Entwicklung von (Geld-) Vermögen in einer Negativ-Zins-Wirtschaft

Zu den am einfachsten nachvollziehbaren Veränderungen in einer Negativ-Zins-Wirtschaft (NZW) gehört die Entwicklung von Vermögen unter konstanten Jahreszuwächsen. In der folgenden Diskussion wird der Zinssatz fest gelassen und studiert, wie sich das Vermögen at als Funktion des jährlichen NETTO-Gewinns y und des Zinses z entwickelt. Da der Negativzins auf ein Geldvermögen wie eine Vermögenssteuer wirkt, die jedoch nicht vom Staat eingezogen wird, sondern durch die Banken vom Geldsystem selbst, liegt der Vergleich der Wirkung des negativen Zinses zu einer effektiv gleich großen Einkommenssteuer nahe.

Die zugrunde liegende Differenzialgleichung zur Beschreibung der Zeitentwicklung eines bestehenden Vermögens unter konstanten Zuwächsen als Funktion des Zinses lautet: dat dt = y + z · at Der Vermögenszuwachs ist also die Summe aus NETTO-Gewinn y und Kapitalerträgen z·at.

Maximales Vermögen

Ist der Zins positiv z>0 so wächst das Vermögen unbeschränkt. Ist jedoch der (Einlagen-) Zins negativ z<0, so erreicht das Vermögen at ein Maximum asat, denn die Änderung des Vermögens kann dann verschwinden: dat dt = 0 So erhält man als maximales Vermögen a sat = - y z . Erreicht ein Unternehmer die Sättigungsgrenze asat, so geht der NETTO-Gewinn über die Banken komplett an Unternehmensgründer.

Zeitentwicklung des Vermögens

Trennung der Variablen: a0 at da y + z · a = 0 t d t. Nach Substitution b = y + z · a folgt: a0 at da y + z · a = 1 z b0 bt db b = 0 t d t. Daraus ergibt sich: t = 1 z lnbt - lnb0 bzw. bt = b 0 exp z · t und nach Resubstitution von b0 = y + z·a0 und bt = y+z·at erhält man das Ergebnis

at = y z · exp z · t - 1 + a0 · exp z · t

Negativer Zins als progressive Einkommenssteuer

Bei genauerer Betrachtung stellt sich heraus, dass der negative Zins auf das Vermögen wie eine progressive Steuer auf Einkommen bei unverzinstem Geldvermögen wirkt. Der Einkommenssteuersatz r berechnet sich aus dem Verhältnis r von Zinsbetrag -z·at und Gewinn y: r = - z·at y = 1 - exp z · t - z·a0 y exp z · t = 1 - exp z · t · 1 + z·a0 y .

Die sogenannte Steuerkurve (auch Steuerprogression) zeigt den einkommensabhängigen Verlauf des Steuersatzes. Am linken Rand der Kurve liegt der Steuerfreibetrag.
Die sogenannte Steuerkurve (auch Steuerprogression) zeigt den einkommensabhängigen Verlauf des Steuersatzes.

positiver Zins / Kapitalismus negativer Zins / Kommunismus
Einkommenssteuer? ja, progressiver Verlauf gering , flache Kurve
Vermögens-/
Erbschaftssteuer?
nein, doch zunehmend notwendig anfangs ja, mit abnehmender Notwendigkeit
Tabelle zum Zusammenhang zwischen Zinsvorzeichen und dem notwendigen und/oder möglichen Verlauf der Steuerprogression und der Vermögenssteuer.

Diskussion

Zunächst einmal sind die Modellergebnisse nur auf Situationen mit konstanten Vermögenszuwächsen y übertragbar. Mit einigen einfachen Modifikationen kann es jedoch leicht exakt an reale Situationen angepasst werden.

Zeitentwicklung bei einem Anfangsvermögen von 0

Die folgende Grafik zeigt den Verlauf der Zeitentwicklung für ein Anfangsvermögen von a0=0 bei unterschiedlichen Zinssätzen.

Vermögensentwicklung als Funktion des Zinses
Vermögensentwicklung als Funktion der Zeit für unterschiedliche Zinssätze bei einem NETTO-Jahresgewinn von 60 Währungseinheiten. Ein Zins von 0% entspricht linearem Wachstum, positiver Zins ist exponentielles Wachstum und negativer Zins liefert beschränktes Wachstum. Die gestrichelten Linien zeigen das Niveau der äquivalenten Einkommenssteuer. Man sieht deutlich das progressive Ansteigen der äquivalenten Einkommenssteuer auf 100%, je näher das Vermögen an die Sättigungsgrenze reicht.
Das Vermögen stößt nach einiger Zeit an die Sättigungsgrenze asat, die umso niedriger ist, je größer der Negativzins ist. An der Sättigungsgrenze steigt das Niveau der äquivalenten Einkommenssteuer auf 100% des Einkommens an. Im Gegensatz zur Steuer geht das Geld jedoch nicht an den Staat, sondern durch Negativ-Zins-Kredite über die Banken an neue Unternehmen.

Wie man hier sieht, hat der Verlauf der Steuerkurve oben große Ähnlichkeit mit dem Verlauf der dem Negativzins entsprechenden Abzinsung von Vermögen. Dies kann als ein Hinweis auf die natürliche Gerechtigkeit der Bemühungen und des Ringens um eine gerechte Steuergesetzgebung gewertet werden, denn die Negativ-Zins-Ökonomie ist eine natürliche Ökonomie und enthält implizit diese prozentualen Verlauf der Umverteilung.

Zeitentwicklung bei bestehenden Vermögen oberhalb des Sättigungsvermögens

Ein anfängliches Vermögen a0=a0 zerfällt exponentiell bis auf den Sättigungswert asat.

Vermögensentwicklung als Funktion von NETTO-Gewinn und Zins
Vermögensentwicklung als Funktion der Zeit für unterschiedliche Zinssätze bei einem NETTO-Gewinn von 60 Währungseinheiten, einem Anfangsvermögen von 10.000 Währungseinheiten. Die gestrichelte Linie zeigt wieder das Niveau der äquivalenten Einkommenssteuer.
Es gibt eine bestimmte Kombination von Anfangsvermögen, NETTO-Jahresgewinn und Zins bei dem das Vermögen erhalten bleibt, die Änderung von at also verschwindet. Dies ist die Bedingung für das Sättigungsvermögen: a sat = a 0 = - y z . Interessant ist auch die Höhe des äquivalenten Einkommenssteuersatzes. Anfänglich beträgt dieser für Vermögen über dem Sättigungsvermögen über 100% und nimmt im Verlauf der Zeit auf 100% ab.

Interpretationshilfe

Um die Mathematik der Vermögensentwicklung etwas anschaulicher zu gestalten, möchte ich ein einfaches Bild anbieten. Stellen Sie sich vor, dass Sie als ein Unternehmer bzw. Arbeiter Jahr für Jahr eine Schaufel Kies auf einen großen Haufen befördern. Die Schaufel Kies ist Ihr NETTO-Jahresgewinn, der Haufen symbolisiert das Geldvermögen auf dem Konto. Die Wirkung der Verzinsung des Haufens können Sie sich nun folgendermaßen vorstellen:

Als weitere Interpretationshilfe der Vermögensabzinsung bei negativem Zins bietet sich das Bild schmelzenden Eises.

Entwicklung von materiellem Kapitalvermögen

Georg Simmel schreibt zum Vergleich der Sammel- und Hortungsneigung unter einer kapitalistischen und unter einer „naturalen“ (Negativzins-) Ökonomie und zur Größe der daraus resultierenden Kapitale[1, S. 321]:

Die Stellung des Geldes, insoweit sie seinen Charakter über das bloße Mittlertum hinaus zu einem selbständigen Interesse steigert, will ich nun noch nach zwei negativen Instanzen hin verfolgen.
Die Verschwendung ist nach mehr als einer Richtung dem Geize verwandter als die Entgegengesetztheit ihrer Erscheinungen zu verraten scheint. Es ist hier zu bemerken, daß in Zeiten naturaler Wirtschaft die geizige Konservierung der Werte mit deren Natur, mit der sehr begrenzten Aufhebbarkeit der landwirtschaftlichen Produkte, nicht vereinbar ist. Wo daher deren Umsetzung in das unbegrenzt aufhebbare Geld nicht tunlich oder wenigstens nicht selbstverständlich ist, findet man selten ein eigentlich geiziges Aufhäufen derselben; wo Bodenprodukte unmittelbar gewonnen und konsumiert werden, besteht meistens eine gewisse Liberalität, besonders etwa Gästen und Bedürftigen gegenüber, wie sie das zum Sammeln viel mehr einladende Geld weniger nahe legt; so daß Petrus Martyr die Kakaosäcke rühmt, die den alten Mexikanern als Geld dienten, weil sie nicht lange aufgehäuft und verborgen aufbewahrt werden konnten und also keinen Geiz gestatteten. Ganz entsprechend beschränken naturale Verhältnisse die Möglichkeit und den Reiz der Verschwendung.
Die verschwenderische Konsumtion und leichtsinnige Vergeudung innerhalb derselben haben doch, abgesehen von sinnloser Zerstörung, an der Aufnahmefähigkeit des eigenen und fremder Subjekte ihre Grenze.
Wie Simmel ausführt, finden sich in der Naturalwirtschaft im Vergleich zur kapitalistsichen Wirtschaft weniger Aufhäufungsneigungen, da aufgehäufte geldwerte Güter die Neigung zum Verderb und zum Zerfall haben (2. Hauptsatz, negativer Zins der Natur). Nach Simmels Auffassung verleite diese ursprüngliche Form des Wirtschaftens zur Verschwendung. Das Wort Verschwendung setzt jedoch einen Eigentumsbegriff voraus, den es in der Natur so nicht gibt. Im Angesicht der Wegwerf- und Überflussgesellschaft des Kapitalismus ist Simmels Behauptung verkehrt, denn das Gegenteil ist richtig: in der Natur gibt es das Wort Verschwendung nicht, weil das globale Ökosystem als ein großer Stoffkreislauf betrachtet werden kann, in dem Stoffe nur umgewandelt und weiterverwertet (nicht jedoch verschwendet) werden. Insbesondere bei organischen Abfällen findet sich in der Regel immer irgendeine eine Lebensform, die das Verstorbene weiterverarbeitet. Im kapitalistischen Sinne ginge bei der Verwertung oder Umwandlung das vormals lebendige Material vom Eigentum an sich selbst in das Eigentum des weiterverarbeitenden Organismus über - eine kapitalistische Vorstellung.

Interessant ist jedenfalls, dass Simmel bereits am Anfang des 20. Jahrhunderts erkannte, dass „Vermögen“ in der Natur aufgrund des Verderbs beschränkt sind. Materielles Kapital hat von Natur aus (2. Hauptsatz Thermodynamik) negativen Zins. Die Gesetzmäßigkeiten der Beschränkung des Vermögens sind also ohne Weiteres auf materielles Kapital übertragbar. Sei Kmat.i ein materielles Kapitalgut, mit einem Wert von WKmat.it0 zum Zeitpunkt t0 und sei der natürliche und nutzungsbedingte Wertverlust („Degradierungszins“) auf das Gut zλ, dann wird sich der Wert des Vermögens genau so verhalten wie der Wert eines Geldvermögens, das unter negativem Zins zerfällt. W Kmat.i t = W Kmat.i t0 · exp - zλ · t - t0 Es gibt nur eine Möglichkeit, den Zerfallsprozess aufzuhalten: Arbeit.

Referenzen / Einzelnachweise