Die Vergemeinschaftung von Kapital

Wie im kommunistischen Manifest von Marx und Engels proklamiert, kommt es unter einer kommunistischen Geldpolitik zu einer Vergemeinschaftung des Kapitals. Die dahinter vermutbare revolutionäre Enteignung findet jedoch weder gewaltsam noch schlagartig statt, sondern fließend, langsam und auf eine Art, die man auf den ersten Blick nicht gleich vermutet. Sie ist Folge und Wirkung der Geldordnung negativer Zinsen, die zunächst damit beginnt, dass die noch positiven Geldmarktzinsen über den Zeitraum mehrerer Jahrzehnte absinken und schließlich den Bereich verschwindenden oder negativen Zinses erreichen.

Eigentumskapital und Leih- oder Besitzkapital

Es müssen zum Verständnis der Entwicklung im Wesentlichen zwei Arten von Kapital unterschieden werden. Auf der einen Seite ist dies Kapital, das sich allein im Eigentum der Gesellschafter befindet und das also nicht verliehen wird. Dazu gehört das Produktionskapital wie Unternehmen, die darin befindlichen Maschinen und Werkzeuge, sowie das Wissen zur Herstellung der Güter. Zu diesem Eigentumskapital gehören auch andere Nutzgüter, die nur von den Eigentümern genutzt werden z.B. Wertgegenstände, Gebäude oder Land. Entscheidend für diesen einen Teil des von der Vergemeinschaftung betroffenen Kapitals ist, dass Nutzungsrechte nicht an Besitzer und andere Nutzer verkauft, sondern von den Eigentümern selbst wahrgenommen werden.

Die andere Kapitalart ist das Leih- oder auch Besitzkapital, welches sich nicht im Eigentum sondern nur in der Nutzung des Besitzers befindet. In seiner Funktion als Wertaufbewahrungsmittel ist Geld Teil des Leihkapitals. Der Verkauf von Verfügungsrechten am Leihkapital gegen Zins bildet den Umverteilungskern des Kapitalismus.

Das Kernprinzip des Kapitalismus ist die Trennung von Besitz und Eigentum. Der Besitzer zahlt Zins an den Eigentümer.

Das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate

Das Absinken der Profitraten hat zur Folge, dass das Kapital der Länder, in denen es am konzentriertesten ist in der Welt nach Investitionsmöglichkeiten, also höheren Zinsen sucht. Das globale Überangebot von Geldkapital (die sogenannte „Sparschwemme“) führt in der Folge auch global zu einem Absinken der Profitraten, so wie es im III. Band vom Kapital mit dem Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate beschrieben steht.

Marx stellt zum Verständnis des Phänomens das Kapital der Arbeit gegenüber und betrachtet die Wertrelation. Die Zinsen des Leihkapitals werden aus der Arbeit zur Tilgung der Zinsen gewonnen. Positive Geldmarktzinsen lassen die im Währungsraum verfügbare Geldmenge wachsen. Die Geldmenge bestimmt die Grenzen und limitiert also übrige Profite. Zinsen werden durch die Tilgung von Darlehen und Krediten an private Haushalte, Unternehmen und den Staat von den Menschen erarbeitet. Wächst die Geldmenge und mit ihr das Kapital auf ein immer größeres Maß an und wächst die Anzahl der Menschen, die die Zinsen mit ihrer Arbeit tilgen unterproportional, bleibt gleich oder schrumpft sogar (Kinderarmut, Absinken der Geburtenrate), dann muss die Profitrate, die ja als eine relative Größenangabe das Wachstum des Kapitals bemisst, sinken, denn sonst könnten die Arbeitenden bei begrenztem Exploitationsgrad (Ausbeutungsgrad der Arbeit) die Zinslast, die ja absolut betrachtet immer größer wird, irgendwann nicht mehr tragen. Also sinkt die relative Wachstumsrate des Kapitals so, dass das absolute Kapitalwachstum durch den Ausbeutungsgrad der Arbeit begrenzt bleibt, so die Argumentation von Marx.

Die Ursache für dieses Phänomen ist das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit (Gesetze und Verträge sind einzuhalten, pacta sunt servanda, §241 BGB) selbst: Wenn vertraglich festliegende Profite wie Zinsen erwirtschaftet werden sollen, dann müssen sie so klein sein, dass sie auch sicher von anderen bezahlt werden können. Umgekehrt müssen Negativzinsen so groß sein, dass damit die vom Kapitalismus verursachten Schäden am Gemeintum behoben werden können.

Das Absinken der positiven Zinsen hat zur Folge, dass auch das relative Geldmengenwachstum sinkt, bis es ganz verschwindet, sobald die Kreditzinsen 0% erreicht haben. Die bis zu diesem Zeitpunkt vorhandene Geldmenge wird dann nur noch umverteilt. Wenn jedoch die Geldmenge beschränkt ist, sind auch die Gewinne realwirtschaftlicher Unternehmen beschränkt, wodurch die Profitraten realwirtschaftlicher Unternehmen ein Plateau erreichen, auf dem sie blieben, sänken die Zinsen nicht weiter unter die 0% Marke.

Sinken die Geldmarktzinsen, also Zinsen auf Ersparnisse und Guthaben unter 0% hingegen weiter ab, dann setzt ein Prozess der Vergemeinschaftung von Kapital ein, der in Abhängigkeit davon, ob das Geld für Kredite mit negativem Zins ganz aus Einlagen oder teilweise oder ganz aus dem Nichts geschüpft wird. Die zwei Extreme Vollreserve-System oder ein System mit 0% Mindestreserve, bzw. die Höhe der Mindestreserve bestimmt in der Folge die Höhe der Inflationserwartung.

Vergemeinschaftung von Leihkapital

Leihgebühren für Leihkapital bilden sich an Märkten, wie andere Preise durch das Spiel von Angebot und Nachfrage. Im Gegensatz zum Geldmarktzins, der im Rahmen der Geldpolitik durch unterschiedliche Maßnahmen wie z.B. die Führung des Leitzinses oder die Offenmarktpolitik direkt und indirekt beeinflusst werden kann, gibt es für die die Leihgebühren (Zinsen) auf Leihkapital, das kein Geld ist weder eine dafür explizit zuständige Institution im Bankensektor, noch ein direkt zugeordnetes Instrument. Es gibt jedoch analoge staatsseitige Strukturen wie das für Mieten und Häusepreise zuständige Ministerium und ensprechende Handlungen wie die Haus- und Wohnungspolitik.

Doch auch wenn beispielsweise die Höhe der Mieten oder Pachten politisches Thema auf der obersten förderalen Ebene ist, auf der sich auch die Zentralbank n befinden, ist sie zunächst ein lokales Thema, das sich aus dem lokalen Marktgleichgewicht von Angebot und Nachfrage ergibt. Der Staat tritt auf diesen Märkten in der Regel nicht als ein zentral Handelnder auf, sondern lokal in der Form von staatlichen Beteiligungen an Baugenossenschaften oder Immobilienfonds oder als Eigentümer von Wohnungen mit lokalem (kommunalem) Träger. Staatliche Eingriffe auf den Märkten für Leihkapital, die auf eine Erhöhung oder Verknappung des Angebots von Leihkapital hinwirken, z.B. wenn der Staat Wohnungen privatisiert oder über seine Beteiligungen an entsprechenden Unternehmungen bauen lässt und sie so dem Markt hinzufügt, sind also vergleichbar mit der Offenmarktpolitik der Zentralbank obwohl sie nicht von zentraler Stelle aus sondern lokal erfolgen.

Auch die anderen beiden Sektoren des Währungsraums, die Unternehmen und die Privathaushalte nehmen Einfluss auf die Preisbildung an den Märkten für Leihkapital. Eine Erhöhung der Nachfrage nach Wohnraum wird beispielsweise durch den Zuzug von Menschen in die Städte von Ballungszentren verursacht. Reagiert der Markt nicht spiegelgleich mit einer Erhöhung des Angebots an Wohnungen und Häusern folgt aus der erhöhten Nachfrage ein Preisanstieg bei Wohnungsmieten und Immonbilienpreisen. Das Gegenteil, ein Absinken der Mieten tritt logischerweise dann ein, wenn die Nachfrage nach Mietraum sinkt oder wenn mehr Mietwohnungen im entsprechenden Preissegment (Einkommen der Mieter) auf den Markt kommen.

Um den Charakter der Vergemeinschaftung von Leihkaptial, der als Wirkung der negativen Geldmarktzinsen die Leihkapitalgebühren sinken lässt zu verstehen, wird die Entwicklung am Beispiel von Mieten diskutiert. Treiber der Entwicklung der Leihkapitalgebühren ist die Höhe des Negativzinses bei Einlagen und Krediten. Für die nachfolgenden Überlegungen ist eine Umlaufsicherung vorausgesetzt.

Die negativen Geldmarktzinsen bewirken eine Verlagerung des Kontrahierungszwangs auf die Seite der Sparer, der sich in einem „Investitionszwang” darstellt. Findet der Geldvermögende keine Anlagemöglichkeit wie z.B. einen Kreditnehmer, dann wird er einen Teil des Geldvermögens in Höhe des Negativzinses auf das bei der Bank liegende Geldvermögen verlieren. Gegenüber Kreditnehmern tritt er also als Nachfragender um die Aufbewahrung oder Verwahrung seines Geldvermögens an den Geldmärkten auf. Der Kreditnehmer hingegen ist Anbieter von Verwahrung oder Aufbewahrung von Geld. Ein Absinken der Einlagezinsen bei den Geschäftsbanken erhöht also die Nachfrage nach Aufbewahrung von Geld in einem Kredit. Der Negativzins für Kredite (das Verwahrentgelt, die Aufbewahrungsgebühr) bildet sich in der Folge wie jeder Preis aus dem Spiel von Angebot und Nachfrage.

Vergemeinschaftung von Leih- oder Besitzkapital am Beispiel von Mietwohnungen

Beim Geldverleih ist der Kreditnehmer der Besitzer und der Kreditgeber der Eigentümer. Für die Nutzung der Leihsache, im Folgenden eine Mietwohnung, zahlt der Besitzer und Nutzer den Mietzins an den Eigentümer. Der Mietzins ist dabei derjenige Anteil der Kaltmiete, der nach Abzug von Steuern, Versicherungsgebühren Wartungs- und Instandsetzungsaufwendungen und sonstigen Kosten als Gewinn der Vermietung übrigbleibt. Der Mietzins ist der Gewinn des Eigentümers und Vermieters aus der Vermietung von Wohnraum, also der Gewinn aus dem Verkauf von Verfügungsrechten an der Mietwohnung (hier die private, nicht-gewerbliche Nutzung) an den Mieter und Besitzer.

Die Mieten bilden sich als Preise auf den Mietmärkten. Aufgrund des Kontrahierungszwang auf der Seite der Geldvermögenden bei negativem Zins (Finanzielle Repression) werden Investitionen auch in die Wohnungs- und Immobilienmärkte erzwungen. In Abhängigkeit von der Höhe des Negativzinses werden Mietwohnungen für den Renditeerwartungen (präziser: Verlustvermeidungserwartungen) entsprechende Marksegmente gebaut. Je größer der Negativzins, desto eher werden Wohnungen und Häuser im unteren Preissegment der Wohnungsnachfrage gebaut. Der Negativzins bewirkt sowohl, dass das Angebot von Mietwohnungen steigt als auch, dass die Nachfrage sinkt, weil mehr Menschen in ihr Eigenheim ziehen und als Nachfragende auf den Märkten für Vermietung entfallen. Beides, die Erhöhung des Angebots und das Absinken der Nachfrage nach Mietwohnraum bewirkt ein Absinken der Mietzinsen.

Vergleicht man die Kosten für die Nutzung einer Wohnung, die der Eigentümer hat mit den Kosten, die ein Besitzer für die Nutzung derselben Wohnung hat, dann ist der Unterschied der Mietzins. Beträgt der Mietzins also 0%, hat also der Eigentümer keinen Gewinn mehr aus dem Verkauf der Nutzungsrechte der Wohnung an den Besitzer, dann macht es für den Mieter rechnerisch keinen Unterschied, ob er Eigentümer oder Besitzer ist, denn die Nebenkosten und den Anteil der Kaltmiete, der nicht Mietzins ist, müsste er auch zahlen, wäre er der Eigentümer. Sinken die Mietzinsen auf 0%, dann befindet sich die Leihsache an der Schwelle zur Vergemeinschaftung.

Ein Absinken des Mietzinses unter 0% bedeutet für den Eigentümer, dass er keinen Gewinn mehr aus der Vermietung der Sache zieht, sondern Verlust macht. Verhält er sich im kapitalistischen Sinn rationl, wird er die Wohnung verkaufen. In nicht wenigen Fällen wird der Mieter die Wohnung mit einem Negativzinskredit kaufen.

Vergemeinschaftung übrigen Leihkapitals

Die Vergemeinschaftung von materiellen (physischen) Leihkapitalgütern kann analog zur Vergemeinschaftung von Mietwohnungen betrachtet werden. Erhöht sich die Menge der Leihgüter oder sinkt die Nachfrage nach diesen Gütern, weil sie sich im Eigentum befinden und nicht geliehen werden müssen, sinkt der Preis, die Leihgebühr.

Mit dem Verfügbarsein von Krediten mit negativem Zins werden viele Güter, die zunächst nur geborgt werden konnten und deren Nutzung als Besitzer aufgrund des Zinses mit höheren Kosten verbunden waren, als Eigentumsgüter zugänglich. Wird die Sache nur gelegentlich genutzt, obwohl sie sehr nützlich ist, ist es wahrscheinlich, dass deren Nutzung mit der Zeit geteilt wird. Entsprechend der Nutzung beteiligen sich die Nutzer anteilig an den Wartungs- und Instandsetzungsaufwendungen, an der Abschreibungskompensation.

Bei Land, Grund und Boden (LGB) gibt es jedoch einen bedeutenden Unterschied. Während Gebäude fast beliebig gebaut, (in die Höhe) erweitert oder abgerissen werden können, sind LGB unabänderliche materielle Gegebenheiten, deren Quantität nicht ohne erheblichen Aufwand beliebig verändert, obwohl brachliegender LGB nutz- und brauchbar und die dazugehörigen Flächen der Nutzung zugänglich gemacht werden können.

Vergemeinschaftung von Produktionskapital und übrigem Kapital

Am Ende der kapitalistischen Entwicklung ist eine große Mehrheit der Erwerbstätigen nicht selbstständig beschäftigt, sondern in ihrem gelderwerblichem Handeln von den Zwecksetzungen ihrer Vorgesetzten fremdbestimmt. In Deutschland liegt Ende 2018 der Anteil der Selbstständigen unter 10%. Über 90% der Erwerbstätigen sind nicht-selbstständig Beschäftigte. Wenn die Gewinne aus Unternehmungen nicht unmittelbar reinvestiert werden und so die Unternehmung expandiert, wird dieses Geld dem Prozess entzogen und gelangt auf ein Konto bei einer Bank.

Mit dem Abtauchen der Geldmarktzinsen ins Negative setzt eine Entwicklung ein, die die am Markt etablierten gewinnträchtigen Unternehmungen relativ zur den Bedingungen und Verhältnissen bei positiven Geldmarktzinsen destabilisiert: Ein Teil aller in der Vergangenheit akkumulierten Gewinne fließt über Negativzinskredite ab an mögliche Konkurrenten im selben Wirtschaftszweig, die sich über Kredite finanzieren.

Unter der Annahme, dass der Unternehmer den Markt allein beherrschen will, wird er sich daher davor hüten, seinem Unternehmensprozess Gewinne, zu denen auch die Bezahlung der Unternehmenseigentümer und der Anteilseigner gehören (Dividenden), zu entziehen, wenn diese nicht sofort wieder in andere (Unternehmens-) Prozesse (re)investiert werden und stattdessen auf einem Konto mit negativem Zins landen. Dieser nach Alleinherrschaft strebende Unternehmer wird also bevorzugt, die überschüssigen Gelder, den Mehrwert in das Unternehmen reinvestieren.

Von der anderen Seite her betrachtet, der Seite der Kreditnehmer hat der Unternehmer in einem Umfeld negativer Zinsen noch ein anderes „Problem”: Negative Kreditzinsen belohnen und fördern Unternehmensgründungen. Jedes Unternehmen hat seine Spezialisten für bestimmte Teile des Unternehemensprozesses. All diese angestellten Spezialisten stehen unter einer Negativzinsökonomie der Versuchung gegenüber, sich mit einem solchen Kredit selbstständig zu machen.

Stößt das Unternehmen nach Modernisierungen und Expansion an die Sättigungsgrenzen des Marktes, bleibt dem Unternehmer nur die Möglichkeit, zunächst über die Erhöhung der Löhne, dann über die Vergabe von Unternehmensanteilen, also Vergemeinschaftung über Beteiligungen die Spezialisten an das Unternehmen zu binden. Die Entwicklung verläuft insgesamt analog zur Umstrukturierung der Führung, denn Eigentum an der Sache bedeutet oberste Sachherrschaft und also, in Bezug auf Unternehmensanteile, (Selbst-) Bestimmung (Verfügung) über den entsprechend eigenen Funktionsteil des unternehmerischen Prozesses.

Die Tendenz bei Mitbestimmung, Gewinnbeteiligungen und Anteilen am Stammkapital verläuft also bei negativem Zins in Richtung Vergemeinschaftung.

Gesamtbetrachtung

Insgesamt beobachtet man ein Abschmelzen der großen Kapitale zugunsten der kleinen. Die Eigentumsverhältnisse an (phys.) materiellen Sachen spiegeln mit der Zeit und im Verlauf der Entwicklung die Eigentumsverhältnisse am Geld. Umverteilung im Geldsystem erzeugt viele ähnlich große Geldmengen, die schließlich in ähnlichen großen privaten Kapitalen bestehen, die gemeinsam und gemeinschaftlich genutzt werden. Überschüssige Gewinne werden umverteilt. Das Himmelreich ist wie ein Sauerteig, hat er gesagt.