufangen wissen, sparen. Dieses Verhalten ist bereits jetzt beobachtbar[1][2][3].

1:16:29 : Man könne nicht aus der Vergangenheit auf die Zukunft schließen. Dem stimme ich in dieser Situation teilweise zu, denn die Negativzinsen werden eine Wirkung entfachen, die es in dieser Größenordnung so noch nicht gegeben hat. Dennoch ist die Vergangenheit die wertvollste Informationsquelle, wenn wir verstehen wollen, was uns erwartet. Wir können also durch zins-logische Umkehr der Mechanismen bei positiven Zinsen[+] die Wirkung der negativen Zinsen[+] projizieren. Ganz spiegelgleich werden die Wirkungen jedoch nicht sein, so wenig nämlich wie Arbeit[+] und Kapital miteinander vertauschbar sind.

1:18:52, zum Koalitionsvertrag: Hinsichtlich der Finanzierbarkeit der Vorhaben der Ampel-Koalitionäre weise ich noch einmal darauf hin, dass die Negativzinsen auf Guthaben und bei Krediten ein äußerst wirtschafts-, konsum- und beschäftigungsfreundliches Klima schaffen werden. Bestehende Geldvermögen werden über die negativen Zinsen[+] in den wirtschaftlichen Prozess eingespeist, so dass das Steueraufkommen steigen wird. Die Aufnahme neuer Schulden für die kommenden Generationen wird daher unnötig werden. Steuersätze werden gesenkt, Bürokratie, sofern sie die Rechte[+] der Arbeitenden[+] schützen soll, abgebaut, Regulierungen zurückgefahren werden können. Der Staat kann sich zunehmend aus der wirtschaftlichen Betätigung heraushalten, das Handeln den privaten Wirtschaftsubjekten überlassen und sich auf fundamentale, notwendige Kernkompetenzen zurücknehmen und Leitplanken für den emergenten[+] Prozess vorgeben, nützliche[+] Entwicklungen begünstigen, schädliche Entwicklungen fiskalpolitisch[+] bzw. taxonomisch dämpfen, ohne die Entwicklung zu planen. Unternehmer werden es lieben, in Europa zu arbeiten, in unternehmerischer Freiheit[+], verantwortungsbewusster Regulierung und in gelungener, zufriedener Kooperation mit allen Beteiligten des wirtschaftlichen Prozesses.

Fazit

Warum fehlt die Diskussion der Entwicklung und Wirkung der Energiepreise? Warum haben wir erst infolge der Pandemiebewältigung eine Inflation[+], obwohl schon 2015 mit dem QE-Programm[+] der EZB[+] die Staaten mit geliehendem Geld versorgt wurden? Warum fehlt die Diskussion darüber, über welche Kanäle genau das von der Zentralbank[+] bzw. von den künftigen Generationen geliehene Geld geflossen ist? Vielleicht, weil dann die orthodoxe[+] Theorie, dass ein Geldmengenwachstum[+] immer Inflation[+] zur Folge haben müsse, in schweres Fahrwasser geriete? Wenn er schon immer wieder von den Zinsen[+] spricht, die nach seinem Wunsch erkennbar wieder angehoben werden sollen, warum diskutiert er dann nicht die Wirkungen der Schuldzinsen und also der Fremdkapitalkosten, der Mieten und Pachten, der Lizenz-, Leih- und Nutzungsgebühren in den Unternehmen auf die Verbraucherpreise? Und schließlich: Wenn er doch selbst behauptet, das Geldmengenwachstum[+] verursache Inflation[+], warum will er dann die Geldmenge[+] mithilfe positiver Schuldzinsen weiter wachsen[+] lassen?

Der emotionale Eindruck, die Schwingungen, die ich von seinem Vortrag zu vernehmen glaube, sind düster und eher pessimistisch. Wessen Perspektive ist denn so schlecht? Die der arbeitenden Menschen, der realwirtschaftlichen Unternehmer, der Handel Treibenden und Dienstleister oder die der Bezieher leistungsloser Einkommen und der direkten Profiteure kapitalistischer Ökonomie[+]? Wessen Interessen und Rechte[+] verteidigt Hans-Werner Sinn[+]? Was ist seine Intention, wenn er die Zukunft so schwarz malt?

Ich kann Ihnen die Antworten auf diese Fragen nicht geben. Ich weiß es nicht. Ich erwarte von einen akademisch so hochdekorierten und berühmten Ökonom, dass er sich für alle Wirtschaftssubjekte einsetzt und nicht allein für Sparer, Privatiers, Rentiers und sonstige reine Bezieher von Kapitaleinkommen - gerade in dieser Situation, denn am Ende kann man das Geld nicht essen. Die Mieten sind zu hoch, die Reallöhne zu niedrig. Es gibt Lohnprekariate. Mittelständische[+] Unternehmen ächzen unter der Last der Bürokratie, haben im Vergleich zur ausländischen Konkurrenz mit höchsten Steuersätzen zu kämpfen und also Nachteile. Wir haben eine demografische Krise, einen Pflegenotstand und einen enormen Wandlungsbedarf hinsichtlich der Nachhaltigkeit unseres Wirtsschaftens und zivilisatorischen Seins. Wie soll denn der Wandel bezahlt werden? Mit welcher Rechtfertigung[+] soll er von den kommenden Generationen bezahlt werden, statt dass der Wandel mit dem finanziert wird, was heute bereits in der Hand von Nichtbanken an Vermögen da ist? Es gibt allein in Deutschland über 7 Billionen € private Geldvermögen. Dieses Geld wird über die Negativzinsen auf Guthaben und bei Krediten in Bewegung gesetzt. Es gibt keinen Grund, sich davor zu fürchten.

Zum zentralen Gegenstand des Vortrags, der Inflation[+], möchte ich anregen, dass man sich zu jedem Zeitpunkt[+] und auch historisch ihre Ursachen[+] bewusst macht. Eine Korrelation ist längst noch kein Kausalzusammenhang. Auch wenn in der Vergangenheit die Inflation[+] dann hoch war, als auch die Geldmenge[+] stark gewachsen[+] ist, heißt das noch lange nicht, dass aus einem Anwachsen[+] der Geldmenge[+] auch Inflation[+] folgt. Ich schaue mir im Hinblick auf die Inflation[+] die Wirkung der Zinsen[+], die in der Vergangenheit für das Wachsen der Geldmenge[+] in der Hand von Privatleuten verantwortlich war, an, die sich auf die Nachfrage- und auf die Angebotsseite auswirken, weil sie einerseits Ausgaben dämpfen und zum Sparen anregen und andererseits Rationalisierungen in den Unternehmen erzwingen, die Erzeugnisse der Unternehmen durch den Fremdkapitalkostenanteil[+] teurer machen als sie bei negativem oder verschwindendem Schuldzins sein müssten, um zu verstehen, welche Wirkung denn negative Zinsen[+] auf unser Ausgaben- und Sparverhalten und unsere Investitionstätigkeit haben werden. Ich sehe in den negativen Realzinsen jetzt bereits eine ähnliche Wirkung, die jedoch bei negativen Nominalzinsen anders entstehen wird, weil sie sich auf anderen Kanälen ausbreitet.

Auch an dieser Stelle schließe ich mit der Feststellung, dass es heute in ökonomischen und wirtschaftlichen Fragen immens wichtig ist, den Kausalnexus[+] der positiven und negativen Zinsen[+] zu kennen. So besteht die Hoffnung, dass aus der Kenntnis der Wirkung positiver Zinsen[+] heraus die Wirkungen negativer Zinsen[+] projiziert und abgeschätzt werden kann. Das ist genau das, was wir jetzt wissen müssen, denn der Kapitalismus[+] hat uns die Negativzinsen aufgenötigt.

Referenzen / Einzelnachweise

Querverweise auf 'Kommentierung der Weihnachtsvorlesung von Hans-Werner Sinn'

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